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Full text of "Thebanische Heldenlieder, Untersuchungen über die Epen des thebanischargivischen Sagenkreises"

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Thebanische 
Heldenlieder, 
Untersuchun... 
über die Epen 
des ... 



Justus Adolf Erich 
Bethe 



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THEBMI8CHE nELDENLlEDEß 

UNTKUSÜCHUNGEN 

ÜBEB DIB 

EPEN DES THEßAx\ISCK-AKGlVISCHEx\ 
SAGENKREISES 

VON 

ERICH BETHE 

PBIVATDOCnTEN DBB KL, FHI]X>I.0OIB AX DBB K. wmnaOnXt 

zo Bom 



LEIPZIG 

VERLAG VON S. HIßZEL 

1891. 




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HEBMAKN IJ8ENBS 
ULRICH YON WILAMOWITZ-MOELLENDOBFF 

IN DAKKBAKKEIT UND V£KEHBUNG 
GEWIDMET. 



„Das Wahrscheinlicho ist selten wahr." 



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4 



Inhaltsübersicht 

Seite 

L Oidipodie 1-28 

A 271 — 280 ist die Sagenform der Oidipodie 1. — 
Pisander in schol. Euripid. Pboinias. 17G0 {^icbt eine 
Hypothcsis der Oidipodie 4. — Hera Ttltla, ya^o- 
oioXoq, KiO^atQiovla 9. — Raub des Chrysippos 13. — 
Sphinx-Phix 17. — Evgvydveia zweite Gemahlin des 
Oidipus 23. — ^Aaxvßiöovaa 26. 

II. Bedingungen und Aufgabe 29 — 42 

Excerpte von alten Epen in den mythologischen Hand - 
. büchcrn 2ü. — Einheit der alten Epen 33. — 'Eni- 
yovoL und Srißaig ein £po8 35. — Sprachlich jung 40. 
^AfKpiaQem i^iXaotQ ein anderes Epos 41. 

III. Des Amphiaraos Ausfahrt 43 — 75 

Streit des Adrastos mit Amphiaraos und den Anaxa- 
goridcn 43. — Rückkehr des AdrastoB ans Sckyon 50. 

— Eriphyle, die Schiedsrichterin, von Adrastos be » 
Btochcn 52. — Die Sieben vor Tliebcn .^)7. — Tod 
aller Sieben, auch des Adrastos 05. 

Aussetzung des Oidipus in's Meer und Aufnahme 
bei Polybos in Sekyon 67. 

IV. Thebais 76—108 

Feindschaft des Tydcus und Amphiaraos 76. — Eri- 
phylens Vcrrath 79. — Die Liste der Sieben hei den 
Tragikern 84. — Adrastos Flucht mit dem Arcion 81». 

— Die Leichen nicht bestattet 94. — opßog jlgpio- 
viag 99. — Die Flüche des Oidipus 102. 



TI Inhaltsübersicht. 



V. Die Epigonen 109— 140 

Doppelte Version 110. — Zwei Listen 112. — Alk- 
mconis 116. — Thebais 117. — Hypothesis der The- 
bais bei Paiiaanias 122. 

Alkmeon der Mattermörder 127, 129. — Schluss 
der Alkmeonis 130. — Alkmeon in Psophis und auf 
den Echinaden 135. 

VI. Ort und Zeit der Epen 141—157 

Oidipodic in Boiotien gedichtet 140. — Paiderastie 144. 

— Thebais in Asien entstanden im 8. Jahrhundert 146. 
Korinth und Asien 149. - Korinths Einfluss auf die 
Thebais 153. 

VU. Nachlose 158-177 

Die Korinthische Oidipussage der Tragiker aus der 

Thebais 158. — Kampf des Tydcus und Polyneikes im 
Hause des Adrastos 188. — Laiosmord hei Plataiai 1()9. 

— Spiele in Nemea am Grabe des Pronax 170. — 
Die wahnsinnigen Proitiden 173. — Die thebanischcn 
Sagen in Uias und Odyssee 174. 

Kpimctron 178—187 

Korinth hat keine alten Sagen 178. — "Eipvga in Z 145 
ist nicht Korinth 181. — Bellerophon und Sisyphos 
sind nicht ursprünglich korinthische Heroen 182. — 
Korinth und Mykenai 184. — Das Reich des Adrastos 
und Agamemnons 186. 

Namen- und Stellenverzeichniss . . . . . , . . 188—191 



THEBAÜflSCHE HELDENLIEDER. 



L Dio Oidipodie. 



Die Verse der Odyssee l 271—280 geben uns und 
gaben sdion dem spateren Alterthume Bathsel auf. Odysseus 

erzäblt von seinem Abenteuer im Harles: 

MrjtiQa t* Olöijeodcw löov, xa/if]r IJjtixüoztjv, 
7} fitya bQyov bQe^tp diÖQetijOc vöolo, 
yfjfiafiivT] (p vli' o 6* ov ^tareg' t^svoQl^ag 
yrjuev atpaq d' avajivdta d-sol d-iaar nvO-Q(6xoi<iiP, 
275 dXX' o fihv iv Bijßy xoXvr^Qatcp aXyta Jtdaxow 
Kad^ioP hd»a<$CB ^bcSv o^ag öta ßovXaq* 
ij 6* ißri elg *Aldao xvXdfftao xQatsQoTa, 
ctypttfitvi] ßQoxov aixvv dg>' v«i-/j/.oio fiEXdf^Qov, 
(fj dx^'i öxofdvri' rm dXyia xaZXijr' ojtioöfu 
280 jtoXXd (idX , ooöa rt ///yT(>o%,' tQiPikq txTtAtovciv. 
Was wir heute in den kläglich zugericliteten Scliolien fin- 
den, soweit sie herausgegeben sind, erklärt uns gar nichts. 
Scbolion jl 271, das die Unterschrift hat UstOQta jtaQo, 
•Av^gotlcovi, giebt im Grossen und Ganzen die von Sophokles 
abhängige auch uns geläufige Sage. Nur wenige Worte ver- 
ratben eine andere Quelle: Adiog . , . ysifvä Olölsroda xal 
Toihov ixtld^T^öt SBxoam,^) OH 61 htxwpoQßol avaXaßop- 

Seitwh nennt Bich die SUidt anf ihr«n MQnzen, der Insehrift 
ihres Schatshauses ra Olympia: Archaeol. Ztg, 39 (1681) 171 n. b.w.; 
80 heiBBt sie auch bei Apollonioa in Bekkers Aneed. 665, 5. Vgl. 
Cortios Peloponnes II 24, n. 1. Bursian: Geogr. Orieehenl. II 34 n. 1. 
B etile p Hcldcnltoder. 1 



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2 



I. Die Oidipodie. 



reg itQ^püP auTOP. (iv) t^Xtxiqi (^Itxlag ed.) yspOfiBPog 6 
OtSlxovg ^Id'BV 6lq Brßaq ixiS^d^p rovg yopiixq' axoxtel- 
paq 6h dxtnxstiog top xatBQa lafißdvBt XQog yd/mp ovx sl- 
6mg TTfV fir]TtQa ...*). Nach dem, was Eduard Schwartz ^) 
ausgeführt hat, bedarf es weiter keiner Begriaidung, wenn 
ich diese Worte von der übrigen Geschichte trenne. Diese 
ist aus Sophokles geschöpft, jene hat nichts mit demselben 
gemein: also liegt hier wie so oft eine späte Contamina- 
tion verschiedener und ursprüngiich getrennter Sagenfor- 
men Yor. 

Aber wir haben noch etwas mehr yon der Gelehrsam- 
keit der Hypomnematisten m dieser Odysseestelle erhalten. 

Pausanias IX 5. 11 führt nämlich die Verse X 271 — 274 an 
und fährt dann fort: jrox; ovv ejtohjanp dvamunn dtpag, 
tl ()>} XiodaQf^c *Ioxd0T7]g tytrorTo jidTÖfa t(~> OidiJtoöi; 

EvQvyaveiag <)£ t/}s ^VjrtQqyctvrog lytyoreoaiK drjXol 6s 
xai 6 rd ixtj Jtoifjötxg a OiöiJToöia opOftdCftviU,^) Dass 
Pansanias diese kviUq, welche die Kenntniss der Oidipodie 
Yoranssetzt, aus eigener Gelehrsamkeit g^eben habe, glaubt 



-) Auch bei Johannes Antiochenus in den Excerpten des Constan- 
tinoa Porphyrogenita findet und erzieht den kleinen Oidipus ein Hirt 
MfXlßoioq FH6 IV 545. Geschöpft hat er wohl wie Malaias aus 
Ke(fa)Jü)v FHG ITT 628. der für die wunderliche Sage von ^Avtiomi 
(sie heisst bei Johannes Antioch. Ka'/j.iÖ7iij durch Corruptel oder aus 
echter Uebcrlicferuag vgl. Usener: ßh. Mus. XXIIl 32G n. 23) und 
Osoßoiog, ihre Söhne ^Ainpiiov und Z^O-og und deren Gründung 'Ay- 
xilst« sicher seine Quelle ist 

*) In seiner trefEliehen Abhandlung de schoUis Homeriefs ad hi* 
storiam fabnlarem pertinontibns XII. Supplementb. der Jabrbflcher 
für kl. Philol. 1881, 405 if. 

*) Die folgende Notiz Qber das Oemftlde des X)vttaiaQ h&ngt mit 
der Homergelehrsamkeit gar nicht zusammen. Pausanias hat sie aus 
der von ihm IX 4. 2 benutzten Perihegese entnommen und hier der 
Eufyganeia wegen mit dankensverthem Fleisse bimugefOgt 



üigiiizea by GoOglc 



I. Die Oidipodie. 



3 



heute doch wohl Niemand mehr.^) £b ist erborgter Glanz. 
Welche Qaelle liegt naher als seine Odysseeansgabe? Hat 
doch sdion Ovid aus der Hypothesis zu Euripides Medea 

für seine Metamorphosen creschöpft,®) Valerius Flaccus aus 
den Scholien zu ApoUonios lihodiüs;') macht doch Philostrat 
aus einem Pindarscholion ein „Bdd".**) Es ist die BeoutzuDg 
des Commentars weder unerhört noch verächtlich. Bei Pau- 
sanias klingt noch deutlich die Sprache des Q^tfifia in der 
einleitenden Frage durch. Er hat uns das Kemstfit^ der 
alten Gelehrsamkeit zn il 271 erhalten: es gieht, wie es 
scheint, die richtige Lösung des Rathseis. Denn gebar nidit 
Epikaste, sondern erst seine zweite Gattiü Euryganuia dem 
Oidipus die vier Kinder, so konnte jene sehr wohl „alsbald" 
ihre unbewusste Schuld erkennen und durch ihren Tod süh- 
nen. Die Vermuthung ist nicht abzuweisen, dass die Oidi- 
podie die Quelle für diese Verse der Nekyia var.^) Sie 
kaim aber bewiesen werden. 



*) T. Wilamowits Homerische üntenndumgen 838£F.» Hermea XXYI 
228 n. d. Qnrlltt Pausanias 40. 

^ Eine ebenso wichtige ?rie ▼ergnfigliche Entdeekang von Ro- 
bert Bild und Lied 231 n. 5. 

') Ed. Scbwartz de Dionysio Scytobrachione 85. 

Wentzel in der Robert gewidmeteo Sammelachrift ,,»08 der 

Anomia" 134 ff. 

') Das hat natürlich schon Welcker erkannt: Kpisi liur Cyklns 
II- 313 ff. Aucb dass Unasias Gemälde mit dieser Sagentürm in Ver- 
hindung steht, hat er gesehen, ja schon an schol. J 370 erinnert — 
aber die uöthigen Folgeruugeu zu ziehen, hat er sich gescheut. Eben- 
80 sncli Schneidewin in dem ninsichtigen und anregenden Aufsatze: 
»,die Sage von EOnig Oidipns'' in den Abhandlungen dar E. Gesell- 
sehaft der WIbb. sn Güttingen, hiBtor.-pbil. Abtheilg. 1863. V 165 C 
T. Wilamowifsens Tenniifhang, das3 die Epiktsteepiaode wie Antiope, 
Alkmene, Megara am Nestors En&falnngen in den KvfCQt« entnom- 
men sei, ist abenu» bestechend (Homer, ünlen. 149), sofom man nur 
an der Glaabwflrdigiceit der Epenexeerpte des Piroklos festliilt. Sie 

1* 



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4 



1. Die Oidipodie. 



Die uns bekannten Scholien geben, wie gezeigt, wenige 
stens eine Spur einer abgelegenen Sagenfarm. Sollte sie 
nicht Tielleicht mit der Oidipodie zusammenliängen, die znr 
Erklärung derselben Verse benutzt war? Diese Vermuthnng 

dai'f als bestätigt gelten, wenn sämmtlicho Andeutungen, 
welche sowohl jene eigenthümlidie Stelle im Scliülion X 271 
als auch die Notiz aus der Oidipodie bei Pausanias enthal- 
ten» miteinander zu einem festen Zusammenhange vereinigt 
au einem dritten Orte aufgezeigt werden können. Diesen 
Anforderungen entspricht einzig, aber völlig das seltsame 
Scholion zu Euripides Phoinissen y. 1760, welches zu Anfsmg 
und am Schluss den Namen Piaander*^) trIigL 



sind Aber durchaus und auch in diesem Punkte unsaTerl&ssig. Be- 
denklieh hat mich Immer gemacht, dass Tyro und CbleriB, die am 
aaafahrlichaten in derNekyia bedacht sind, zwar Nestors Alinfrauen 
sind, aber in jener Episode der Kyprien nicht erwähnt werden, auch 
wohl gar nicht vorkamen, vgl Dammler: Rh. Mus. 1890. 182/3, des- 
sen kühnen Ckimhinationai die Stirke der Fundamente nicht entp 
spricht. Ferner hat Tlu^emer Pergamos 130 ff. bedenkliche Differenz 
zen zwischen diesen Versen der Nekyia und den Kyprien nachgewie- 
sen, von denen besonders schlagend ist: Antiope des Asopos Tochter 
A 2GÜ, des Avxoq oder AvxovQyo:: derselbe Name, v^'l. Maass Her- 
mes XXIll 614) aber im Kyprienexcerpte. Dazu kommt mm die 
Sicherheit, dass die Verse über Epikaste aus der Oidipodie schöpf(>n. 
Sollte V, Wilamowitzeiis Ansicht bestehen bleiben, so müsste ange- 
nommen werden, dass die Kyprien dieses Epos benutzt haben. Das 
wird aber peinlich: denn wenn auch die Kyprien sicherlich kein altes 
Gedickt waren, die Oidipodie ist das, wie sich zeigen wird, auch 
nicht. Interessant ist, dass Weil (praef. ad Aischyli Septem) schon den 
Baub des Chrysipp durch Laios, d. h. die Sagenform der Oidipodie, 
ab Quelle für die Nestorera&hlung der Eyprieo aus einem allerdings 
nicht durchschlagenden Grunde Tormuthet hat. 

") Derselbe Fisander ist es, aus dem schol. Phoin. 834 die ein- 
zig stehende Kunde von der Gattin und den vier Kindern des Tcire- 
Sias überliefert. Diese beiden Fragmente tragen den Stempel der 
Gelehrsamkeit und nicht weniger der Zuverlässigkeit. Da nun in den 



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I. Die Oidipodie. 



5 



UtTOi^t ÜBloapd^ Sri (2) xarä xo^v t^^^ htifi^y^ 
^ JSg>lY§ totq Bfßalmq axo rwv löxaxoov (3) fisQmp tfjq 
Al&ioxiag, Sri top Aatov acfßij^avra slq rov TtaQavoiiov 
(4) Igcora xol Xgvoijijiov, ov i'iQjiaOtv djio xf^q Hiöiji;, ovx 

tXlfKOQTjCaifXO. 

(5) rjv 6e // 2<ply^, momQ yQÜiftxai, xrjv ovQav t^ovcfa 
ÖQaxaivTjq' dvaQJtd^ovöa (6) de ftixQovg xal fieydXovg xax- 
/jOd-isp, ip olg xal Mfunpu xop Kqiovxog (7) xaX6a xol 
"Ixxtop TOP EvQvpoßOv rot} zolg KtjyxavQOtq /iax$aa(tipov» 

(8) ^aop dl Evgvpofiog xal IfftoPBvq vlol Mayprjroq 
To€ JUoXov (codd: AloUÖov, cf. Apollodor. I 7. 3. 3) (9) 
xal ^hyXoöixrjC,. o (lev ovp ^7jtmog xal ^ivog mv vjto xijg 
^(fiyyo^ at'ijQtdfj, (10) o (U Ihovtvg vjto xov Olvoiidov, 
6p XQOJioi' xa} ol dXXoi fiv?ji}Tfjgtg. 

(11) jTQcöTog Ah Adlog ZOP dd^^fitxop Iqmxa xovxop 
toX^BP. 0 (Tt (12) XQvöLJtJtOQ vjto alöx^^'^Q tavxop ötfXif^ 
öaxo xm ^q>ei. xoxt fthr ovv o (13) TetQ^iSiag mg fidpttq 
sl6<og üTi d'BOCtvy^g ^p 6 Adtog, [dxizQBjtBP arnop (14) ttjg 
kxl TOP *Ax6XXmpa odot/J'^) tj] [dt] llga \ßäXXov] rg ya- 



Scholien za Apolln. Rh. I 152, 471, und wohl auch II 98, 1088, IV 
57 ebenfalls ein Gelehrter Pisander citirt wird — denn scbol. I 
471 kann nnr aus einem solchon , nicht einem Trichter staminon — 
80 ist die Identification mit jenem nicht ninvahrschrinlich, dagegen 
die von Welcker Ep. Cykl. I' 91 vorgeschlagene Gleichsetzuug mit 
dem von ihm sonst treffend charakterlsirten F&Ischer Pisander bei 
Macrobius V 2. 4/5 unmöglich. Nur dürfte dieser augebiicli von 
Vergii im 2. Buche der Aeneis z. Th. übersetzte Poetaster, der die 
gesammtc Mythologie — alto den xoxXoq im Sinne des froklos — 
wohl nach einem mytbograpluichen Handbuehe in Verse gebracht 
und Bich ftr einen Liebling des Enmolpos und ftiter als Hesiod aas« 
gegeben hatte, nicht in die alexandrinische, sondern in nachchrist- 
liche Zeit gehören, wie Dictys und Dares. Vgl. Knschel: Bredauer 
G. P*ügr. 1858. 3. 

IKe durch eckige Klammem gekennieichneten Interpolationen 



6 



I. Die Oidipodid, 



fioöToXtp x9-^a. (15) d^veiv IsQa ... [o 6h avroif e§£q)aV' 
Xi^tv.l (ütBji^atp Toiwp i^ov£v&i] tv ty (16) b6^ 
avTog xtti 6 ^loxog itvro^, Ixudri IzvipB ^aiStiyt top 
(17) (Mixoda- ^evelpaq äk wkovg l^o^e xaQavrlxa oinf 
toiq Ifiatloi^ dxoiSxttCaq (18) xop ycoöxjiQa xcX xo ^Iq^oq 
tov Aatov xai ^oqow. [xo 61 agfta (19) vxfKSvQ^ipng ifieoxe 
Tffß IloXvßqj,'] dra '^'///iiB ttjV fitjT^\n( [Xvöa^ ro (ävr/(jic]. 
(20) utra rnvra 6t ^vöiac rivnc LTriTiXtoag tp T(p KiOai- 
QdiPi xaxi^Q'/txo (21) lx(OV xai xijv loxaöxfjv Ir ro/s' ox^h 
fioOi, xal yfvofn'vmp avxdiv jctQi (22) xov xojior txtlt^ov 
Tfjg (^X^ÖT^ 66 av vxo(iPtjc9-Bl9 iöslxpvt XI] 'loxdoxT} (25) 
TOP Toxop xai to nQotfiia Siajf/ijöaxo xai top ^omit^^ Idsi* 
gßp, 17 6t (24) 6stpmg ^sQovöa ofiOig kituoxa' vjffVOBi yoQ 
vlop opva' xai fiera xama (25) i]X%^i rig yeQOfP batoßovxo^ 
Aoc ayro SsxvmvoQ, og sixsv ctvtm xo Träv (26) ojtmg re 
avxov tvQE xal dptiXtzo [xat zij MtQOJttj öt'dcöxt], xal afta 
xa (27) ojtaQynvft avxrn f^6fixPV£ xa) rh xbVTon a^r/iTH x£ 
auTOV xä Cfi»ayQLa' xaX ovxmg hypcood-r/ xo ökov. g)a<fL 6t 
oxL fttxa xop ihdpoxop xijq *Ioxdöxtig (29) xal xrjp avxoi 
(codd: avxov) xwpXmduf tyi^fitp EvQvya/ptjfP xa(fB'ipop, ig 
1^ avx^ (30} fsfopaoip ol xiöCoQBq xai6$g' xavzd qn^at 
IlitöapÖQoq, 

WieimOdyseescholion denOidipus Pferdehirten ^pSexv<&pi 

aufziehen, so tritt hier ein tJtJtoßovxoXog ujio SfxvMPog 
auf, erweist sich durch Vorzeigen der Wiiidehi und Stachel- 
knobcl als den, welcher diis Knäblein aufgenommen h;it, und 
fordert den Lohn für seine Pflej^o (Crady^ia). Dort wandert 
Oidipns von den sekyonisclien Pferdehirten nach Theben und 
erschlägt seinen Vater; Ton einer Pilgerfahrt der Beiden 
Zinn delphischen Orakel wird nichts gesagt; wir müssen also 



werden unten als solche nachgewiesen werden, Text und Liuien- 
z&hlung nach der Ausgabe von £d. bchwartz. 



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1. Die Oidipodie. 7 

scbliessen, dass die verhäogaissroUe Bogegnmig zwischen den 
aekyonischea Weideplätzen und Theben stattgefunden hat 
Hier wird ntin ausföhrlich erzählt, dass Oidipns, als er mit 
seiner ihm eben Termählten Mutter zum Kithairon» ein Fest 
zu feiern, wallfahrtet, am Orte seines Mordes vorbeikommt: 
also auch m dieser Version ist Laios zwischen Theben und 
Kithairon erschlagen. Ebenso treffhch stimmt der Schluss 
dieses Phoinissenscholions mit dem Citato der Oidipodie aus 
dem Odyseecommentare überein: nach dem Tode der lokaste 
heirathet Oidipus die Jungfrau £urjgane und zeugt mit ihr 
die vier Kinder. Ja noch mehr! Wenn yennuthet werden konnte, 
dass auch in diesem Epos wie in X 274 die Götter ^alsbald** 
die frevelhaflte Ehe aufdeckten, und dass desshalb die alten 
Gelehrten die Oidipodie zu dieser Stelle angeführt hatten, 
so finden wir eben dasselbe in diesem Pisanderexcerpte aus- 
führlich erzählt. Und schliesslich wird die leise Andeutung 
in X 273 o ov jccatQ i^BPaQi^ag erst durch diese Erzäh- 
lung verständlich: Oidipus raubt Gürtel und Schwert von der 
Leiche des Laios. Das PhoinissenschoUon 1760 vereinigt 
also in der That alles, was aus der Notiz des Pausanias über 
die Oidipodie geschlossen werden musste und mit dem Odys- 
seescholion wenn auch nicht ohne Kühnheit combinirt wer- 
den konnte. Erscheint es nun noch als Zufall, dass dasselbe 
Schohon 1. 5 — 7 den Raub des Ilaimon durch die Sphinx 
erzählt wie die Oidipodie, deren zwei bezügliche Verse der 
codex Monacensis 5()0 zu dieser Stelle erhalten hat? 
dXX* (xi xdXXicxov re xai i(iB(foicrarov aXXavP 
xaXöa g>Uop KQÜoptoq d(iv/tovog JO^a 6tov, 
Doch ich will nidit berücken. Ehe behauptet werden 
darf, dass die Sagenform der Oidipodie von Pisander gegeben 
ist, muss erst erwiesen werden, dass seine Ers^lung, welche 
die für jene bezeugten und vermutheten Einzelheiten um- 
fasst, in der That einheitlich ist und nicht aus abgerisseneu 



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8 1. IHe Oidipodie. 

Stücken zusammengeflickt nur den Schein einer Geschichte 
bietet. Zu oft haben solche löTOQlai getäuscht und zu wun- 
derlichen SchlüBsen ?erfiihrt: die sohärfiBte Prüfmig darf nie 
unterlassen werden» ehe sie benutzt werden können* 

Aneh dies Scholien ist nicht ganz glatt nnd rein. Hera 
hat die Sphinx gesendet, weil Laios den Ghrysipp gmnbt 
hat. Doch uacli 1. 4 uuterbricht die Erzählung eine Notiz 
über die Sphinx, ihre Gestalt und ihre Opfer. Es folgt 1. 11 
die Fortsetzung: Chrysipp tödtet sich aus Scham, Teirosias 
mahnt den Laios, der Hera yafioöToXoq zu opfern. Offenbar 
befinden wir uns noch in demselben Zusammenhange: denn 
Hera hatte die Sphinx gesendet, weil sie, die JßheBtifterin, 
durch die Enabenliebe beleidigt war; deshalb soll sie Laios 
versöhnen. Doch jetzt scheint der Faden abzoreissen. Laios 
verschmäht des Sehers Rath, der Göttin zu opfern, und wird 
mit seinem Wagenlenker auf der ox^OTt) bdog von Oitlipus 
erschlagen; dieser nimmt des Königs Gürtel und Schwort, 
begräbt die Männer, den Wagen schenkt er dem Polybos; 
dann löst er „das Räthsel'^ und heirathet seine Mutter. An 
die (txi^tij in Phokis zu denken wird der Leser nicht nur 
durch die in antiker Mjthographie ÜAi zum Eigennamen ge- 
rade dieses Dreiweges gewordene Bezeichnung veranlasst, 
sondern geradezu gezwungen durch die vorhergehenden Worte: 
(TsiQEOiag) amxQtjitv {Äaiov) Tfji: tji) rov !ijc6XXcova oöov. 
Auch sonst scheint die durch Sophokles Üidipus Tyrannos 
vulgär gewordene Sage verdächtig durch. Aber sehen wir 
weiter, ob wirklich auch das Folgende mit dem Vorhergehen- 
den keinen Zusammenhang mehr hat. Oidipus fährt mit 
lokaste zu einem Feste auf- den Eithairon; sie kommen an 
einer ciust^ odoq, der Stelle seines Mordes, vorftber; er er- 
zählt seine That und weist ihr den Gürtel: so erkennt sie 
in ihm den Mörder ihres Gatten. Nachher kommt ein alter 
Pferdehirt von Sekyon; auch die Abkunft des Oidipus wird 



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I. Die Oidipodie. 



9 



klar; nach lokastes Tode — sie wird ihn sich selbst gege- 
ben haben — heirathet er die Eurygane, welche ihm die 
vier Kinder gebieri Dieser Theil hängt in sich unlöslich 
zusammen. Aber ein Faden Terbindet ihn auch mit der be- 
denklichen Stelle; (ki Gürtel des Laios führt hier die erste 
Entdeckung herbei; dort ist erzählt, dass Oidipus jlin goiiom- 
men hat. Auch wird hier eine oxiöXTj oöog erwähnt, aber 
zwiachea Theben nnd Kithairon, während die oben ohne 
nähere Ortsangabe erwähnte der Zusammenhang nach Pho- 
his zu Terlegen rieth. 

Ist keine Verbindung zwischen diesem Lokal des Laioch 
mordes am Kithairon und der yorhergehenden so fest in sich 
geschlossenen Geschichte von der Beleidigung der Hera /«- 
fiodroXog und der Mahnung des Teiresias, ihr zu opfern, 
muglich^ Wohnt die Ilera yaiiodroXoc: etwa auf dem Ki- 
thairon? Noch in später Zeit haben die Plataier jedes sie- 
bente Jahr und mit ihnen viele Boioter, auch die Thebaner 
jedes sechzigste Jahr der "BQa TeXela auf der Höhe des 
Kithairon ein eigenartig alterthiimliches Fest gefeiert, Der 
Beiname TeXela besagt dasselbe wie yafio&toXoq. Für das 
Alter eines solchen Cultes bedürfte es eigentlich keiner Be- 
lege. Doch ist er bis in den Anfang des fünften Jahrhun- 
derts zu verfolgen. Nach Herodot hatten die Plataier dieser 
Göttin schon vor 480 dicht bei ihrer Stadt ein Heihgthum 
geweiht; und das in Plutarchs Aristeides orhaltr no delphische 
Orakel gebot den Griechen yor der Entscheidungsschlacht 
gegen Mardonios, dem Zeus und der ^Hqa Kid'oi/Qwvla, dem 
Fan» den Sphragitischen Nymphen nebst den sieben Arohe- 
geten von Plataiai sn opfern. Dass die Göttin diesen Bei- 

Die MSaktt: PaiUMiiu IX 3. Vgl. 0. Ulflllsr OrcbomcnoB 
221 f. Plutarch bei Eusebins Pnepar. Evug. III c. 1 u. 2 . . . "H^av 
ttXslttv xal yccfii^Xiov ath^ fCffoaayoQBvd^viu, PoUlUL On. III 98 
"Uqa leXel« av^vyia. Soidst i. t. Teieia. 



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10 



I. Die Oidipodie. 



uamen nicht, wie H. Stein zu Herodot IX 51 meint, von der 
Lage des plataiischen Heiligthumes am Hange des Kithairon 
erhalten hat, sondern weil sie auf der Höhe dieses Gebirges 
verehrt wurde, leuchtet aus der Festbeschreibnng bei Pausar 
nias ein und noch mehr aus ihrer Zusammenstellung im 
Orakel mit Zeus, dem auch bei jenen AatöaXa Stiere geopfert 
wurden, Paii und den Sphragitischon Nyuipiicn, welcho etwa 
fünfzehn Stadieii unter der höchsten Erhebung des Kithairon 
ihre Höhle hatten.*^) Und nun geht auch noch aus Euri- 
pides Phoinissen v. 24 klar hervor, dass diese Hera in der 
Oidipussage eine Bedeutung hatte: in Heras Wiese auf dem 
Kithairon ist Oidipus ausgesetzt worden. Also auf dem 
Rücken des Kithairon wurde die Ehestifterin Hera seit ur- 
alter Zeit verehrt. Zu ihrem Feste natürlich wallfahrtet das 
neuvermählte Paar Üidipus und Epikastc, ihren Segen zu 
erflehen.'") Auf demselben Wege hatte er, als er aus sekyoni- 
schem Gebiete über diesen Berg nach Theben hinabstieg, 
denLaios erschlagen.^*') Von Teircsias war dieser gemahnt, der 
"ÜQa 'yafioatoXog zu opfern. Also hatte Laios ihm doch ge- 

w 

horcht, aber ehe er den beiligen Bezirk der ihm grollenden 
Khestifteriu betritt, ereilt ihn der Gottin Bache durch die 
Hand des eigenen Sohnes. 

Dieser Schluss erscheint zwingend; sdion in dem klar 
anschaulichen Bilde, das er ergiebt, liegt sichere Gewähr für 



**) PaiuHui. IX 3. 9. Pltttarcb Aristeides 11. 
**) Vom SchoL Phoin. 34 ^ ott nuq Xsi/mv U^s ^oti t^g "if^c 
f OT« Kt$aig<aplag'*Hi>ttg i&üv iv S^ßmQ Uqov mag der zweite TheU 

richtig sein; aber diese Gelehrsamkeit ist übel angebracht; denn es ist 
offenkundiger Unsinn, das Laios den Oidipus in Theben aoasetst. 

Mir wird als Parallele gezeigt Plutarch Amat. I 5. 

Das hat schon Schneidpwin 185/6 richtig erkannt, und meinte 
deshalb, dass das genannte (hakel des ApoUon eines der boiotischen 
sein mQsse. Vgl. 0. Milller Dorier i 2db ff. 



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I. Die Oidipodie. 



11 



seine Wahrheit. Aher in dem Phoinisseofloholion 1760, so 
wie es Uberliefert ist, steht das nicht. Diese nothwendig 
sich ergebende Verbindiuig ist zeimsen durch einen Mann, 
der sich berufen föhlte, diese Sagenform mit der ihm aus 

Sophokles und Euripides goläufigon wenigstens oiuigermaasseu 
in Einklang zu bringen. Seine ungeachickte Hand ist deut- 
licii zu erkennen. Um den Mord in Ueboreinstimmung mit 
der Sophokleischen Tragödie in Phokis stattfinden zu lasson, 
legt er dem Laios die Absicht unter, zu Apollon zu wan- 
dern, lässt ihm Teiresias davon abrathen — denn der hiess 
ihn nach der vorliegenden Fassung, der *!fl(^a y^oitroloq 
opfern, was er, wie gezeigt ist, auch wirklich thun wollte 
— weiter aber den Laios als echten Gottesverächter den 
Teiresias beseli impfen, seinen Uatli verschmähen und ihn 
dann auf der öyirtTf) orToc, die eben für seine Begriffe in 
Phokis lag, mit Uidipus auf die angegebene Weise zusam- 
mentreffen. Folgende Worte sind also auf Rechnung dieses 
Interpolators zu setzen: 1. 14 dxezQ^BV avzop sjcl 
tQV 'AxoXlaiva i&ov ... 6h (täXXop, L 15 o d^ avrov 
i^BgutvltSsv. Nach diesen Streichungen ergiebt sich die ge- 
forderte Sage ohne Weiteres: eine willkommene Bestatigmig 
für die Richtigkeit des Schlusses. Doch der Interpolator 
hat sich damit nicht begnügt; 1. 19 erregen die Worte Ver- 
dacht TO dt aQfta. vjroöTQtymc eöcoxe t<p UoXvßco. Sie geben 
V. 44/5 der Phoinissen wieder: 

HoA-v^ifu T{iO(fti didmoiv. 

Aber Polybos scheint gesichert durch die Erwähnung der 

Merope L 26, der Oidipus übergeben sei. Das ist die 

Version des Sophokleischcn Oidipus (v. IIb) und deshalb 
hier verdächtig. Die Angabe, dass der alte Pferdehirt das 
Kuäbiein der Königin übergeben habe, erweist schon der 



12 



I. Die Oidipodie. 



Zuaammenliaiig als unglaubwürdig. Wer die Beigaben des 
aasgesetzten Kindes besitzt, hat es auch anfg^ogeo; dazu 
passt des Hirten Forderung der ^oidygia. Andrerseits 
giebt aber das Scholion zu X 271, dessen Zusammenge- 
hörigkeit mit der Xotiz aus der Oidipodie zu derselben 
Stelle und dessen engste Verwandtschaft mit diesem Plioi- 
uissenscliülion erwiesen ist, ausdrücklich an: ijinotpoQßol dva- 
Xaßopzeg ItQ^tfov avtov. Also gehören auoh die Worte 
1. 26 xal rfj MeQOJti] deöojxe jenem Interpolator und mit ihnen 
muss die Schenkung des Laioswagens an Polybos gestrichen 
werden. 

Jetzt ist das Scholion von späteren Zuthaten gesäubert 
und es zeigt einen tadellosen, unlösbaren Zusammenhang. 
Hera die Ehestifterin steht im MitteliJ unkte der Handlung: 
sie zürnt dem Laios und bereitet ihm und seinem Hause 
das Verderben. Als Grund für ihren Zorn ist die Schän- 
dung des scliönon Chrysipp durch Laios angegeben. So 
überraschend auch diese Motivinmg des Fluches ist, wel- 
cher über dem Labdakidenhause schwebt, wir dürfen nicht 
zuradcBchrecken, sie der Oidipodie zuzuschreiben* Mögen 
auch noch so yiele Bedenken zuerst aufschiessen, die Methode 
fordert unerbittlich den Schluss, dass diese fest in sich ge- 
schlossene, streng motivirte Geschichte ganz und gar dem- 
selben Epos zugesprochen werde, das als Quelle iür Theile 
sicher erwiesen ist. Wir wissen von dem Inhalte dieses Ge- 
dichtes sehr wenig, gar nichts von Ort und Zeit seiner Ent- 
stehung: deshalb müssen wir ohne Vorurtheil das Resultat 
einer Untersuchung hinnehmen, welche nicht ein gesetztes 
Ziel erreichen wollte, sondern vom Gegebenen aus in's un- 
gewisse Dunkel vordrang.^'; 



Nattirlicli denkt Jeder zuerst an des Euripides Cbrysipr^s als 
Quelle für dies Piaaaderfiragment. Aber Niemand wird zu. behaupten 



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I. Die Oidipodie. 



13 



M&a darf hofien, dass an dies grosse Kernstück, das 
deo leitenden Gedanken» die Beleidigung und Rache der 
^Hga yafjoiiToXog, und die Hauptpersonen gegeben, sich meh- 
rere kleinere Splitter werden anpassen lassen. Die Gottin 

liat den Thobanern die Spliiiix gesaudt, weil sie niclit des 
Laios unnatürliche Liebe und den frevelhafteu Raub des 
Cbrysipp geahndet hatten. Diese That ist auch von jenem 
Sohoiiou unabhängig im Vaticanus 909 A vor den Phoinissen, 
Tor den Sieben des Aischylos und bei Apollodor III 5. 5. 10 
erzählt'^) In des Letzten Bericht ist die Anwesenheit des 
Laios in der Peloponnes ganz geschickt mit der kunstlichen 
thebanisohen Königsliste Terknüpft, wie sie auch bei Pausa- 
nias wiederkehrt und wohl auch Hygins fab. 76 m Grunde 
hegt. Aber für das Epos ist daraus nichts zu gowiiiMen: es 
wird die P'ahrt des Laios in die Peloponnes schwerlich mit 
gi'ossem Aufwände begründet haben. Laios war eben ein- 
mal bei Pelops zu Gaste: das ergiebt die Uebereinstimmung 
von Pisandcr und Apollodor. Dieser liat den hübschen Zug» 
dass Laios dem schönen Knaben die Kunst des Wagenlenkens 
lehrte. Er stammt gewiss aus einem Dichter, welcher die 
feine Beobachtung» dass tägliches Beisammensein sacht und 
unbemerkt, doch desto leichter verführe, benutzt hat, um 
durch sie- die Entstehung der neuen Leidenschaft in Laios 



wagen, dass alles, was wir hier lesen, in jener Tragoedie gestanden 
oder am ihr abgeleitet sein könne. Dam kommt, dass gerade dieser 
sich nicht mit Eoripldes deckende sweite Thell das Gepräge alier 
lokaler Tradition nnd Beligiosit&t trägt und untrennbar mit dem 
ersten Thelle ansammenhängt So ist Enripides als Quelle fftr Pisander 
ausgeschlossen and Tielmebr die Oidipodie, deren Hypothesis dieser 
giebt, als Quelle fttr den Tragiker erwiesen. 

") Hyg. 1. 85 contaminirt den Raub des Chrysipp durch Laios mit 
seiner Ermordung durch seine Stiefbrüder Atrcus und Thyestes. Wie 
er auf die nemeischen Spiele kommt, weiss ich nicht. 



14 



T. Die (Hdipodie. 



psychologisch zu motiviren. 80 stellen mehrere Vasenbilder 
und eine praenestinische Oiste in der Barberinischen Biblio- 
thek SU Bom^') den Ranb des GhiTsipp auf einem Vierge- 
spanne dar. Auf letzterer ist des Weiteren die Befragung 
des ApoU, den Lorbeer, Rabe (oder Adler?) und der bin- 
dengeschmückte Omphalos charakterisireii , durch einen be- 
waffneten Mann daigestellt, doch unzweifelhaft den Laios. 
Die erklärende Bestätigung giebt ein Orakel in fünf Hexa- 
metern, das vor Oidipus Tyrannos und den Phoinissen er- 
halten ist: es verkündet dem Laios die Erfüllung seines 
Wunsohes» Geburt eines Sohnes, aber zugleich den Tod Ton 
sein» Hand; „denn so hat Zeus der Eronide Erfüllung ge- 
nickt des Pelops furchtbaren Flüchen, dessen Sohn du ge- 
raubt**.'*) Es ist die Vermuthung ausgesprochen worden, dies 
Orakel stamme aus der Oidipodie. Aber wie Herkunft 
und Echtheit desselben einigermaassen zweifelhaft sind, so 



CiatÄ Barberini: Monumenti d. Ist. VIII tav. 29/30 = Benn- 
dorf Vorlcgeblätter 1889 taf VIII 2. Obgleich der verfolgende glatz- 
köpfige Alte nichts weniger n.h köniplirb aussieht, halte irb die Deu- 
tung für richtig. Es dürfte in ilnn dfT I'aidagoge des Chrysipp zu er- 
kennen sein: das Zeichen seiner Würde, der Stock, ist dem Zeichner 
freilich etwas kuuppelartig gerathen. R. davon wäre dann die Be- 
fragung des Apoll durch Laios dargestellt. Völlig sicher ist diese 
Sage auf der Vase bei Overbeck Her. Gall. I 1 zu erkennen, da der 
verfolgende Mann durch seine phrygiache Tracht als Pelops charak- 
terielrt ist. Obwohl die Entlahzungaacimen sa Wagen typisch sind, 
darf in diesem Falle ans der üebereinstimmiing der bUdlichen imd 
schriftUchen Darstellung auf ausdrflckllche üeberliefemng geschlossen 
werden. 

**) Schon Welcker hatte in der Allgemeinen Schulzeitong 1832. 
284 dies Orakel kühn fOr die Oidipodie beansprucht. Später hat er 
diMe Yennuthung einer unbewiesenen Hypothese zu Liebe zurück- 
genommen: Ep. Cykl. II' 31G, aber doch hinzugefügt „wenn nicht 
ans der Oidipodie, dann aus Pseudopisauder'% vgl. P 95. Schneide» 
win 172 streitet es der Oidipodie ab. 



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I. Die Oldipodie. 



15 



macht gegen dies noch die aaf£iüiende Aehnlichkeit mit dem 
in der A. P. XIV 76 erhaltenen, welches die Flüche des 
Pelops nicht anerkennt» hedenklich. Endlich hat das Orakel 
des Apollon in der Oldipodie weder Zweck noch ilberhanpt 

Tieben Hera l'latz, welche hier allein von Laios beleidigt 
wild und Rache an ihm und seinem ganzen Hause nimmt. 
So wird denn nicht dies Epos Quölle für die Büdner und 
Mythographen gewesen sein, sondern, was auch an sich wahr- 
scheinlicher ist, ein späterer Dichter. Da Hegt es nahe, die- 
sen in £oripides zu erkennen, welcher im Ghrysippos diese 
Sage dramatisch behandelt hat Leider lässt sich ans den 
spärlichen Fragmenten nichts entnehmen für die Handlung; 
nur so viel erhellt, was auch sonst bezeugt ist, dass Laios 
den schönen Pelopssohu geraubt und geschändet hat: es 
kämpfte in ihm das moralische Bewusstsein mit der Sinnlich- 
keit seiner Natur (fg. 840). Dass aber Euripides in dieser 
Tragödie ausser dieser Schandthat auch die Strafe des Laios 
dainestellt habe> ist unwahrscheinlich schon deshalb, weil der 
Chrysippos mit den Phoinissen zu einer Trilogie gehört hat 
Es dürften also jene fünf Orakelverse gemacht sein auf Grund 
der Gombination des Ghrysippos mit Phoinissen v. löfip. 

Sicherhch aber gehört der Oidi[)0(lic dtr I luch des 
Peiüpb an, mit dem die Plioinissenhypothesis im VaticAUUs 
909 (A) schliesst: niemals möge er ein Kind zeugen, werde 
ihm aber eines geboren, so solle es sein Mörder werden. 
Der Schmerz des Vaters über das klägliche Schicksal seines 
liebsten Sohnes, der Zorn über den frevelhaften Bruch des 
Gastrecdites, die Wuth über die unerhörte Sdmiach fordern 
den höchsten Ausdruck. Pelops fleht die schwer beleidigte 
Gottheit an, dass Rache dem Frevler werde aus der Ehe, 
deren Heiligkeit er durch seine unnatürliche Liehe vor- 
letzt hat. Do!- Fluch ist notliwendig, nicht nur weil er die 
ganze Geschichte zusammeuhält, sondern auch schon des- 



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16 



I. Die Oidipodle. 



halb, weil eben eraichüich ein Flach anf dem Hanse des 
Laios lastete. 

Dem Laios gebiert nun seine Gattin Epikaste einen 
Sohn.'^) Der König setzt den eben geborenen ans, nm smnem 

Schicksale zu entgehen. Kuripides sagt m den Phoinissen 
V. 24, Laios habe das Kind Hirten übergeben, um es auszu- 
setzen Xtifu'fV tg 'flQac xcu Ki(hat(nijroc /fjr^c. So be- 
greiflich der Kithairon ist, so unverständlich ist im Zusam- 
menhange dieses Prologes die Erwähnung der Hera. Mithin 
hat der Dichter diesen Zog übernommen «ns einer schon 
festansgebildeten Sagenfonn» in welcher diese (Göttin eine 
grössere Bedentnng hatte. Dies war der Fall in der Oidi^ 
podie; also ist der Schlnss zwingend, dass Euripides auf sie 
hinweist. In diesem Epos gewinnt dies kleine unscheinbare 
Bruchstück erst seinen vollen Sinn. Laios wusste, dass ihm 
"ÜQa yafioaroXog zürne, und fürchtete, dass sie seinen Sohn 
zum "Werkzeuge ihrer Radio machen werde. Sie zu besänf- 
tigen und dem ▼erkundeten Geschicke zu entgehen, bringt 
er das Knäblein der hohen Göttin als Opfer dar: er setzt 
es ans auf ihrer heiligen Wiese hoch oben auf dem Rucken 
des Kithairon. Hera ist aber nicht Teraohnt: sie sendet 
die Sphinx. 



•*) So heisst üe ). 171; im schoHon Phoinissen 1760 ist die ge- 
wöhnliche l'orm 'loxdaifj &uü den Tragikern liergestellt. 

**) Schneidevrin 185 hat schon den ZusammeuhaDg dieses Verses 
mit Pisuider erinumt. 

**) Hat Euripides nicht noch mehr atu der Oidipodio für- seinen 
Phoisiaaenpiolog genommen? Gleich 27 scheint die Fkage xa be- 
jahen: HoXvßov 6i vtv XaßoPTtg innoßovxoXot, Dean anch bei Pi- 
sander and in Scholion A 271 sind es ja Ffierdehirten, weiche den 
OidipOB fioden; freilich von Sekyon — aber Euripides schlieast Se- 
kyon nicht aus, denn er benennt überhaupt nicht die Stadt 
des Polybos. Sollte also nicht auch Polybos und die Unterschiebung 
des Oidipns (Bl) ebendaher stammen und folglich auch die Schenkung 



üigiiizea by GoOglc 



I. Die Oidipodie. 



17 



An den Raub des Chrysipp knüpft das Piioinissenacho- 
lion 1760 die Bemerkung: rjv 61 ^ 2(ply^, S<txBQ yga^BTca, 
T^p ovQiaf l^oiNifa ÖQaxalvr^;^') sie habe Gross and Klein 
genmbt» nntcff Andern aneh den Hainum u. s. w. Das Letzte 
ist aas der Oidipodie wie die zu derselben Stelle im Mona^ 
censis 560 erhaltenen Verse dieses Epos zeigen: 

(xXa tri xdXXiöTOP re xal ifitQotöxaxop akXmv 
xcaöa iplXav £(felovtog dfii/tovog Aifiova ötov. 

Es durfte aber diese Notiz mit dem Uebrigen nicht ohne 
Weiteres Terbunden werden» weil sie sich als Einlage kenn- 
zeichnet; jetzt ist aber auch fBr ihre Umgebung die Oidi- 
podie als Quelle erwiesen; sie gehört also mit ihr zusamiiien. 
Einen Theil ihrer Angaben diesem Gedichte abzusprechen 
liegt kein Grund vor. Sehr wohl koniile, wie es das Epos 
liebt, bei der Gelegenheit des Baubes des Hippios durch die 
Sphinx die Geschichte seines Haoses erzahlt sein. Auch kann 

des LaioswagenB an Polybos (45)? Denn das Scholien zu 176Ü 1. 19 
erzählt das Letzte ja auch ; folglich wäre dies dann nicht interpolirt, 
ßondern alter Zug. Aber das mit der Erzählung Pisanders so eng 
zusammengehörige Schol. A 271 schliesst den Polybos aus, da es ans- 
driicklich erzählt, Pferdehirten hätten den Oidipus aufgezogen, was 
durch tcoayQi« 1. 27 in jenem PhoiuiHsenscholion bestätigt wird. Fer- 
ner ibt klar, dass Euripides hier im Grossen und Ganzen der auch 
dem Oidipus T. des Sophokles m Gnmde liegenden Sagenform folgt: 
FSioibos hat den Leios geiranit, Ehider m sengen 15, am Drei- 
wege in Fholds anf der Bette nach Delphi erseUigt Oidipos seinen 
Yater 86. Dahin gehört ancfa Felybos. Es bescbr&nken sich also 
die BeniniBcenien an die Oidipodie Im Phoinissenprolog anf v. S4 
and die hmoßovxoXoi t. 37. 

Die vorgeschlagene Literpretation: „sie war, wie sie gemalt 
wird, und hatte einen Drachenschwanz** scheint mir unmöglich; das 
müsste doch heiasen f'lx^v Sh. Denn mit einem Drachenschwanz 
wird sie eben nicht gemalt: ans griechischer Kunst wenigstens ist 
bisher noch kein sicheres Beispiel bekannt. — Schliesslich wUrde aber 
auch diese Erklärung auf dasselbe hinaualaufen. 

Betbe, Uoldeolieder. 9 



18 



I. Die Oidipodie. 



die Erwähuuug, dass ^Hior&vq als Freier der Ilippodameia 
von Oinomaos hingerichtet wurde, in diesor Sago nicht be- 
fremden, da eie ja Laios Bolbst mit Pelopa in VerbiDdung 
gebracht hat. Uebrigeos paest die Chronologie: Hippies wird 
unter Laios Hemöhaft von der Sphinx getodtet» sein Oheim 
war Zeitgenosse des Pelops, dessen Sohn Laios entführt hat. 

Die Beschreibung, welche die Oidipodie von dem Aeusse- 
ren und dem Wesen der Sphinx gegeben hat, weicht von dem 
uns durch die Tragiker gewuliiiteii Bilde der Löwenjungfrau 
beträchtlich ab. Sie raubt und irisst Menschen jung und alt, 
wo sie sie fangen kann, Einheimische und Fremde; dass sie 
ihnen ein Räthsel vorgelegt habe, wird hier nicht erwähnt Von 
Löwenleib, Vogelfliigeln und Mensohenhanpt ist keine Rede; 
aber sie hatte den Schwanz einer ö^dxatpo,*^) Dies Femi- 
ninum Ton dQOMov ist, wenn auch kein merkwürdiges, so doch 
immerhin ein selteneb Wort. Man könnte sich daher versucht 
fühlen, die Worte des Scholions roöJtEft yQucfSTai als die 
Ankündigung eines wörtlichen Citates aus der Oidipodie auf- 
zufassen und aus ovqclv Ix^vöa ÖQoxali^g den Versschluss 
herzustellen: ovgav öe dgaxctlm^q. D. h. genau genommen, 
der Körper der Sphinx lief wie der einer Drächin ans, nicht 
etwa ihr Schwanz war eine Schlange. 

Die Sphinx wird in dem Phoinissensoholion 1020 und 
von Lasos Frg. 4 Tochter des Typhon und der Echidna ge- 
nannt, w. Iclie nach Hesiod (Theog. 298) halb ein hellblicken- 
des schön wangiges Weib, halb eine furchtbare grosse Öulilaoge 



Im Cuite und noch mehr im Aberglsuben und in der Mantik 
mögen weibliche Schlangen eine Rolle gespielt haben. Das Epos 
kennt das Wort ^Qäxcavn, freilich auch die Tragiker und Lykophron. 
Plutarch de defectu oraculonim p. 414 A erzählt, dass das Orakel von 
Ptoion lange Zoit wüst gelegen habe einer furchtbaren d^axaiya 
wegen. — Auch paust zur weiblichen Sphinx nur ein weiblicher Dra- 
chenschwanz. 



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1. Die Oidipodie. 



19 



var.**) Die Tochter wird doch ihrer Mutter nicht ganz un* 
ähnlich geratheu sein: so weist der Schwanz der Drächin, 
den sie nach der Oidipodie trug, auf Echidnä als ihre Mntter. 

Mithin ist es wohl ursprünglicher Zusanimenhang, wenn 
bei ApoUodor III 5. 8. 2 die Sendung der Sphinx durch Hera, 
welche für die Oidipodie feststeht, und ihre Abkunft von 
Echidna« die für ebendieselbe aus der Beschreibung ihrer 
Gestalt vermuthet ist, beisammen zu lesen sind: tjtsfiy)e yccQ 

Gleich darauf gieht ApoUodor an, die Sphinx habe auf dem 
Berge ^IxBiop gehaust; und der Glaube, dass sie auf einem 
Hügel bei Theben gewohnt, hat sich immer erhalten. Mit 

dem ^Ixeiov hängt ihr eigener Name in seiner alten, un- 
zweifelhaft ursprünglichen Form, wie ihn Hesiods Theogo- 
nie 326 erhalten hat, <Pl^ untrennbar zusammen. So stellt 
sich die Sphinx in ältester Gestalt als ein Bergungeheuer 
dar, eine Ausgeburt furchtbarer, Göttern und Menschen feind* 
lieber Gewalten der Urwelt, das Kinder und Männer raubend 
unsai^cbes Unglück über Theben bringt*") Zu einem sol- 
chen Wesen passt eigentlich das unergründliche Räthsel gar 
nicht. Das haben auch schon die Alten gefühlt: man meinte, 
das rohe Ungeheuer könne doch ein so feines Räthsel nicht 
erdacht haben; deshalb erzählte der Eine, sie habe es von 
den Musen gelernt, ein Anderer wusste nur von einem ge- 
heimen Orakel, das sie erfahren hätte.^^) Das Räthsel wird 

So wird sie dargestellt, analog Typhon : Brückner Athen.Mittheilg. 
XIV 75 t Aeholieliwira die Sphinx der Oidipodie zu d^en. YgLHeaiod. 
Theogoii.d26, wo^ ^auf Bchidnabosogen wird: WelckerEp. Cykl. 11*817. 
•7) Anders Eduard Sehwurts de achol. Horn. 451. 
M) Eoripides Fhoiniss. 806 neant die Sphinx wQtwv tii^oQ, was 
das SchoHon thflricht erkUkrt, und 1019 yäg JLox^vfia vifjtSQov '^/d^ 
va/$, wozu der Scholiast y^ywe yctQ /) S^y^ ^Exlivtjq xal Tvtpwvoq. 

Paasanias IX 26 aus JvoUiaxoq^ vgl. schol Phoioim, 2<>, 
p. 252. 3 wohl durch Alexander Polyhistor Tennittelt 

2* 



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20 



I. Die (Mdipodie. 



erst eine qtätere Zuthat seiii. Das granse UDgethüm konnte 
dann aber nicbt durch Menschenwits besiegt werden, sondern 
mnsste ursprünglich gewaltiger Heldenkraft unterliegen, wie 

alle andern deraitigeü Wesen. L ud in der Tliat hat es die Sage 
gegeben, dass Oidipus die Sphinx erschlagen hahe. Sie er- 
leidet diesen Tod (auf dem ^IxsiovY) in der sonst allerdings 
ganz fremdartigen Notiz am Schlüsse des Phoinissenscholions 
26 (p. 252.2 Schwartz). Auf einer schönen attischen Vase mit 
QoldBchmndc ans Cypem tödtet sie Oidipus in wilder Kampf- 
bewegong mit der Lanze. Dies wäre dann die älteste 
Form der Sage. Wie Kadxnos, Europa und Phoinix dicht 
um Theben wohnen und nichts in Phoinizien zu sciialiun ha- 
ben,*^) so ist auch die 0/^ < in boiotisches Lokaiungeheuer 
gewesen, von dem der Held Oidipuiä das geplagte Land durch 
seine starke Hand befreite, geboren an dem Orte, wo sie 
hauste, und verwachsen mit dem ^Ixsiov, wie ihr Scblangen- 
schwanz zeigt. Erst als die bildende Kunst aus Asien die 
räthselhafte Löweigungfrau, die Menschen raubende, ein Sinn- 
bild dahinraffenden Todes den Griechen bekannt machte,^') 



»«) Murray Journal of Ilellenic Studies 1887 VIII = Benndorf 
Vorlegeblätter 1889 Tfl. IX Ü. Auf Gemmen (Overbeck Her. GaU. 
I 10 etc.) tMtet Oidipus die Sphinx mit dem Schwerte, „aber hier 
ist keine Spur Ton einem WIdentaade von ihrer Seite; nichts deutet 
auf einen TOFangegaagenen Kampf, viehnehr gleicht die Handlung 
einem Opfer** 0. Jahn archaeol. Beiträge 116, welcher l&ngnet, dass 
Oidipus die Sphinx im Kampfe besiegt habe. Die Genmiendantellung 
und Euripides Fhoin. 1506 erldlren sich gegenseitig: 

**) 0. MflUer Orehomenos Uaff., 119, TGpffer Attische Genea- 
logie 895 n. 1, Ed. Schwarts Qoaest. Berod. Rostock 1890. 

'*) A. nülchhOfer Athen. MIttheÜnngen lY 56ff. und Sauer XVI 
190. Ghios und Geigis führen die Sphinx als Wappen auf ihren 
Manien. Auf Gr&hem erscheint sie schon frOh in Griechenland, s. B. 



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1. Die Oidipodie. 



21 



wnrdd jenes thebanlscheUDthier Tom ^^eoi» mit dieser Spliitix 
identificirt; raubte es ja doch auch Menschen und klangen die 

Namen so itliDlich. Alsbald Hingste die ursprüngliche Gestalt 
der <?ts dem festausgeprägten Typus des asiatischen Wesens 
weichen, auch ihr Charakter änderte sich unter diesem Ein- 
flüsse: der Zug des Räthselhaften wurde ihm beigefügt^*) 



die areliaisclie SpMnx von Spate: Athen. Hlttheilg. IT 5. Ihre se- 
pnlende Bedenttmg hat schon 0. Jahn Arehneo]. Beitr. 118 ericannt 

— Umgekehrt leitet TOmpel die Althiopenlinder and der Andro- 

nedamythos, XVI. Supplbd. der Jahrb. f. klass. Phfl. 213 seiner gan- 
zen Tendenz entsprechend die boiotische Sphinx aus Asien her. Er 
weiss auch, dass sie zu dem Aphroditeculte in Beziehung steht, des- 
sen Träger die ,,t]!Phaniscli-samot"hrRk!«rhen Tyrscner" waren, und 
behauptet, sie habe urspnincjlirli trar nicht ^VV"? goheissen, sondern 

— Aaiq = ÖTimoq von l4(f godiTtj ./«/'s . . . „Ob Lajis oder Labij; tyr- 
senisch ist der Name jedenfalls." — ,;DeT Beiname Scply^ für die 
thebanische Loewin- Aphrodite könnte vom ,Eiuschnüron' {afptyyt^n) 
des Ares in das Fesselnetz entlehnt sein"! — In Pisandcrs Notiz, dass 
die Sphinx ans AitUopien gekommen sei, sieht Tompel „efai Zeag- 
niss fta ihre Herleitong ans Leslios**. Dagegen bat Maass im Greift 
irolder Prognunm 1890/1 „de Aeschyli Snpplicibus** XXIII darauf hin- 
gewiesen, dass es eine Alihtäa genannte Landschaft aof Eabda gab. 
fiedenlit man nnn, dass *^(fa TeXei« gieichermaassen auf Eoboia 
wie auf dem Kithairon verehrt wurde, und dass sie es ist, die nach 
der Oidipr die Sphinx sendet, so liegt es nahe, auch das im Pisan- 
derexcerpte als ihr Vaterland genannte Aithiopien für die euboiische 
AWonIa zu erklären, obgleich der SchoUast oder wohl schon Pisander 
das afrikanische verstanden hat, 

•''^^ Aüch dass die beliebte Identiticierung von *f*i^ mit ^<piy^ 
sprachlich starken Bedenken unterliegt (Curtius Gr. Etym.'^ oo. 157, 
Lobeck Faralip. I 104), spricht für die vorgetragene Vermnthung, 
mit der sich Gustav Meyers Ansicht (Gr. Grammatik^ § 295) wohl 
vertragen würde. Durch die Freundlichkeit einiger Archaeologen 
bin ich auf das SphinzreHef ans Sen^Jirli — jetit im Berliner Mn- 
•enm — aufinerlnam gemacht worden, anf welchem nach ihrer Ueinnng 
ihr Schwanz in einen Sehlangenkopf ansUkoft Aber Ich vennag in 
dem luopüartigen Schwana ende einen Drachenkopf nicht an erkennen. 



32 



I. Die Oldipodie. 



Schon unter den Besten mykenisdier Cnltnr finden flidk 
Sphinxe. Dieümlnldtmg wird also schon früh begonnen haben, 

und hat sich vollendet, als die griecliischcn Stämme in der 
Zeit der Wanderungen ihre Sitze änderten und die lokalen 
Bezüge der vergassen. Die Oidipodie, wie sie eine klare 
Anschauung der boiotischen Landschaft und Vertrautheit mit 
boiotischem Culte verräth, hat auch von diesem Unthier einige 
urspriingUche Züge erhalten. 

Bis zu Epikastens Tode und des Oidipns zweiter Yer- 
mahlnng mit der Jungfrau Euryganeia, welche ihm die vier 
Kinder gebiert, führt Pisander. Die dasselbe Epos Toraus- 
setzenden Verse der Nekyia deuten aber noch fernere trau- 
rige Sckicksale an: 

275 dXX' o filv tv ß^ß^ jtoXvtjQaTfY) aXyea JtaO^mv 
KaöfiUatP kavaCOB ^tcov oJloa$ 6ta ßovXdq» 
%tp 6^ aXysa xaXXtx oxUsdfo 

280 xoXXa /taX*, o<fOa vb nrjxgoq kQivvBq IttzBXkovöiv. 

Daraus hat schon Welcker zwei Schlüsse gezogen: Oidipus 
biieb König und er blendete sich nach der Entdeckung.^*) 
Das letztere bestätigt ausdrücklich Pisauder, das erste ist 
nothwendig, da er wieder sich vermählt und Kinder zeugt. 
Aber die Blendung genügt doch nicht allein zum vollen 



Sie zeigt übrigons sonst den geläufigen Typii«: Frauenkopf, Loewen- 
leib und Flügol. Doch versichert mich Otto Puchstein, dass es meh- 
rere alto asiatische, leider noch unpubiicirte iSphinxreliefs gebe, auf 
denen das Schwänzende unzweifelhaft einen Schlangeukopf zeige. Auch 
der dch um die Beine ihres Opfers ringelnde Schweif der Spbinx des 
melischeu Thenieliefs (Benod(»f Yorlegebl. 1889 IX \1) kOnnte eine 
Schlange sein. Aber nach der Oidipodie endet sie in einen Schhn- 
genschwanz wie Echidna und Typhoo, wfthrend anf jene Gebilde 
die Worte aus der Chimaintbeschreibtmg passen om^ev S^foaemp. 

'*) Ep. Cykl. IP 338 fireiUch fOr die Thebais. GebilUgt Yon 
Schneidewin 166. 



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I. Die Oldipodie. 



23 



Verständnisse der gewichiigen Wiederholung, dass Oidi- 
pii8 SehmerEen gelitten, gar viele Schmerzen, wie sie der 
Mutter Raohegeister bringen. Ein mächtiger König, mit 
einem jungen Weibe TermäUt, Vater yon Tier Kindern, hätte 

Oidipus auch trotz seiner Blindheit ein so behagliches Glück 
genossen, wie es zu seinen gr:isslichen Thatcn in keinem Ver- 
hältnisse steht. Die in den giOBsoii Zügen überall feststehende 
Sage hat daher schon Welcker vermuthen lassen, dass die 
Söhne dem Alten noch werden Schmerzen bereitet linhen. 

Vielleicht führt weiter, was das SchoUon zu den Phoinis- 
sen 53 aus Phere^des anfuhrt: 

(Hölxodt, q)Tjö} {^£Q£xvÖTjg) , E^imf Mtoöi rrjr ßaöi^ 
Zelav xal t?]V ywtOxa Aatov, ^ijttQa ^avvo^ %itd6Tijv, 
t)q yivovzaL avTfö ^quCtcoq xal AaotniToq, oi &V7]6xov6iv 
vjto Miinmr xal *EQylrnr. Lti) M Ivtavtoc, JcaQijXd^f, yafnl 
o Oid'ijzovq EvQvyavuar zj/v IhQltpavtog, t§ ?}c yLvnrrm 
avt(p livxtyovrj xal ^löfifjt^tj, rjv difaigel TvÖtvg ejtl xQtfVriq 
iCiii djt^avrij^ TCQfjvfj ^löfi/^vi] xaXeTrai. viol de avrol i| 
avt^g *Etbox2^ xal n.oX%spBbtir^' ht^l 6b EvqvyavBia Irs- 
Xev^ife, yaful 6 (Hölxovg kifrvfiiöoviScaf tijv Sd-spilov, 

Die erwünschtesten Zeichen der Echtheit pherekydeisoher 
Fragmente, Spuren Yon lonismen, finden sich hier gar nicht; 
auch führt die knappe Sprache, welche die gänzlich unbe- 
kannten (pQaozcoQ und Aaopvroq und Ismencns Tod neben- 
sächlich in Relativsätzen abmacht, zu der Vcrmuthung, dass 
hier nur ein sehr gedrängter Auszug aus des Pherekydes 
Erzählung vorliege. Wenn er nur die feste Geschlossenheit 
einer einheitlichen Erzählung hätte I Zunächst hat es gar 
keine Wahrscheinlichkeit, dass Oidipus, obgleidi er mit einer 
zweiten Frau die bekannten vier Kinder zeugt, schon von 
seiner Mutter zwei Söhne hatte. Und da man die Angabe 
kjtel ÖS eviavtoq JtaQijX^s nur auf die Uebergabe der Herr- 
schaft und die Ucirath mit lokaste beziehen kami, so wird 



24 



I. Die Oiaipodie. 



die Zeit doch sehr beschränkt» auch wenn man die unbe- 
kannten Söhne zu Zwillingen nacht: in einem Jahre hält 
Oidipus Hochzeit» zeugt zwei Sohne^ entdeckt, wer aein W^h 
ist — nnd schon mit Beginne des neuen Jahres heirafhet er 
wieder. Ich kann daher, wie Welcker,^^) den Verdacht nicht 
unterdrücken, dass ^Qaörcog und AaovvxoQ aus einer an- 
deren Sage hier durch irgend welchen Zufall eingedrungen 
seien, und dieser Verdacht scheint mir eine gewisse Bestäti- 
gung darin zu finden, dass der Rest dieser Erzählung mit 
der Oidipodie übereinstimmt. Denn auch in ihr kam Kreon 
Tor, dessen jngendschönen Sohn Haimon die Sphinx ranbti 
auch In ihr machen die Götter alsbald rachbar, wen Oidi- 
pus geheirathet, wie bei Pherekydes nur ein Jahr zwischen 
seiner ersten und zweiten Ehe liegt, und nach beiden ge- 
biert Euryganeia die vier Kinder. Dazu kommt, dass hier 
diese eine Tochter des IIeQig)aq heisst; offenbar derselbe 
Name, den Euryganeias Vater nach Pausanias in der Oidi- 
podie trag, bei dem er aber '^YxigqHxq überliefert ist. Die 



''^) WelckcrEp. Cykl. TI- 315 n. 5 hält sie für Rölmc des Laios, 
indem er avtay auf dicscu statt, wie C8 der Zusammenhang fordert, 
auf Oidipus bezieht. Diese Vermuthung f?tellt sich durch ganz an- 
dere Erwägungen als hociist wahrscheinlich heraus. 

YnEPi'A^' und UEPhPAl' sind offenbar Formen desselben 
Namens. JJass die eine Form aus einer Corruptel der andern ent- 
standen sei, will mich wahrscheinlicher dünken, als Schneidewins Ver- 
muthung 166 n., da» beide Fonneo echt seien, da vnepl und ne^ 
ursprünglich dasselbe seL Dami ein Oedicht, die Oidipodie, hat 
dan Mythograpbea dleseii Naman flberliefart, und dass dies beide 
Fennen angewendet habe, kann schwerlich einlenchten. Da nnn 
der Name UEPI^AS nicht gaas selten in der Mythelogie ist, wih- 
rend "^YntQfpaq allein steht, dttifte IIEPI4>A^ anzunehmen und 
YIIEP^A^ als Conjektor aus dem corruptea UEP^AS zu erklären 
sein. — Bei ApoUodor III 5. 9 ist statt dessen Tevd-Qaq überliefert, 
was 0. Maller Qrchomenos 226 n. 6 dorch den Hinweis auf den K5* 



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I Die Oidipodie. 



25 



Identitöt der £rzähliiiig des Fherekydes mit der Oidipodio 
ist also aiigenscfaeinlick Fo1§^ch wird aaoh wohl das Stiick, 
welches sie über unsere bisherige Eenntniss dieses Epos hin- 
aus bietet, aus eben demselben stammen: die dritte Ehe mit 
Astymedusa. Dann aber gerätli man in eine Schwierigkeit: 
denn nach Pheiekydes stirbt Euryganoia vor dieser dritten 
VerjuählaDg, dagegen lässt sich wahrscheinlich machen, dass 
sie in der Oidipodie noch den Kampf des £teokles und Po- 
lyneikes gesehen habe; dass aber Oidipns seine Söhne über- 
lebt und dann noch eine dritte Erau genommen, entbehrt 
doch aller Wahrscheinlichkeit 

Kach Pansanias IX 5. 11 hat nämlich Onasias, der Zeit- 
genosse Polygnots, y.ii 1 lataiai im Tempel der Athena Areia 
unter den Scenen aus dem Kriege der Sieben gegen Theben 
(IX 4. 2) Euryganeia beim Kampfe ihrer Söhne gemalt 
Als Matter des Eteokles und Polyneikos kennen wir diese 
Fran nur ans der Oidipodie: andrerseits wird Jeder durch 
dies Gemälde an die Scene der Fhoinissen erinnert, wo 
sich lokaste über die Leichen der feindlidieo Brüder wirft; 
da dieses schon in der ersten Hlllfte des fünften Jahr- 
hunderts gemalt ward, muss wohl uid Kpos beiden zu Grunde 
liegen. Der Schluss, dass os die <)i(l!i)üdie ist, liegt auf 
der Hand, zumal er von Pausanias so nahe gelegt wirrl, dass 
man ihm selbst denselben zutrauen möchte; und Ottfried 
Müller hat ihn auch schon gezogen. Jetzt gewinnt er an 
Wahrscheinlichkeit da sich herausgestellt hat dass dies Ge- 
dicht mit den Verhältnissen Boiotiens wohl vertraut ist den 



mg von Thoipiu hatten mdchte. Aegina hat daflkr ^Ynigfioq einge- 
tetst, was Heyne, Wdeker, SchneidewlD, Horcher billigen. 

**) OrehomenoB 826. Auch SchoL J 376 hat er BchoQ mit der 
Oidipodie Terbonden nod Tormnthet, dasa X S75 ans diesem Epos 
stamme. Diese knappe Andoatnng des scharfsimiigen gioason Gelehrt 
ten ist nie gewdrdigt worden. Vgl. auch Welcker II* 360. 



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26 



L Die Oldipodie. 



Boiotem in Folge dessen auch am nächsten gestanden haben 
wird* 

Anf diesem Wege werden wir also za dem Dilemma 
geführt: entweder hat Pherekjdes seine Erzählnng nicht aus 

der Oidipodie genommen, oder krBXfvtrjCe ist verderbt. Nun 
tritt aber ein anderes Zeugniss hinzu, welches ebenfalls Asty- 
medusa als Gattin des Oidipus kennt, ihre Vorgängerin aber 
nicht sterben lässt: das Scholion A 375 AD. Oidbtovg djto- 
߀tlo9P loxdoTTjv s:ttyriftBV jiöTVfidSovaav, tjtig SiißaXB rovg 
XQoywov^ xuQaitavtaq avtipf a/apaxnjcag 6h ixeivoq 

xoQiSmxB T?)i' ßaOiXdav avtmv fereoxjUr, oq IgißaXB UoXv- 
VElxfjv rov a^eX^ov «rurotJ mg jtgsößvrsQog. Es folgt des 
Pülyncikes Fliuiit uacli Argos, seine Begcguung mit Tydeus, 
ihre Verhcirathung mit des Adrastos Töchtern und endlich 
des Tydeus Ililfegesuch bei Thyestes in Mykenai. Das 
Letzte ist zu streichen, da es aus A 375 entnommen ist, 
einer freien Weiterbildung des alten Mythos der Sieben, der 
Ton den Pelopidoi nichts wusste. Den ausgeschriebenen An- 
fang des Scholions mit Pherekydes und der Oidipodie zu 
verbinden, hindert allein die Nennung der lokaste. Mir 
scheint es jedoch nicht zu kühn — obgleich ich natür- 
lich keine Sicherheit zu beanspiuchen wage — diesen Na- 
men auf Rechnunj? späterer Grammatik r oder Schreiber zu 
setzen, und anzunehmen, dass ursprünglich Euryganeia ge- 
nannt war. Sie war yerschoUcn, dagegen kannte Jeder von 
der Schule her lokasten als Gattin und Mutter des Oidipus: 
die Einsetzung dieses Namens lag also sehr nahe. Dann — 
aber freilich auch dann erst — erhalten wir eine Geschichte, 
die sich mit dem von anderen Seiten für die Oidipodie Er- 
mittelten vereinigt. Euryganeia, die Mutter der vier Kin- 
der, wird von Oidipus Verstössen und er heirathet Astyme- 
dusa; da tritt das Novellenmotiv ein: die Stiefmutter oder 



üigiiizea by GoOglc 



I. Die Oidipodie. 



27 



das Kebsweib bringt den Vater gegen seine froheren Söhne 
auf durch die Lüge, sie begelirten des Vaters "Weib. Diese 
Vtil-uiiudung verführt den Oidipus zum Fluche. Das ist 
überraschend, aber nicht überraschender als die Motivirung 
des ganzen Unheils des Labdakidenhauses durch die Schän- 
dung des Chrysippos und den Zorn der "Hga yafiootoloq. 
Und man kann nicht Terkennen» dass sich diese Erzählung 
des Scholiens J 375 dem grossen zusammenfassenden Ge- 
danken der Oidipodie, Zorn und Rache der Ehe stiftenden 
und Ehe schützenden Hern völlig einordnet. Nachdem sie 
des Laios Frevel durch seine Ermordung und Epikastons Hei- 
rath mit dem eigenen Sohne furchtbar crcahndet hat, ruht 
ihre Rache: Oidipus hcirathet eine reino Jungtrau und zeugt 
in züchtiger Ehe vier Kinder. Aber dann versündigt auch 
er sich gegen die grosse Göttin: er stösst sein dlielich Weib 
auB dem Hause, um ein anderes zu freien. Dies Verbrechen 
rnuss er büssen. Hera fugt es, dass er sem eigenes Ge- 
schlecht yerflucht. Der Fluch ToU^et sich in Bruderkrieg 
und Brudermord. 

Aber wie die Oidipodie die Geschichte vom Fluche des 
Oidipus bis zum Kampfe seiner Söhne gefuhrt hat, das zu 
ergründen sehe ich keine Möglichkeit; keine Ueberlieferung 
scheint davon mehr Kunde bewahrt zu haben. Denn was 
die Fortsetzung des Scholions J 375 bietet, passt schlech- 
terdings so wenigstens nicht zum Anünnge der Erzählung. 
Oder ist es glaublich, dass ein König, der eben ein junges 
Weib gefreit und ihr zu Liebe seine Söhne verflucht hat, 
die Macht eben diesen Söhnen übergebe? Er hätte ja sich 
selbst und seine Kebse der Rache der unsciiuldig Verfluch- 
ten preisgegeben.^^) 



**) Besag auf die Oidipodie hat vielleicht Ions Bithymnboo ge- 
habt, hl velehom Laodwnas des EteoUes Sohn Ismeno und Antigone 



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28 



I. Die Oidipodio. 



Auf die Wiederherstellung des Schlnsses der Oidipodie 

muss ich verzichten. Und dass auch die Angliederung der 
Astymedusasage an dies Epos durchaus nicht sicher, ver- 
kenne ich am allerwenigsten. Von der Möglichkeit aber 
hoffe ich zu überzeugen, und dabei muss es bei der Ungunst 
der Ueberliefenmg sein Bewenden haben. 

im Tempel der Hera Yerbnumte: SaUnsl's Hypotkesis za Sophokles 
Antigone. 



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II. Bedingungen und Aufgabe. 



Die Becoustruktiou der Oidipodie hat den Beweis er- 
bracht, dass auch die Epen des thebanucfaen Kreises in der- 
selben Weise wie die des troischen ezcerpirk worden sind. 
Für die Kritik der mythograpluscben Ueberliefening ist diese 
Thatsadie von hervorragender Bedeutung. Denn sie macht 
es zur Gewissheit, dass auch Excerpte thebanischer Epen 
im mythologischen Handbuche von 90/45 v. Chr. benutzt 
woi'deii bmd, welclies wir in den Auszügen des Pseudo-ApoHo- 
dor, Pseudo-Hygin, Diodor u. s. w. besitzen. Wie es schon 
an sich wahrschein Hrh war, dass in diesem gelehrten Werke 
die ältesten und umfsmglichsten QueUen der Sage, die Epen, 
nicht unbeaditet gelassen waren, was auch die in den uns 
▼orliegenden Auszügen freilich nur noch seltenen Ependtate 
zeigen, ^) so ist es jetzt durch die glückliche Auffindung der 
letzten Theilc der apollodoriscben Bibliothek augenfällig, 
dass der Verfasser epische Sageuformon nicht nur gelegent- 
lich angeführt, sondern sogar ganze Epeuexcerpte der Er« 

') Im vorliegenden Apollüdor finden sich folgende direkte Epen- 
diäte: Thebate I 8. 4. 1; Alkmeonis I 8. 5. 2; klehie Iliai: Epltoma 
Yaticamk p. 68 1. U — Ep. Sabaitica Rh. Miu. XLYI 172 L 29; 
Kostoi U 1. 6. U; Naapaktia IH 10. 8. 12; Algindi» U 7. 7. 2; He- 
ilod 18 mal, Enmeliu 4 mal, Adiu III 8. % 2, FanyaaiB 3 mal. Mit 
leichter Mahe IM sich aber durch Yeri^eichnog Apollodcn mit an- 
derswo ftberlieferten Epenfiragmenten eine viel auagedehntera Be- 
nntmag der epiaefaen LitCeratur nachweiaen. 



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30 



II. Bedingangen und Aufgabe. 



zählang — wenigstens des troischon Sagenkreisee — zu 
Grunde gelegt hat: eine Thatsache, die bestehen bleibt» ob- 
gleich die BeurÜieUung der sogenannten Hypotheseus des 
ProldoB sieh wesentlich ändern mnss.*) Ist es glaubliGh, 
dass joner nnbekaante Mythograph für seine Darstellung der 
Kriege der Sieben und der Epigonen gegen Theben, der 
Schicksale des Oidipus und der Seinen die Thebais und an- 
dere Epen dieses Inhaltes verschmäht habe? 

Freilich liegen im thebanischen Sagenkreise die Ver- 
hältnisse etwas anders, als im troischen. Hier haben stets 
Ilias und Odyssee die Tradition behemoht» keine Tragoedie 
konnte gegen die Macht dieser Gedidite aufkommen; in je- 
nem dagegen hatten die grossartigen Dramen des Sopholdes 
und Euripides die Epen besiegt: die vor allen in den Phoi- 
nissen, im Oidipus Tyrannos gezeichneten Bilder beherrsch- 
ten fortan die Vorstellung. Desshalb wurden gerade diese, 
als die bekanntesten Formen für die Darstellung der theba- 
nischen Sagen im Handbuche gewissermaassen als Faden be- 
nutzt, an den die übrigen Versionen also auch die epischen 
als Varianten angeschlossen wurden.^) Aber, so inhaltsrdch 
auch beide Tragoedien waren, eine um&ssende Geschichte 
gaben sie doch nicht, widitige Knotenpunkte berührten sie 
gar nicht, wie die Rüstungen der Argiver, den Verrath der 
Eriphylc; aus den Kämpfen selbst den Untergang des Am- 
phiaraos, die Flucht des Adrastos u. s. w. Auch ist für 
diese wie für den Epigonenzug die Benutzung einer Tragö- 
die weder zu erweisen noch wahrscheinlich, da nichts be- 
zeugt, dass Sophokles mit ^tg>vhj 'ßxiyovoi Einfluss auf 

^) Vgl. meine Augfuhrungen im Hermes 1891. Die auff&Uiga 
Ueliereinstimmung des Proklos mit ApoUodor hatte Wagner sofort er- 
kannt: Rh. Mus. XLI 188G. 146 ff. 

') Ed. Schwartz de schoUis Homericis 4öÜ, meine Quaest. Diod. 
myth. 95. 



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II. Bedingangeii und Angabe. 



31 



die Myihograpliie geübt hätte und dos Aischylos Siebeo sicher 
nicht yerwerthet siod.*) Dass aber Pindars'^) knappe und 
gelegentliche, nur andeutende Erzählungen thebanischer Sage 
TOm Mythographen für die Hauptdarstollung verwendet wor- 
den seien, dünkt mich höchst unwahrscheinlich: denn ans 
den angedeuteten Gründen eignet er sich nur zu gelegont- 
Uchen Anführungen. Aber auch solche dürften selten vor- 
kommen.^) Sollte also nicht wenigstens für die angezeigten 
Partien das eine oder andere der thebanischen Epen im my- 
thologisohen Handbuche ausgebeutet sein? Sie gaben eine 
grosse gii«^fmnftni**^ne«"'^'» Erzählung und haben doch stark 
gewirkt Noch Horas hat von einem thebamsehen Epos des 
Kyklos Eenntniss und klare Yorstellnng gehabt^) £zcer- 
pirt waren sie ebenfalls, wie an der Oidipodie nachgewiesen 
ist, also bequem zugänglich. Warum in aller "Welt sollte 
der doch sonst einsichtige Verfasser des mythologischen 
Handbuches hier eigensinnig die epische Tradition verschmäht 
haben, die er sonst fleissig ausbeutet? Aber es kann jetzt 
die Frage aktenmäsaig entschieden werden. Denn die Be- 

*) Dagegen ist für die Abenteuer des Alknieon die Benntzimg 
der !>eiden euripideiachen Dramen wahrscheinlich und sicher: Welcker 
Griech. Trag. II 575. 580, Adolf Schoeil Beiträge zur Kctintniss d. 
trag. Poesie d, Gr. I 132, Gründlicher Unterricht aber die ietralo- 
gie 53. 

^) Ton Wilamowitz Hermes XXYI 225 n. 3 bst diese Ver- 
muthang geäussert, indem «r die «nifidlende üebereinstimmniig von 
ApoHodor III 6. 8. 4 mit Fhidar N. IX S8 durch die direkte Be- 
nntsnng dieses Dichters erklärt Unten c. m n. 22 weide ich eine andere 
ErklAning versnehen. — Ueber Ton Wilsmowitsens fiebsuptang As- 
klepiades Tkragodamena sei fOr Eriphylens Yeirath benotst worden, 
s. unten c. in n. 12. 

«) Ueber das einzige PindarciUt ApoUod. 11 4. 2. 4 Heyne 1 138 n. 
Benutzt ist Pindar z. B. für Ixion: Wagner Cur. mytl! 148. 

^) Ars poetica 146 mit dem Scholion des Porph^rio, vgl. outen 

8. 37. 



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32 



IL Bedingungen und Aufgabe. 



constniktion der Oidipodie gewährt die Möglichkeit zu prü- 
fen, ob in der Oidipuserzählung ApoUodors dies Epos be- 
nutzt ist Dabei kann ohne Bücksicht auf die Phoinissen- 
Scholien Torgegangen werden; denn daas der Verfasser des 
Handbuches ans diesen ebensowenig geschöpft hat, wie ans 
den ApoltonioBBcholien, glanbe ich bewiesen zu haben.*) In 
der That sind mehrere Züge bei Apollodor jetzt als der 
Oidipodie gehörig zu erkennen: 1) III 5. 8. 2 sjte/itps yag 
^ilQa Trjr ^gpiyya und vielleicht auch rj firjvQog fihv *Exl6rrjQ 
f^v jiatQog öh Tvqtfopog ygl üjg. £ab. 67. — 2) III 5. 8. 5 
jToXXSp 6* cbcoXXvfievoov xai ro xbXbv^oIov A^fiovog rov 
KQiovTog (nämlich durch die Sphinx). — 3) III 5. 8. 7 
shA ik €^ y&fvffiHvai xa xixva ^aahf (rtp (H6lxa6i) kg 
EvQvyccPBlas rfjg 'YjttQ^awag (libri: TevO^t^avtaq). 

Auf Grund dieser üeberzeugungen kann eine Unter- 
suchung der mythogiuphischen Litteratur unternommen wer- 
den mit dem Zwecke, die alten Epen inhaltiich wiederlier- 
zustellen. Freilich ist jcno in Anbetracht ihrer hinlänglich 
bewiesenen Verwirrung und Durchsetzung mit fremden Be- 
staadiheilen nur mit peinlicher Vorsicht zu benutzen. 

Viel grösseren Werth haben natürlich die älteren Zeug- 
nisse der Tragiker und anderen Dichter. Nur dürfen auch 
sie nicht einfach hingenommen werden, da die alten Motive 
je nach den besonderen Zwecken des Gedichtes umgestaltet 
sind. Und es darf nicht so operirt werden: weil die The- 
baiR älter war als Pindar, so sind alle Anspielungen dieses 
Dichters auf den thebanischen Sagenkreis aus jener entnom- 
men. Denn wer kann beweisen, dass es nicht noch mehrere 
Epen gleichen Inhaltes neben der Thebais gab? Je höher 
wir hinaufgehen desto grösser ist naturgemäss die Zahl der 
Sagen und der sie formenden Epen; je tiefer wir hinab- 



') Quaest. Diod. m^Lii. b3 ff. 



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II. Bedingongmi und Anfgabe. 



33 



steigen, desto kleiner wird der Kreis der alten Gedichte. 
Denn Ton allen Htterarischen Erzettgnisson verschwindet der 
grössere Tfaeil sehr bald, nur die besseren halten sidi län« 

gere Zeit, und schliesslich bleiben nur sehr wenige. Es bil- 
det sich ein Kanon heraus. Die älteren Dichter hatten also 
noch Massen von Sagen und Epen do tltebanischen Kreises: 
in den Haudbiichern werden ausser Excerpten oder vielmehr 
Stücken von solchen ans £pen» die uns aucli dem Titel nach 
bekannt sind, Fragmente anderer schwerlich enthalten sein. 

Aber Beconstroktionsrersuehe alter Epen werden dem 
eitel erscheinen, der überzengt ist^ dass alle alten Epen die- 
selben Schicksale wie Blas und Odyssee gehabt haben, dass 
sie also schon früh Conglomerate von verschiedenen Gedich- 
ten ohne Einheitlichkeit waren, dass schon die Dichter des 
fünften Jahrhunderts und gar die Mythographen sie nur in 
solchem Zustande kannten. Beweisen kann dies wie das 
Gegentheil Niemand. Aber das muss zugegeben werden, 
dass die Gedichte, welche jetzt als Ilias und Odyssee Yor- 
liegen, einst einheitlich waren, je als ein Ganzes gedacht und 
gedichtet worden sind, in dem jede Handlung ihre Ursachen 
und Folgen hatte. Mau denke sich beide Werke in einem 
so dürftigen, nur die Hauptsachen mittheilendon Auszuge, 
wie der des Pisnnder aus der Oidipodie ist oder die Ex- 
cerpte — cum grano salis — des Proklos: man würde die 
Ilias für ein einheitliches Lied vom Zorne Achills und die 
Odyssee für eine einheitliche Erzählung der Abenteuer die- 
ses Helden Ton der Eroberung Troias bis zu seiner Heim- 
kehr halten. Und man denke sich solche Auszüge zer- 
stückelt, wie uns der der Oidipodie vorliegt und thatsächlich 
auch die aus dem troischeii lucise, '*} würden wir nicht durch 



^ Zwei Beispiele: Das einzige Argument für die Annahme, die 
Telephossage sei in den Kyprien behsndelt worden, bietet Prokloa, 
nethe, HddeDliedcar. 8 



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34 



IL Bedingungen und Aufgabe. 



das Gesetz der Cau^^alität ihren Zusammenliang begreifen 
und uns Ton ihrem Inhalte eine VorsteUung machen können? 
IVeilich das würden wir nicht zu erkennen vermögen, dass 
die Erbentnng der Chryseis nur beOäiifig und kurz erzählt 
war; ja wir würden wohl so weit irre gehen, dass wir diese 
als aiisführliclie Vorgeschichte fordorten; und ebenso wenig 
wäre uns zu erforschen möglich, dass Odysscus selbst seine 

der sie anter der Rubrik ,^yprien" anmerkt Aber die sog. Ex- 
cerpte des Proklos sind nur ein Auszug aus dem mythologiscken Hand- 
buche, welches mit Zugrundelegung der Ilias und Odyssee und aller 
in diesen erwibnten Episoden eine chnmolo^ch geordnete GescMehte 
des tteischen Krieges ans den ttbrigen Epen dieses Kreises nisam- 
mensetzte. Da nun in den „Excerpten** des Proklos sich Stellen fin- 
den, die sicher nicht in den betr. Epen gestanden haben, sondern aus 
liias und Odyssee stammen, so muss dem Glauben an Froklos völlig 
abgesagt -wcrflen. Die einzigen direkten Zeugnisse üher Telephos 
und Kurypylos haben wir aus der kleinen Ilias. Schol. T 326 (B) 
b 6s Tf)v fiixQttv 'D.iaöa ygatpfci: {<pT]aip) uva'C^tvyvvvra {zöv 'Axikkta) 
dno T^ki(pov nQoooQfxia^vai (noog Tf)v 2lxvqov) 

fcW oy' «•(,' UQyakhov /.ifjtev' ixezo wxzdg ixslvTjq. 

Die Identität mit dem Berichte des Proklos unter j,Kyprien" leucli- 
tet ein. Die Methode fordert den Schluss, dass eben dieser nirht 
ans den Kyprien. sondern der kleinen Ilias stamme. Auch für den 
Kampi tier Griechen mit Telepbos lässt sich die kleine Tlias als Quelle 
weuigstens wahrscheinlich machen: vgl. Schol. Eurip. Troad. 821 
(v. Wilamowitz Horn. Unters. 15a), Pausanias III 26. 9, während 
kein direkt beseugtes EyprienCragment mit Telepkos aueh nur in ent- 
feinte Verbindung gebracht werden kann. — Aehnlich dürfte es sich 
mit dem Kampfe um AohiUs Leiche veriialten, der unter yiAithiopia** 
von Proklos berichtet wird, w&hrend schol. Aristoph. Bitter 1056 ge- 
rade diese Version für die kleine Ilias besengt. Damit leugne ich 
nicht, dass die Aithiopis den Tod AchilU erz&hlt habe. G. L6sch<^e 
weist mich darauf hin, dass Achill nach der tabula Iliaca (h' talg 
y>rfcrntg n v?Mig und nach Proklos eig r/}r TtoÄtv avvfi<J7tea<lv getödtet wird, 
die chalkidiscbc Vase (Overheck II. G 23. 1) dagegen frcie?i Feld 
yoraussetze: vgl. ApoUd. Y. S. n(foi talq ^xatali niXaig xo^eveiat* 



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n. Bedingungen und Aufgabe. 



35 



Abenteuer erzahlt, dass Telemach auf seiner Reise die ver- 
ficliiedaisten Gesehiditen hört, dass des Odyssens Aufent- 
halt bei den rii.uitkcii einen so grossen llaum einnimmt. 
Aber das ist unwesentlich dem gegenüber, dass der Inhalt 
beider Epen aus der Voraussetzung ihrer Einheitlichkeit im 
Grossen und Ganzen erschlossen werden könnte. Deshalb 
dürfen wir unter derselben Bedingung die Beconstruktion 
yerlorener £pen unternehmen« Das Gesetz der Causalität 
mu8s also auch bei diesem Versuche angewendet werden: 
ohne dies wäre ein solcher unmöglich. So könnte es frei- 
lich geschehen, dass wir zwar die letzte Form der Epen 
nicht ahnen, aber ihre erste, ursprüngliche ungefähr erken- 
nen. Das w;ire kein Schade. Wird von einer sicheren Grund- 
lage aus cm grösserer Zusammenhang hergestellt, so ist doch 
nicht unwahrscheinlich, dass er aus eben dem Epos stammt, 
dessen Trümmer eben jene Grundlage boten. Die an der Hand 
ihres Ezcerptes von Pisander hergestellte Oidipodie zeigt uns 
ein einheitliches Gepräge, vielleicht ein einheitlicheres, als 
ihrem Excerptor: aber falsch oder verwerflich ist sie da- 
rum doch nicht. 

Ehe wir an die mythographisclio Untersuchung heran- 
treten, betrachten wir, was uus über alte Epen des thoba- 
nischen Sagenkreises direkt überliefert ist, und was aus diesen 
Angaben geschlossen werden kann. Ausser Oidipodie und 
Alkmeonis kennen wir noch drei Titel: S^ßalg, 'ßxlyovot 
und jift^toQeco kg 6^ag ^SfXaOig, 

Die 'ßj^lyatfoi wurden von Einigen als homerisches Ge- 
dicht bot) achtet,^") doch schon Ilerodot IV 32 spricht Zwei- 
fel an ihrer Echtheit aus. Spätere haben sie dem Homer 
nicht nur abgesprochen, sondern sogar einem anderen Dich- 



Certamen Homeil et Heaiodi 249 f. Hiach, jedoch auch eioge- 

3* 



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36 . n. Bedingungen und Anigftbe. 



tor beigelegt. Das ergiobt das Scholion zu Aristophanos 
Frieden 1270: denn es fuhrt unter dem Titel xdSp 
^BxvfWüaf» jivtiftaxov den durch das Certamen Homeri et 
Hesiodi als Anfaugsvers der homerischen iürlyovot bezeug- 
ten Veri. an: 

Nvp m^d-^ ojtXoxtQCOP dvdQcor nf>yj')uiiha, MovCai, 
Da man an den koloplionischeii Dichu-j ^l^^s fünften und vier- 
ten Jahrhunderts dachte, hat man einen Irrtkum des Scho- 
liasten angenommen, bis Bergk und von Wilamowitz^^) den 
wahren Sachverhalt erkannten. »Der Teier ist gemeint» den 
Aristobnl für älter als AngioB erklärt» Plutarch aJs alten 
Epiker dtirt^ Augenfällig bewiesen wird diese Erklärang 
durch den Hinweis auf das berüchtigte Horazscholion des 
Porphyrio zur A. P. 146: „AntiinacLiii luit cyclicus poeta. 
hic adgressus est materiam, quam sie extendit, ut viginti 
quattuor Volumina impleverit, antequam Septem duces ad 
Theljas pcrduceret," Hier wird bezeugt, dass derselbe 
kyklische Dichter Antimachus, der nach dem alten Aristo- 
phaneserkläxer die 'Exlyi>vai geschrieben hat, anch den Zug 
der Sieben besnngen habe: diese Thatsache bleibt» so wenig 
man auch sonst der hämischen nnd übertreibenden Notiz 
trauen mag. Damit stimmt aber auch Pausanias IX 9. 5 
wohl, wenn man seinen Worten nur keinen Zwang anthut. 
Nach kurzer Erzählung der Züge der Sieben und der £pi- 

") Gricch. Litt. Gesell. II 42 — Horn. Unters. \m n. 26. 

Kicssling in seiner Horazausgabe stimmt zwar von "Wilamo- 
witz bei, bezieht aber die Angabe über die Wcitschwcitigkeit den- 
noch auf dea Eolophonier (vgl. Immiscli Klaros 130 n.) — mir nicht 
mdinclieialich. WieE. riehtig hervnliebt, spricht Horas vim kykUsehen 
Gedichten: der Thebais und den Kyprien. Ein Erklftrar hatte das 
erkannt; auf ihn geht Porphyrio snrttck. Wie soll da einoNotis aber 
den Eolophonier hineingekommen sdn? Waram soll nicht die Weit- 
schweifigkeit jener alten Thebais, Ton der Horai spricht, anch von 
Pofphjrrio hesengt werden? 



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II. Bedingungen und Aufgabe. 



37 



gonen fahrt er fort: Li:oi//&?i öt i<i top jtoXsfiov rovrov xal 
iTTi] ßrjßaiq, die Kallinos als ein homerischos Gedicht kenno. 
Schon Frühere haben unter xomov xov jtoktfiov die beiden 
Kriege verstanden, doch ist ihre Ansicht durch Welckere 
Autorität unterdrückt worden. In diesem Zusammenhaiige 
kann ein Zweifel an ihrer Richtigkeit nicht mehr füglich be- 
stehen. Sie wird noch dazu anfs sicherste bestätigt durch 
die Aussage des zuTorlässigen Gelehrten Theon in den Tor^ 
trefflichen Apolloniosscholien (I 308). Ausdrücklich führt 
er nämlich die Thobais für die Sago an, dass die von den 
Epigonen aus der thebauischcn Beute dem delphischen Gotte 
geweihte Teirosiastochtcr Manto auf dessen Befehl nach Ko- 
lophon gewandert sei^*). 

So ist bewiesen, dass es ein dem Homer ebenso wie 
dem Eykliker Antimachos von Teos zugeschriebenes Epos 
gab» welches sowohl den Zug der Sieben gegen Theben, als 
auch den der Epigonen besang, und dass dasselbe zwei Ti- 
tel führte Hrßaio, und 'fJjtlyovoi. Aus diesem Gesiclitspunkte 
muss die einzige Stelle im Cortamen Homeri et llesiodi an- 
ders als bisher aufgefasst werden: o dh V/ifjQog ujtoxvymv 
Tfjq vixfjg tXsys rä xon^fiota, stgtSrop fikp t^v Brßaiöa, 

ji^og astÖB, 0-ea, xoXvdlffHOV, tp&BP opoxtsg 

Der Comparativ des zweiten Voisos bezeichnet die Epigonen 
im Gegensatze zu ihren Vätern: diese und ihre Thateu muss- 

Schellenberg Antiraachi Colopli. reliq. 24, v. Leutsch Theb. 
cycl. rcliq. 12 und n. 38, Welcker Ep. Cykl. P 192. 

Mau bat sich vergeblicli bemüht, dies iinbequemo Zeugaiss 
ZQ entkräften. Neuerdings glaubt Inimisch Klares im XVII. Supplbd. 
d. Jalirb. f. kl. Phü. (1889) 117 „den letzttu Zweifel"' au seiner ün- 
glaubwürdigküit gelioben zu haben. Darüber unten S. 119 n. 20. 



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38 



IL Btidiflgiingoii and Aufgabe. 



ten sEur Begründimg des GomporätiTS nothwendig erwähnt 
weiden. Das hatte an sich auch im Folgenden geschehen 
können wie in den benihmten analogen Worten des Sthene- 

los A 405. Aber das avre verbietet diese Annahme: einen 
Gegensatz zum Vorhergehenden bezeichnend vermittelt es 
den Uobergang zum Folgenden und Ijeweist nlso, dass von 
den sieben Helden, welche, wie der Vers rühmt, durch die 
Söhne übertrofifen wurden, schon vorher die Rede gewesen 
war. Es ist also das Epos Epigonoi nnr denkbar als der 
zweite Theil eines Gedichtes» welches anoh den Zng der Sie- 
ben gegen Theben besangen hatte. Indem dieser Schlnss 
aus dem Wortlaute des Anfengsverses die schon aus anderen 
Erwägungen gezogene Folgerung gewichtig bestätigt, zwingt 
diese zugleich, die unmittelbar vorher erwähnte Th('l)ais als 
den gesuchten ersten Theil anzuerkennen.^-') Dies triüt voll- 
kommen mit dem schon gewonnenen, durch alte Citate beleg- 
ten Resultate zusammen, dass dasselbe Gedicht neben dem 
Titel ^fyopoi anch den Titel ßrißaiq führte. 

IS) Diese Erkenntniss würde auch Welcker über den Anfangsvers 
der Thebais benihigen. Er hat nftmlich behauptet, ao könne nicht 
ein Gedicht begonnen haben, das mit der Niederlage der Argiver ge- 
endet: Ep. Cyki. li^ 54G. Er erkJärte deshalb TioXvöapiOP „das viel- 
geschlagene". So hatten schon Alte noXv itffiov schreiben wollen 
(Strabon YIII 370/1), da Argos nicht wasseram sei. Bweits von 
LeatBch Theb. cycl. rd. Gotting. 1830 hat diesen Einwand wider- 
legt Wenn es auch Linder mit grosserem Wassermangel giebt, so 
wild doch Jeder Aifos als „vieldarstiges'' anerkennen, der aus Achaia, 
Lakoiden» Messenien oder gar dem qnellenreiohen Arkadien in die 
Ebene des Inachos hinabsteigt. — Uebrigens wttrde Welcker.s Anstoss 
durch Yeigleichung der kleinen Ilias beseitigt» welche analog beginnt: 

Richtig hat E. 0. Malier Gr. litt. G. I« 117 gegen Welckers 
Behaoptong, Epigonoi und Thebais könnten nicht von demselben Dich- 
ter stammen, anf Grand Ton schoL Ap. Bh. I 308 attsgesprochen: 
„die Epigonen waren so sehr der zweite Theil der Thebais, dass hftiifig 



üigiiizea by GoOglc 



n. jBedingimgen tmd Anfgabe. 



39 



Durch alle diese von Terschiedeiieii Seiten in demselben 
Punkte zusammenlaufenden Untersnchungon ist im Gegen- 
satz zu früheren AufGusungen erwiesen, dass Thebais und 

Epigonoi ein einziges Epos waren, unter den Namen des 
llomoi und Antimachos von Tcos laufend, und dass dies 
die beiden Kriege der Argiver gegen Theben erzählt bat. 

Dies Gedicht war nun aber ferhaltnissmässig jung. 
Schon die Epigonensage an sich kann, wie kürzlich von Wi- 
lamowitz auflgeq^xochen hat,^^) erst auf asiatischem Boden 
und ohne historische Grundlage entstanden sein, als längst die 
Kämpfe um Theben gekämpft waren. Jedenfalls zeigt ihre 
Fassung in diesem Epos dessen Jugend. Denn es hat, wie 
Theou aus der Thel)ais auführt, erzählt, dass Manto nach 
Kolophon gewandert war, um das klaribche Ileiligthum zu 
gründen. Auch die Erwähnung der Hyperboreer, welche sich 
nach Herodot IV 32 in den Epigonoi fand, spricht für eine 
Terhältnissmässig späte Entstehung des Gedichtes, nicht, weil 
jene im Homer vergeblich gesucht werden, sondern weil sie 
hier offenbar in Verbindung mit Delphi vorkamen. Der 
unhomerische Charakter dieses £pos, um dessentwillen man 
dasselbe einem andern Dichter beilegte, wird doch wohl 
nicht zum wenigsten in solchen Zügen aufgefallen sein, die 
eine jüngere Zeit ak die Ihas üiienbarcn. 

Aber man wird zunächst vielleicht Anstoss daran neh- 
men, dass die erhaltenen grossartigen Verse der „kyklischen 
Thebais^S welche von den Flüchen des Oidipus erzählen, aus 



beide durch denselben Namen beseidmet worden, obwohl muk sie 
auch wieder sIb swei getreonte Gedichte betiacbten mochte.** 

Hermes XXVI 239. Von ganz anderer Seite war auch ich 
Sommer 1890, als ich diese Arbeit machte and schrieb, an demsel- 
ben Besultate gekommen dnreh eine Untersnchnng, die ich vorlftoflg 
zorQckhalte. 

Welcher £p. Cykl. iP 405. 



40 



n. BedingoBgen und Aufgabe. 



einem jungen Epos stammen können. Weloker hat in ihnen 
eine »hodbtalterthümliche Strenge des Rechts und der Würde^ 
empfunden, die TortreflFlich zn dem Büde stimmen, das er 

uns von der Thcbais entworfen hat. Aber sehr bedacht sagt 
er, jene AltorthüniKchkeit der Sitten sei aus „älteren Lie- 
dern beibehalten".*^) Darüber mag man verschiedener 
Meinung sein, so viel jedenfalls steht fest, formell sind diese 
Verse nicht alt, sondern gehören der späteren Zeit altepischer 
Knnst an. Ihr Dichter sprach nicht mehr die Spiranten, 
deren Spuren in den meisten Stücken homerischer Poesie noch 
greifbar sind, er emp&nd nicht emmal mehr ihre Nach- 
wirkung. Denn [itya ol und o\. ol können dafür nicht an- 
geführt werden neben den groben Verna^ihlässigungen der 
Spiranten, in den Worten xaXop dijiag //ötog oivov.^^) Die- 
selbe Missaohtong des schon geschwundenen Lautes zeigt 
der Anfangs vers der Thebais-Epigonoi mit ^vd-tv avaxTBg. 
Formale Gründe weisen also diese Verse derselben spät- 
epischen Zeit zn: gegen sie müssen stilistische zurückstehen. 
Und welchen Grad von Wahrsdieinlichkeit hatte es, die Flüche 
des Oidipns bei Athen. XI 465E und schol. Oid. C. 1375 
einem anderen Epos zuzusprechen als dem eng verbundenen 
Doppelgedichte Thebais-Kpigonoi, dessen vermeintlicher Ver- 
fasser Antimachus von Porphyrio zur A. P. 146 direkt „scrip- 
tor cyGhßQS^ genannt wird, während jene Grammatiker aus- 



Welcker Ep. Cykl. II 3:5ß. 

Der Spirant in rjävg wird als lebendig durch 3 Stclleu er- 
wiesen, in 35 ist er erwünscht und zulässig, nur in 6 unmöglich. In 
olvog ist das Van ofFenkandig: vgl. Knös de dlgammo Homerico (Up- 
sala üoiTerBitets Irsskrift 1873) 138, 205. Nur der junge Vers y 51 
hat dieselbe Fomel öinag ^ö^o^ ofvov. Die Hiatus in w ol und 
(dya ol sind ans der alten Technik flbemommen, in der sie gewöhn- 
lich sind: Knoea 208f. Ueber das y in h^ev s. Lobeck patholog. 
dem. n 148. 



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II. Bedingungen und Aufgabe, 



41 



drucklich die „kyklisolie Thebais** fiSr die behandelten Verse 

citirenV Somit btelit es fest, dass diese Fragmente alle dem- 
selben Epos angehören, und dass dies Werk in verhaltnias- 
mässig später Zeit gediclitet ist. 

Dazu tritt nun das homerische Epos lipt<piUQica l^tXa* 
Ciq. Ans diesem Titel ist Folgendes mit Sicherheit zu 
schliesaen. Amphiaiaos stand im Mittelpunkte des Intern 
esses« wie Achill in der lUas, seine Aus£ahrt in den Krieg 
gegen Theben bildete den Angelpunkt der Handlung, wie in 
der Ilias der Zorn des Achill. Als Seher musste Amphia- 
raos wissen, dass ihm dieser Kampf den L j terji^ang bringen 
werde. Er ist also nicht freiwillig gegangen, sondern ist 7A\r 
Theilnahme an dem Heereszuge gezwungen worden. Die Er- 
zählung, wie dies geschehen, muss einen grossen und wich- 
tigen Theil des Gedichtes ausgemacht haben. Aber audi 
das ist eine nothwendige Forderung, dass dargestellt war, 
wie des Sehers Ahnung in Erfüllung ging, wie ihm selbst 
und allen Sieben TOr Theben Tod und Verderben ward. 
Dagegen ist auf Grund des Titels ganz enLscineden zu ver- 
neinen, dass auch der Zug der Epigonen und die That 
Alkmcons behandelt waien. Das ist ebenso wenig denkbar, 
wie Neoptolemos im Lied vom Zorne Achills. 

So erhalten wir die Gewissheit: es bat ein homerisches 
Epos gegeben, welches nur den Zug der Sieben besungen bat 
und- zwar nicht um seiner selbst willen, sondern als das 
grosse Ereigniss im Leben des Ampbiaraos, das ihm, trotz- 
dem er es vorhersah, durch Vcrwicküluiigin cics Schicksals 
den Untergang brachte — wie die Ilias die Kämpfe vor 
Troia nicht um der Achaier noch um der Troer Ileldentha- 
ten zu preisen vorführt, sondern sie nur als Hintergrund malt 
£ir den Zorn Achills, der nach Schicksalsschluss ihn zur Er- 
legung Hektors treiben sollte, an die sein eigner Tod ge- 
knüpft war. 



42 



n. Bedingaogeii and Aufgabe. 



Die ganze Anlage beweist^ äaas die »km&Aat des Am- 
X^hiaraofi^' ein altes einfacbes Lied war, wie die Dias es war 
und docb noch ist Doch kein Fragment ist uns unter die- 
sem Titel erlialieii, Welckei hat dies Gedicht mit der The- 
hais identificirt und viel Beifall damit gefunden.**) Aber 
schon nach diesen Darlegungen kann seine Annahme nicht 
mehr aufrecht erhalten werden. Da iu der Thebais der Zug 
der £pigonen in enge Beziehung zur Heerfahrt der Siebeii 
gesetzt war, kann diese nicht in sich derart abgeschlossen 
gewesen sein, wie dies Tom Amphiaiaosliede erwartet wer- 
den mnss, nnd schwerlich wird sich in ihr wie in diesem 
alles um des Amphiaraos Ausfahrt gedreht, sondern The- 
ben wild den Mittelpunkt gebildet haben. 

Hier greift nun die mythographiscbe Untersuchung ein. 
Die fülgendöu Capitel werden eine doppelte Version über 
den Zug der Sieben und seine Vorgeschichte aufdecken, von 
denen die eine mit der Epigonensage eng verbunden ist. 
Beide lassen sich über die Tragoedie hinaus verfolgen, sudd 
also episch. Damit wäre bewiesen, was aus der litterari- 
schen Tradition gefolgert wurde. 

**) Er sttttst sieh hanptriteUIch auf den Umstand, dass in der 
pseodoherodoteiachen Homervita und bei Snidas nur ^Aftqua^to i^i- 
Xtifing, aber nicht die Thebais, im eertamtti Horn, et Hea. nur diese, 
nicht jene erwähnt wird. Aber es ist ja doch sehr natürlich, dass 

man denselben Dichter nicht zwei grosse Epen über denselben Ge- 
genstand dichten lassen mochte. Zudem ist die Thebais schon früh 
dem Homer genommen. 



biyiiizea by GoOgle 



lUt Des AmpliiaraoB Ausfahrt 



Herodot erzählt V 67, dass Kleisthcncs, der grosse Ty- 
rann von Sckyon, in heftiger Fehde mit den Argiverii die 
niaTiingfaciieii und alton Bezichungcm seiner Stadt zu Argos 
auszurotten sich bestrebt habe. Zwei darauf zielende Maass^ 
regeln werden berichtet. Zunächst hob Kleisthenes die Agone 
der Bhapfioden in Sekyon auf der homerischen Kpen wegen, 
weil in diesen Argirer und Arges iinmer und überall be- 
sungen wurden. Dann suchte er den Gult des Adrastoe, des 
Talaossohnes, als eines Argivers zu vertreiben, obgleich ihn 
die Sckyonier in hervorragender Weise auf dein Markte ver- 
ehrten: denn Polybos, der alte König von Sekyon habe, als 
er ohne leiblichen Sohn gestorben, sein Reich diesem, seinem 
Tochtersohne, hinterlassen. Zu dem Zwecke führte Kleisthenes 
aus Theben den Colt des Melanippos» des Sohnes des Astakos, 
ein und weihte ihm einen heiligen Bezirk im Fiytaneion, 
also in unmittelbarer Nachbarschaft des Adrastosheroons. 
Sein 6mnd dafUr war die Erzfeindschaft zwischen diesen 
beiden Holden: denn Melanippos hallo sowohl dos Adrastos 
Bruder Mokisteus, als auch seinen Tochtermann Tydeus er- 
schlagen. 

Es ist klar: diese complicirteu Verhaltuisse muss ein 
Gedicht festgelegt haben. Denn es kann unmöglich Volks- 
^ube der Sekyonier gewesen sein, dass Adrastos, den sie 
auf ihrem Markte verehrten und wie Dionysos mit tragischen 



44 



ni. Des AmphüttaOB Ausüriirt 



GhöreD feierten, eigentlich Argiver gewesen sei und nur 
durcli seine Mntter Sekyon geerbt, aber doch von Argos aus 

beherrscht habe. So werden also Herodots Angaben aus 
einem derjenigen homerischen Epoii entuoriini' n s.mti, deren 
Vortrag Klcisthenes verbot, weil sie immer Argos besängen. 
Und zwar weisen dieselben nnzweideutig auf ein Gedicht, 
welches den Zug der Sieben gegen Illeben feierte: spielt 
doch in den Epen des troifichen Kreises Aigos keine so 
herrorragende Rolle nnd wird da doch Adrastos gar kaum 
erwähnt.^) Es gilt, diesen Schlnss zu bestätigen und durch 
andere Zeugnisse die Kenntnisse dieses thcbauischen Epos zu 
erweitern. 

Pindar nennt in der neunten nemeischen Odo Adrastos 
einen Argiver und Sohn des Talaos, er preist ihn als Herr- 
scher Ton Sekyon und Argos zugleich und erzählt weiter 
vom Zuge der Sieben gegen Theben. Diese Funkte stimmen 
mit Herodots Angaben überein* Aber der Dichter gieht 
noch mehr. Vor Amphiaraos ist Adrastos geflohen yom 
väterlichen Hause, aus dem heimatblichen Argos; ein schlimmer 
Aufstand hatte ihn und seine Brüder vertrieben: Fürsten 
waren nicht mclir die Söhne des Talaos, vom Aufruhr be- 
zwungen. Doch kehrt er zurück, giebt dem Sohne des Oikles 
als yerlässlicbes UnterpÜEyid des Vertrages Eriphylen, die 
mannermordende — und später zieht er mit ihm gegen 
Theben. 

Pindar setzt die Sage als völlig bekannt voraus:*) 



^) S. Kjellbcrg Pe cyclo epico (üpsaliae 1890) G. Grotes Schloss, 
Herodot deute auf die Thcbals, ist nicht berechtigt. 

*) Wenn Pindar Ncm. IX die Gründuogssagc der sckyonischen 
Spiele orziihlto, so dürfte allerdings nicht an ein thebanischcs Epos 
als seine Quelle gedacht verden. Aber das thnt er keineswegs. Er 
erwähnt nur kurz, dass Adrast sie eingesetst habe; aber darauf nfther 
einzugehen lehnt er ab nnd kündigt an, er weide diesen preisen: 



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in. Des Ampbittraog Amfahrt 



45 



knappe Andeutungen genügen» den Hörern die VerhaltidsBe 
und Sitnationen in Erinnerung zu bringen. Daraus folgt 
mit Nathwendigkeit, dass sie sdion vor Pindar dichterisch 
gestaltet war, also wohl m einem Epos, und dass dies yielen 

Zeitgenossen durchaun bekannt v.ar. Uns ist Epos wie Sage 
verloren. Zu ihrer Wiederherstellung hilft die Erzählung 
des Menaichmos von Sokyon,^) die im Scholien zu v. 30 
erhalten ist: Amphiaraos und die Anaxagoriden lehnen sich 
auf gegen den König von Argos Pronax, des Talaos Sohn 
und der Lysimache, der Tochter des Polybos, und erschlagen 
ihn; sein Bruder Adrastos flieht zum Vater seiner Mutter 
und dieser vererht ihm die Herrschaft üher Sekyon.^) Dies 
stimmt nicht nur vollkommen mil der von Pindar voraus- 
gesetzten Sagenform und der, Avolche Herodot^) im Auge 
hatte, sondern verbindet auch beide und erklärt sie durch 



T. 10 dv iy^ ßvwtMq inuüitqcm uXvtntt ^^am tifußQ — mid er er- 
zUilt, wie Admt aiu Argos nach Sekyoii kam, Argos viedererwarb 
und gegen Theben zog. Du hftngt mit den sekyonischen Spielen gar 

nicht zusammen. 

») In Schol. Find. N. IX 30 hat Lobeck AgUophamoB II 1112 
n. c (las überlieferte xaxaata^Blq richtig in xazaoiaaiaaS-ftg verbes- 
sert, was die Handschrift D (Mediceus) bestätigt. Nnrh v. Wilamo- 
witz Horn. Untersuch. 241 schrieb Menaichmos vor Aristoteles. Ge- 
wühnlich wird er mit dem Alexanderhistoriker identilicirt und in die 
Diadochenzeit gesetzt: Ch. Müller hinter Arrian Script, bist. AI. M. i45. 

*) Vgl. Servius Acn. VI 480. schol. B 572B, Pausan. II 6. 6 
(,aus Menaichmos? vgl. Külkmauu Fautianlas 149) in der Sckyonischen 
Königsliste, welche jedenfalls der des KaoxmQ bei Eusebios fremd 
ist. Er nennt die Matter des Adrastos statt AvaiiJLaxni Menaich- 
mos, Awndffoaw. Im Schotton zu Piatons PoUt 590A wird sie Av' 
ütnmj genannt Diese verschiedenen BUdnngen desselben Namens 
sind anffaUend. Vgl. Crasins N. Jahrb. f. Phi]g. GXLIII (1891) S90. 

Diese Zusammengehörigkeit haben die alten Pindarerklärer 
wohl schon erkannt: Herodot Y 27 irird neben Menaichmos sa Pin- 
dar Nem. IX 30 eitirt 



46 



m. Dm AmplilaniOB Ausfahrt 



Ausfüllung ihrer Lücke. Folglich gehören diese drei nach 
Alter und Leumund gleich ausgeseidmeten Zeugnisse eng 
ZQsanmien: sie folgen alle derselben Quelle. Pindar deutet 
unzweifelhaft auf ein Gedicht, das den Zug der Sieben gegen 

Theben besang; dasselbe wird von Ilerodot als homerisclies 
Epos bezeugt. Sein Inhalt liegt vor uns. Es ötfnet «ich ein 
Blick in uralte argivische SagengescJiichte. 

Wer sind jene Anaxagoriden? Was ist das gewaltige 
Geschlecht der Talaiden? Zu welchem Stamme gehört 
Amphiaraos oder steht er allein? Ueber diese Fragen giebt 
nur eine dürftige Ueberlieferung Auskunft» yergraben in dem 
Wüste wirrer mythographischer Notizen. Sie ist bei Diodor, 
Pausanias und Apollodor erhalten und wohl allen dreien 
durch denselben Gelehrten vermittelt.*') Sie löst sich von 
jeder anderen Ueberlieferung glatt ab, hängt in sich zu- 
sammen und beantwortet die Fragen, die jene Stellen des 
Pindar, Herodot und Meuaichmos stellen. Darin liegt die 
sichere Gewähr, dass sie aus derselben Urquelle stammt: 
eben jenem thebanischen Epos. Sie erzählen übereinstimmend 
so:^ Als Anaxagoras König in Argos war, schlug Dionysos 



Diodor IV 68. 4 und Apollodor I 9. 12. 8 gehen auf das my- 
thographische Handbuch dos ersten Jahrhunderts v. Chr. znrück: s. 
meine Quaest. Diodor. mythogr. 94. Pauaanias II 18. 4 bringt die 
Notiz in seiner argi vischen Geschichte. 

') Ueber zwei andere Ausgestaltungen derselben Sage s. unten 
C. YII. Auch die alten £rklärer von Pindar Nem. IX Latten wohl 
diese Sagenform notirt JTetst aber lofeen wir sie getrdbt; das geht 
scbon daraus hervor, dass liier gsr nicht ^Aim^ayoQlSm enrfthnt wer^ 
den. Es Ist hier fttr Anaxagons aas der durch Hesiod und durch 
das mythologische Handbuch vnlgftr gewordenen Sage Froitos einge- 
drangen. Dass hier nun gar Amphlaiaos den Talaos tOdtet und Adrast 
in Sekyon die Tochter des Polyhos heirathet, steht im Widerspruche 
7U jeder anderrn Ueberlieferung und ist wohl aus der missTerstan» 
denen PindarsteUe heransgesponnen. 



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III. Des AmphianuM ▲osfahrt 



47 



die iirgivischeii Weiber mit Wahnsinn; da kam Melampus 
des Amythaon Sobn und heilte sie, aber nur um hohen 
Lohn: zwei Drittheile seines Landes musste der König ihm 
abtreten; in diesen wohnten nnd herrschten fortan Melampus 

und sein Bruder Bias und ihre Nachkommen. So geschah 

es, dass Argos drei Fürstenhäuser hatte. Des Uias Sohn 
ist Talaos, von Melampus stammt AmphiaraoB und aus dem 
alteingesessenen Geschlechte des Anazagoras eutspross Ka- 
I»anens.®) 

Im unmittelbaren Anschlüsse an diese Sage giebt Apollodor 
I 9.13 einen Stammbaum der Biantiden. Da hier nicht nur 
Av6i{idxTi Gattm des Talaos und der sehr selten erwähnte 
UQcoi'ag ihr Sohn wie bei Menaichmos genannt sind, auch 

Mekisteus des Adrastos Bruder ist wie bei llerodot, so darf 
mau neben diesen sicheren Spuren des von uns verfolgten 

") Deigleichen GescUechtertrtditionea lind gans im Sjtile des 
Epos: es genttgt an das Zwiegespiftch des Glaukos und Diomedes 

Z 145—231 oder an die Stammcsgoschichte des Theoklymenos o 225 
—205 zu erinnern. In beiden Erz&hlungen sind breit die Grttnde er- 
zählt, waram das Geschlecht seine Heimath verliess, wie es neue 
Sitze gewann — gB.nz parallel der für das in Untersuchung stehende 
homerische Epos beanspruchten Episode. — ätammbänmo der drei 
Geschlechter sind für dasselbe jedoch nicht festzustellen. Nimmt man 
BlttQ Tfclaog^ASgantog als «icher an, so inusiM ii auch die beiden an- 
deren TTänser bis auf Amphiaraos und Kapaucus nur 3 Glieder haben 
— aber Diodor schiebt zwischen Melampus und Oikles den 'Avzupa- 
rr/g ein, und Paasanias spricht gar von aechs Gliedern bis Ampbilo- 
cho8. Er schöpft aus einer argirischen EOnigsliste; fOr eine solche 
kamen chronologisclie GeaiehtBpnnkte In Betracht, denen an Liebe 
je nach Bedarf Geschlechter eingerückt oder ansgelaasen wurden. 
Da aber des Pausanias Angaben anch unter sich auf keine Weise 
stimmen — denn von den Zeitgenossen Melampos, Bias, Anaxagoras 
sind die Zeitgenossen AmphÜocboSf Aigialeus, Sthonelos nm 6, 4 und 
5 Geschlechter entfernt — so sind wohl die Zahlen verderbt, oder 
zwei sich ausschlir^ rnde Ueberliefcrungeu von ihm isasamniengear- 
beitot. Vgl. Kalkmauu Pauaauias 149. 



48 



ni. Des Araphiaraos Ansiabrt 



£po8 auch wohl noch andoro hier erhoffen. Doch diese 
Namenmasse im Ganzen einer einzigen Quelle zuzuweisen^ 
wäre munethodiflch bei der oft belegten Art and Weise» wie 
die mannig&cfae, in vielen Varianten niedergelegte Gelehr- 
samkeit des mythologischen Handbaches von den Excerptoren 
zusammengestrichen und oft unrichtig ineinander geschoben 
ist. So iet aucli liier aus anderer Ueberlieferung Lysimaclie 
Tochter des Abas, Enkelin des Melampus genannt, während 
in der verfolgten Version Folybos von Sekyon ihr Vater ist. 
In diesem Stammbaume wird auch Parthcnopaios Bruder 
des Adrastos g^nnt, eine seit den Tragikern fast yer- 
Schollene Ueberliefernng. Die Gestalt des jogendschönen 
Sohnes der spröden Atalante hat ihn Terdnuigt Dardi 
diese Verbindung war er nach Arkadien versetst. Aischylos 
in den Sieben 531 und Euripides in den Scliutzüeliünden 
892 bemühen sich, den Arkader doch wieder zum Argiver 
zu machen: er soll zwar in jener Landschaft geboren, aber 
in Argos erzogen worden sein. In den Phoinissen 1153 
betont Euripides ganz anmotimt, wie es uns scheinen muss» 
„Arkader ist Parthenopaios, nicht Argiver.** Das sind darch- 
schlagende Zeognisse dafiir« dass die argiviscfae Herkunft 
dieses Helden alt and allgemein bekannt war.^) Diese Ueber- 
lieferung hat sich behauptet, bis sie dem übermächtigen 

Argos heilst das Thal des Inachos; dsss die ganse Pelopon- 
nes bei Homer oder eonst Argos gehsiaaen habe (vgl. Straboo vm 
371/2)» ist mixichtig. Die wenigen Stellen, welche dafOr angefahrt 
werden kOimen» aind beanstandet. — Zorn Arkader ist Faitfaenopaios 
wohl durch dioVerbindong mit Atalante geworden, die in den Bergen nm 
Tegea im Partbenion und vor allen im Mainaion wohnt. Da sie in 
Argos nicht nachweisbar ist, kann sie auch nicht als Matter des ar- 
givischen Talaossohnes Parthenopaios angenommen werden. Oder aber 
er ist ursprünglich auf liem Gebirge Parthenion m Ilarise mul, weil sich 
dies nach Tegea wie uach Argos öö'aet| in die äageu jeder der bei* 
den Landschaften früh eingedrungen. 



üigiiizea by GoOglc 



in. Dei Amphiftnu» Aiufiibrt. 



49 



Einflüsse jener grossen Dichter erlag. Hekataics, die Tra^ 
giker Aristardi ond PhilokleSy der gelehrte Antimachoa 
folgen ihr:***) sie reicht also hinauf bis in die Zeit des Epos. 

Pronax kl nack diübcm Staiambaume ApuUuclors in 
Uebereinstimmimg mit Menaichmos und seiner epischen 
Quelle als erster Sohn des Talaos aulgeiiihrt. Denn auch 
dort ist er der Älteste, das Familieuhaupt, der König von 
Arges: gegen ihn richtet sich der Auirnhr. £r wird ge- 
tödtei Wir können erschliessen Ton wem. Am amyklaiischen 
Throne war die Soene dargestellt» wie Adrastos und Tydeos 
zwei Kämpfende trennten, und zwar den Amphiaraos und 
den Lykurgos des Pronax Sohn.^^) Sie müssen also Feinde 

») Scliol. Soph. 0. C. 1320, schol. Phoin. 150 (vgl. 44) = schol. 
AischyL SepL. 5äü. Nauck FTr^ S. 729, 760. — Spiro de Eurip. 
Phoin. 27 sah in Phoin. 1153 eue Polemik des Euripides gegen Phi- 
loUes, den sehon 42S AriBtophiaes in den Wespen t. 462 Tenpottet: 
kanm wahncheinlicli. Donn darauf konnte Euripides nicht rechnen, 
daas seine Znsehaner sich erinnern sollten, welche Tragiker den 
Partbenopaioe als ArgiTer eingeffthrt hatten; diese Polemik wftre also 
wirkungslos geblieben, kehie Polemik gewesen. Gut hat dagegen 
Spiro den Gedanken, Euripides polemisire gegen Antimachos, durch 
die Bemerkung zurückgewiesen, Antimachos werde erst in clor Mitte 
des 4. Jahrhunderts in Athen bekannt: HeiakleideB Pontik. bei Pro- 
klos zu riatoQs Timaios I p. 28. 

"1 Pausanias TIT IH 12. Diese Scene bildete wohl das Gegen- 
stück zum Zweiiiampie des Achill und Memiiou, auf welche Thetis 
und Eos in den Vasenbildern zueilen — obgleich diese Göttinnen 
hier nicht genannt sind. Den Kampf zwischen Amphiaraos und Ly- 
kurgos hat Otto Jahn (Berichte d. sächsischen Ges. d. Wiss. ph. bist. 
CL 186S. 31) anf 5 Vaaenbüdem nachgewiesen, doch meint er 28, wie 
Overbeck, Stephan! md Welcker Ep. Gykl. II 861, Pauaauiaa habe 
Tydeni mit Amphianu» verwechaelt, da Statina Theb. Y 6G0 Tydena 
statt dea Sehera gegen Ljkurgoa kimpfen laaae. Aber Statina hat 
via sie geirrt: ihm achien für den frommen Seher dieeer Kampf nicht 
zn passra, und so musste es ihm scheinen^ weil w die feindlichen 
Beziehungen awischen Beiden nicht kannte. Daaa ea wirklich kein 



50 



III. Des AmpliUuriOB Ausfahrt. 



gewesen sein. Nun ist in dem entdeckten thebaniscben Epos» 
wie ans Pindar und Menaichmos geschlossen wurde^ Pronaz 
im Aufstände des Ampbiaraos und der Anaxagonden umge- 
kommen. Er als der Fürst wird doch wolil gtigen den Führer 
seiner Feinde selbst gekämpft haben; als solcher tritt Am- 
phiaraos deutlich hervor und wird von Pindar ausdrücklich 
bezeichnet. £r also hat den Prouax erschlagen, und daher 
stammt der Haas zwischen ihm und dem rachepflichtigen 
Sohne seines Gegners Lykurgos. 

Dies sind die Verhältnisse von Aigos in dem bei Pindar, 
Herodot, Menaichmos nad^ewiesenen Epos. Weiter ist schon 
für dasselbe aus Pindar die Rückkehr des Adrastos Ton 
SekyoD, wo er den Polybos beerbt, nach Argos geschlossen 
worden. Er versöhnt sich seinen gefährlichsten Gegner 
Amphiaraos dadurch, dass er ihm Eriphylen zum Weibe 
gibt Sie ist hier natürlich, als welche sie meist erscheint, 
seine Schwester. Pindar nennt sie in demselben Gedichte 
dvdqodaiiaift^ 'E^ipvhjp oqxuov wq qts xi<tT^ für Am- 
phiaraos und die Talaiden. Er spielt durch diese Worte 
doch wohl wieder auf Situationen und Scenen desselben 
Epos an, welches er auch in den vorhergehenden Versen 
voraussetzt. Nur dies Epos kann also die Erklärung jener 
Worte geben; wird aber andrerseits emc befriedigende ge- 
funden, so ifit mit ihr ein neues Stück dieses thebaniscben 
Gedichtes gewonnen. Die Scholien genügen nicht, aber sie 
schliessen sich doch mit anderer Ueberlieferong zosammeo, 
die freilich erst gereinigt werden muss, ehe sie yerwendet 
werden kann. Sie enthalt zwei Versionen nuteinander ver- 
mengt, doch nicht unlöslich verbunden, uns bekannt durch 
Apoliodor III 6.2 und Schoüun Z 326, das uutei':>ciiiiübca 

Intbam ist, mucht obige Darlegung klar. S. auch Jahn Arch. Zeit 
1854 No. 67; seine Deutung der Berliner 7aie 2316 auf Tf. 67 ist 
▼on Faiiwäogler mit Recht sorackgewiesen. 



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III. 0eB Araphiafaos Am&lirt. 



51 



ist ^ iöTOQla xoQa kiSxZjfXta^,^^ Ihre Öfter &st wörtlidio 
Uebereinstixiimung nnd gegenseitige Eigänzuiig beweist» daas 
sie beide aus derselben Quelle, dem mythologischen Hand- 

bucho, geflossen bind, das hier fiii' eine der zwei Sageu- 
formen Asklepiades vielleicht citirt haben mag.^^) 



Kaeh v. Wilamowits HermeB XXYI S14 n. 1 pneralirt In 
Apollodon Bericht aber den Zog der Sieben das Drama und AbIcIo* 
piadtt von IVagiloB. Die erste Beliaaptong ist aUgemein zogoBtan- 
den, die zweite sttttzt steh allein nuf schoL k 326 n l^o^« «rk^ 

^AaxX^ntdö^ , ein Zeugniss, dem a priori ebenBOwenig zu trauen ist, 
wie jeder andern laroQla der Scholien und mythologischen Hand- 
bücher nach den durchschlagenden Beweisen, die Ed. Schwartz im 
XII. Snpplbd. der Jahrb. f. Philg. 1881 (vgl. 453 n.) erbracht hat. 
Dftss nun specipll dir Ißxogui dieses Srholions ). 32G aus 2 Bestand- 
iheilen contaminirt ist, lehrt schon die durchaus unmotivirto Erwäh- 
nung des Polyneikes und bestätigt die Vcrglcichung mit Apoiiodor, 
Hygin 73 und schol. ). 32ü Ambros, Welcher von beiden Bestand- 
theilen gehört dem Asklepiades oder gehört ihm überhaupt einer von 
beidoi? iBt ja andi das idehi dnmal atcherl Vgl. Ed. Selnrafts 445. 
— Und selbst wenn bewiesen werden konnte, dass dem schol. l 326 
AiUepiadea zu Gmnde läge, so wftre doch nicht die M<iglichkeit ans- 
gesehloBsen, durch ihn auf reine epische Sagenversionen zn kommen. 
Denn in allen F^ragmenten zeigt er sich als durchana Wissenschaft^ 
lieber Mythograpb. Das lehrt deutlich die wörtliche AnfQhmng im 
sehoL find. N. MI 62 lAaxXrfniaStiq 6h ta x<äv TQaytoSovfi^vwv tpijalv 
wtmq' nsQl fj&v ovv zov dixvdzov {Nsonzolif^ov) axiSbv anavteg ol 
noirixai (irufpiovovat . . . V(?l aurh schol. Pind. P. II 39. Demnach 
liat Asklepiades unzweifeihait die litterarischen Quellen der Sagen 
wiöbenschaftlich durchforscht, ja er hat sogar Zeugnisse des Cultus ver- 
werthet: Hairpocrat. s. v. MskavlnTtsiov . . . MtXuvlnnov rov ßtjotoj^ 
^{möv L-atn', oiq (prjOiv 'AaxXrjrtmSrjq TQaymSovu^votg. Daher ist er als 
erusthafter historischer Forscher auzuseheu wie sein Mitschüler Epho- 
ns. Höchst wahrBcheinlich hat er also doch aneh wohl die ältesten 
nnd reichsten Quellen der Sage, n&mllch die Epen, benutzt 

Ygl. Diodor IV 65. 5^ schon von £d. Schwartz mit jenen bei- 
den Stellen zusammengestellt a. a. 0. 453. Bei Diodor steht noch 
anrersehrt die alte epische Version: Ufnipta^ov n^g 'Adgacrw tna' 

4» 



52 



IIL Des AmphiaraoB Aiuf«lift. 



BchoL l 326 

*EQi(fvX7)v T/jv TaXaoh xai 
öisvexB-sU vmq xlvoov XQoq 
^AÖQaöxov 

xal xdXiv öiaXvd-elg, oqxov- 
ftsvoi ^kfioXoytfia», imlg <ov 

Xovg avToq te tuA ^ASgaOraq 

htixQi^uv, ^EQt^Xrjv xqIphv 

xal jtdd-sod^ai avt^. 

fitra 6h ravra ynmfiivT^q xrfi 

Q filv *A(i^idQao^ dxixQBxe 
9uä top laoftsvop oXß&QOV 



ApoUodor m 6. 2 



ölixXvödftepoq mfioae, 

mul <op 
op *Ad(fdöT<p öta^d^cu, 

Qf/dCU. 

OTE ovr ijii ßn^ag tdti 
özQaxevuv, 

!A6Qdöxov fihv jtttQaxaXovpxog 
'Af^gnoQaav dh dxoxQixopTog, 

[Ufd^toQoog . . , stQOEiömq oti 
6st xoptag ravq {tTQOTEV' 
CiXftipovg x^Q^^ 'AÖQciilTOv 

rfXEVxTiöai . . .] 
*Eqi^vXii xov u(j^op Xaßovoa 



hfeufs TOP opSga crifatevetp. 



Xa^iovöa de *EQiq>vX?j xov oQfiov 
jtaQa JloXvvtixovq xop xi^g 

jcQoaid-STO xotq mQi xop 
lAdgcufTOP ßtaSßfUpoig top 
'A^tdQoop,,. 

Poljmeikes wird bei ApoUodor hier nicht erwähnt; aber 
kurz vorher, doch scharf geschieden, steht die Erzählung, 
dasB ihm Iphis den Kath gegeben habe, £riph^ien durch 



a$ iniz()£nov xQvvm nsgl twv afxtpiaßrjzovfiivmv 'E^^vkif», yvvttüta 



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m. D«s Anplilanot AmlUirt 



63 



»das** Halsband m bestechen. In diesem ZosamnifliihaDge 
dagegen tritt er nieht auf, und wer erwartet auch, dass der 

thebanische Flüchtling hier oingreifon, und nicht vielmehr 
Adiastos selbst seine Schwester gegen ihron Gatten bestim- 
men werde? Es wäre iinorlaubt, zwei Versionen, die in der 
einen Ueberheferuug noch getrennt nebeneinander stehen, 
znsammenznschweissen, weil sie in einer engverwandten ver- 
mischt sind« zumal da gegen die Ustoglai überhanpt nnd 
zQinal der schlinmi zugerichteten Odysaeeecholien seit Ednard 
Sdiwartzens einschneidenden ünteisachungon Verdacht zur 
Pflicht geworden ist In diesem Falle tritt nun aber noch 
eine dritte Stelle hinzu, welche diesen Verdacht rechtfertigt 
und die Erwartung, dass in der verfolgten Version Adrastos 
seihst Eripbylen gegen ihren Gatten gewinnt, völlig bestätigt. 
Der Scholiast bringt zu Pindar N. IX 35 als Beleg für 
seine freilich unrichtige Erklärung Folgendes vor: x<Sg dk 
UftfjXd't {^A^i^aataq top *A(i(f>iaQa<ov); fUiSffi^ xotffiOfiiBVoq 
tfpf *E(ft^Xijp rmp x(foq avtov Öw^q^, IgtB-BtQB yoQ 
ixüvrjv ry öoOsi To€ oQfiov «al ftev^Xd'BV avtov Scte dxo- 
UcB-m. Er bezeugt also, dass Adrastos selbst die zur Sdiieds- 
richterin zwischen ihm und Amphiaraos bostcUto Eripbylo 
durch Bestechung mit dem Halsbande zu einem Spruche 
veranlasst hat, der ihrem Gatten den Tod brachte. Es ist 
dieselbe Ucberlieferung, welche bei ApoUodor und dem 
Odysseescholiasten vorliegt. Und sollte noch irgend ein 
Zweifel bestehen, ob wirklich Adrast nach einer Sage der 
Bestecher war, so heben ihn Hygins 73. Fabel nnd das 
AmhrosiannssGholion zn X 326 auf. Dies notirt: ^EQicfvXijp 
. . . i/vrjorip' ÖS öia xo XaßFlv üiaQct IloXvvelxovq f}l4ÖQd(STOV 
)^QvCovv oQfioi^ xal jtQo6s6mxivaL l4fig)taQaov rov avÖQct 
avTfjg . . . Hygin gicbt: . . . „Adrtistus autem . . . nionile aiireum 
ez gemmis feoit et muneri dedit sorori suae Eriphylae, 
qnae doni cnpida coningem prodidii** Da die enge Ver* 



54 



in. Dw AmpblanoB Aosfidict. 



wandachaft des Gmndbestandes dieses Fabelbnches mit Apol- 
lodor and Beider Abkunft ans demselben mythologisohen 
Handbncbe erwiesen ist, kann es niobt überraschen, bei 

Hygin einen auJeiii Brocken derselben Version, welche un- 
vollständig bei Apollodor vorliegt, versprengt zu finden.*^) 

Diese Stellen veremigt ergeben mithin folgendes: ein Streit 
hatte einst Adrastos und Amphiaraos entzweit; doch oine 
Versöhnung kam zu Stande, Amphiaraos nimmt jenes Schwes- 
ter, die Talaostochter Eriphyle, zur Gattin und beide schwören, 
sieh ihrem Schiedssprüche m unterwerfen, sollte wieder ein 
Streit entstehen. Diesen bringt der Plan, gegen Theben zu 
ziehen. Eriphyle hat zu entscheiden und, von ihrem Bruder 
bestochen, befiehlt sie dem Gemahle, diesem in den Krieg 
zu folgen, der ihn verderben sollte. 

Von selbst fügt sich dies dem für das thcbanische Epos 
schon mit Sicherheit Ermittelten an und erklärt zugleich 
vollkommen Pindars Worte. Es ist kein weiteres Wort 

Diese Notis ist bei Hygin mit der eige&tiitkiiilichen Venion 
verbunden, dass sich Amphiaraos in sdnem Harne verbirgt Sie hat 
mit dem hier verfolgten Epos nichts gemein: deon in diesem hatte 
Amphiaraos gar keinen Grund, sich 211 verbergen; frei erwartete er 

den Sehiedssprur]! seiner Gemahlin, dem er sich zu fügen gelobt. 
Sie geh' >rt in einen anderen Zusammenhang, der unten S. 7Ö erwie- 
sen werden wird. — Dass Adrast selbst das Halsband aus Gold und 
Edelgestein gefertigt, ist wohl ein \'ersehen. Ueber die Bestaudtheilo 
des onfwq der Eriphyle Paus. IX 41, Heibig Horn. Epos aus d. Denkm. 
erl.- 26ö. 

^ In dem übrigens thörichten schol. Pindar N. IX 31 (Abel 
264/5) ist gesagt, Adrastos habe dem Amphianu» Eriphylen gegeben 

Dieser Hexameterselilnss steht d 37 von Zena und Hera. Weldrär 
Ep. C. II* 345 n. 49, ob^eich er Polyneikes als Bestecher annimmt^ 
hat vermuthet, die Worte stammten ans der Thebais, die er der 
kaaig gleichsetst. Dass sie za letzterer gehören kOnnen, seigt die 
Untersochong. 



üigiiizea by GoOglc 



III. I>6fl Amphianoi Awffthrt 



55 



der Empfehlung nöthig. Das aber muss scharf betont wer- 
den:, das berühmte Halsband Eriphylens läset sich in dieser 
Sagenform weder io Verbinduig mit Polyneikes, nodi gar 
mit Harmonia nadiweiseo. 

Hier halten wir ein und überblicken das Ergebniss der 
Untersuchung. Ein Epos liaL ürzählt, wie Amphiaraos ge- 
zwungen wurde, gegen seinen Willen in den Krieg wider 
Theben zu zieiion. Er «elbst steht im Mittelpunkte des 
Interesses: er hat einst das Geschlecht des Talaos aus Argos 
yertrieben, er bat ihm die Bückkehr gestattet unter der 
Bedingung der GleichberechtigaDg und als Pfand des Ver^ 
träges des Adrastoa Schwester heimgeführt Die Ausfahrt 
des Amphiaraos in den Krieg gegen Theben ist der Angel- 
punkt der Handlung. Wir dürfen annehmen, dass im Wei- 
teren der unglückliche Ausgang des Zuges gescliildort war. 

So sehen wir in der aufgedeckton epischen Sageutorm 
die Forderungen erfüllt, welche der Titel des homerischen 
Epos ^Afi<piaQ£G) Brjßaq s^sXaöig zu erheben zwingt — 
bis auf eine, dass nämlich die Sage von Alkmeon und den 
Epigonen nidit erzSblt war. Aber schon jetzt können wir 
mit Sicherbeit behaupten» dass die Rache an Eripbjlen, 
Alkmeon, also aneh die Epigonen dem aufgefundenen Epos 
fremd sein müssen. Denn die hier verfolgte Sagenform 
kennt nicht den Verrath Eriphylens. Diese ist hier 
vielmehr die durch Verträge bestellte Schiedsrichterin zwi- 
schen ihrem Bruder Adrastos und ihrem Gatten Amphiaraos, 
deren Spruch zu gehorsamen beide einst feindliche Parteien 
durch heilige Eide gelobt hatten. Es war ihr Recht, zu 
entscheiden, wie sie wollte. Wer mag ihr verdenken, dass 
sie ihre Stellung nach Möglichkeit ausnutzt? Schon ist das 
gewiss nicht. Der moralische Christ entrüstet sich; der 
homerische Mensch mit seinem naiven Egoismus, von dem 
sich auch der moderne Südländer im Gegensatz zu uns 



56 



HI. Des Amplilafaos Aoa&hrt. 



äunerlich ansluidigeii Hyperboreern nocb YieL bewahrt 
bat, wird in Eripbylens Handlnng^weiae nichte Verbreche- 
risches gefunden haben. Adraetos gab ihr mehr, als A.m- 
pbiaraos ihr zu bieten hatte: also entschied sie für den 

Bruder gegen den Gatten. Seine I'ropliczciuiigen glaubte 
sie ebenso wenig wie jener und die andern Helden: gingen 
sie aber in Erfüllung, so hatte sie wie den Gemahl auch 
die Brüder in den Tod gesandt. Amphiaraos durfte sein 
Weib nicht strafen, er durfte auch nicht von seinen Söhnen 
Rache fordern an ihrer Matter für seinen Tod. Er hatte 
dann ja seine Eide gebrochen: jeder Schiedsrichter ist nnyer- 
letzlich nnd steht über den Parteien. 

Es kann also das verfolgte Epos gar nicht den Mutter- 
mord Alkmeons erzählt haben. Damit wird es höchst un- 
wahrscheinlich, dass CS überhaupt von den Epigonen be- 
richtot So hält sich denn dies unbekannte Gedicht ganz 
in dem Kähmen , der das Lied Ton der Ausfahrt des Am- 
phiaraos nothwendig umgrenzt hat, und es zeigt die Anlage, 
welche für jenes Torausgesetzt werden mnss. Ich kann ver- 
sichern, dass ich dies Resultat nidit gesacht habe. Um so 
werthvoller ist mir dies Zusammentreffen, und der Wahr- 
schciiilichkoitsschluss ist berechtigt: das aufgelundeno Epos 
ist die homerische U.fig>idQea) ig ß^ßag k^aXacig,^^) 



Tgl, die Sage von dem mit Ampliianu» vielleiclit identischen 
Heros Evvoatog in Tanftgrt: Plutarch Q. Gr. 40. 

Ob die von Theognis 213 und Findar (Boeckh vol. II 2. 650) 
benutzten, von Elearcb iv ß' tzsqI naQoißioiv (Athen* Yll 317 A) über« 
lieferten, vom Karystier Antigonos 25 als homeriscli citirteo Verse: 

novXvnoöoi fioi, zaxvov, vow, *A/t^X^' 

ToTrnv itpaQfiotfiv, Ttüv XBv xatcc S^/äov "xijai. 

{u}J.otE ö^aV.oin: rO.B^fiv xal xmqig Saet/B'ai add. BergkPL*IT l?>^\ 

wie Boeckh und Weicker meinten, ans diesem Gedichte (resp. The- 
bais) stammen, l&sst sich nicht aasmachen. AaC diese Annahme stftts- 



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in. Des Amphiaraot Anadibrt. 



67 



Pindars Bditnte nemeisdie Ode fährt uns weiter. Sie 
stiridit Ton imheildrobendeii Vorzeichen; aber sie werden 
nicht heachtet; in's „offenbare Verdorben rast das Hocr mit 

ehernon Waffen und Pferd und Wagen." An den Ufern des 
Ismonos finden sie den Tod, alle Sieben. „Aber dem Am- 
phiaraos spaltete mit allgewaltigem Blitzstrahle Zeus die 
tiefbusige Erde, barg ihn in ihre Tiefen mit seinem Wagen, 
ehe des PeriklymeDOS Speer seinen Rücken durchbohrt und 
seine Kriegerehre gesehändet.** Dies gewaltige Bild ist ein 
würdiger Ahsdhluss für das Lied Ton der Ans&hrt des Am- 
phiaraos. Es nniss derselben QaeUe zugesprochen werden, 
wie das, was Pindar vorher angedeutet mehr, als erzählt 
hat; als solche bot sich eben jenes Epos ungesucht dar. 
Also gehört es ihm an, es sei denn, dass ein Kiss> eine 

ten Lobeck und Bergk (Com. de com. Attic. ant. 220, Bemays Ges. 
Abb. I 211) die onwalirBcheinlidie (Welcker Ep. C. II 324 n. 8) Hy- 
pothese, *Api^ta^t» i^iXactf sei ein Lehrgedicht gewesen. — Ei laasen 
sieh diese Yerse nicht in einer angeregten Abschiediscene beim 
Baehegebote des Ampbianu» denken, psssen also Insofora gut bot 
,,Avsfahrt". Auch schliesst die Anrede ao AmphUeehet doi Gedan- 
ken an ein Rachegebot aus, da dieser niemals Mattermörder genannt 
wird. Er ist der echte Sohn, ein Doppelgänger des Amphiaraos. Meist 
treten sie getrfrint auf, beide orakelnd, Amphiaraos im Muttcrlande, 
Amphilocbos im Osten und Westen; in Oropos sind sie vereinigt 
(Paus. I M. 5). Alkmeon dagegen ist hier wie überall nicht zu^c- 
lassen, obgleich auch er als Heros verehrt wurde und orakelt zu haben 
scheint (Eohde Psyche I 177 n. 1). Umgekehrt, wo er oder sciuc 
Namens verwandten ^bcs. \i/je/j.tlri^, die auch als seine echte Schwester 
in die Familie des Amphiaraos aufgenommen ist: Asios bei Paus. V 
17. 8) sitzen, fieden sich jene nicht Zu Theben hatte Alkmeon ein 
Hereon; den Amphiaraos aber in Oropos an befragen war den The- 
baaem Yorhoten (Herodot 7in 184). Dies die sacrale Thatsache, 
über Herodots BegrOndnng s. ?. Wüamowita Hermes XXI lOi. — So 
scheinen die angefQhrten homerischen Yerse die älteste Sagenform 
vorauszusetzen, welche weder Eryphylens Yerratb noch ihren Mord 
Itennt, und konnten wohl dem AmphiaraosUede entnommen sein. 



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58 



m. Des AmpbiaiMt AnsfUirt. 



Discrepanz in Pindaro Dantellung anfgeseigt und diese 
letzte Soeae mit gewiditigen Gründen auf ein anderes Vor- 
bild znriickgefuhrt werden k&mte. Für jenen Versndi sehe 
ich keine Möglidikeit, dieser ist bereits gemacht worden. 

Schon Welckcr hat den hier gosohilderten Untergang des 
Amphiaraos der Thebais zugeschrieben, die ihm freilich für 
identisch mit der „Ausfahrt" galt. Kürzlich hat Rohdc^"^) 
diese Vormuthung durch den Hinweis auf die ähnliche Stolle 
im sechsten olympischen Hymnus zu beweisen gesucht, in 
welchen Pindar nach dem Zengnisse des Asklepiades einen 
Vers der l^klisohen Thebais übernommen hat Pindar singt: 
^agesias, du bist des Lobsprudies sicher, den einst mit 
Fug die Zunge des Adrastos über den Seher Amphiaraos, 
des Oikles Sohn, aussprach, als die Erde ihn und seine 
glänzenden Stuten verschlang. Als die Scheiterhaufen für 
die sieben Helden errichtet waren, sprach des Talaos Sohn 
101 Theben etwa solches Wort: ich vermisse das Auge meines 
Heeres, gleich trefflich als Seher und Speerkämpfer." Zu 
den letzten Worten hat Asklepiades notirt: vavra eUf^BV 
hc rffq xvxXix^ Btjßaldog. Bohde meint nun, nicht nur 
dies „Klage wert", sondern die ganze dasselbe motiTirendo 
Situation sei diesem Epos entlehnt und folglich auch das 
entsprechende Bild d^ iioimten nemeischen Epinikions. 
Aber zunächst ist einzniwenrliMi, dass die Ahnlicljkeit nur ganz 
allgemein im Verschwinden des Amphiaraos liegt uod dies, 
da es feststehende Cultsage ist, in allen Schilderungen sich 
finden muss. Femer ist gar nicht bezeugt, dass die Thebais 
ein »Klagewort** enthalten habe — giebt doch auch Pindar 
kein solches — sondern wahrscheinlich nur das Lob 
äfig>6reQov fidprtg x aYa&og xal 6ovqI f^axeod-ai.^^} 

Welcker Ep. C. U 366, Rohde Psyche I 107 n. 1. 
Vgl. V. Wilamowitz Isyll 163. 

Ich werde freundUclist d«rfkuf »ufinerksam gemacht, dass 



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HL Des AttphianuM Ansfalirt 



59 



Denn docb nur dieser Yen ist das Wort» vm dessen willen 
Pindar den Hörem diese Soene vorfiihrt, das er auoh auf 

den Hagosias anwenden will. Dieselbe Auffassung hat von 
Wilamowitz ausgesprochen und sie wud gowisscrmaiissen da- 
durch bestätigt, dass Sophokles bei dor Cbavakteristik des 
Ampbiaraos offenbar denselben Vers nachbildet (0. C. 1314) 

doQBi xifatvpofp, XQwra d* otmpwp odötig. 

Ferner aber ibt die voji Pindar gezeichnete Situation keines- 
wegs klar und es lässt sich zeigen, dass von der Bestattung 
der argiver Helden, wie hier, in der Thebais nicht erzählt 
worden sein kann. Damit löst sich der versuchte Beweis 
auf. Aber es liegt mir ferne, irgendwie bezweifebi zu wollen, 
dass in der Thebais Amphiaraos von der Erde Terschlungen 
sei Weil dies eine Thatsache der Sage ist, so musste es 
jedes Gedicht berichten. Mithin ist es unberechtigt, die 
beiden PindarstcUen auf dasselbe Epos zurückzuführen. Sie 
können sehr wohl aus zwei vorscliiedenen Quellen geflossen 
sein. Und dass die des neunten iieineischon Hymnus dor 
Ausfahrt des Amphiaraos augehört, scheint mir sicher, sofern 
die übrige Erzählung desselben diesem Epos mit Recht zu- 
gesprochen ist Ein Beweis för die Identität dieses Ge- 
dichtes mit der Thebais ist also auch hier nicht zu ge- 
winnen. So dürfen wir für das Amphiaraoslied aus Pin- 



offcnbar dies die richtige Wiederherstellung des Thebaisvorsos ist, 
während v. Wilamowitz Isyll 163 n. 4 aus F 179 xqui^qo^ r' ui^fii' 
it'iq einsetzt. Zur Construktion vgl. Xenophan. fg. 2 v. 15 f. 

*^ Bis vor konem habe ich diese Ansicht Welckars getheilt. 
Durch die folgenden ÜBtenaehungeii wurde ich sn der Annahme ge- 
drSngt, dass es swei epische Thebaiden gegeben haben nflsse, von 
denen sieh die eine auf den Zug der Sieben bescbrftnkte» die andere 
auch den der Epigonen umlssste. FOr jene nahm ich inerst die Frag- 
juenle der kykUscben Thebais als eines Uteren Gedichtes in An- 



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60 



m. Des Amphtonoi Awfkhrt 



dar entnehmen, dass dieser Held die yon Oun ▼orauQgesehene 
Niederlage Belbst miierHtten bat und von der allgemeinen 
„daimontflchen Fweehif erfasst dem Periklymenos nicht Stand 

S5U halten vermochte. 

Ein furchtbarer Kampe musste es iiatürlirh sein, der 
den trefflichen Seher und gewaltigen Lanzenschwmgor vor 
sich hergejagt und fa^t von hinten durchbohrt hätte. Und 
PeriUymenOB war in der Thai dem Ampbiaraos ein ebenbür- 
tiger Gegner. Der Hypomnematist hat zu dieser Stelle Pin- 
dais bemerkt: (IlBQaeXvfUPOQ) ^ vioq IIoöeiMvog seal XXco- 
qidoq rrjg Teigealav. Das Alterthümlicfae nnd Echte dieser 
Genealogie leuchtet ein.*') Auch von Euripides Phoin. 1155 
"Wild or ivcüiov d-aov jiaTg genannt. Somit ist es sicher, 
dass der Pindarscholiast die Genealogie des Periklyinenos aus 
alter UebcrUcferung geschöpft hat: man wird deshalb auch 
Chloris als seine Mutter annehmen dürfen, zumal, da sie auch 
in der Nelidenaage mit ihm verbunden ist; aber auch, dass 
Teiresias ihr Vater war, wird durch Pisander (schoL Phoin. 
834) bestätigt**) 

sprach, fttr dies« die übrigen der Thebais-Epigonoi. Da aber spracb- 
lich beide Groppen eine späte Entstehungszeit verratlieB» ist diese 
Vermuthimg nicht aufrecht zu erhalten Desshalb muss die Iden- 
tifikation der Thebais mit der i^iXaoi: auf^'c^rebon werden. Uebri- 
gcns lege ich weniger Werth auf die Belehnung des aufgezeigten 
Epos mit dem Titel 'A/j^<fia(jew i^iXaoig, obgleich ich sie für richtig 
halte, als vielmehr auf den Nachweis, dass es 2wei Epen über den 
Zug der Siebcu gab. 

Periklymenos ist eine bedeutende Sagengestalt geweseUi abei 
für uns tritt er nicht ab solche ]ier?or, da er dem troisehen Sagen- 
kreise fiemd ist S. Teepffer Attisclie Genealogie 226 n. 1 Er ist 
VHS alt Nelide bekaiuiter, denea Kampf gegen Heraklee und die ihm 
Ton Poseidon ▼erlieheae Gabe, vielfache Gestalt ansnnehmen, Hesiod 
gefeiert hat: sehol. Apolln. Rh. I 156. Aach als Nelide ist er Sohn 
dw Chloris und steht sa Poseidon in engster Beziehung. 

**) & oben 8. 4 o. 10. Es ist merkwardig, irie genau ApoUo^ 



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HL Des AmpliiftriM Ans&brt 



61 



Hier Terltet una unser bisheriger Führer, das nettnte 
nemeische Siegeslied: es berührt nicht weiter den theba* 

nischoii Sagenkreis. Aber liucli haben wir iicrüdots Angaben, 
welche demselben Epos entnommen sind, auszunutzen, dsms 
Melanippos, des Astakos Sohn, den Tydeus und des Adrastos 
Bruder Mekisteus erschlagen habe. Dasselbe berichtet kurz 
Pausanias IX 18.1 bei Gelegenheit des Grabmales des Me- 
lanippos. Den Verdacht» dass er rielleichi aus Herodot ge- 
schöpft habe, widerlegt sein Zusatz, der bei jenem nicht 
steht, Helanippos selbst sei von Amphiaraos getödtet wor- 
den. Daran schliesst sich das wohl unversehrte Fragment 
des Pherekydes im Scholien zu 126 ABTw, dem schol. 
Pind. N. X 12 so gleicht, dass auch für dies dieselbe Quelle 

dor ni 6. 8. 4 ndt Pindftr Ober AmphiuBOt Ende nidit nur in der 
Sache, sondern in wftrtUeben Anklängen abereinstimmt. 

(22) 'laftrjvov 6* in* ox^aiai . . . *Afi(piaQd(p öh ^fvyovxi naQot no- 

(25) b 6' ^AfXipioiQtj (sxl^iomq jrc- xafäth» 'la/xijvov, tcqIp vnb Ue^- 

^ccvvip nufjißitt Zsvg yäv ßaBvüttff- xMffUvcv t& vmu XQ<x*^vatf 
vo», x^wi x(jw^ &dii* ffosotg, ittifavpihf ßale^ t^y y^v 

tmima ftoxmhß ^vpihi» tdaxf^ ^^^^ Bdttavi , ^ . iaegv^^, 

Du8 der VerfuBer des mytbograpbiielten Handbuches dies Ffnda- 
riiehe Gedicht benntst hsbe, wie t. Wilamowitz Hermes XXYI 225 
n. 3 meint, ist an Bich nicht wahrscheinlich, da es nur knappe 
Andeutungen enth&lt und überhaupt Plndar schwerlich anders als 

für Yarianten herangezogen ist: s. oben S. 31. Da nun die Be- 
nutzung der Thobais für Adrast und Areinn und den Tod dos Par- 
thcnopaios bei Apollodor zu Tage liegt, sich auch für Baton, den 
Kampf des Tydeus mit Meianippos dies Gedicht als Quelle ergeben 
wird, da ferner daa Ufer des Ismenos als Schiaciitfeld auch sonst fest- 
steht, da endlich Spuren des Amphiaraosliedes bei Apollodor, Hygin, 
XHodor aufgeieigt sind, so ist, meine ieh, dafSr die giOasere Wahr- 
seheinlicbkeit vorhanden, d«« die auffallende UebereinBdmmnDg der 
aaigeBcliriebenen Stellen dnrcb eine gemeinaame dritte Ijnelle, ein 
Epoi, an erklaren Ist 



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62 



ni. Des AmphiuMos Ansbhrk. 



▼oxausznsetzen isf ) £8 Bpricht zwar nicht von Meki- 
steuB, erzablt jedodi, dass Mdanippos den TydeuB tödtlich 
verwundet habe, selbst aber von des Amphiaraos Hand 

gefallen sei; der babe seinem Waffengefahrten Tydeus 
auf dessen Bitte dm Kopf des erbchlagenen Melauippoy zu- 
geworfen, aus dem dieser thierisch das Hiru geschlürft: 
durch diesen Gräul sei Athena abgeschreckt, die herbei 
kam, ihm die Unsterblichkeit zu bringen. Dies ist uur ein 
vollständigerer Bericht derselben Sage, welche Pa.U8ania8 
und Herodot andeuten; denn dass nach diesen Tydeus ge- 
tödtet» noch jenem tödtlich verwundet wird, ist kein Untei^ 
schied. Folglich bat Pberekydes aus dem Liede von des 
Aiiipliiaiaos Ausfahrt geschöpft Es wird dadurch die schon 
lange geliegte Ueberzeugung bestätigt, dass diese alterthüm- 
licbe Sceue voll grimmigster Wuth und wilder Heldeurohheit 
aus einem alten Kpos stamme, ^"^j 

Für weitere Einzelheiten des Kampfes um Theben im 
AmphiaraoBÜede fehlt jede Ueberlieferung; dennodi kann 
Einiges vermutbet werden. Es verbilft daxu die alte und 
allgemeine Ueberlieferung, daas es sieben Helden waren, die 
wider das siebenthorige Theben zogen. Nach dem freilidi. 



Per Schliiss des letzten Berichtes steht unter dem Einflüsse 
des Citatöti aus Kuripides Meleager fg. 537. Auch schol. Pind. N. 
XI 43 "wird auf i'lierck^des zurückgehen. Bakchylidos f?. 54, Sopho- 
kles fg. 731 (vgl. Weicker Ep. C. II 364 n. 105), Lykopkroii lOGG, 
Dosiades Ära 17 geben zu wenig DetaU. 

Apol]ocl<»r III 6. 8. 8 berichtet eine andere Vefsion, welche 
aicli Bcharf von dieier untenehoidet Sie setst Feiadaehsft swiaehen 
Ampbiaraoa und Tydeua vovaiia — ein dem Amphitrtoaliede fremder 
Zog. Sie wird C. IT 8. 77 f Or die Thebaia beanaprucht wevden. Welcker 
Ep. C. n 86S bat beide Sagenformon miteinander vereinigt und dem- 
entsprechend glaubte Robert de Apollodori bibliotheca 67 und Bild 
n. Lied 21 n. Sl Pberekydea anch far ApoUodor ala Quelle Termuthen 
zu dürfen. 



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III. Des AmpUftTMi Aittfidiit. 



63 



was von Wilamowitz kündich auagefuhrt bat (Hennes XXYI 
229), sind die sieben Thoro nicbt uisprünglidi in der Sage 
begründet, sondern von einem epischen Dichter erfunden als 

das belebende Motiv für die Schlachtschildeiuiig. Obwohl 
sein Nachweis überzeugt, dass die Lage Tlu bens nur drei 
Thore fordert und nach Analogie alter Burgen wie Tiryns 
und Mykeue nicht mehr Zugänge als irgend nöthig voraus- 
gesetzt werden dürfen, so muss doch betont werden, dass 
die Siebenzahl gerade in fioiotien eine tiefe und beilige Be- 
deutung gehabt bat: diese Tbatsadie drangt sieb auch dem 
Feinde aller Zahlenmystik unabweislicb auf. Alle sieben 
Jahre feierten die Plataier das Fest der 'IIqu TtAtlu auf 
dem Kithairon. Sieben a^x^ixai hat Plataiai, deren Be- 
wohner Reste der alten boiotischen Bevölkerung und nicht 
mit Doreru gemischt waren.***) Sieben von den fünfzig 
Söhnen des Herakles bleiben in Thespiai als ÖTjfiovym.*'') 
Sieben Söhne und sieben Töchter bat die thebaniscbeNiobe.*^) 
Wenn nun sieben Heroen Theben angreifen und sieben Uiebfr- 
nische Helden ihre Vaterstadt Yertheidigen, so müssen wir 
doch angesichts dieser Parallelen dies als eine Thatsache 
hinnehmen, und so hat sie auch von Wilamowitz gegen Pau- 
sanias vertheidigt. Sieben Tliore mag Theben nie gehabt 
haben, sieben Vertheidiger und sieben Angreifer hat es ge- 
habt, sobald die Sage entstand, lange vordem ihr ein Sänger 
die ewige Form gab. 

So muss audi für das alte Ampbiaraoslied die Sieben- 
zahl gefordert werden. Ueber die thebaner Helden ist die 
Ueberliefemng zu dürftig, Argiyer bat sie uns für dies Epos 

^ & oben S. 9. 

**) Hutafdi Ariateid. 11, v. Wilamowits Hermes XXI. 1121 
•*) Apollod. II 7. 6. fi ^ Diod. IT 86. 2, 0. MOUer Orchoine- 
nos 221. 

«") Vgl Thiaemer Pergamos 7. 



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64 



m. Des AmpliiArAOB Ausfahrt. 



' Bchon sechs gegeben: Adrastos,^^) Amphiaraoe, Tydeus, Mc- 
kisteus, Polyneikee, Parihenopaios. Sie gehören zwei Familien 
«k: Adnuios, des Talaos Sohn, mit seinen zwei Brüdern 
und zwei Töditennannern den Biantiden» Amphiaraos den 

Melampodideu. Aber dies Gedicht hat Ton dem Str«te 
dreier Geschlechter m Aigos erzahlt; es fehlen tlio Anaxa- 
goriden. Auch dies alte ai'givische Herrscherhaus wii-d doch 
an dem grossen Zuge gegen Theben Theil genommen haben; 
also ist in ihm der Siebente zu suchen. Da bietet sich 
Kapaneus, des Anazagoras Enkel,^^) nach der einen Version 
Sohn des Hipponoos,'^) nach anderer des Alektor.^') lieber 
ihn ist die Ueberliefemng merkwürdig dürftig. Sie weiss 
nur zu berichten, dass er sich verschworen habe, Theben zu 
nehmen, und Zeus ihn, als er die Mauerzinne erklimm^ mit 
dem Blitzstrahle erschlägt. Es steht diese Gestalt als der 
Typus des wilden Kämpen allgemein lest. Es ist da wohl 
der Schluss erlaubt,^ ^) dass diese gewaltige Figur, von einem 
Dichter geformt, die Phantasie des Volkes so gefesselt hat, 
dass sie vom umbildenden Strome der Sage nnberührt in 
fernste Zeit hinans stehen blieb, em Ürbild ungezügelter 
Heldenkrafb. Dasselbe Schidsai hat der von der Erde ver- 
schlungene Amphiaraos gehabt, dasselbe der grimme Tydeus: 
und (las^ diese beiden Gestalten vom Dichter des Amjihi- 
araosliedes für die Ewigkeit gezeichnet sind, ist versucht 
worden, durch diese Untersuchung zu beweisen. Der Ge- 
danke liegt nahe, dass auch Kapaueus demselben Dichter 



**) Ee iBt keine Tennlsssong, ihn hier als Alton la denken 
(vgl. Welcker Ep. C. II 8G7); er ist vielmelir etwa gleichaltrig mit 
seinem einstigen Gegner Amphiaraos. 

Schol. B 564 =- schol Phoin. 181. 
Schol. Find. J. IX 31, ApoUd. III 6. 3. 1, Hyg. 1 70. 
"*) Paus. Tl 18. f). 
") Vgl. ßohde Püycke I 107 n, 1. 



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III. Dos Ampbianos AaBfahri. 



65 



sein festausgepr^tes Bfld terdanke. Doch ist zu bemerken, 
dass er merkwürdiger Weise bei Homer nur nn SchiffGh 
katalogo beiläufig erwäbnt wird und sein Sohn Sthenelos 

keine Kolle spielt, während des Tydeus Heldentliuin des 
Öfteren gepriesen wird.^*) 

Adrastos entkam aus der allgemeinen Niederlage sicher 
in der Thebais allein von allen durch sein göttliches Ross. 
Kein Zeuge berichtet anders. Dennoch kann mit voller Be- 
stimmtheit gesagt werden: auch er ist nrsprOnglidi vor 
Theben gefallen» wie alle seine Genossen. Das ist eine Ent- 
deckung H. Useners, die zu benutzen er mir gütigst gestattet 
hat. A 328 — 334 tödtet Diomedes die beiden Söhne des 
Merops von Perkote, der besser als alle die Seherkiiiist ver- 
stand: der Vater hatte sie nicht zidien lassen wollen ifi den 
mordenden Krieg; doch sie hatten ihm nicht gehorcht — 
x^geg yccQ ayov fitXavog d^avaxoio. Dasselbe steht im B 
828 — 834, da sind auch ihre Namen genannt: ^d^i^o^ und 
"Aftquog, Der zweite Name ist nur die kurze Form von 
*4(ig>iaQea>qy U(tg>idQtjg, yriQ*ICf/aQog von *Ic/idQa6oq, KdXXixxog 
für KaXXutxldffq U8W.">) So tritt das aus den thebanischen 
Sagen wohlbekannte lleldenpaar uns auch unter den troi- 
schen Bundesgenossen entgegen. Ihre Heimath, ihr Geschlecht 
haben sie geändert, aber ihre Namen sind ihnen geblieben 
— und ihr Schicksal: sie wussten, dass der Krieg sie ver- 
derben würde,^*^) aber sie zogen doch aus und vollendeten 
ihr Geschick > alle beide, Adrastos wie Amphiaraos. Die 



^] S. jedoch T. WilamowitK HenneB XXVI 326 und vgl. unten 
Cap. TU a. E. 

") Vgl. Maaas Hermes XXIII 613, CniBius N. Jahrb. f. Pb. 
CXLin (1891) 390. 

**) Die Sehergabe ist von Amphiaraos anf den Vater überge> 
gangen. £ 612 wird ^Api^iog noch einmal erschlagen, aber allein und 
alfl Sohn des SiXayoq von Faisos. 

B«tbe, Heldenlieder. 5 



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66 



m. Des Ampbiwaos Anafalirt 



Folgenmg liegt auf der Hand: des Adiastos Entrinnen kann 
nicht alte Sage sein. Wie er vor Troia mit Amphios dem 
Tode Terfö.llt) so mnss er auch einst tot Theben mit Amphi- 

araos dasselbe Loos getheilt haben. Und wenigstens eine 
leise Spur dieser Sagenform kann in Boiotien aufgezeigt 
werden. Strabon bemerkt IX 404, bei dem Theben benach- 
barten Orte "AQfia sei des fliehenden Adrastos Wagen zer- 
• trümmert worden, nnd setzt aus Philochoros hinzu, dass die 
Bürger dieses Dorfes w^en Rettung des Adrastos IsopoHtie 
bei den Argivern genössen. Die hinzugefugte Bemerkung, 
der Held sei durch sein Ross Areion gerettet worden, will 
offenbar nur zwischen dieser nngewöhnhchen und der vul- 
gären Sage veruiittebi und richtet sicli auch dadurch selbst, 
dass die so erfolgte Rettung nur durch Reiten möglich ist. 
Wird der Streitwagen eines homerischen Kämpfers beschä- 
digt, so ist er selbst verloren, rettet ihn nicht seine Hel- 
denkraft oder das Gefährt eines Freundes* loh glaube da- 
her, in dieser einzigen Notiz noch einen Nachklang der von 
Usener aufgedeckten uralten Sagenform erkennen zu dürfen. 

Nach der ursprünghchen Sage kamen also alle sieben 
Helden von Arges in dem furchtbaren Kampfe vor dem 
siebenthorigen Theben auf der Ebene des Ismenos um und 
keiner entrann. Die Thebais rettete den Adrastos und Hess 
Theben durch die Epigonen erobern, die Väter rächen. Das 
Ampbiaraoslied kannte diese Sage nicht und endete mit der 
Vernichtung der stoLsen Argiyer. Und dies Epos sollte einen 
Fürsten haben entkommen lassen, ihn, der durch hinter- 
listige Bestechung seiner Schwester den Schwäher in Krieg 
und Tod gezwungen hatte? Was sollte aus Adrastos werden? 
Zu weichem Zwecke sollte es die Sage geändert haben? 

Sthenelos sagt J 409 von den Sieben: xeTvoi de afpexh- 
^0tv dtaCd-aXiyCtv oXovxo, Hesiod W. u. T. 162 kennt nur 
den Untergang der Heroen vor Theben, und Pindar erzählt 



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ni. Des Anphlanoi Ausfahrt. 



67 



N. IX, wo er die Sagefom der h%ilaiUq wiedergiebt^ dasa die 
Sieben an den Ufern des Ismenos um die stae Heimkehr 
kamen nnd erwähnt wie die Uiasstelle dee Adrasioe Flacht 

nicht. Freilich kann dies Schweigen ebenso wenig beweisen, 

wie die aieben Lriclieu hei riiidar;^") aber möglich ist es 
wenigstens, d tss sie der alten Sage folgen. Aller argiver 
Helden Tod und Verderben wird auch das Ende vom Liede 
gewesen sein, das des Amphiaraos Ausfahrt besang. 

* 

Aus dem wüsten Trümmerhaufen von Köpfen, Leibern, 
Armen und Beinen setzt der Arcbaeologe die Bildwerke 
wieder zusammen, indem er ein Stück mit seiner Bruch- 
fläche an ein anderes anpasst; bei fortadureitender Sichtung 
wird es ihm möglich, Fragmente einer Statue auch dann 
mit Sicherheit zuzuweisen, wenn die sinnfällig beweisenden 
Verbindungsstücke fehlen. Dasselbe ereignet sich bei Re- 
construktionsversucheii von Epen, deren Trümmer durcheiuau- 
dergeworfen und unbezeugt auf uns gekommen sind. 

Das sehr gelehrte Scholion zu den Phoinissen 26 giebt 
unter einer Fülle seltener Versionen auch folgende Notiz: oi 
6^ {(paai TOP Oidixoöa) slg d-aXaCCav lxQig)rjvai ßXt^ivra 
elg XaQvaxa xai jtQOöoxBlXavra trg SbxwSpi vxo xov HoXv- 
ßav dpazQo^vat.*^) Dies ist nicht die einzige Spur dieser 



V. Wilamowitz Isyll 1G3. Dass weder dio i^ÜMotg noch die 
Thebais die BestattuDg der Argiver enthalten hat, und wie Pindars 
Abweiehuog sa erküren ist, wird 8. 91 C geselgt mrdea. fivlak- 
mann weist noch ErwftlinuDgen des Adrast nach in Toi. HensvL YIII 
(Gell, alt) t 65. Vorlftnilg ergeben sie nichts. 

**) Dieselbe Kotis ist Terehiselt m t. 28 niederholt mit der 
Aendenmg KoqIv9^ für SucvmPL Da hier gar nichts neues gegeben 
wird, so kann man an den selbstotäadigen Werth dieser Bemerkimg 
nicht glaaben, muss vielmehr amiehmen, dass schol. 26, lesp. dessen 
Vorlage, ihre Quelle ist und iigend Jemaod fOr das ungewohnte Lo- 

6* 



68 



ni. Des Amphiwaos Anafahrt. 



TerscholleneD Sage. In Hygins Fabel 66 ist berichtet: 
Joca«ta Menoeci filia uxor (Lai) eam peperiBset (filium), 
inasit (Laiiu) ezponi. Hnnc Periboea» Polybi regis ozor, cum 
vestem ad mare lavaret, expodtom rastuHt, Polybo adente; 
quod orbi erant liberis, pro mo educavenmi** Ein glück* 
licher Zufall hal vor Kurzem eine Bcstiiti^uiig der richtigen 
Verbindung dieser beiden Notizen an s Licht gebracht. Es 
ist eine Thonschale mit gepressten figürlichen Darstellungen 
und Namensbcischriften aus Tanagra, jetzt im LoaTre be- 
findlich, yon £. Pottier mit trefflichem Commentare publi- 
cirt'*) Sie zeigt zwei Scenen. links sitzt aof einem Sessel 
inoXv]B[p}2 in den Annen den kleinen OIAinOTS; zn 
ihm spricht die vor ihm stehende UEPIBOIA. Anf dem 
andern Bilde steht dieselbe Frau auf runden Felssteinen, wie 
sie das Meer wäsclit und au-^spült, nach rechts gewandt, 
einen Knaben auf dem Arme, n(!ben ihr liegt ein Körbchen. 
Ihr gegenüber ist EPMHX, den rechten Fuss auf gleich- 
artige Steine setzend, im Gespräch zu ihr dargestellt Rechts 
Yon ihm sitzt zu ihm aufsdhauend anf einem nach links 
springenden Delphin eine bekleidete Fron. Diese Nereide 
deutet wie die runden Steine Meer an; am Ufer stehen 
Hermes und Periboia, welche den eben im Körbchen an- 
geschwemmten Oidipus aufnimmt. In der zweiten Scene 
iibergiebt sie ihn dem Gatten Polybos.^^) Die schon von 

ksl oline Weiterei EorIntiL dngesetKt hat, den ditreh Sophokles für 
das spätere Alterthom dnrchsoi feststehenden Ort der Eniehimg des 
Oidipus. Schneidewin Oidipnssage 191, Unger Parsdoxa ThelNUia hal- 
ten Ko^Bip för richtig« 

**) Monmnents grecs pnbliäs par Tassoe. poor renconrag. des 
Stades grecques en France 1885—1888 pl. 8, p. 48 -» Benndorf Vor- 
legeblfttter 1889 YIII 4 Robert Homer. Becher (50. Berl. Winckel- 
mannsprogr 1890) 76, eine höchst dankeswerthe Sanunlong dieser In- 
teressanten Stücke mit ergebnissreichen Erläuterungen. 

Robert a. a. 0. sucht Pottlers Yermuthung zu begrflnden, 



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UI. Deä Amphiaraoa Ausfahrt 



69 



Pottier hervorgehobene Uoboreinstimmung dieser Darstellung 
mit Hygins Fabel ist oflfcnliar, nicht weniger aber auch mit 
der Notiz des Phoiuissencommentars. Da wird Sekyon als 
Ort genannt: also ist Sekyon auch für Hygin imd die Illu- 
stration des Bechers als Lokal anzunehmen. Dazu stimmt 
trefflioih, dasB auf letzterem Hermes in die Handlung ein* 
greift: denn er ist nach der sekyonischen Königsliste 
Vater des Polybos/^) während der Korinther Polybps völlig 
vereinzelt steht. 

Zu diesen drei Zeugnissen gehört unzweifelhaft auch 

diese Dsrstelliing gehe auf den Oidipiu des Euripides soiügIl Sein 

Beweis beruht 1.) auf der Annahme, das Relief der ctruskischen Ascheii- 
kiste bei Körte Ume Etrusche II tav. 7. 1 sei eine Illustration die- 
ser Tragoedie, und 2.) auf der Deutung der links auf derselben 
sitzenden Frau als Pcriboia. Abnr schon die erste Voraussetzung 
scheint mir nicht richtig oder doch sehr unsicher. Jene Erklärung 
ist allein auf fg. ö41 gegründet, wo Diener des Laios er/iihlen, sie 
hätten den boim des Polybos geblendet. Auf der Aschenkiate aber 
hat der vermeintliche Oidipus eine Frau und zwei Knaben, wäre also 
schon öeit Jaiiren König. Alb buli lier und als Erbe des Laiob wäre 
er Herr Uber dessen Diener: es gäbe also gar nicht mehr Diener des 
LaicMf. Und wie sollen sich Diener am Könige vergreifen? Oder ist 
Oidipus gar nicht König? Feiner: hier sind nnr zwei Söbnchen dar- 
gestellt, Oidipns hat aber stets vier Kinder; weder die veimeintlicbe 
lokaste noch Oidipns rind als Forsten cbaralcteriidrty sondern nur die 
L thronende FTau und ev. der neben ihr stehende Mann sind als kö- 
nigliche Personen anzuerkennen. Und gerade diese Frau sollte die 
fremde Periboia sein? und sie sollte der l^olter ihres Pflegesohncs so 
ruhig zuschauen? Die Darstellung passt nicht auf Oidipus: eine Kö- 
nigin oder ein Königspaar lässt einen Mann blenden, zu dem ein 
Weib uod zwei Knaben gehören. — Auch kann ich Roberts Combi- 
nation, dass Hermes das Oidipusknäblein vom Kithairon der Periboia 
gebracht habe, nicht billigen, weil schol. Phoin. 26 die Version be- 
zeugt, dass Oidipus in einer Kiste in's Meer geworfen wurde. — 
Eine altepischö Sage auf einem „homerischen" liecher nachgewiesen 
ist nicht angtösslg: vgl. Eobert 26, 31, 42, 46. 
Panaan. n 6. 6. 



70 



m. Dm AmpUanuMi Avafalirt 



folgende gleicbftedls bei Hygin und zwar in der älteren 

Fassung erlialtene Notiz :*^) lücidit Thcbis stürilitas et 
pestilenftia ob Oedipodis scelera.] Interim (P)eriboea Polybi 
regis uxor [quae ista omnia cogiiojverat, Sicyone Thobas 
venit, eique de [eins suppoaitioue paiam i'jecit. Die Namen 
Periboia und Sekjon stimmen mit der eben ziiaammen- 
gestellten Sage. Base sie den Oidipus ihrem Gatten iinter- 
geechoben» ist hier ausdrücklich bezeugt im Gegensatze zu 
der auch Fabel 66 befolgten Yulgarsage. An ein Yeraehen 
des späten durch so viele leichtsinnige nnd unwissende 
Hände gegangenen Werkes darf nicht gedacht werden, denn 
diese Unterschiebung ist oiii Sagenzug, der älter ist als 
Euripides.*^) Dieser legt nämlich der den Prolog der Phoi- 
nissen sprechenden lokaste die Worte in den Mund: 
Üokvßov 6i vtv XizßovtBg IxxoßovxoXoi 
g>iQOVC* iq oixovq bIq t$ öeaxolvtjg x^Q^ 
80 %9iptav, ff dl tov ifiop möhmv xopov 
Itadtolq vg)eTTO xal xofStv mt^Bi TBxef», 
Diese Verse sind hier auffallend: denn die Unterschie- 
bung ist weder motivirt noch bewirkt sie etwas; also 
hat sie Euripides nicht erfunden. Auch steht es zu ihr ge- 
wissermaassen in Widersprach, wenn gleich darauf erzählt 
wird, Oidipus habe kamn herangewachsen selbst erkannt oder 
Ton Andern gekört, er sei nicht des Polybos Sohn. Dazu 
l[QiD]iit nmi, dass hei der Dentimg jener gepressten Schale 
sowohl Pottier wie Robert^^) aus der Art, wie Polybos den 
Oidipus hält, geschlossen haben, er erkenne ihn durch Auf* 



fftb. 67 in dem von Niebuhr entdeckten und gelesenen Pa- 
limpseste der Vaticana V. oder VI. saec. vgl. Hyg. fab. ed. Maur. 
Schmidt p. XLIX. Die Ergäxizung der dritten Zeile, auf die es alleiu 
anVommt, iit dndi den erlialteaen Text gesichert. 
^) Anden Schneidewln 193. 

Deutsche Litteratiir>Ztg. 1870. 106. 



üigiiizea by GoOglc 



III. Dei AmphUraoB AmfUirt. 



71 



heben als seinen Sohn an; die Anweisung, dass Feriboia das 
gefundene Kind unterschieben sdle» wiid wohl der Inhalt 
des dargestellten Gespräches zwischen ihr und Hermes sein. 

Endlich kann darauf hingewiesen werden, dass doch diejenige 
Form der Sage, nach welcher eine kinderlose Frau einen 
Findling unterschiebt, ursprüngliclier ist als die, welche sie 
den Findling als solchen aufziehen lässt Polybos wünschte 
' einen Erben seines Thrones; gebar ihn die Gemahlin nicht» 
80 musste sie Verstossung furchte; natürlich ergriff sie das 
Glück, welches ihr ein Kind in die Arme warf und gab es 
als das ihrige dem sehnenden Gemahle.^^) Somit ist die 
Unterschiebung nicht nur ein alter Zug, sondern ist auch 
mit der jetzt verfolgten Sagcuform duich doppeltes Band 
verbunden. Sie hat sich jetzt so gestaltet: Oidipus wird 
kaum geboren in einem Kästeben in's Meer geworfen und 
bei Sekyon an den Strand getrieben. Periboia zum Waschen 
hinuntergestiegen findet ihn und schiebt ihn auf den Kath 
des Hermes dem Polybos unter . . . (Oidipus kommt irgend«- 
wie nach Theben und erschlagt den Laios) . . . Periboia er- 
fiUirt seine Schicksale, zieht ihm nach und teilt ihm mit» 
dass er nicht ihr Sohn sei. 

Diese Sage borülirt uns, die wir unter dem Banne des 
sophokleischen Oidipus stebon, frcmdarti^^, und so wirr! Miss- 
trauen wohl Viele beschleichen. Aber das muss scbwindeu 
TOr den untrüglichen Zeichen strenger Alterthümlichkeit» die 



*'^) Es liegt jetzt nahe, die Worte im Schol. PhoUi. 26 p. 251, 
1. 11 (Schwartz) vnoßeßXila^ai a^hv tt^t<j) <paatv {OlSlnoSet Hokvßio) 
eine Zeile welter hinaafisorQcken Mnter dvat^a^^vat. Dann wAre 
anck hier die Version roUstftndig gegeben, was anck nOtliig war mit 
BftekBlcht anf t. 29/30. Von der Verbuidiuig Hippodameias ndt Oidi- 
pus wissen wir gar nichts; nur sehen wir, dass der Satz verderbt ist 
Aber diese Yerderbniss wird nicht durch das Hlnaofsehieboi jener 
Werte geheUfc: die UmsteUong bleibt also unsicher. 



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72 



in. Des Amphiaraos Ausfahrt. 



816 tragt. Die Königin^') am MeereBstrande waadhend ist 
ein echter Zug aus dexa patriarclialisoh einfachen Leben der 
Heroenzeit, ein sdiones Gegenstück zu Nousikaa. Ein spä- 
terer Dichter hätte ihn nicht eriuutieii. Die Aussetzimg des 
kleinen Oidipus in's Wasser findet Paiallelen in vielen 
griechischen und barbarischen Sagen.*') Violleicht hat sie 
hier einen tieferen Sinn in uralt heiligem Rechte. Der 
Vatermörder soll eingeechlosseii werden in Ledersack oder ' 
anderes Qefäss und geworfen werden in's Meer oder in 
fliessendes Wasser: das ist die Strafe für den, welcher durch 
das Zerreissen der heiligsten Bande den Ansprach verwirkt 
hat, das Licht der Sonne zu selieu, der sich so befleckt hat, 
dass nur das ewig spülende Meer oder ewig rinnende Flüsse 
ihn rein waschen können. Auch bei den Italikern war das 
gleicherxnaaBseu Recht und ist als heilige Satzung lange 
bestehen geblieben und geübt worden.*^) Oidipus, der nach 
Götterspruch einst seinen Vater tödten sollte^ erleidet ehen 
gehören die Strafe für das Verbrechen, zu dem ihn das 
Schicksal hestimmt hat: zugleich ein sicheres Mittel ihn aus 
der Welt zu schafifen und den schon durch dies Orakel 
gräbsiich Befleckten zu sühnen.*-^) Schwerlich hat diesen 



*^) Dass sie Pprilmia als Gattin des sekyonischen Polybos 
hiess, hat Schneidcwin 193 sehr hübsch wahrscheinlich gemacht. 

üsener zeigt eine geradezu erstaunliche Parallolo zur Oidi- 
pussage in dem wundcrbarea serbischen Volksliede vom Findling Si- 
mon bei Talvj Volkslieder der Serben. Halle 1826. I 139. 

*") Bi uiiiienmeister Daa TödtuDgüverbrechen im altrömiacheu 
Recht 177 £f., 194, 196. Luterbach Der Prodigienglaube und Prodi- 
gienstU der Boemer. Borgdorf. 1880. 20. Leo Ylndieiae Flantiiite 
BoBtock. Progr. 1887/8. 6. Mit dem Androgyn von Fnuino ist genan 
80 verfalireD, wie hier mit Oldipiu: livins XXYII 37, Diek Sib. Bl. 
89 ff«; mit einem Vatermörder: Gic. de invent II 

Vielleldit ai&d die Worte des sopbokleischen Oidipus T. 1411 
nach der Entdeckung bedeatongsToU: f ^etXaaaiov isc^ltpaz*, 



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ni. Des Ampbiaraos Anifahrt. 



73 



Zug ein späterer Dichter erfunden, sicher nicht die am 

Meercsstrande waschendo Königin. Einen neuen Beweis für 
das Alter dieser Sa^enform giebt die Erwälmiing Sckyons. 
Denn seit der Tragödie ist es der König von Korinth, der 
Oidipus aufzieht. 

Aber diese Angabe kann mehr nutzen : sie führt auf die 
Spur eines grossen ZusammenhaDges. Es ist bewieseD, dass 
Sekyon im Amphiaraosliede der Sitz des Polybos war und 
es von ihm sein Tochtersohn Adrastos erbte, da er selbst 
keine eigenen Söhne hatte; dass dieser von hier aus seine 
angestammte Macht in Argos wiedererwarb und über Sekyon 
wie in Argos herrschend der Mächtigste war unter den 
Hellenen und dass er mit Polyneikes gegen Theben zog. Nun 
giebt eine Sage, aus deren geringen Trümmern noch die 
Spuren ernsten Alterthumes und grosser poetischer Ge- 
staltungskraft herrorleuchten, auch fiir die Kindheitsgeschicfate 
des Oidipus Sekyon und als seinen Pflegevater den kinder- 
losen König Polybos. Diese Stadt ist der Punkt, in dem 
sich Argos und Theben berühren. Ihr Fürst h;it den aus- 
gesetzten Sohn des Laios aufgenommen und erzogen; (h-r- 
selbe gewährt dem aus Argos vertriebenen Adrastos ZuÜueht. 
Und als nun später Polyneikes, der Sohn des Oidipus, aus 
Theben flieht, da wendet er sich natürlich zum Könige von 
Selqron, dem Erben des Polybos, der seinem Vater Vater 
gewesen war. 



(xrinot' slaoV'Fffy l'ri. Als Parallele bietet sich Perseus. Aiirli Toii- 
iies wird von seinem Vater Kykuos in einer Kiste in's Meer geworien 
vielleicht auch prophezeiten Vatermordes wegen: denn er erschlägt 
wirklich später ohne Willeu seinen Vater: Paus. X 14. 3 etc. Auch 
Paris wird nach schid. Lycophr. 183 in einem Ledersacke ausgesetzt 
— doch vielleicht ist diese GescMclito nur der Etymologie IldQiq 
TOn it^ffa wegen erfanden, — Ich mGchte die juristische ErkUnmg 
fUeser Sagen nur als Vorschlag betrachtet wissen. 



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74 



ni. Des Arapbi«nM» Aasfithrt. 



£m scharfer Beweis fSx die Zugehörigkeit dieser eigen- 
thfimlicbeii Oldipnasage zu jenem Epos ist nicht zu erbnagen, 
aber die Gombination durfte einmal gemacht werden. Doch 

prüfen wir, ob wirklich ein in bicii geschlossener Kreis ent- 
standen ist. Zunächst ist die Möglichkeit zuzugeben, dass 
in „des Amphiaraos Ausfahrt" auch die Vorgeschichte des 
Oidipus erzählt war. Denn dies Gedicht musste doch den 
Zwist der Oidipussöhne motivircn und das wird kaum ohne 
Erzäfalttog der Schicksale des schuldlos schuldbeladenen 
Vaters möglidi gewesen sein. Auch kann bedenklich machen, 
dass Oidipus noch in einer anderen Ueberlieferung, die in 
den Scholien zu X 271 und zu den Phoinissen 1760 vor- 
liegt, mit Sekyon verbunden erscheint. Es hat sich aber 
herausgestellt, dass dieselbe aus der Oidipodie stammt. Wie 
kann lerner im Amphiaraosliede erzählt sein, dass Polybos 
in Ermangelung eigener Söhne seinem Enkel die HerrschafI 
▼ererbte» wenn ihm seine Gattin den Oidipus untergeschoben 
hatte? Oidipus musste — das fordert die Sage — auf 
irgend eine Weise das Termeintliche Elternhaus verlassen 
und nach Theben gelangen, um dort seinen wirklieben Vater 
zu tödten und die Mutter zu lieirathen. Weiter fuhrt das 
vatikanische Hygin-Fragment: „Incidit Thebis sterilitas et 
pestilentia ob Oidipodis scelera, Interim Periboca Polybi regis 
uzor, quae ista omnia cognoverat, Sicyone Thebas venit 
eique de eius suppositione palam fecit.'* Vom Tode des 
Polybos ist hier nicht wie in der anderen Fassung dieser 
Fabel die Rede: wir dürfen ihn also nodi lebend denken. 
Auf irgend eine Weise ist entdedct worden, dass ihm Oidi- 
pus untergeschoben sei, und Periboia veranlasst, diesem dies 
mitzutheilen. Dadurch entliüllt sich, dass er der Sohn des 
Laios ist und senien eigenen Xider erschlagen bat. Da halte 
Polybos allen Grund seine Verbindung mit Oidipus zu lösen 
und sein Beich seinem Tochtersohne zu übergeben« 



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III. Des Amphiaraus Auäiahrt. 



75 



Diese Combiuation st tzt freilich viel voraus. Die Ueber- 
lieferung versagt. Aber die Mögiicbkcit der Vereinigung 
dieser Sage mit der „Ausfahrt" ist aueh von dieser Seite 
vorhanden. Jedenfalls ist diese verschollene Sagenform :dt, 
ursprünglicher als die uns geläufige, welche Korinth für 
Sekyon emsetzt Denn mit sekyonischerSage ist der stehende 
Pflegevater des Oidipus Polybos festverbunden, ebenso wie 
Adrastos; korinthische Sage dagegen kennt weder Eltern des 
Polybos noch weiss sie zu berichten, was aus seinem Reiche 

Schneidewin 1G8: „die Erziehung des Oidipus bei König Po- 
lybo8 von Eorinth, die BegcgDuug mit Laios in der (phoktiehen) 
Sehiste u. dgl. sind im alten Epos sicherlich nieht vorananisetEeD: 
fi. Gott. Geh Anszg. 1850 St 16." 

IMo engen Besiehmigen swischen Sekyon und Bolotien sind s. B, 
In der Antiopeaage handgreiflich. Ygl. 0. Jahn Archaeol. Zeltg. XI 
(1868) 69. 



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IV. Thebais. 



Bei der Reconstrnktion des Amphiaraosliedes hat sich 

für manche Züge vom Kriege der Sieben eine doppelte Ueber- 
liefening herausgestellt. Nach Ausscheiflung der einen muss 
nun die andere untersucht und aui ihren Zusammenhang ge- 
prüft werden. 

Ueber den Tod des Tydeu» liegen zwei einander aus- 
sdiliessende Versionen vor. Nach der einen ?on Pherekydes 
u. Ä. uberHeferten, welche aus des Amphiaraos Ans&hrt 
stammt, wird Tydens yon Melanippos todtlich getroffen; doch 
Amphiaraos rächt seinen Fall und wirft das Haupl des er- 
schlagenen Thebaners dem Waffengefahrten auf seine Bitte 
zu, und (lieser saugt sterbend das Hirn aus dem Schädel; 
Athena im Begriffe, ihm die Unsterbhchkeit zu bringen, 
wendet sich mit Grausen ab. — Anders erzählt Apollodor: 
Tydeus ist es, der den Melanippos ersohlSgt, schon selbst 
von ihm zn Tode yerwnndet Athena naht» um ihm durch 
ein g)dQfiaxov die Unsterblichkeit zu Tormitteln. Das sieht 
der Seher Amphiaraos — sein Todfeind, weil Tydeus gegen 
seinen Willen die Argiver zum Kriege beredet hatte — und, 
um di(^ göttliche Gnade zu verhindern, wirft er ihm des 
Melanippos Kopf zu, an welchem dieser in seiner wilden 
Wuth sich thierisch vergeht — und Athena enthält ihm 
empört ihr Geschenk vor* — Biese Erzahhiiig macht den 
Eindruck einer umwendenden Weiterbildung des alten Motivs: 



üigiiizea by GoOgle • 

i 



IV. Thebtis. 



77 



dort geht Tydeus durch seine zur Grässlichkeit gesteigerte 
Eampfesleideiischalt der höchsten Qottergabe Terlustig; hier 
missbrancht Amphiaxaos mit seinem Seherblicke das vilde 

Ungestüm des Tydeus, um seinen persönlichen Feind zu un- 
menschlicher That zu verleiten und so der Unsterblichkeit zn 
berauben. £s liegt hier also die Spur einer jüngeren Sagen- 
fonn vor. 

Dieser jonge Charakter darf als Kriterium dienen bei 
der Anfügung weiterer Bruchstücka Dazu bietet die Hand- 
habe ein ganz neuer Zug: die Feindschaft zwischen Amphia- 
raos und Tydeus. Der Seher hasst ihn, „weil er gegen seine 
Meinung die Argiver zum Kriege gegen Theben überredet 
hat". Das setzt ganz imdcre Ycrhältuissc voraus, als sie im 
Amphiaraosliede geschildert waren. Dort ist Ampliiaraos ein 
freier Fürst in Arges, den die übrigen Könige und Helden 
des Landes zu nichts zwingen können; nur seines Weibes 
Schiedssprüche hatte er sich unterworfen, ebenso wie sein 
früherer Feind Adrastos, seiner Gattin Bruder: und sie ent- 
scheidet» durch diesen bestochen, gegen den GemahL — 
Hier hat Tydeus die Argiver zum Zuge gegen Theben über- 
redet; des Amphiaraos Hass gegen ihn ist nur begreiflich, 
wenn auch er durch diesen Erfolg des Tydeus mit ihnen 
in den Krieg zu ziehen gezwungen wurde: also war Amphia- 
raos hier nicht selbständiger König, sondern er musste sich 
dem Willen der £dlen, ihrer Stimmenmehrheit fügen. Diese 
Sagenform wusste mithin nichts von dem Zwiste der drei 
Fürstenhäuser in Argos, ihrer Versöhnung und dem Ver- 
trage, durch den Adrastos und Amphiaraos sich dem Spruche 
£riphy1en8 unterwarfen. Unter diesen Verhältnissen ist 
die Schwägerschaft dieser beiden Heroen nic^ht Bedingung 
füi die Entwickelung. So weit kann man mit Sicherheit 
schliessen. Wenn ich nun die vereinzelte Notiz, dass Eriphyle 
in der That nicht des Talaos Tochter war, mit dieser Sagen- 



78 



lY. Thebais. 



form verbinde, so ist das nur Yermatliiiiig. Sio soll nicht 
Eckstein für weitere Gombinationen sein, ergebt sich aber 
80 natürlich, dass sie als eine wahrscheinliche eingefügt 
werden darf.') Nach dem Amhrcsiannsscfaolion za JL 326 
ist Eripbyle Tochter des Iphis und diese Verwandschalk wird 
offenbar vorausgesetzt in der oben S. 52 von der Version 
des Anipliiaraosliedos abgesonderten Stelle bei ApoUudoi III 
6. 2. 2: noXtwflxfjc 6* dq)ix6fievoq ttqoq 'I(fir ror ]4Ztxi(j- 
Qog f}^iov (ia^^tlv, 3cmg av 'AiiquoQao^ drayxaö&-£lr^ arga- 
t6V6a0-ai' 6 dt dxBV d Xdßoi top op//or ^EQixpvXri. 'Afi^tä' 
Qoog (ikv Qvp dxetsfsv ISQigwk^ seoQa UoXvpdxovq ömQa 
XafifiavHV, UoXvvbItci^ dovg avt^ top oQftop i^§fav top 
'Afi^idgaop xslcai öTQatsvEiv. Dass sich aber Amphiaraos 
von der bestochenen Grattin, wie es hier heisst» habe über- 
reden lassen, in sein offenbares Verderben zu gehen, ist zu 
thoricht, als dass es irgend einer Sage, einem Gedichte zu- 
gemuthet werden könnte. Dazu konnte Amphiaraos nur 
gezwungen werden: so fragt auch Polyneikes. Da nun ein 
Entscheidungsrecht der Ipbistochter Eriphyle weder irgend- 
wo überliefert ist, noch sich irgendwie vorstellen lässt» so 
muBB sie einen andern Zwang anf ihr^ Gatten ausgeübt 
haben. Wir müssen also ans diesem inneren Grande an-* 
nehmen, dass Apollodor diese Variante nicht rein erhalten, 
sondern mit der anderen, bei ihm schon nachgewiesenen 
Version vermischt hat, durch welche das folgende :ieiaai er- 
klärt wird. 

Wie über den Tod des Tydeus, die Abkunft und Stellang 
der Eriphyle, so giebt es auch über die Art» wie sie ihren 
Gemahl zur Theilnahme am Kriege veranlasst, neben der 
Wendung des AmphiaraosHedes noch eine »weite. Hygin 



Auch Otto Wolff in Roschers Lexicon Sp. 294 stellt beide 
Augaben zusammeo. 



üigiiizea by GoOglc 



lY. TheWs. 



79 



berichtet in Fabel 73» ans welcher oben S. 53 das auf jenes 
Gedicht Zurückgebende ansgesondert ist: »Amphianuu . . . 
qni sciret, si ad lliebas oppugnatom ieset» ae inde non re- 

diturum, itaque celavit se conscia Eriphyk coniuge siia."^) 
Auch bei Statins, der viclfadi dasselbe mythologische Hand- 
buch benutzt,^) reizt Tydous die Argiver zum Kriege auf 



*) Der Zasstz „Talai filia" beweist nichto; er war Döthig fflr 
die mit dieser contamiDirten Version des Amphiamoslledes. — Ebenso 
Mythogr. Vatic. I 152 ,,Ämpliiaraiis autem mortem timens in domo 
latult. Eriphyle ... cum prodidit"-, I 151 .,Eriphylc ... maritum ad 
bellum ire nolentem prodidit et paene invitnm ire coegit." — Auch 
Schol. X 326 scheint beide Versionen euthalten zu haben; denn so- 
wohl die Varianten über die Abkunft Eriphylens von Talaos und Iphis 
ist angegeben, als auch die doppelte Version ihrer Betstechung durch 
Polyneikes oder Adrastos; vielleicht bringt eine vollständigere Hand- 
aehrift mehr. Es lUunmt diei Sdiolion, deaaen Verwandtacfaaft mit 
Hyg. fab. 73 eioleechtet, ans dem mythelogtachen Handboehe, wie 
aach die UnoQta des Aaklepiadea ebeada. 

*) Statins setst den Stoff als bekannt ▼orans nnd fthli sich da* 
her der Aufgabe flberhoben. Um entwickehid zu ersihlen. Er will 
effektvolle Scenen schildern nnd rheUttisehe Reden halten lassen. 
Die Handlong hat er sich nicht klar gemacht. So fehlen wichtige 
Verbindungen und Motive; andrerseits finden sich doppelte Motive, 
die einander ausschliessen. Z. B V G5o ff wird Hypsipyle durch 
Tydeus vor der Wuth des Lykurgos gerettet; Lr jt7,dem lä.sst St. noch 
710 ff, ihre Söhne auttreten, was doch nur denselben Zweck hat. 
Dieser Zug stammt aus Euripides Kypsipylcr fg. 705, offenbar auch 
der, dass Diouyöüa alle Flüsse und i^uelleu m Argos versiegen l&SBt, 
am seine Enkelin Hypsipyle mit den Argivern zusammeiuufilhren: 
ly 646, y 712 vgl. Earip. ig, 752. — Auch sonst steckt noch man- 
ches nnbenatite Gut in dem Wnste: so giebt St. gewiss aus echter 
Ueberlieferong in der sonst wie bei ApoUodor enfthlten Vorgeschichte 
der Hypsipyle an, ihr Vater Thoas sei Ton Bakchos nach Chios ge- 
rettet und habe dort geherrscht. — Was für Kallimachoi an gewin- 
nen sei, hat Knaack An. Alex.-Rom. 14 ff. vorzüglich gezeigt; s. fer- 
ner Theb. IV 160, VII 320, XII 432 (vgl. Spiro de Eur. Phoin. 45) 
— Statins wird die Quelle, ans welcher seine Leser, wie er vor- 



80 



lY. Thebais. 



(III ^45 ff.), und Amphiaraos schliesst sich in seinem Hanse 
ein, nachdem er ans Vogelzeichen den nnglücklichen Aus- 
gang des Krieges erkannt hat (III 572). Aber in der con- 
fusen, Tiele Motive anschlagenden, manches Widersprediende 
zusammenflechtenden Erzählung dieses Dichters erscheint 
zwar Eripliyle IV 187 plötzlicli mit dem Halsbande der 
Harmonia, das sie vom Polyneikes erhalten hat, auch wird 
ilu' Verrath am Gatten angedeutet — doch worin er be- 
stand, erfährt der Leser nicht. Wir können jetzt aber er- 
schliessen, warum sich der Seher yerharg. Hatte Eriphyle^ 
wie in der Ausfahrt des Amphiaraos zwischen dem Gatten 
und Adrastos zu entscheiden, so konnte ihm kein Versteck 
nutzen; denn wie dieser hatte er geschworen, ihrem Spruche 
y.ii gcliorsamen. Das Verstecken hatte nur dann für ihn 
Zweck, wenn er Heeresfolge zu leisten verpflichtet war. Dies 
aber ist sein Verhältniss in der jüngeren Sagenfomi, die wir 
verfolgen. An diese — und allein an sie — schliesst sich 
also dies eigenartige Bruchstück an und zwar als noth- 
wendiges Glied. Sie fordert den Verrath Eriphylens und 
dieser wird in der ApoUodorstelle derart erzählt, dass an 
das Amphiaraosepos zu denken unmöglich ist, aber trefflich 
das, was aus der zweiten Ueberlieferung über des Tydeus Tod 
sich ergeben bat, mit den Voraussetzungen verbunden wird, 
welche für das Verstecken des Amphiaraos nothweudig ge- 



au886t2t6, die Sage kannten, selbst nicht unbe&utst gelassen haben: 
das mythologisehe Handbuch. So findet sich vieles, was er knapp 
andentet, ansflifarlich bei ApoUodor: vgl. Theb. II 179; III 572; IV 
187 (II 265), yn 787, VIII 105; V 655; Vm 700. Ein Beweis, dass 
St* dies Handbuch benutzt habe, ist dennoch dem im Princip Ungläu- 
bigen schwer zu liefern, riravirend jedoch ist, dass Statins XII 482 
ebenso wie Apollodor Iii 7. 1. 2 die Wittwcn der sieben Argiver in 
Athen am Altäre des "Elfo - um ITilfe flehen Iftsst. So auch 
Kikephoros; Wab ßhetores I I. 1. a. 



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rS^. Thebais. 



81 



macht werden müssen. Man wende niolit ein, der freilicli 

nur bei späten Schriftstellern überlieferte Zug, fbibs Anqihiu- 
raos sich verborgen halte, sei eines Helden unwüitlig und 
könne nicht alt sein. Im Gegentheil, er kann nicht jung 
sein. Denn schon den Griechen der uns historisch kennt- 
lieben Zeit und gar den Römern galt es in der That für 
schimpflich, sich dem Kriege, auch dem sicher Terderhlidieii 
za entsieheiL Nicht so den homerischen Menschen. Odysseos 
hat dordi erheuchelten Wahnsinn Tersacht, die Werber zu 
täuschen, damit er bei seinem blülienden Weibe und lieben 
Söbnlein daheim bleibe, und blutig hat er sich an Pala- 
medes gerächt, der listig st iuen Anschlag durchkreuzt*): 
eine schlagende Paraüüie lur die erschlossene Sago von 
T^deus und Amphiaraos. Weil Thetis wnsste, dass ihr Sohn 
vor Troia £allen müsse, Tersteckt sie ihn unter den Töditem 
des Lykomedes ^ nnd der jnnge Adiill geht ohne Bedenken 
auf die Weiheirolle ein, um sidi so das sonnige Lehen zu 
eilialten^). 

Jetzt crluilLeu wir folgenden Zusammenhang. Tydeus 
überredet die Fürsten von Argos, den Kri^ gegen Theben 

Dies durfte hi den ETprien gestanden haben, nicht weil es 
FlrokloB angiebt, sondent weil wir aus Pam. X 31. 2 wissen, dass in 
den Eypiien Odyssens den Falamedes ermordet hat und diese That 
in jener Geschichte ihre Motivinrng findet 

") Aach diese Sage haben wohl die Kyprien etafthlt. Denn 
sicher brachten sie den Achill nach Skyros und Hessen ihn da den 
Pyrrhos-Neoptolemos zeogen: das ergiebt das direkte Zeugniss hei 
Paus. X 26, 4. Aber die betreffende Version im Kypriencapitel des 
Proklos gehört violmohr der kleinen THas: schol. T 32G (s. oben S M 
n. 9). Dagegen erzählt ila'^solhe 8oholion die {jescbichte von Achill 
unter den Töchtern des Lykoniedes mit der Schhiss))cmerkung t) i<sxo- 
Qla nuQ« loJQ xvxhxolQ. Da diese nun durch das liild Polyguota 
(PauB. I 22, bj als vortragisch erwiesen wird, ist ihre Beziehung auf 
die Kyprien nicht unwahrscheinlich, für die auch vielleicht Lyko- 
phron 277 f. (vgl. Paus. IV 2. 7) angefahrt werden könnte. 
Bethe, HqMwilleder, 6 



82 



IV. ThebalB. 



za bescliliemn. Amphiaraoe, der Seher» sieht seinen Tod 
hei diesem Zuge Toraus, und nm sich der schvldigen Heeros- 

folge zu eutziehen, verbirgt or sich in seinem Hause. Da 
fragt Polyneikes, welchem am Zustandekommen des Feldzuges 
vor Allen liegen muss, des Amphiaraos Schwiegervater Ipbis 
um Bath, wie er jenen ziu Theilnahme bewegen könne. 
Dieser schlägt ihm vor, seine Tochter Eriphyle durch Ge- 
sdienke zu yersncfaen. £r giebt ihr „das Halsband** und sie 
Yerräth ihm den Versteck des Gatten. £r wird hervor- 
gezogen nnd muss nun dem Heere folgen. Aber den An* 
Stifter des Krieges Tydens verfolgt sein Hass nnd in letzter 
Stunde rächt er sich an ihm: er bringt ihn um die Unsterb- 
lichkeit. Ohne Zwang schliessen sich die einzelnen Bruch- 
stücke zu diesem Ganzen zusammen. Schon dadurch und 
weil sich klare, anschauliche Bilder ergeben, hat es den 
Schein der Wahrheit für sich. 

Die verfolgte Sagenfonn kennt den Yerrath Eriphylens 
im Gegensatz zum Amphiaraosliede. Hier steht sie nicht 
als Schiedsrichterin über dem GemaUe, sie ist hier nur sein 
Weib. Einfache Menschlichkeit, Liebe zum Gatten, Pflicht, 
ihm zu gehriiliCii ui d sein Leben zu wahren, fordern hier 
von ihr gebieterisch und heilig, seinen Versteck geheim zu 
halten. Aber der Verlockung des gleisseuden Goldes vermag 
sie nicht zu widerstehen: sie wird zur Terbrecherischen 
Verrätherin. Das fordert Strafe. Amphiaraos hat sie nicht 
genommen. Sein Sohn musste sie nehmen. Folglich ergiebt 
sich die Nothwendigkeit, dass zu dieser Sagenform auch die 
Rache an Eriphylen gehöre, der Muttermord des Alkmeon» 
alüü auch wahrscheinlich der Zug der Epigonen. 

Bisher ist nur die Ueberlieferung der Mythographen be- 
nutzt. Jetzt wenden wir uns an ältere Zeugen mit der 
Frage, ob sie die aufgedeckte Version kennen. 

Aischylos schildert Amphiaraos nnd Tydeus als Feinde. 



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lY. Thebftli. 83 

In den Sieben beschreibt der Bote dem Eteokles also den Am- 

pliiaraos: 

'Of/oXootöiv de jtQoq jtvXaig rtTayfitPog 
xaxotöi ßd^ei xoXXa Tvödcag ßlai^, 
Tov dvÖQO^vvt}P, TOP x6Xewq Ta(fdxTOffa, 
555 ftfyiitTOV "AqrfBi tcäv xaxmv 6i6daxalov, 

xaxdSp T *A^Qa<Sf€f!^ rcSpde ßavXsvT/jQiop. 

Amphiaraos spricht hier in den Beiwörtern, mit (Ionen er 
Tydeus überhäuft, deutlich aus, warum er ihn hasst: er hat 
den Krieg heraufbeschworen, in dem der Seher seinen Tod 
zu finden gewiss ist:^) 

B70 tycoye ftiv 6?/ rt^vSs xiavm x^oi^a. 

Auch Tydeus ist dem Aniphiaiaos nicht hold: er wüthet vor 
dem Proitidischen Thore den Ismenos vor sich, den zu über- 
schreiten jeuer ungünstiger Vorzeichen wegen noch nicht er- 
laubt. Laut schmäht er ihn deshalb, aus Feigheit meide er 
die Schlacht: 

365 d'Blvu d' op$lSei fidvvip OixXetSffv öotpov, 

Oalvew //o(>or tf xal f/dytjp d'^pv/^ia. 

Freilich kann dieser Vorwurf aus der Situation allein ver- 
standen werden. Der jähzornige Tydeus könnte ihn wohl 
Jedem madien, der seine Kampfbegier zu zügeln versucht 
Aber wie viel herber, treffender wirkt diese Schmähung 
wenn in der That Amphiaraos dazu Veranlassung gegeben 
hatte, wenn er nicht nur im Rathe der Fürsten gegen den 
Krieg gesproclien, sondern aiK ii, als er beschlossen war, der 
Heeresfolge sich durch Verstecke zu entziehen versucht hatte 1 

«) Auch Welcker Ep. C. II 331 f. nimmt dies für die Thcbais 
iü Anspruch, weil „Aischylos seine Trilogien auf der Grundlage ho- 
merischer Poesien aafbaute" cS. 323). — Vgl. auch WeU zu Aischyl 
Sept. 658. 

6» 



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84 



IV. Thebftifl. 



Dnrcli die KeimtDiBs dieses Zuges gewinnen die Worte an 

Gewicht, und andrerseits dürfen diese Stellen als crwünscb- 
teste Bestätigung der Kiclitigkeit der oben ausgesprüciieüen 
Vermuthung angesehen werden. 

Nun ist viel gewonnen. Da Aischylos diese Sagenform 
voraussetzt, so darf man schliessen» dass sie in einem £pos 
niedergelegt war. 

Sollte nun Aischylos dies Epos nicht ausgiebiger benutzt 
haben? Dass Melaoippoe, des Astakos Sohn, dem "[fydeus ent- 
gegengestellt wird, ist kein Beweis f&r oder gegen diese Ver- 
muthung: denn wie in dieser Version waren sie auch im 
älteren Amphiaraosliode Gegner. Doch ist bomerkenswerth, 
dassTydeus in dieser Tragoedie an erste Stello wie der Haiipt- 
held gestellt ist Denn auch in diesem jüngeren Epos nahm 
er eine herrorragendere Stellung ein, als in der Ausfahrt 
des Amphiaxaos: hier ist er Urheber des Krieges, hier tödtet 
er selbst den Melanippos, der dort dem Amphiaraoe erliegt 
Aber, was das Auffallendste ist» die Liste der Sieben, welche 
Aischylos giebt, ist nicht die, welche für jenes Amphiaraos- 
epos zusammengestellt werden musste. Und doch steht sie 
fest in der Ueberlieferung. Denn dieselben Namen führt 
Sophokles im Oidipus auf Koionos 1313 ff. au, dieselben 
Euripides in den Schutzflebenden 860 ff. und auch die Liste 
in seinen Phoinissen ist die gleiche, nur dass Adrastos mit- 
gesählt und deshalb Eteoklos ausgelassen ist^ Dass sie 
aUe von Aischylos abhangen, wird Niemand im Ernste be> 
hanpten wollen. Nicht er hatte diese Sieben ausgeira.hlt: 
für seine Tragödie war es völlig gleichgültig, ob Mekisteus 
oder Hippomedon erwähnt wuide, ob Adrastos unter den 



^ Dorcli diese Tragoedien bes. die PhoiaiSBen ist diese Liste 
in die mythologischen Htndbttoher gekommen, iiAtflrlieh mit Tsiian- 
ten veneheo. 



üigiiizea by GoOglc 



lY. ThebftfaL 



85 



Siebea war oder als Heerkimig nicht pmönlidi in den 
Kampf eingriff. Keiner von allen diesen tritt liier auf: mn 

Bote berichtet über sie; nur die Hauptbelden erhalten einen 
Chai'aktcr, die andern sind nur gewaltige, Furcht erregende 
Kämpfer, deren Namen fast t^leichgiiltig sind. Nem, diese 
Liste muss in einem Zusammenhange festgestellt worden sein, 
in welchem gerade diese Helden wirklich eine Bedeutung 
hatten. Da dies Yor AischylOB geschehen ist^ mnBS die Quelle 
in einem Epos gesucht werden»^ Das ist nicht das Lied 
von des Amphiaraos Ausfahrt. Sollte es nicht das jiiugore 
Gedicht sein, dessen Benutzung durch Aischylos erwiesen ist? 
Und küiincn wir wold erfahren, welches dies war? 

Es ist auffallend, dass in den vier Tragoedien, welche 
die in Rede stehende Liste der Sieben aufweisen, auch die 
Charakteristik der Helden, soweit sie irgendwie greifbar 
herYortreten, dieselbe ist Tydeus vor Kampfbegier brennend 
will den Flnss, der ihn vom Feinde trennt, überschreiten 
(Aisch. 361, Phoiniss* 131). Kapaneus hat sich verschworen, 
Theben zu zerstören auch gegen den Willen des Zeus (Aisch. 
410, Phoiu. 1175, Hik. 496, Oid. C. 1319) und stürmt das 
elektrische Thor (Aisch. 406, riiom. 1129)^). Hippomodon 
ist Argiver vom lernaiischen Getilde (Phoin. 126), ein Sohn 
des Talaos (Oid. C. 1317). Amphiaraos, den weisen Seher, 
welcher weiss, dass er nicht heimkehren wird (Aisch. 570, 
Tgl Hik. 1&8), hebt Aischylos ganz besonders hervor: er 
prahle nicht (Aisch. 574, Phoin. 574), ov yoQ öoxeUf oQtavos, 
aXX* slvat d'ilBi sagt Aischylos 575 und wie dieser neben 



*) Manche werden vielleicht an den jetzt modernen Stesichoros 
denkso. Doch ist er dadnreh aaBgeBehloaaen, daas er den Ljkurgos 
unter die Sieben aufgenommen hat: tg. bei. ApoUoder III 10. d. 10 
M- Schal. Alkestis 1 ans ApoUodoros «e^ ^wvi HOntml Qnaeet 
myth. 8. 

*) 7fl. TOD Wihmowits Hermes XXTI 311, 226 mit n. 3. 



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86 



lY. Thebdi. 



seiner Weisheit seine Tapferkeit und Kraft preist^ so rühmt 
ihn Sophokles Oid. G. 1314 als besten Kampfer und Seher 
mit den Worten: 

ta XQ&ta ^hv 

Wie schon bemerkt, ist dies eine Umschreibung jenes Lobes, 
das die kyklische Thebais enthielt: 

Adrastos wird in allen vier Tragoed ien als Oberfeldherr 
geschildert (Aisch. 558, Hiket. 118), auch in den Phoinissen 
(1187), obgleich er hier abweichend als einer der Sieben 
aufgezählt ist. Er allein entflieht der allgemeinen Ver- 
nichtung (Aisch. 50, Hiket.). Das bat auch die Thebais er- 
zählt, vrie Pausanias YUI 25. 8 ausdrücklich bezeugt: ip de 

stfiora XvyQcc (piQcov Cvv 'AqbIovi Tevavoyairi]. 

Es ist dies zwar die uns geläufige Version, aber keineswegs 
die ursprüngliche Sage^*'). 

Am meisten aber tritt in dieser Liste der Sieben 
Parthenopaios hervor, den alle mit sichtlicher Vorliebe be- 
handeln. Er ist der Sohn der spröden Jägerin Atalante, die 
mit Artemis die arkadischen Berge durcbsdiweifb (Aisch. 
515, Hiket 888, Phoin. 150, 1163, 1162, Oid. G. 1329), 
selbst ein Arkader (Aisch. 530, Hik. 890, Phoin. 1153, Oid. 
C. 1320)^^), kaum dem iiiiabenalter entwachsen (Aisch. 517, 

*•) 8. oben S. 65. 

Nacb Aischyl. 5S0 und Hik. 891 ist er in ArgOB erzogen. 
Es irar wohl «och in diesem Epos ezsftlilt, wie Atalante, die jung- 
frinlicho Jftgerin einem Manne erlag. Bei Aischylos 514 heisst sie 
dfftaxooq, PhofaL 161 wird sie Begleiterin der Artemis genannt , und 
nach 1108 führt Parthenopaios das Bild seiner Matter den kalydo- 
niscben Eber tödtcnd auf dem Schilde, Hik. 888 ist Atahtnte Jftgerin 
nnd im Oid. C. n^^ev «Ößijttf ^Äxtüjhvn- — Meilanion nberwftltigt 



üigiiizea by GoOglc 



IT. Tfaelmu. 



87 



Phoin. 147) von blühender Schöne (Hikei 889, 899> dodi 
iiapfer and wild (AiadL 519, Phoin. 146, 1154)"). In den 
Phomissen wird erzählt, dass ihn heim Sturme auf Theben 

Periklymenos, der Sohn des Poseidon, mit einem gewaltigen 
Steine zerschmettert habe. Pausanias IX 18. 6 lehrt, dass 
auch in der Thebais dieser Held den Parthenopaios erlegt 
habe, üeber dessen Abkunft fügt er leider nichts bei; denn 
aus der von ihm vorher erwähnten Variante, dass Partheno- 
paios, des TalaoB Sohn, von Asphodikos getodtet sei, darf 
methodischer Weise die Vaterschaft des Talaos nicht auf 
die folgende Notiz ans der Thebais übertragen werden.^') 



sie imd wird Vater des Partheaopaios. Diese Sage von Mcilanion 
und Atalante kennen schon Theognis 1285 fF., Aristophanes, der sie in 
der L>biBtrate 786 kumiscli umdreht, Klitias; Benndorf Vorlegebl. 
1888 II oben. Sie wird stets nur von der arkadischen Atalante und 
Meflanion erz&falt Demnach dftrfte fOr das Terfolgtc Epos (Thebais) 
diese ErxUilung voranamsetaen sein: lleUanion verfolgt Atalante, 
endlieh erliegt sie ihm und gebiert den ParUienopaios. 

Am Grabe des Zethes steht Parthenopaios nach Phoin. 146, 
an dem dei Amphion nach AiaehyU» 511. Von Wilamowitz Hermes 
XXVI 284 hat sehr wahrscheinlich vermuthet, daas Aischylos diese 
Einzelheit auch aus der Thebais geschöpft habe. Dies wird durch 
obige Zusammenstellung einigermaassen bestätigt, doch dürfte sie von 
dem gemeinsamen Grabe der Brüder geredet haben, da Euripides 
Zethos statt Amphion nennt und schol. Phoin. 145 und Paus. IX 17. 4 
von ihrem gemeiüBamen Doppelmale sprechen. 

Dass schon die alten Grammatiker die Abhängigkeit des 
Euripides von der Thebais erkannt hatten, ergiebt die Yergleichung 
von Paus. IX 18. 6 mit ApoUodor III 6. 8. 2. Apollodor spricht von 
einer dgiatela der Söhne des Astakos. Einer von ihnen, Helanippos, 
der Gegner des Tydeos, kam im Amphiaraosliede wie in der Thehais 
Tor und sitst fest in Boiotien: ist doch seine nächste Verwandte Me» 
Xavbtmi Gemahlin des Bomto^ selbst und Mutter des Ithonos (Paus. 
IX 1. 1). Da auch Hippomedon und Eteoklos, welche nach ApoUo- 
dor von den Astakossöhaen Ismaros und Leades getödtet werden, 
ebenlaUs in der Thebais unter den Sieben aufgeafthlt waren, ist an 



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88 



lY. Thebaii. 



Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass Parthenopaios 
zum Sohne Atalantens schon vor der Tragoedie geworden ist, 
so giebt den HeUauikos (schoL Phoin. 71) noQ^svomaXoq 
. , , mq 6k ^EZXdvixog, MetXetplwvog rov j4(ig>t^(tavToq . . . 
(iTiTQoq 6h 'iraXavTtjg ztjg Itdcav. AnffaUend ist^ dass Aiscby- 
los den Periklymenos nicht dem Parthenopaios gegenüber- 
stellt, ja ihn überhaupt nicht nennt. Au seiner Stelle steht 
der sonst als thebanischer Held ganz unbekannte Aktor, 
Bruder des ebouso unbekaunten Uyperbios» Sohn des nicht 
bekannteren Oinops. Auch sonst nennt er ausser Melanippos 
und Megareus keine berühmten Kamen ^^). Dass nun Peri- 
klymenos, der gewaltige Poseidonsohn, welcher im Amphia- 
raosliede als fürchterlicher Held herrortritt nnd nach direktem 
Zeugnisse auch in der Thebais als solcher vorkam, in einem 
tliebanischen Epos gefehlt haben sollte, ist durchaus unwahr- 
scheinlich. So bleibt denn nur der Ausweg, dass Aischy- 
lo8 die thebanische Heldenliste geändert habe, aber einen 
Grund dafür vermag ich nicht aufzufinden'^). Desto mehr 
tritt die Uebereinstimmung der Namen der sieben argivischen 
Helden und ihrer Charakteristik bei den vier Tragikern her- 
Tor. Wie jene, so müssen sie auch diese in ihrer gemein- 
samen epischen Quelle berdts Torgefunden haben. Diese 
iiothwendige FoiileiLUig wird daduixh bestätigt, dass in drei 
Punkten das aus der Vergleichung der vier Dramen Ge- 
wonnene mit dreien der wenigcii Fragiiiunte der Thebais zu- 
sammentriÜt. So ist der Schluss berechtigt, dass die drei 



vemafhea, dass vielleiclit aach jene, ibre Sieger, am demselben Epos 
stunmen. 

<*) nohfq>ivtfiQ, der Ueblmg der Artemis und Gegner des Ea- 
paneos (430) vizd J 395 als ein AnfÜbzer des fhebaiiisdien Hinter- 
haltes von Tydeos erschlagea Nach schol. A gab es die Variante 

AvieofovTtjg. 

YgL Toa WilamowitE Hermes XXYI 224 n. 2, 229. 



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lY. ThabaiB. 



89 



Dichter 5 wie das an sich wahrscheinlich war, die Thehais 
benatzt haben, ein im iiinften Jahrhundert in Athen noch 
sehr bekanntes und beliebtes Epos^^). Aber aufs engste 

gehört die Feindschaft zwischen Amphiaraos und Tydens 
rait dieser Sagenversion zusamincii, mithin auch alles, ^vas 
aus dieser gefolgert war. Dies wurde nun als eine im Ver- 
hältnisse zum Amphiaraosliede jüngere Sagenform erkannt, 
und es zeigte sich, dass dieselbe auch die Rache des Alkmeon, 
also wohl auch den £pigonaazng umfasst habe. Dass die 
Thebais in der späteren Zeit epischer Poesie entstanden ist, 
wurde aus der Sprache ihrer Fragmente und dem Umstände, 
dass sie auch die junge Epigonensage behandelt hat, ge- 
schlossen. Sowohl chronologisch wie in der Ausdehnung 
des Stoffes also stimmt der hier erschlossene Epeninhalt 
zur Thebais. Somit haben wir einen festen Grund zu ihrer 
Wiederherstellung gewonnen. 

Ueber den Ausgang des Kampfes kann noch Einiges er- 
schlossen werden. Adrastos entkommt allein aus der all- 
gemeinen Niederkge auf seinem Rosse, dem U^Elmv xvapO" 
Xtdxriq^'^). Das sagt das Fragment der Thebais, das Pausas 
nias YIII 25. 8 erhalten hat Es ist ein hochberühmtes 
Pferd gewesen. Der Dichter des Theiles der Ehoien, der 
unter dem Titel döjdq 'H^axXdovg erhalten ist, giebt es 



Das beweist am besten die Parodie der Oidipusfiüche der 
Thebaiä im schol. Soph. Oidip. C. 1375, die nach Welcker Ep. C. 337 
und Meineke zu Soph. 0. C. S. 212 aws einem Komiker, nach Elms- 
ley und Nauck FTr' S. 928 aus einem Satyrdrama stammt. Die Kin- 
der lernten Verse auä ihr in der Schule: in Aribiopliancs Frieden 
1270 sagt der nali AapLa^ov den Anfang der Epigonen her. 

^Eqiwv Bchieiben die MOnsen des arkadischen ThelpuBa: vgl. 
Imhoof-Blnmer ZeitBchr. f. Nmn. I 126 ff., Emil M<Üler Festgnns d. 
arch. Sammlang an die B9. PhüologenTeniaiiiinliing, Zürich 1887, 16 ff., 
Tfl. IL Ton Wilamowits Hermoi XXYI 226 n. 1 leitet den Kamen 
Ten jBl^yvc ab. 



90 



IV. ThebftiB. 



dem Herakles im Kampfe gegen Kyknoe mid nennt es» wie 
die Thebais» *AQilopa Tmavoxahrpf (120). Diee Beiwort ist 
also gerade ftir dieses Ross beaseidmend^^). Anch im W der 

Ilias spricht Nestor von ihm, als dem schnellsten aller Rosse, 
und setzt hinzu oq Ix d^t^^orpiv ytvog /jap (347). Aristarch 
hat auf die Allgemeinheit dieser Angabe aufmerksam ge- 
macht und sie, wie gewöhnlich, dem entgegengestellt, was 
die vemtsifoi und der xwcXog weiter gefaselt Der Townley^ 
aiius liat die Geneal(^e des levxXog erhalten: al 6h hf xq 
xwcXip BoöBtSdiPoq xcü ^Qivvoq (top *4^elova Yspsedoyae- 
mv). Das Sdiolion ABB erzählt des Näheren die Zeugung 
des Areion durch Poseidon und luinys und seine Schicksale 
und scbliesst: // UnoQia jtaQn toTq xvxXixolg. Man braucht 
kein Wort daiüber zu verlieren, dass ol Iv röj xvxX(o des 
Townleyanus und ol xvxXixol von ABD identisch sind: es sind 
die Diohtar der kyklischen Epen. Zu diesen wurde die 
Thebais gezählt, die dreimal ausdrücklich ^ xvxXix^ Bffialq 
dtirt wird. Nun weist ein unzweifelhaft bezeugtes Fragment 
dieses Gedichtes durch das Beiwort des Areion xvavoxcilTij(s 
deutlich auf Poseidon hin^®), dem dasselbe so stereotyp zu- 
kommt, dass es sogar bei Homer V 144, t 536 und Hesiod 
Theog. 278 statt seines Kamens gebraucht wird. Kann man 
glauben» dass ein homerisches Gedicht sich mit einem an- 
deutenden Epitheton begnügt habe^ oder muss man nidit 
vielmehr aus dem Charakter des Epos schliessen, dass es die 

») Y 224 wird auch das Pferd, unter dsBBon Gestalt Boreas die 
Stuten des Bricbtboaios begattet, xvapoxahijQ genannt. Auch hier 
ist die darin ausgesprochene Beziehung auf das Meer klar und durch- 
aus am Platze. Vgl Loeschcke Boreas and Oreithyia, Dorpater Piogr. 

1886. 4. 

So auch Welcker Ep. Cykl. IT 3G9 n. 117 I. h bin ausführ- 
lich in Rücksicht auf Ed. Schwartz, der de schol- Homer. 427 zu dem 
Resultate gelaugt: ,,de Arioiiiä origine in Thehaide nihil certi tr&di- 
tum erat| sed ex epitheto xvavoxcUttif absurda coniciebaatur/* 



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IV. Thebftii. 



AbstanuDung des Wunderrosses Areion in behaglidier Breite 
erzählt habe? Der Schluss scheint zwingend, dass unter den 
xvxXtxol der Iliasscliolien die Tliebais zu suchen ist: Areion 
stammt also nach ihr von Poseidon und Erinys. Doch es 
kann noch mehr von ihrer Sagenform mit einiger Sicherheit 
heraiiBgesohält werden. Zunächst ist natürlich alles za 
streichen, was auf Herakles Bezug nimmt. Es bleibt dann 
dies: Jlocetddip i^aifd-iU 'EQiPvoq xal fiecaßaZäv 
ttvtov fiO(iprfv slg fxxop if^iyi] x€tta Bauxtrlav xa^ 
TiXg>ovC^j y-Qf'p'fj. de tyxvog yevoiuvrj 'i'jijtor iyi'n'i^ösi' 
. . . v(p' ov (iöroc: 6 "AÖQaoroq ix rov H?/ßaixnv üioXhfWV 
ditöcod^ri zcür aXXmv djtoXo(itvcov. Pausanias giebt VIII 25. 
7 dieselbe Geschichte, berichtet auch gleicher Weise, dass 
Areion den Adrastos gerettet habe, jedoch nicht referirend, 
sondern mit dem direkten Gtat des Verses aus der Thebais, 
fügt auch die Verse ? 346, 7 der Ilias bei und Einiges aus 
Aiitimachos, aber nicht Boiotien, sondern Thelpusa in Arkadien 
nennt er als Ort der Zeugung und statt ^EQtrvg hoisst er 
die göttliche Mutter /irjfj/jvtjQ 'Kqu'vc^^). Ebenso und mit 
demselben Lokal hatte Antimachos die Sago erzählt (fg. 26, 
29, 30)*^). ApoUodor, der gleichfalls bei Gelegenheit der 
flucht des Adrastos die Abstammung seines Bosses angiebt, 



*^ Es liegt nahe, vollständigere Iliasscholien als Quelle für Pau- 
naa»A VIII 25. 7, 8 xu erklären, wie er dcher IX 5. 11 m Odyssae- 
aoholien genommen hat. Die AofUhnrng von !P 346 f. ist sehr ver- 
dächtig. Auch Bteht die ganze OeBchichte mit seiner Peiihegese hi 
keinem ZoBammenhuige. Aber die Abweichnngen des Panaanlas von 
dem UM vorliegenden Scholion sind doch zn gross, als daae diese 
Behauptung gewagt werden darfte. 

Fg. 26 setzt er für Demeter ein. Auch Kallimachos 
(schol. Lycophr. 1225) nennt Jf/fo^rr^o TiX(p(oaalrj. Doch geht nicht 
ans dem Citat hervor, ob er sie in Boiotien oder Arkadien denkt. 
Ftlr Ersteres spricht die Form Tdtpcüaalrj , da sich die «rjsadiscbe 
Sladt aof ihren Münzen 6ek[3fovaa] nennt. 



1 



92 TV, TbelwiB. 

hatte offenbar dieselbe Ueberliefernng vor sieb, aber er bat 
sie nussyerstanden: (Agstova) hc Iloastömpog kyivvriöB Aff- 

fi/'/Tf/() dxaod^tiau 'Egirii xara r/]r övrovoiar. Durch den 
Zusatz A7]ii7iTriQ sollte 'EQivvg augenscheinlich nur erklärt 
werden: so fehlt er auch in dem IliasschoUon. Dass nun 
diese Sage der ErzeugiiDg des Areion von T^^seidon und der 
tilphosischen Erinys aus der Thebais stammt, ist überaus 
wahrscbeinlicb. Denn dieselben Eltern des Resses sind für 
sie ermittelt und bei Apollodor, lUassdioliasten und Pausa» 
nias wird der Mythos neben der Flucht des Adrastos mit 
dem Areion aus der YeuiiclituügsscLlacht vor Thcbcri er- 
zählt, für welche der Letzte die Thebais selbst citirt, während 
der Zweite sich auf die xvxXixol als Quelle beruft. Es bleibt 
nur zu entscheiden, ob dies Epos das Beilager der beiden 
Götter nach Arkadien oder Boiotien yersetzt hat Der Name 
TtX^pSaact'BiXxawsa ist hier wie da mit der Erinys eng Ter- 
bnnden, auch Onka ist ein arkadischer Ort» wenn ihn auch 
nur Pausanias zu kennen scheint, und kommt in Boiotien yor. 
Dort ist Onkos der erste Besitzer des göttlichen Pferdes, hier 
Kox)rtius^'^). Dieser wird König von Ilaliartos genannt, das 
der Quelle Tilpbossa benachbart war; er sitzt also in Boiotien 
fest. Dagegen schwebt der arkadische Onkos, der Sohn des 
Apollon» in der LufL Auch ist die boiotische Tilphosea 
noch durch den Drachen, den sie dem Ares gebar» mit dem 
thebanischen Sagenkreise verbunden*^). Endlich darf auch 
wohl angeführt werden, dass sich Boiotien ebenso trefflich, 
wie Arkadion wenig für Pferdezucht eignet. Es kann somit 
nicht zweifelhaft sein, dass dio boiotische Sage die ältere 

ä«) Vgl. Schol. 0 634 Twl: KouQtvq naig zov "HXdov Ilikonoq 
(v. Wil. 7}Xlov TT. r. n. cod y "on Sh xal aklo; BoKrWioc; \i?.id(>Tov 
nalq. Ealiartos benachbart ist nach schol. ^ 346 Onchestos, das ein 
ü,00£tÖT}iov dy/.uöv aloo: hat: B 506. 

^) SchoL Soph. AaUgon. 126. 



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IV. ThelMiB. 



93 



ist Daraus folgt freilich nicht, dass sie der Thebais gehöre. 

Wahrscheinlich wird dies aber dadurch, dass diese Version 
allein vom Scboliou W 346 angeführt wird» welche sich auf 
die xvxXixoL beruft**). 

Mit dem göttereatsprossenen Rosse Areion entkommt 
Adiastos allein Yon allen sieben Helden aus der Schlacht 
gegen die Thebaner in kläglichem Gewande^^): h 6h 617- 
ßatöi ^jidQaöTO^ ^q>süY6v kx Sijßmp 

sificxra kvY(ßu (ptgcov 6vv *A()ti()i'i xvctvoxctlti]- 
Wäre über den Aufgang des Krieges der Sieben aus der 
Thebais nur dies Fragment erhalten, so würde doch Niemand 
sich die Situation anders Torstellen, als so: Die Schladit ist 
geschlagen, der firudermord geschehen, die thebaner Helden 
haben die argiver Fürsten überwältigt und in unwidersteh- 
lichem Vordringen das feindliche Heer vor sich hergejagt; die 
Erde thut sich auf und verscbiiiigt rettend den Seher 
Amphiaraos mit Boss und Wagen. Aus dem tüdtlichen Ge- 
tümmel entkommt nnr einer: der Heerkönig Adrastos und nur, 

*•) ümgekelirt von Wilamowitz Hermes XXVI 225 n. 1, weil 
die MüDzea des arkadiächeii Thelpusa den Erion führen. 

Paus. Vni 25. 8. ti/uccTu li yga sind nicht „Trauergewänder", 
wie Welcker Ep. C. II 369 will, sondern zerrissene, befleckte: so 
wird die Bettlertracht des Odysseus genanut n 457, ^ 203. Es ist uu- 
denkbir, dass Adrastos nach der Niederlage die Kleider gewechselt 
habe. €!|ca hefsat aach die Kleidung des yoU gerosteten Siegers: 
S 588 tlim 6' ix* ipup' tS/ioici Sa^ivs^ tSfwxi ^tSp, Wir dflr» 
fen nnB daher nach jenem Vene der Thebais Adrastos nicht in 
Tranerkleidem, sondern ip kriegerischer Oewandong Torstellen. £nt* 
weder ist er reitend sa denken, denn das jOngere Epos kennt das 
Betten {$ 371, x 503—513, Friedreich, Horn. Realien, LOseheke Bonner 
Stadien 1890, 255 ff., TgL ?. Wüamowitz, Heraklee II 143 f.); oder er 
f&hrt auf seinem nur mit dem Areion bespannten Wagen. I>ai8 
wirklich einspännige Streit waji^en vorkamen, hat lielbig (Horn. Epos 
aus denDenkm. erläutprt^ 128, 137, 139, U5) trotc Schachardt (Schlie- 
mannft Ausgrabungea 196) eivleBoa. 



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94 



lY. ThebalB. 



weil ein Götterpferd ihn in Windeseile entführt — wohin? 
fort Yom SöUachtfelde, in die sidiere Heimath. Denn wo 
wäre anders als in seiner Burg eine Zuflacht fOr ihn*')? 

Wollten wir uüs wie Staüus ein befestigtes Lager denken, 
in das Adrastos fliehen könnte, wie sollte er es halten 
gegen die gewaltigen Streiter Thebens, er, der alle Helden 
Terloren hat? Denn in ihnen liegt die Stärke homerischer 
Heere; die Mannen sind eitel nichts. Und wäre es auch ans 
homerischer Anschaanng denkhar» so würde es dennocfa un- 
wahrscheinlich für die Thehais sein; denn es würde dem 
Eindrucke der furchtbaren, gottgcsaodten Niedeilage sehr 
Kiiitm^^ Ihuii. Das grossartige Bild dieses von Zeus ver- 
hängten Vernichtungsknmpfes ionlert als Abschluss das völ- 
lige Verderben der Aigivcr, aus dem allein^ verlassen, jam,- 
mer?oll der Herzog sich durcL das Götterross errettet. 

Aher man hat dieser Forderung, wenn man sie mh klar 
gemacht hat» entsagt Und das war billig: denn man glaubte 
einer anderen Ueberliefemng gehorchen zu sollen. Askle- 
piades hat zu des Adrastos Aussprueh bei der Bestattung der 
Sieben (Pindar 0. VI 15): xod-tco övQariäg o^&aXfiov e^äg 
an^oTBQOV (idvTiv T dyad^bv xai 6ov(}L fid(}pa60^cu notirt : ravra 
Bllriq>BV Ix tijg xvxXixfjg Srjßaldog. Dem aus dieser Notiz ge- 
zogenen Schlüssel' ^) dass auch die Bestattung ans demselben 
Epos genommen sei, ist bereits oben die Berecfattgong bestritten 
worden. £r liegt freiUch uberans nahe und hat den Schein 
der Wahrheit, aber ist er denn zwingend? Das scheint doch 
nur insofern, als uidn keinen Gruud anzugeben vermag, 
warum Pindar gerade diese Situation gewählt haben sollte, 
wenn er sie nicht in der Thebais vorfand. Es führt diese 
Annahme jedoch zu Schwierigkeiten, die Welcker sich nicht 

*ö) Vgl. Welcker Ep. Cykl. II 370. 

«') So Welcker Ep. Cykl. II 3H7, 324. v. Wilamowitz isyU 163 
n. 3, Spiro de Euripidls Phoinissis lö, lioüde Psyche 107, n. 1. 



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IV. Thebaii. 95 

Terhehlt hat Er sali, dass nach der Sitte homenseher Zeit 
die Leidieii, die in der Gewalt der Feinde blieben, eine 
sichere Beute der Hunde und Vögel wären. Aber ihm wird 
diese Schwierigkeit nur zu einer neuen Betbätigung seines 
eründeriscben Geistes. Ueberzeugt, dass wie alle Beziige 
älterer Werke auf diesen Sagenkreis, so auch die honigraase 
Rede» welche Tyrtaios (ig. 12» t. 8) dem Adrastos nach- 
rühmt, ans der Thebais stamme, sie also auch in dem Ge- 
dichte anm Ansdmck gekommen sein müsse, findet er nur 
diese eine Gelegenheit, wo sie in Tollem Glänze gezeigt 
worden sein könne, und so vermuthet er, diese Rednergabe 
habe die Kadmeer zur Herausgabe der Leichen howogt. Aber 
leider ist seine Voraussetzung unbewiesen und uawaiurschein* 
lieh. So muss Welckers Lösnng abgewiesen werden, aber 
die Schwierigkeit bleibt bestehen. Und er hat sie noch 
recht greifbar gemacht durch den Hinweis auf die Uebei^ 
lieferung, dass Herakles zuerst den Feinden die Leichen zu- 
rückgegeben babü. Woher diese auch stamiucu uiüge, sie 
sa^t dasselbe aus, was aus den hümerischeu Gedichten ab- 
genommen werden muss, dass dieser edle Brauch erst einer 
späteren Zeit als der jener Heroenkämpfe angehört'^). 

Dazu kommt nun, dass jene Pindarischen Verse ein 
klares Bild nicht ergehen, »^agesias^, sagt er, ,4u bist des 
Lohqiruches sicher, den einst mit Fug die Zunge des 
Adrastos über den Seher Amphtaraos aussprach, als {^jtsl) 
die Erde ihn und seine glänzenden Stuten verschlang {i^ftaQtf)f). 
Als darauf (FJisira) die Scheiterhaufen für die sieben Helden 
errichtet waren, sprach des Talaos Sohn vor Theben etwa 
solches Wort: ich yermisse das Auge meines Heeres, ihn, 
gleich trefflich als Seher und im Speerkampf.**^^) Jeder 



») Wclckcr Fp. C. II 368, Plutarch TheseuB c. 29. 
*•) Vgl. vüa Wüamowitz Isyllos lü3. 



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t 



96 IV. TbelMis. 

Hörer und Leser rnnss zunächst annehmen, dies Yfott der 
Thebais, welches der Dichter auf den Hagesias anwende 
habe Adrastos gerufen, als er in wilder Flucht über das 

Blachfekl gejagt wird und sieht, wie Amphiaraos in die Tiefe 
sinkt und mit ilini jede Hoffiiung schwindet, das Heer durch 
Rath uud Kraft zu retten. Das ist ein aoschauliches Bild; 
hier würde das hohe Lob noch grossartig gesteigert er- 
scheinen, wenn es Adrastos in der höchsten Noth spricht» die 
der Seher vorher gesagt hatte, und in dem Aogenblicke^ als 
er diesen Helden verliert, seinen Werth erst ganz erkennt: 
d^ffoxEQOP fidvTtg T*dyaO-6g xal öovqI fidxscd-cu. Aber kaum 
hat die Phantasie dies Bild crfasst, da löscht es der Dichter 
aus und zeichnet ein anderes: sieben Scheiterhaufen sind für 
die gefallenen Helden aufgeschichtet, Adrastos betrachtet 
den Stolz seines Heeres, zählt die Leichen — siehel eine 
fehlt» und er spricht: ,4ch vennisse ihn, der beides war, eui 
trefflicher Seher nnd gewaltiger Lanzenschwingerl** Wie 
mattl Das ist keine rahmende Leichenrede, die den Seher 
über alle andoiii ilcldeu heraushebt, es ist nur die Consta- 
tiruug einer Thatsache: bald wird der Herzog anfgekliirt 
werden, dass die Erde den Amphiaraos verschlungen hat und 
er fortlebt als Gott, und billig wundert man sich, dass 
Adrastos dies Wunder bis jetzt noch nicht erfahren hatte'®). 
Welcher von beiden Situationen das geflügelte Wort Übor 
Amphiaraos urspriingUch eignet, scheint mir schon hieraus 
einleuchtend. Ausgeschlossen wird die letztere durch die 
homerische Sitte und unvereinbar ist sie mit dem Verse der 



""i Man könnte auch daran Anstoss nehmen, dass Adrastos den 
Seher das Auge seines Heeres nennt, während er doch gar kein Iloer 
mehr hat. Denn alle Fürsten M ie Keisige sind getödtet. Das ist ge- 
wiss die ursprüngliche Sage, sie bat Euripides in den Hiketiden fest- 
gehalten: da er als Boten einen Zuschauer der Theseuaschlacht 
vAnschte, fiogirte er^ d&ss die Thebaner auch Gefangene gemacht 



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i 



IV. ThebaiB. 



97 



Tliebais, der nur bo rmtanden werden kann, dass Adiastos 
allem ans dem tödtlidien Getümmel dnrcli sein göttlidies 
Boss gerettet wird. Folglidi hat das Epos Ton der Bestat- 
tung der Sieben durch die Thebaner oder von der Aus- 
lieferung der Leichen an Adrustos nichts j:je^tisst. 

Dies Resultat wird durch die Tragoediü bestätigt. In 
der Antigene handelt es sich nur um den Versuch, Polyneikes 
zu begraben, um seine gefallenen Genossen kümmert sich 
Niemand, sie werden aach nicht erwähnt. Nnr Teiresias 
deutet an, dass auch diese den Hunden nnd Vögeln zum 
Frasse hingeworfen waren: 

1080 ix^Q^^^ Jiüoai cvvxaQLumovrai jtoXseg 
OGcov (jJtaQayixaT* t) xvvtg xad^if/vtöav 
Tj d-fjQEg, ^ rig Jirrjro^ olwi'oq, <ptQmP 
avocuov oöfi^v kotwvxop xoUv* 

Daraus folgt mit Sicherheit, dass an der Sdumdung der 

übrigen Leichen weder von den Thcbanern, noch von Anti- 
gone irgend wie Anstoss genommen war. Dasselbe ergiebt 
sich aus der königlichen Botschaft in des Aischylos Sieben: 
£t6okles soll begraben werden als Vaterlandsvertheidiger, 
Polyneikes soll nnbeerdigt bleiben. Nur er? Gewiss nicht! 
Bei seinen Bmidesgenossen ist das ganz selbstTerständÜch; 
nur bei ihm, als dem Thebaner, dem nächsten Verwandten 
des Königshauses konnte überhaupt ein Zweifel entstehen, 
da nach heiligem ilerkommcii seine Angehörigen tUe Pflicht 
hatten, ihn zu bestatten. Desiialb ist nur von den beiden 
Oidipodiden die Rede, Fragment 17 aus den aischyleischen 
'AqysToi bezeugt, dass des Kapaneus Leiche unbestattet blieb. 
Die 'ß^^volptoi des Aischylos, die euripideischen Schutz* 
flehenden beruhen nnr darauf, dass die siegreichen Thebaner 
den Leichen ihrer grimmen Feinde die £hren der Bestattung 
und die Ruhe der Todten verweigerten. Die sich hieraus 
ergebenden Conflikte haben eine lange Eeihe glänzender 

Belke, Heldenlieder. 7 



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98 



IV. TbebaU. 



Tragoedien geboren. Diese Conflikte konnten aber nur ent- 
wickelt werden, als der Glaube allgemein durchgedrungen 
miTf es sei eine heilige Pflicht» die Todten zu beBtatten. Der 
Feinde Leichen den Thieren unter dem Himmel hinzuwerfen, 
ist in homerischer Zeit gewöhnlich. Sie sieht darin den 
Ausdruck wilden, den Tod überdauernden Hasses, eine 
Schändung — aber keinen Frevel. Als solchen empfanden 
das die (iriechen erst, als im allgemeinen Umschwünge des 
geistigen Lebens der Todtencult neu erstanrlen war und als 
sich im FriTatrechte und Völkerrechte zu gleicher Macht die 
heiligen Satzungen erhohen hatten, die Todten zu hegrahen 
und ihr Andenken zu pflegen^ ^). Der ganze Sagencomplex, 
welcher sich um die Bestattung der vor Theben Gefallenen 
gruppirt, erweist sich somit als jung. Und das bestätigt die 
Einmischung des Theseus, der stets dahoi die Hauptrolle 
spielt. Aber entstehen konnte er nur, wenn es fest stand, 
dass die Thehaner ihren gefallenen Feinden die letzten Ehren 
Tersagt hatten. Und konnte ein homerischer Dichter anders 
den Ausgang eines Kampfes dichten, in dem Bruder gegen 
Bruder gestanden und Tydeus seines Feindes Hirn geschlurft? 
Somit ergiebt sieli aucii von dieser Seite die Nothwendig- 
keit, dass in der Thebais die Leichen der übennüthigon 
Argiver den Thieren zur Beute hnigcworfen wurden, auf daäs 
sie zerrissen und verschleppt würden. 

Die herkömmliche Verwendung der sechsten olympischen 
Ode Pindars ist also unrichtig. Aher wir verstehen jetzt, 
warum er nicht die Situation der Thehais ühemommen hat 
Ihm war, wie seinen Zeitgenossen, die Schändung der Leichen 
ein giUuüger Frevel wider die Götter und liire heiligsten 
Satzungen. Als Patriot musste er die Ehre seiner Vater- 
stadt wahren, und mit jener naiven Kühnheit der Zeit, in 



Das hat Bohde in seinem Boche Pi^elie ichOn davgetban. 



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lY. Thebais. 



99 



der die Sage noch lebendig ist, legte er umbildend die Hand 

an sie und formte sie den Anschauungen seines Jahrhunderts 
gemäss^^). Desshalb betont er gewichtig, dass die Leichen 
der Sieben verbrannt worden sind, wie in der sechsten olym- 
pischen, so in der neunten nemeischen Ode; hier fügt er, statt 
einfach dem Zusammenhange entsprechend zu sagen: „die Hel- 
den kamen yor Theben um die süsse Heimkehr*', ausdrücklich 
und uumotivirt hinzu »jsieben Leichenfeuer firassen die jugend- 
firischen Mann^. 

Jetzt kehrt die Untersuchung zu Polyneikos zurück, 
welcher in der Thebais, wie vorhin geschlossen wurde, durch 
„das Halsband" Eriphylen bestochen hat, ihres Gatten Ver- 
steck zu verrathen. Wie der Artikel zeigt, ist es ein be- 
stimmter und allgemein bekannter Schmuck gewesen, mit 
dem es eine besondere Bewandniss gehabt haben moss. Die 
Mythographen und späteren Diditer sprechen stets von ihm 
in dieser Weise. Dagegen bezeichnet die Odyssee o 247 
nicht genauer den Preis des Verrathes und spricht auch 
Z 327 nur von kostbarem (iolde; ebenso Sophokles El. 837. 
Dagegen beweisen Piatons Worte üp. VlU Ö90A 'EQiqtvhi 
ixl zov avÖQog ^v^i] rov oQfiOP 6e§€[fiiv?j, dass schon 
zu seiner Zeit bei dem Bestechungsgeschenke Eriphjlens 
an einen ganz bestimmten Schmuck gedacht wurde. Sein 
Scholiast erklärt diesen in Uebereinstimmung mit allen an- 
dern Zeugen als das berühmte Halsband der llüimonia, das 
Hephaistos selbst gefertigt. Nach Pherekydes^^) hat es 
Kadmos von Europa erhalten, nach andern Aphrodite oder 
Athene seiner Braut bei der vielgefeierten Hochzeit geschenkt. 
Und wahrlich, ein wunderbares einziges Kleinod mnsste es wohl 
sein, welches das Weib des Ampluaraos so ganz ihre hei- 



") Vgl. Welcker Sappho 36. 
•>) ApoUd. III 4. 2. 8. 



7» 



100 



ly. Thebais. 



ligsten Pflichten vergessen liess. Da nun alte Sage erzählte, 
dass die Götter selbst Hamonia besdieiikt'^) und Polynei- 
kes als ihr Nachkamme in den Besitz dieser Gotteigaben 
kommen konnte, lag es sehr nahe^ sobald er selbst stnm Be- 

stecher Eriphylens geworden war, ihn zu diesem Zwecke 
mit diesen Wundeistiicken zu vorsehen. Da jenes nun, wie 
gezeigt ist, im Gegensatze zum Amphiaraoslierle in der The- 
bais wahrscheinlich der Fall war, und dies Epos, wie sein 
Ton Athenaios XI 465 E überliefertes Fragment beweist» mit 
den Erbstücken des Kadmos operirte, so ergiebt sich die 
Yermnthnng, dass in der Thebais Eriphyle von Polyneikea 
dnreh das göttliche Halsband seiner Ahnmatter Harmonia 
bestoclicii worden ist. Emipules jedenfalls kannte, wie aus 
fg. 70 hervorgeht, die Version, dass Polyneikes von Theben 
nach Argos XQ^<^^^^ oQfiov gebracht und Eripbylen gegeben 
hat. Und dass dieselbe älter ist als din Tragoedie, also in 
episfdie Zeit hinanfreicht» beweist Hellanikos.'^'') Da nun 



*<) Am Eypseloakasten Paus. III 8. 12; Theognis 15, Findar F. 
in 90, tg, S9— 82, Eurip. Fhoin. 822, HellanikoB? sehoL B 494^ Benn- 
doif Yorlegebl&tter 0. 7. 3. 

") SchoL Phoin. 71 'EJJupotog ih laro^t »attit aw&^xipß (IFo- 

n^B'etnu 'EteoxUa, d ßovXotzo r^v ßaatXelw ^x^ip ij th fti^s 
ZW9 x^^^^^ ).aߣlv xttl itegav noktv olxslv. t^v 6h lußowet zhv 
Xirmv« xal xov ÖQßoy^AffpiovlttQ dvaimg^Gui fig^AgyoQ x^vawa dvtl 
TQvTwv xtiv ßacileLav naQax(i»^i>«i* rov fihv oQfxov *A^(foSit^, thv 
6h yjrwva ^AS^rjvä avt§ ^x^^acnro, et xal ösöojxs ^yatgl AöQaatov 
\4()ytia. Dies ist die einzige Stelle, welche Auskunft darüber giebt, 
wio Polyneikes in den Besitz des ÖQfiog kam Man könnte geneigt 
sein, sie in die Thebais einzusetzen, zumal schon einmal ein Znsam- 
meotreffen des Hellanikos mit diesem Kpos constatirt ist. Denn dass 
diese ftlten Historiker Epen benutzten, ist eine nothwendige Annahme, 
da die Epen, nicht die Lokalsagen, die Vorstellung beherrschten und 
so ihren Versionen die Geltung historischer Wahrheit verschallten, 
wie sich das an der llias früh zeigt. Es ist auch verbürgte That- 



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lY. Thebais. 



101 



aber iiarmonias Halsband eine so hervorragende Rolle spielte, 
80 wird es demgemäss in dorn Epos gefeiert worden sein, 
weniger wobl durch Schilderung soiuos Aussehens, wie der 
Schild Achills, als durch Erzählung seines göttlichen Ur- 
Bpnmges und seiner erlauchten Geschichte, wie das Scepter 
Agamemnons B 100 ff. Also dürfte die Hochzeit des Kad- 
moB erzählt worden sein.^*) 

Bache: auä ihren geringen Fragmenten lässt sich nachweisen, dasa 
Fherekydes, Hellanikos, Akuäilaos nicht selten ebenso wie epische 
Dichter bftriehten, sie also benutst baben. Bei dem Lotsten tritt das 
Bo stark hervor, dase scilon die Alten seine Abh&ngigkeit von Hesiod 
bemerict (Piaton Symp. 178 C, scbol. Apoll, Bh. IV 57 etc., sdiol. Hes. 
Theog. 87Q) und ansgespiochen haben (Josephos contra Apionem I 
c, 3, Arktobnl bei ClemenB AI. Strom. VI 762 F., vgl. von Wilamo- 
wlta Horn. Unten. 347). Da jedoch durch die Version des HeUant- 
kos FoljnieikeB und Argos gani ins Unrecht gesetzt werden, ist es 
nicht gerade wahrscheinlich, dass sie aus der Thebais stamme. 

Vgl. Usener Altgriechischer Versbau 54. Im ersten Stasimon 
der Fhoinissen wird des Eadmos Drachenkampf und die Gründung The- 
bens besungen. Der Held erschlägt das üngethüm mit einem Steine 
(6G11 Ebenso hat Hellanikos erzählt, während nach rherekydes ein 
Schwert die Waffo war i^schol. Phoin. 662). Die Uebereinstimmung des 
Hellanikos und Iviripides in einer so nebensächlichen Einzelheit be- 
weist, dass Beide treu derselben (Quelle folgen, die nicht wohl aii lrrawo, 
als in einem Epos gesucht werden kann. Denn Spiros Behauptung (de 
Eur. Phoin. 9), Stesichoros sei Quelle, ist haltlos, da der einzige aus der 
EvQüJTida diefieti Lyrikers überlieferte Zug vschol. Phoin. 670) mit 
des Euripides Erzählung (667) nicht stimmt An die Thebais su 
doiken, liegt nahe, auf welche dann auch wohl die tyrische Abkauft 
des Eadmos (vgl. frg. 819 Eurip.) und sein vergebliches Sachen der 
Europa sorflckEuftkhren wtre. Ausführlich berichten darttber Apollo> 
dor m 4. 1, Hyg. fab. 178^ Paus. IX 12, schol. Phoin. 688 ans dem 
mythographischen Handbache. Die Uebereinstimmupg mit den im 
sehd. Phoin. 688 überlieferten, übrigens unhomerischen Versen ist 
schlagend und wird es noch mehr durch Buechelers Emendation Rh. 
Hus. XL VI 190 xarexkl^^ iv noaiq {iv ^ rj noXtQ S. txh'O-rj noXig codd.) 
V. 10. Doch dass hier alte Ueberiieferung vorliegt, sichert die 



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102 



IT. Tbebais. 



Über die Fragen, warum Polyneikes nach Arges ent- 

Ilohj welches sein Verhältniss zu VaLtr und Bruder war, ist 
Aufschluss aus den zwei Fragmenten der Thebais mit den 
Oidipusäüchen zu gewinnen. '^^) Das Scholioa zum Oidipus 
auf Kolouos 1375 hat dies erhalten: 

ßoi lym ytalötg fitv oPSiöelovTBq tjri inpop*' 
tvxro Au ßaOüJfi xat aXXoic (Uho'tcTofOi, 
X^Qdit' clX/./'i/.ojp xataiifjfttrai Aidog hüoj. 

Der Hjrpomnematist giebt an, was auch wir schliesseu müss- 
ten, dasB dies ?on den Söhnen dem Oidipns übersandte Hüft- 
gelenk ein Theil eines Opferthieres war. Daraas folgt ohne 
weiteres zweierlei; erstens hat Oidipus nicht selbst geopfert, 

er erfüllt also eine der Pßichten des liomerischen Königs 
nicht mehr. Zweitens niaclit er noch Ansprüche auf kö- 
nigliche Ehren: das Hüftgelenk schleudert er fort als eine 
Schmach, er ist gewohnt, das £hrenstück, den Rücken, zu er- 
halten. Oidipus ist also nicht mehr König im ganzen ho- 
merischen Sinne des Wortes und wird von seinen Söhnen 



Yerglelchung mit dem Stasimon der Phoinissen und die Erwähnung 
dea Bonat unbekaotttea UeXäyiov, des 'Afjupiöd/iag Sohn, der nsdi Fbo- 
kis, Boiotien gehört Ed. SchwarU (QoaeBt Berod. 14 f.) ist zu mei- 
ner F^ude etwa «i denselbeii Resultaten gekommen. FOr ein jun- 
ges Epos, wie die Thebais, passen Delphis Orakel (Niese Entwiek. 
d. hom. P. 49). Jedenfalls ist es diese epische Form der EAdmos- 
sage, welche den älteren boiotischen Lokalmythos verdrängt hat, 
nicht erst Antimachos von Eolophon, der flberhaupt schwerlich Ein- 
flosB auf die Sage geübt hat. 

''^) Mit Unrecht haben auf Eustathius zu A p. 16S4 gestützt 
Casaubonus und Valckenaer den einen der zwei Flüche einem ande- 
ren Gedichte, der Thebais des Antimachos, beigelegt: AVelcker Ep, 
C. II 333 u. 2(). Er hat die Steigerung der Flüche schön gezeigt. . 

8«) Vgl. Aristoteles Politik III 14 p. 1285b lo. 

Welcker II 333: „Za herrschen fuhr Oidipus fort** 



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IV. Thebaia. 



103 



nicht mehr als König anerkannt. Es ist dies der Schluss 
einer längeren Entwickolung, wie das bei Athenaios erhal- 
tene Bruchstück lehrt. Da wird Oidipus von seinen Söh- 
ügh, thätlich von Polyncikos tief gekränkt^**) und er flucht 
ihnen: nie sollen sie in Frieden ihr £rbe theilen, Krieg und 
Kampf Bei ihnen immer beschieden. In dem andern Frag- 
mente ist der Flach viel schrecklicher: in Brudermord sollen 
sie sterben Einer yon des Andern Hand. Und wie der Finch 
gesteigert ist, so auch die Beleidigung: die Übersendung des 
Hüftknochens statt des P^hreiibluckes ist das Zeichen, dass 
Oidipus der Herrschaft entsetzt ist.*^) 

Mit diesen nuthwendigen Folgerungen aus den Bruch- 
stücken stimmt überein» was aus der Sage an sich fiir ein 
homerisches Gedicht geschlossen werden müsste. Es ist hier 
erlaubt, yon der Sage an sich zu reden: denn der Vater- 
mord ist, so weit wir sehen können, in der Dichtung un- 
tiennbar mit Oidipus verbunden. Durch dies Verbrechen 
ist er mit unsiihnbarer Schuld behaftet. Wie durfte er ein 
Opfer mit seiner sündigen Hand berühren? Schon seine un- 
reine Gegenwart befleckt die heilige Handlang, befleckt die 
Beinen. Der Mörder ist nach uraltem Blutrecbte der Radie 
der Verwandten verfallen, nur durch Flucht kann er sich 
der Strafe der Menschen entziehen, und er bleibt ein Gräul 
den Göttern, bis er irgendwo Sühnung gefunden hat. Oidi- 
pus hatte den schwersten Mord begangen; doch nach der 
Thebais blieb er in Theben und auf dem Throne. Es konnte 



^) Wfilcker Ii 334 hat diese Beleidigung erklSrt: „das Vor- 
setzen der Kleinode, die an den erseblagenen Vater erinnerten {na- 
TQog koTo ri(xiqivxa y^Qa), konnte Oidipus nicht anders als hdhnenden 
Vorwurf aufnehmen'*. 

Welcker Ep. C. II 336. Erst er hat das Verst&udniss die- 
ser beiden Fragmente erschlossen und grossartig Oidipus und das alte 
Epos (339) charakterisirt. 



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104 



IV. Thebais. 



Niemand wagen, ihn hinauszustossen. Aber ein voller König 
konnte er niclit inulir sein, da er nicht opfern durfte. Das 
thaten für ihn seine Sühne und von diesem Punkte aus nah- 
men sie dem Vater die Herrschaft — doch natürlich, um 
sie selbst za fuhren. Das war aber nur mögliob, wenn Oidi- 
pns nicht mehr die Macht hatte, Unehrerbietigkeit und Auf- 
stand zu strafen. Nun ist es wohl begreiflich, dass die 
Mannen und Knechte sich von dem Gottverhassten abwandten 
und, wenn sie sich auch nicht tliiitlich gegen ihn auflehn- 
ten, doch nicht mehr gefügige Werkzeuge in seiner Hand 
waren. Aber hätte Oidipus noch in voller Heldenkraft ge- 
standen, er hätte sich wohl Gehorsam zu verschaffen ge* 
wuBst» Gehorsam wenigstens und Ehrerbietigkeit von seinen 
Söhnen erzwungen. Demnach haben wir uns Oidipus als 
einen körperlich gebrochenen Mann vorzustellen und so wer- 
den wir auch von dieser Seite zu der Annahme gedrängt, 
die Wclckcr schon aus den Fragmenten selbst entnommen 
hatte: Oidipus war blind. Und das bestätigt die Persiflage 
dieser Thebaisstelle, welche im Scholion zu Oidipus auf Ko- 
lonos 1375 erhalten ist.**) Oidipus war als Sohn der ver- 
pflichtete Rächer des Laios: durch die Blendung vollzieht 
er sie wenigstens symbolisch an sidi selbst. 

Schon der Hjpomnematist, dem wir jene Verse der 
Thebais verdanken, hat bemerkt, dass Aischylos in den Sie- 
ben V. 769 auf dieselbe Weise die Verfluchung der Söhne be- 
gründe, sie sollten in Kampf das Erbe theilen. Die schon 
nachgewiesene Benutzung der Thebais liegt also auch hier 
zu Tage. Da nun diese Flüche vom Chore unmittelbar mit 
der Selbstblendung des Oidipus verbunden werden, so darf 
darin eine Bestätigung des Schlusses gesehen werden, dass 
diese auch in demselben Epos erzählt war. Weiter aber 



0 Welcker £p. C. XI m. 337, Sclmeidewin Oidipussage 166. 



IT. Thebais. 



105 



führt die Erkeuntniss, dass auch Euripides in den Phoiuissoü 
die Stelle jenes Gedichtes benutzt hat. Er lässt nämlich 
den Teiresias 870 ö. von der Blendung des Oidipus und von 
der Sünde seiner Söhne gegen üm also reden: 

876 ovr* Hgoöov ÖMvteg avÖQa övGxvyfi 

tpf/Qiojüm'. ix d' Im^Bvo^ avrnlQ ixQctq 
dtiväg voömv re xal jcQoq fjzifiaöfttifog. 

£benso heisst es im Prolog 60—68, wo auch der Inhalt der 
Flüche bezeichnet wird: 

Die üebereinstimmuug mit der Thebais ist ojQfonbar: Oidi- 
pus hat sich nach entdecktem Frevel geblendet, dann von 
seinen Söhnen der schuldigen Ehren beraubt, wünscht er 
ihnen Bniderzwist nm's Erbe an. Mitbin ist auch die 6e^ 
fangensetznng des Alten durch die Sohne ans eben diesem 
Epos entnommen. Denn dass sie ihn der Herrschaft be- 
rany)t, ergeben die Thebaisfragmente; getödtet haben sie ihn 
nicht; also müssen sie ihn durch Geflingniss unschädlich ge- 
macht haben. Und höchst wahrscheinlich hat Oidipus in 
diesem Gedichte den Bruderkampf, die Erfüllung seiner 
Flüche erlebt Das ist auch in den Phoinissen der Fall, in 
des Sophokles Oidipus auf Kolonos sieht er wenigstens den 
offenen Krieg, wenn auch nicht den gegenseitigen Mord; 
aus Aischylos Sieben ist nicht zu erkennen, ol) er noch 
lebend gedacht ist. Auch in der Oidipodie subeint er wie 
sein zweites Weib Euryganeia noch den Tod der Söhne er- 
lebt zu haben. Diese Version ist also verbürgt Seine Aus- 
wanderung nadi Attika kommt für das Epos natürlich nicht 
in Betracht.*') Das alles empfiehlt die Annahme dieser 

Ueber das Alter dieser 8«ge t. Wilamowiti Kydathen 103 

a. U. 



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106 



IV. Thebais. 



Sageuforni für die Thebais. Entscheidend ist, dass allein 
sie einen Abschluss und freilich einen grossartig tragischen 
Abschluss für das tragischste aller Menschenioose bietet, 
während er sonst zwischen soincn Flüchen und deren Er- 
föUung unbeachtet undvergeflsen im Kerker sterben mä88te>^) 
Jetzt erhebt sich die Hofinimg, für die Thebais noch 
mehr ans den Phoinissen zu gewinnen. Nach dem Prologe 
haben Eteokles und Polyneikes, nachdem sie gemeinsam die 
Herrschaft au sich gerissen, aus Furcht vor Eriulluug der 
väterlichen Flüche ein Uebereiukomnicn getroffen, nach dem 
Herrschaft und Elend jährlich zwischen ihnen wechseln soll; 
Polyneikcs als der Jüngere vcrlässt zuerst die Heimath, nach 
Jahresfrist jedoch will der ältere Eteokles den Thron nicht 
aufgeben und stösst den Bruder wieder hinaus, der nun Ar- 
gos aufbietet Durch diese Wendung wird Theben durch- 
aus in Unrecht gesetzt. Und das mag auch wohl in der 
Thebais geschehen sein: dafür spricht die Aufforderung an 
die Muse, Argos zu besingen, und die Thatsache, dass dies 
£p08 den Sieg der Epigonen über Theben gefeiert hat, und 
doch nicht die gerechte Sache unterli^n lassen konnte. 
Aber dagegen erheben sich schwere Bedenken. Die wahr- 
lich belesenen alten Erklärer der Phoinissen haben keinen 
älteren Beleg für diese Sage gekannt Dire Verlegenheit 

**) Bilieri delle nrne Etrnsche II 1 tav. 17 ff. Ist der alte Oidi- 
pns sirisdben den storbendeii Sühnen dargestellt Körte 8. 52 glaubt, 
diese Yenion sei aas den Phoinissen durch üebertragung entston- 
pen. Sollte vielleicht echte Ueberlieferung eines TerschoUenen Sagen- 
zuges vorliegen? VgL die kämpfenden Br&der, zwischen die der Blits 
fUirt tav. 15 f. S. 43 ff., den Krieger (Tydeus nach KOrte), welcher ein 
Henschenhaapt in die Mauern Thebens schlendert tav. 21 f. S. 60 ff. 
Hat sich doch anf einer solchen Aschenkiste tav. 8 a S. 25 die alte 
und seltene Sage von der Ermordung Ismenens durch Tydeus erhal- 
ten. Die Möglichkeit, dass hier ein Zug der Thebais erhalten ist, 
scheint somit vorhanden. 



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IT. Thebafi. 



107 



zeigt dentlieli das Scholion zu Vers 77; es wird sdilieaslich 

der Ausweg gewählt, Euripidcs habe zwei Versionen ver- 
mischt: die Vertreibung des Polyneikes liabo or aus Phere- 
iqrdes, deu Thciluugsgedatikeii aus Hellanikos entuommen.^^) 
Feiner ist nicht abzusehen, wie PolyneikeB auf diese Weise 
in den Besitz des Haisbaudes der Harmonia gekommen 
sein könne» mit dem er in der Thebais Eiipbflen be- 
stidii Endlich darf wohl daraus, dass in dem einen The- 
haisfragmente Polyneikes es ist, der den Vater durch das 
Vorsetzen von Kadinos Tisch und Becher thäthch beleidigt, 
auf die Erstgeburt dieses Bruders geschlossen werden, zu- 
mal da er auch im koloneischen Oidipus als der ältere aus- 
drücklich genannt wird (375, 1294), Dies fällt um so mehr 
in*8 Gewicht, als Sophokles den Hintergrund dieser Tragoe- 
die nach der Thebais gezeichnet bat. Denn beide Söhne 
haben im Streben nach dem Throne gemeinsam den Vater 
misshandelt (-{42, 448), besonders Polyneikes hat sich lielj- 
los gegen ihn gezeigt f 1355 ff.); Oidipus hat ihnen geflucht 
(1299) und Brudermord (1375, 1387) gewünscht. So könnto 
es für wahrscheinlich gelten, dass auch die Vertreibung des 
Foljneikes in dieeer Tragoedie nach jenem Epos berichtet 
sei: Eteokles beraubt den Bruder, der als älterer auf den 
Thron gestiegen war, der Herrschaft, wie es scheint, durch 
Verrath und treibt ihn aus der Heiniath (375, 1295).*') 
Auch diese Version würde Polyneikes und Arges in's Recht 

^) Vgl. Babbov Im Genethliacon Gottingense 164. 

^ Andels Welcker £p. C. II 341. Wemer (GomiDu phiL in 
htm. lEUbbeekii 614) meint, erst Euripides habe das YeifaftltniEM der 
Brader umgekehrt mid Polyneikes als den Unschuldigen dargestellt; 
ihm sei Antimachos, diesem Statins gefolgt; die Veranlassung m die- 
ser Umgestaltong habe die Annfthemng Athens an Argos gegeben. 
Aber schon der Dichter der Thebais nimmt ja doch fiOr Argos gegen 
Theben Partei. 

Dieselbe Version befolgt irohl Fherekydes im schoL Phoin. 71. 



108 



IV. ThebaU. 



setzen, wie das fiir die Thebais zn erwarten ist Doch 

macht hier bedenklich wcuigcr das Schweigen über die Ai t, 
wie Polyneikes sich das Halsband der Harmoiiia angeeignet 
habe — er könnte, als er den Thron verloren sah, einige 
Kleinode zusammengerafft haben — als der Umstand, daas 
hier eine Theünng des £rbes zwischen den Brüdern aoage- 
schlössen schemt, mhrend der erste (Hdipusfludi der The- 
bais gerade anf solche deutlich hinweist 

So müssen die Fragen offen bleiben, auf welche Weise 
Polyneikes nach der Thebais vertrieben wurde und wie er 
in den Besitz des Halsbandes kam. 



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Y, Die Epigonen. 



Die Prufimg der litteiariBchen Tradition über das Epos 
Thebais hat gelelirt, dass es mit dem Zage der Sieben den 

siegreichen Rachekrieg ihrer Söhne eng verbunden hat, und 
dass dieser Theil dos Gedichtes neben dem allgemeinen Ti- 
tel auch den besonderen "Ejtiyovoi getragen. Die Analyse 
der myüiographischen Ueberlieferung hat für die Thebais 
eme Sagenfonn ergeben, welche die Bache fiir Amphiaraos 
an Eriphylen fordert und durch die Bettung des Adrastoe 
ans der allgemeinen Niederlage auf eine Fortsetzung deutet; 
diese kann nur im Epigonenzuge, jene nur im Muttermorde 
Alkmeons gesucht werden. So wird uns von beiden Seiten 
dieselbe Erkenntniss aufgezwungen. Bei der Untersuchung 
dieses Sagenkreises müssen wir uns aber von vornherein da- 
rauf gefasst machen, noch einem anderen Epos zu begegnen» 
der UlTeftBatvlg, welches, wie aus seinem Titel zu schliessen, 
die Schicksale des AUcmeon, also doch wohl auch seinen 
Muttermord und seine Thaten bei der Eroberung Thebens 
besungen hat. 

Die Tradition über die Epigonen und Alkmeun ist nicht 
reichlich. Einzig Apoiiodor giebt eine fortlaufende Erzäh- 
lung; dazu treten Diodor, Pausauias und vereinzelte werth- 
voUe Zeugnisse bei Herodot, Ephoros, ThuJ^dides, den Tra- 
gikern und Scholiasten. Doch trotz des geringen Materiales 
zeigen sich Widerspräche und Dubletten« So muss geson- 




110 



V. Die Epigonen. 



dort werden, und da stellt sich heraus, dass die wirre Masse 
nach zwei Seiten auseinandergeht, von einer dritten Fassung 
der ganzen Sage sich aber keine Spur findet Ich stelle die 

Thatsachen einfach nebeneinander. 

1) Nach ApuUuiiur III 7. 2. 1 und Diodor IV 66. 1 wird 
Alkmeon von den Epigonen zum Feldlierrn auf ApoUons Be- 
fohl erkoren, der ihnen unter seiner Führung Sieg verheisst. 
Dem entsprechend wird er auch als erster in der Liste der 
Epigonen bei ApoUodor III 7. 2. 3 aufgeführt 

Ganz anders lautet die Verkündigung der Athena in des 
Euripides Schutzflehenden: Aigialens an seines Vaters Adra- 
stOB Statt wird die Epigonen iührcu und liieben bezwingen. 
Und in dei- Tbat wird in der zweiten erhaltenen Epigonen- 
aufzählung im Scholiou J 404 Aigialeus an erster Stelle 
genannt. 

2) Die beiden genannten Epigonenlisten sind die ein- 
zigen, mit welchen zn rechnen ist Denn die Reihe, welche 
Pausanias X 10. 4 nach ihren delphischen Statuen*) giebt, 

ist identisch mit den Namen bei ApoUodor,^) Dagegen dür- 



Dieselbe Version Bchoint Pmdar P. Vin 40 TonHusiuetBen. 
Boeckh Pindar n 2. 313, Welcker Ep. C. II 881 haben das ISipt» 
'Ealywoi als Quelle venimthet Eb wird sich ImmischB Ansicht (Kla- 
lOB 178, XYII Sapplementb. d. Jahrb. f. kl. PhU. 1889) als richtig 
herausstellen, da» die Alkmeonis zu Grunde liegt 

*) Gegen Brunns Datirung (4. Jahrhundertl hat sich Robert 
Hermes XXV 412 gewandt, der die Schlacht bei Oinoe uad die für 
den Sieg geweihten Kunstwerke um 4G0 sftzt 

■''i Dagegen weiss ich mit den Statuen ihrer Väter in Delphi 
(Paus. X 10. 4) nichts auzuiaugen. Es ist die Liste der Thebais zu 
Grunde gelegt : auch Adrastos hat seine Statue. Dagegen ist statt 
Parthenopaios 'AhS'Foarjq (vgl. Robert Hermes XXV 41- ii. 2) ge- 
nannt. — Uebrigens atimmen die nach Pausauias zugehörigen Epigo- 
nenstatueu gar nicht zu diesen. Denn unter ihnen finden sich nicht 
Söhne des ^Eteoxkog, 'Innofxedaw und ^AXt&i^atjg, andnneita sind des 



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V. Die Epigonen. III 

^ 

fen, glaube ich, die Epigonenstataen in Argos bei Pausanias 
II 20. Ö nicht zur Reconstruktion von Epen yerwendet wer- 
den. Sie zeigen nämlich beide EpigonenÜBten vereinigt bis 
anf Medon des Eteoldos Sohn und noch dazu die Brüder 
des Thersandros, Alastor und Timeas.^) Dies spreche ich 
80 zuversichtlich aus, v. ' ü die Gegeusiücke, die Statuen ihrer 
Väter, wie Pausanias, ohne ihre Namen zu nennen, bezeugt, 
die Zahl sieben überschritten, also auch wohl sämmtliche in 
den verschiedenen Sagenfonnen unter den Sieben genannten 
Helden darstellten. Da nun Pausanias meinte» die Argiver 
mÜBsten doch am besten ihre eigene Geschichte kennen, so 
hielt er diese Reihe für die richtige und verstieg sich zu der 
gewagten Behauptung, erst Aischylos habe die Siebenzahl 
aufgebracht. — Nur auf Hyging Fabel 71 könnte man den 
Versuch, emo dritte Liste nachzuweisen, gründen, oder viel- 
mehr nur auf einen Namen derselben. Denn von den sechs 
im Frisingensis, resp. fragmentum Niebuhriannm erhaltenen 
Epigonen stimmen fünf mit dem Scholien A 404, für welche 
Hippomedons Sohn Polydoros den Ausschlag giebt, aber statt 
des dort Stratolaos genannten Sohnes des Parthenopaios er- 
scheint hier Tlesimenes.^) Aber dieser >iame, der übrigens 
in Niebuhrs Palimpsest fehlt, wird aus einer Variante der 
Vorläge stammen und hat wohl ursprünglich nichts mit den 
Epigonen zu thun. Das einzige, was wir von ihm wissen, 
giebt Pausanias III 12. 9: er ist der Vater eines in Lake- 



Il^ofxaxoq und EvQvaXoq Vftter IlaQ^fvonmo:; und Mijxiarsvg nicht 
unter jenen. Es ist keineswegs sicher, dass diese zwei Statuenreihen, 
die verschiedene Sagenformen vertreten, einem und demselben Weih- 
geschenke angehdrten: Robert a. a. 0. 413. 

*) 'AHatmQ oder UXaata^ ist l&r das bei FaosaniaB ttberüeferte 
jld^tfto^ zu sehrdben: Schol. Pindar. 0. II 76. 

*) So hat Bchon riehtig Jacob! HaodirteterbiiGh der gdecb. n. 
tiim. Myth. fftr Thesimeaes aas Fansanias III 12. 9 verbeaiert 



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112 



V. Die Epigonen. 



daimon verehrten Arkaders Aulon, selbst Bruder oder Sohn 
des Parthenopaios. Der Verfasser des mythologischen Com- 
pendiums wird» da mehrere Namen mit dem Patronymikon 
üa^epoxcdüv umHefen» bei Gelegenheit der Epigonen diese 
notirt haben. ^) Es kann also nicht gefolgert werden, dass 
Tlesimenes wirklich in irgend einer Sage als Theilneluner 
am Epigoiiciizuge genannt war. 

Somit bleiben die Listen bei ApoUodor und im Scho- 
lion A 404« Von diesen setzt die erstere die Liste der Sie- 
ben TOrans» welche für das Amphiaraoslied aufgestellt wurde, 
indem ans dieser jeder Vater einen Sohn in jener findet und 
umgekehrt 



Li dieser Thatsachc liegt einerseits ein gewichtiger Be- 
weis für die Bichtigkeit der Combinationen über jenes alte 
Epos, andererseits die Yersichemng, dass diese Sagenform 
des Epigonenziiges in Beziefanng m demselben gestanden hat. 



•) Gau/ analog nennt Diodor IV 65, 4, der aus dem mytholo- 
gischen Ilandbuchc hier schöpft, bei Erwahnuug deb rarthenop&ios 
Atalante Tochter des ^^xoivevg, was sie in diesem Sagenkreise nie 
gewesen ist, wo sie Tielmehr den lasos smn Yster hat» Der Yw* 
fmaser des CompendinmB hatte also offenlNur sa i| UtttXavTtjg rr}^ 
'J«90V notirt itett* aXXovg tov J^&iviwg ohne Btteksieht dazmof, 
dasB ein Enkel des Schoineos nie unter den Sieben genannt wird. 

Dass beide Sdhne naeh dieser Versioii Theil nahmen, besengt 
auch Pindar P. YIII 40, vgl. Immisch 17d. 




noXwelxovq 

MfjXlOTtOQ. 



Tvöicaq 



EvQvaXoq 



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J 



V. Die Epigonen. 



113 



Dagegen erfordert die Epigoiieureilio im Scliolion A 404 
diejenigen als ihre Väter, welche Aisciiylos, Sophokles, 
Euripides uach der Thebais als Helden des ersten Zuges 
nennen. 

AiyuxXBvg ^iÖQaCtov (Aischylos 50) 
Biqottvdi^q noXvpslxavg ( „ 615) 
JiOfJt}6rjg Tvödatq ( „ 360) 

Jid-iveXog Kamipaatg ( „ 405) 

'Aii^Uoxo^i ^«»«xpoo« ( „ 651) 
SxQaxoXao^ ilaQß-tPOJiaiov ( „ 510) 
JloXvdm^og ^IjfxoftiSavTog ( ,» 469) 
Miöcav ISksoxXov ( „ 440) 

3) Dass Algialens fällt, steht allgemein fest Ueber das 
Sdiickaal des Laodamas aber, des Königs Ton Theben, ist 
die Ucbcrlieferuiig wieder eine doppelte. Nach ApoUodor 
III 7. 3. 1 fällt er von der üand des Alkmeon, des feind- 
liehen Heerführers.^) 

Die andere Sage aber lässt Laodamas überleben und 
ihn mit einem Theile der Thebaner auswandern. So Pau- 
saniafl IX 5. 13; 8. 6; 9. 4. Durch Herodots gleichlautende 
Notiz y 61 wird sie in's fünfte Jahrhundert hinaufgerückt, 
und es wird so wahrscheinlich, dass sie aus einem Epos 
stamme. Zu demselben Schlüsse führt der Umstand, dass 
Hellanikos im Scholien zu Pindar l\ VIII ü8 als Schlachtort 
Glisas nennt ebenso wie Pausauias an jenen drei Stellen, 
während in der andern Version kein Ort angegeben wird.^) 

") Auch Schol. J 404 erz&hlt Beinen Tod: ei TermiBcht also 
beide Versionen der Sage. 

Dagegen scheint bei PauRanias IX 19. 2 eine Vermischung 
stattgefunden zu haben, wo er bei Glisas das Gr&h doR Aicialeus und 
anderer Argiver z. B. des TJQouftyog, des ParthenopaiüaHohnes, er- 
wähnt. Die Contamination ist sicher, sofern Pindar P. VIII 52 nach 

Sethe, Heldenlieder. 8 



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114 



Y. Die Epigonen. 



4) Auch die Auswandenuig der geschlagenen Thebaner ist 

rhatsacke m der Sageugescbichte, aber über Führung und 
Ziel geht die Tradition wi(>dür nach zwei Seiten auseinander 
und so liegt sie bis auf einen Punkt völlig getrennt vor. 
Bei Apollodor und Diodor***) wird berichtet, dass die The- 
baner nach der Schlacht auf des Teiresiafl Bath heimlich 
bei Nacht ihre Stadt verliessen nnd westwärts zur Qaelle 
TilphoBsa zogen; dort starb der Seher naoh emem Tranke 
▼on ihrem sagenheiligen Wasser; sie selbst aber wanderten 
weiter nach Thessalien und siedelten sich in der Hestiaiotis 
an.") Herodot I 5() weis^. dass in eben diese Landbchaft 
einst die Kadmeer eingedrungen sind und die dort ansässi- 
gen Dorer vertrieben haben. Diese Notiz madit erst den 
Sohlnss der mit Apollodor sonst so TÖllig übereinstimmeil- 
den Erzählung Diodors^') Terständlich und es zeigt sich» 
dass sie nichts anderes aussagt als jener. Nach Erwähnung 
des Begräbnisses des Teiresias am Tili)bossaion fährt er IV 
67 fort: avTol dh (oi Kadfitloi) fibTLwaOzdvzeg ix Zijq Jto- 



dem Epos den Aigialeos allein von allen Epigonen mnkommen lässt. 
Diese ConfaBion ist leieht daraus erklArlicb, dass die perihegetisehe 
Qaelle das Grab der Epii^oneo bei Glisas angab und ans anderer my* 
thograpliisehM Tradition Namen der gefallenen Epigonen genommen 
wniden. — Uebrigens wiU ich nicht die Möglichkeit leugnen, dass 
auch nach der andern Version der Sage bei Glisas gekftmpft wnrde, 
nur ist das nJeht nachzuweisen. 

*•) Vgl. Genethliacon Qottingense 50 Welcker Ep. C. II 384. 
,^ehr alterthümlichc" Befestigungen auf dem TilphOBSlon: Boss K5- 
nigsreisen I 31, LoUing Baedekers Griechenl.^ 1G8. 

Dass so zu verstehen, nicht an die Gründung Hestiaias an 
der Nordkaste Euboias zu denken sei, l^^hrt die Paralleltradition. 
Diese Stadt hat keinen Zrisammenhang mit den Kadmeern. 

Was er Ober Daphne sieht, hat er aus anderer Quelle in- 
terpoiirt: s. Maass de äibyil&rum indicibiu 2 n. 4. 



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y. Die Epigonen. 



115 



iyX03Qlovq ixelvovg fihp e^tßaXov kx rmv jtatQidmv, avzol 
6' kxi rivag ;fpoj>ou§ xaToix^öavreg oi fiev hv CB&t^ xari- 
[isipcof, ot 6' kytop^l&^av Big rag Bijßag EQiovtag xov Ms» 
vomia^g ßamlevowog* Die Rückkehr aas TheBsalieo nach 
Theben enullilt auch Pausanias IX 8. 6, um den Namen der 
stvXat ^OfioXo3lösg m erklären.") Diese Rückwanderung ist 
also wobl echte Ue})erlieferunj^. Wie aber Kreon zum Kö- 
nige des eroberten Thebeiis geworcien sein soll, was Diodor 
aussagt, ist nicht abzusehen: er muss geirrt haben. Um 
Thersandros, dem Erben des Poljneikea, das ihm gebührende 
Reich zu erkämpfen, waren die Epigonen ausgezogen. Dass 
dieser das eroberte Erbe auch antritt, ist doch eigentlich 
selbstyerständlich: so wird die Angabe des Pausanias als die 
richtige zu betrachten sein. 

Nach der anderen Sage hat sich König Laodamas, des 
Eteokies Sohn, mit den Thebanem, so viele ilim folgen woll- 
ten, in das Land gewandt, wohin sein Ahnherr Kadmos mit 
seiner Gattin Hannonia am Lebensabend durch Götterschluss 
Tersetzt worden war, um nach segensreicher Herrschaft über 
die dortigen Völker mit ihr in Schlangen verwandelt in's 
Elysium einzugehen: zu den Encheleis in lUyrien. So erzählt 
Pausanias IX 5. 13,^*) so auch Herodot V 61 in seinem Ex- 
cursc iiber Phoiuikische Schritt. Auch mit diesem Zweige 

V. Wilaiiiowitz Hermes XXVI 222. Pausanias gleicht hier 
die beiden getrennten Versionen der Sage aus, indem er einen Theil 
der geschlagenen Thebaner zu den Illyriern, einen andern nach Thes- 
salien wandern lässt. 

^*) Offsnbar unabhängig von Herodot T 61, vielmehr aus der^ 
selbeo Quelle wie die ganze Sagengeachidite, die er liier giebt Aneh 
nennt er nicbt wie dieser ^Eyxi^etij sondern Illyrier. 

Es iat absolut kein Gnmd Torhsaden» diese Notis mit der 
in gans anderem Zasammenliange, nftmlich der Wsndenmgsgeschichte 
der Boiler, stehenden Angabe Hetodots I 66» die Eadmeer seien in 
die Hestiaiotis gewandert, mit Gewalt in Uebereinstimmnng bringen 

8* 



116 



V. Die Epigonen. 



der Uoberliefening ist die Angabe verbunden, dass die Epi- 
gonen das eroberte Theben dem Thersandros als Sohn und 
Erben des Polynoikes übergeben. 

Die doppelte Ueberlieferong liegt vor Aller Augen. Dass 
sie aber virkÜch nur aus zwei Qaelleu stammt und nicht 
etwa diese Dubletten aus einer grösseren Zabl Yon Sagen- 
formen sich zufällig erhalten haben, während die anderen 
ohne Spur zu Grunde gegangen sind, das wird zur vollen 
Sicherheit durch den Versuch erhoben, die zwei Reihen der 
Tradition in sich zu verbinden: die Brocken schliessen sich 
zu zwei abgerundeten und zusammenluuigenden Geschichten 
zusammen. 

Alkmeon wird auf Apollons Geheiss von den Epigonen 
zum Führer ihres Zuges gegen Theben bestellt: so nimmt er 

die erste Stellt- la ihrer Liste bei A|3ollodor ein. Er er- 
schlägt in der Schlacht den König der Feinde, des Eteokles 
Sohn Laodamas, der den Aigialeus erlegt hatte. Die fuhrer- 
losen Thebaner wenden sich an den greisen Teiresias und 
auf seinen Rath und unter seiner Leitung täuschen sie die 
Argiver» verlassen ihre Vaterstadt und entkommen zur Quelle 
Tilphossa. Dort stirbt der Seher. Sie begraben ihn und 
wandern weiter nach Thessalien, wo sie die Hestiaiotis be- 
siedeln. Doch später kehrt ein Theil zurück, um unter Ther- 
sandros Scepter, dem die siegreichen Epigonen das eroberte 
Reich übergeben haben, wieder in Theben zu wohnen. 



stt wollen, wie das Stein tlint. Die Aniialime, auf welcher dies Yer^ 
Fluren beraht, Herodot mttsse beide Male dieselbe Quelle benutst 
haben, ist unberechtigt. Es gab und giebt 2 Versionett dieser Sage, 
die bis auf Paus. IX 8. 6, der sie allein eimnal contaminirt, vOllig 
getrennt vorliegen. Beide hat Herodot benutst 

Fausanias IX 5. 14. Dass Plndar 0. II 41 dasselbe andeute, 
kann nicht so ohne Weiteres gesagt werden, wie das Xmmisch 178 
thut. 



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y. Die Epigonen. 



117 



Alkmeon ist der Held dieser Sage: vor ihm verschwin- 
den fast die Andern. Sie ist ältor als Herodot. Doch kann 
sie nicht hoch liinaufgosrhobcn werden, denn sie benutzt das 
delphische OrakeL Ferner setzen ihre Epigonennamen die 
Liste der Sieben Toraus, welche das Amphiaraoslied g&b. 
Za diesem Epos kann sie nicht gehören, da sie offenhar we- 
sentlich jünger ist; also sohloss sie sich an dasselhe gleich- 
sam als Fortsetzung an; denn die von diesem erzählten 
Handlungen wird sie doch nicht wiederholt haben. Nun ist 
das Epos Alkmeonis, wie von Wilamowitz bewiesen hat,'^) 
erst um 600 entstanden und hat die Thaten dieses Helden 
gefeiert, also zunächst den Epigonenkrieg. Es ergieht sich 
der Schiuss: die zusammengestellte Sagenform ist der erste 
Theil der Alkmeonis. 

Die zweite Beihe der Duhletten ergieht diesen Znsam- 
menhang: An des alten Adrastos Statt führt sein Sohn 
Aigialeus den Rachezug gegen Theben. Die Epigonenliste 
im Scholien .1 404 weist ihm den ersten Platz zu. Bei Gli- 
gas werden die Thebaner geschlagen, aber Aigialeus fällL 
König Laodamas giebt die Stadt verloren und mit den The- 
banem, so Tiel ihm folgen wollen, zieht er semem Ahnherrn 
Kadmos nach zu den Yon diesem einst zu Glück nnd Macht 
gebrachten Encheleis in Ulyrien. Thersandros aber beherrscht 
das eroberte Theben. 

Die Epigonenlisto dieser Sage schliesst sich an die Na- 
men der Sieben, welche für die Thebais vermuthet werden 
durften: Jeder dieser Epigonen findet unter ihnen seinen 
Vater. Folglich gehört sie mit ihrem Sagenkreise dem Dop- 
pelepos Thebais-Epigonoi an. Dieser Schiuss erhält eine ge* 
wisse Bestätigung dadurch, dass in den Schutzflehenden, für 
welche Euiipides dies Gedicht benutzt hat, Athena den sieg- 



>^ Homer. Unters. 73 n. 2, 214 n. 13. Vgl. luumscli Elaros 1Ö7. 



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118 



y. Die H^^nen. 



leiobeii Bachezug der Sohne der Sieben unter Führung des 
AigialenB ToransBagt mit dentUchem Hinweise aaf dieee Epi» 

gonenliste. Mithin haben wir die Fortsetzung des [grossen 
tliel)anis(lieii Epos gewonnen. Diese Erkenntniss führt zu 
einer Erwoiterung und Bestätigung zugleich. In jenem Ge- 
dichte war wahrscheinlich die Hochzeit des KadmoB und 
der Harmonia erzählt In diesem Zweige der Epigonenaage 
fiihrt der letzte Nachkomme des Kadmos die Thebaner za 
den Encheleis. Za demselben Volke soll anoh Kadmoe als 
Greis gekommen sein und es noch glücklich beherrscht haben. 
Das älteste Zeugniss fin <iie^ Märchen ist der Epilog iu 
Euripiiies Bakchen; aber es ist klar, dass es hier nicht zum 
ersten Male auftritt. Da dasselbe nun die nothwendig er- 
forderte Verbindung zwischen Theben nnd den £ncheleis 
giebti so könnte es ans eben jenem Epos stammen. 

Aber noch steht die Dublette zum TebesiaBtode der 
Alkmeonis ans. Sie gewährt fröhliche Bestätigung der lan- 
gen und iii(lit immer sicheren Combinationen und glück- 
lichste Lösung \ irluiüsorgter Schwierigkeiten. Pausanias er- 
zählt an zwei Stellen Vll 3. 1 und IX 33. 1 folgendes: Die 
Epigonen führten nach der Einnahme Thebens aus der Beute 
den Teireaias und seine Toditer Manto dem Apollon als 
Weihegaben nach Delphi. Auf dem Wege starb der Seher 
nach einem Trünke aus der Quelle TSlphossa und sie beer- 
digten ihn dort Aber Manto empfing der Gott; doch er 
behielt sie nicht, sondern sandte sie nach Asien. Sie ge- 
langte nach Kolophon. Der dort herrschende Kreter Rha- 
kios heirathete sie und zeugte mit ihr den Mopsos. Sie 
selbst aber gründete ein Orakel in Klares. 

Diese Sage schliesst sich von selbst an die jetatt toi^ 



") AiM llodor III 7. 3. 2 ff. und Diodor IV 66. 5, 67. 1 conta- 
minireu beide Versionen. 



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• 



y. Di« EplgontB. 



119 



folgte Fonn der Epigouengcschichte, welche sie als nothwen- 

dige Ergänzung fordert. Denn stete***) betont die üeberlie- 
ferung dieser Version, dass nur ein Theil der Thebaner 
mit Laodamas zu den Kiicheleis zog, und giebt an, die Ueb- 
rigcn seien zurückgeblieben und in die Hände der Sieger 
gefallen. Ueber das Schicksal dieser erwarten wir, aiifge> 
klärt zu werden und in töU^ befriedigender Weise giebt 
diese Aufklärung die eben mitgetheüto Sage Ton Teireedas 
und Manto. 

Genau dasselbe von Manto erzählt Theon zu Apollo- 
iiius Rbodios I 308, und hier ist glücklirber Weise die 
Quellenangabe erhalten: ol de tjjp (^t^ßaidu ytyQa(p6t£q 
g>aolv oti tJio xmv ^Emyovcov axQod'lvtov ävszid^ Mapzm 
^ Teigealov ^v/ar^ eig JeX^vq xefi^^kfa xal xata 
X^Ofiov 'AxoXlmvog h§i^ofihn^ xsQtixeCs ^PaxUp Aißti- 
T0§ vl^ Mwtfjfvctka ro yivoq* xal yr^fiafievr] avxm (rovto 
yctQ jtsQistxs^ TO Xoyior , yafietöB'tti m ctv Owawr/Oy) 6>l- 
d-ovöa siq Kokoipcöva xal txel 6v<}{^vfi?j0a6a tödxQvCe Sta 

Pausanias IX 5. 13; Aaodä^ui avv tu lg td^tlovaiv ^ne- 
ad^ai Srjßaiiov . . . d;rf;((u^>^öfv ig 'IXkvgwvs. — IX 8. 6: tot« bfiov 
Afxoddfiovti *Ets03cX$ovg vne^laüiv ol noXXoL — K 9. 4: TSv 

axownp, ol 4b vTtolsiip^Svteq noXioQxla na^Sarijaw, Dem entq^xicht 
die Eroberung TheboDB durch die Epigonen ond Beute und Menge 
der Kriegsgefiuigenen: Pam. YII 3. 1, IX 83. 1. 

**) S. meine Quaest. Diod. mythogr. 92. Durch den Keehweis, 
daro dies Thebaisfragment virklich zur Thebais gehört haben kaan 
und mufls, fallen die wenig glucklichen Versuche, dies unbequame 
Zeugniss zu verdächtigen: Welcker Ep. C. I 194 (s. jedoch auch II 
382) usw. Immisch Klaros 141 n. 1. Dieser entdeckt 146 im schol. 
Apolln. Bh. I 308 „die Version des Xenophanes", um wenige Seiten da- 
rauf 170 „die so oft mit Unrecht den Epigonen zugeschriebene xtlaig 
Kokoqmvoc. durch die delphische Hiorodulo Manto" — also eben das- 
selbe die Thebai« ausdrücklich citirende Apollouioßschoiion I 
3ÜÖ — in die Melampodie zu verweisen! 



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120 ^> Ej^gonen. 

Tip r^g xaxiddoq xog^i^öip, öioxsq €9Pöfia&B^ KXoQoq vxo 
rmv doM^wxnf.*^) Die Identität dieser Sage mit der von 
Paasanias erzählten hat Niemand je gelaugnet und wird man 

niemals liiiiguen kömicu; schon längst sind beide zusammen- 
gestellt. Sie ist also ein Theil des Epos, dessen Inhalt zu- 
sammengesetzt ist. Hier ist sein Titel überliefert ß^jßrdc: 
es ist dasselbe» welchem die erste Hälfte dieses Zusammen- 
hanges zugesprochen werden musste. Damit ist eine gewidi* 
tige Bestätigung der mythographischen Untersuchung gewon- 
nen und es zeigt sich» dass sie dasselbe Resultat ergeben 

Das Weinen der Manto wird vielleicht auch aus der The- 
bais atammen; denn gerade auf das Weinen kam es dem Etymologen 
an, der KXaQOQ von xXavaai ableitete, und, um zu beweisen, dass in 
der Geschichte von Klares das Weinen von Bedeutung war, das Epos 
citirte. Wohl nach der Cultsage war der Quell, der die klarischen 
Wahrsager begeisterte, aus den Thriincu der Manto entstanden : schol. 
Apolln. Rh. T 308; s. die von Fertz Colophoiiiui ;i Cöttiugen 1848) 
53 f. gesammelten Zeugnisse. Genethliacon Gottiugeusu 171 habe ich 
das Schol. Apolln. Rh. I 308 entwirrt und die Parallelstellen aus 
Theons Commentaren zu Nikander Alexiph. 11 und Ther. 958 ver- 
bessert. i>agegeü Immiach Klaros 137. Seine Annahme einer Lücke 
vor Alexiph. 11 (var. lect.) ist unbewiesen. In diese L&cke die im Scho- 
lien erwAhnteManto su stecken Ist methodisch falsch. Denn dies ist nicht 
der „dürftige Rest gelehrter Bemerkongen za dem ▼ollstftndigen Texte", 
sondern giebt genau wie schol. Ther. 958 und schol. Apolln. Rh. I 306 
drei Etymolo(^en fOr Elaros und fiCkr eine derselben {KXdpoq, ort ixet 
heXavaey ^ Jlfoyro») ist Manto enr&hnt, die also m der Etymologie 
und nicht zum Nikandertezte gehört. An allen drei Stellen hat Tbeon 
auch den Mann derselhen genannt» dessen Name "Arxco^ feststeht, 
aber in den beiden Nikanderscholien unter den Formen fiezä Zw- 
ygalav (■"» xov ^Paxlov) und avv Baxyiiaötj öicc (= '^Peuel^ 6ia) auftritt. 
Daraus macht I. einen „Bakchiaden Zograios", den es sonst nicht 
giebt. Solange dieser Name nicht nachgewiesen und sicher gezeigt 
wird, dass der Mann der Manto jp anders hiese als Ebakios, fordert 
die Methode, dass wir in den drei Stellen r\n denen dieselbe Gelehr- 
samkeit Theons vorliegt, Rhakios herstellen, zumal dies nicht schwere 
Aenderungen fordert. 



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Y. Di« Epigonen. 



121 



bat wie die Analyse der litterarischen Ueberlieferang über 

das Epos Tliebais-Epigonoi. Was diese fuiiL rte, eine Dai- 
stelluug des Epigonenzuges in engstem Aiisclilusse an den 
Krieg der Siebon, hat jene von selbst ergeben; denn sio ist 
ohne Rücksicht auf die litterarische Tradition und sogar vor 
genauer Prüfang derselben geführt worden. Eine durch Auf- 
dröselnng des wirren Gewebes der Epigonensage blossgelegte 
Form wurde schon am Kataloge der Kämpfer als Fortsetzung 
der Thebais erkannt; als Inhalt der Thebais wird ausdrück- 
lich ihr letztes und nothwcndiges Stück in den bestüber- 
Ueferten Scholien von einem zuvcrlasaigou Gelehrten aus der 
Zeit des Augustus bezeugt. 

Erst als ich diese urkondliche Bestätigung fand, erhielt 
ich das Vertrauen, richtig combinirt und richtig geschlossen 
zu haben. Ich muss gestehen — und gestehe es gern — , 
dass iah zu dieser Erkenntnis» erst genau an demselben 
Punkte der Untersuchung gekommea bin, an dem ich sie 
vorgelegt, und genau auf demsolhen Woge, wie ich den Leser 
geführt habe, nachdem ich diesen Sachverhalt zwar geahnt, 
sobald sich mir die Ueberlieferang der Sage vom Zuge der 
Sieben als eine doppelte erwiesen hatte, die Lösung der 
Schwierigkeiten aber, welche das Apolloniosscholion bietet, 
lange auf die eine oder andere gewaltsame Weise versucht 
hatte. 

Die Untersuchungen buhen einen weiten Stoff für die 
Thebais ergeben, an zwei Stellen sogar Erzählungen aus 
der Kadmossage wahrscheinlich gemacht; so könnte er wohl 
zu weit erscheinen. Aber dass die behandelte Sagenmasse 
eine grosse war, ist uns im Porphyrioscholion zu Horazens 
A. P. 146 überliefert: MAntimachus fuit cydicus poeta. Hie 
adgressus est materiam, quam sie extendit, ut viginti quat- 
tuor Volumina impleverit antequam septem duces ad The- 
bas perduceret.'* Uebortriobcu ist hier jedenfalls, aber auch 




122 



y. Die EpigoneiL 



Horazens Äusserung bezeugt grosse Weitschweifigkeit an 
diesem kyklischen Epos, wie er auch an den Kyprien un- 
mittelbar darauf denselben Fehler tadelt. Wir dürfen sie 
also als Thatsache betrachten. 

Jetzt möchte ich die Aufmerksamkeit noch einmal auf 
Pausanias IX ü ionken, wo er von „dem Kriege" (§ 1) zwischen 
Argos und Theben spricht, beide Züge der Sieben und der 
Epigonen kurz erssahlt, dann sagt, anf »diesen Kricig** (% 5) 
sei das Epos Thebais gedichtet Schon oben ist gezeigt wor* 
den, dass unter „diesem Kriege" beide Heerfahrten verstanden 
werden müssen, auch g(Mnäss dem antiken Sprachgebranche, 
da z. B. seit Thukydides die Reihe der verschiedenen Kriege 
von 431 bis 404 trotz des förmlichen Friedensschlusses von 
421 als „der peloponnesische Krieg" bezeichnet wird. Die 
kurze und recht allgemein gehaltene Erzählung des Pausar 
nias, die noch dazu diese Heldenkampfe historisch rationar 
lisirt, stellt sich dennoch bei näherer Betrachtung als eine 
Wiedergabe dessen heraus, was für die Tliebais erschlossen 
ist. Deutlich tritt das am Epigouenzuge hervor: die The- 
baner werden bei Glisas geschlagen, mit einem Theilo ent- 
weicht der König Laodamas, der andere fallt den Argivem 
mit der Stadt in die Hände. Das ist die Version der 
Thebais-Epigonoi, wahrend in der Äikmeonis Laodamas fiel 
und die führerlosen Thebaner auf Bath des Teiresias mit 
ihm bei Nacht entflohen. Das Schicksal aber des in der 
Stadt zurückgebliebenen und von den Epigonen gefangenen 
Restes der Thebauer erzählt Pausanias VII 3 und IX 33, 
wie Thoou bezeugt, nach der Thebais. Da er nun IX 9 nach 

Anch TX 5. 13 gicbt Pausanias ganz rein die Epigonensagc 
nach der Thebais und insofern ausführlicher, als er auch den Tod 
des Aigialens und Illyrien i^wo die Encheleis wulinen) als Ziel der mit 
Laodamas auswandernflen Thebaner angiebt. So wird er auch hier 
die Ii)poLhesi8 beuuLzi iiabüii. 



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y. Die Epigonen. 



123 



dem Berichte, der nur Züge allein dieses Epos enthält und 
sio nicht wie Apollo lor, Diodor mit der AlkmeoniK vf.Tuiischt, 
auch selbst ausdrücklich sagt tjtoiTj&rj tg rov jtoXefiov rov- 
TOV «al ejcT} ßrißdiq, so ist der Schluss kaum abzuweisen, 
da» er ein £xcerpt der Thebais unmittelbar benutzt 
hat Das ist nichts erstannlicheB. Denn die fiadstenz sol- 
cher vxoB'i^BiQ steht fest. Ausführliche der troischen Epen 
hat der Verfasser des mythologischen Handbuches seiner Dar- 
stellung dieses Sagonkrei.ses zu ^'i iunle gelegt und sie so 
ApüUodor, Hygin und auch i'ioklua überliefert. Dass die 
sechzehnte Horoidenepistei einen Auszug der Kyprien be- 
nutzt, ist kürzlich dargethan.^^) £in Thoil eines Excerptes 
der Oidipodie ist in den PhoinisBenscholien nachgewiesen, 
ein anderer in den Iliasscholien yermnthet worden. Eb ist 
also nicht zu hezweifeln, dass auch Pausanias eine solche 
vjto&aoig gehabt haben könne; dass er eine der Thebais be- 
nutzt hat, sagt er in seiner umscbreibendeu Manier eigent- 
lich selbst und die Vergleichung seiner Mantosage mit dem 
Zeugnisse aus der Thebais und der fassbaron Züge seiner Epi- 
gonengeschichte mit dem für dies Epos Gewonnenen bestätigt 
das. Dann aber ist es sehr wahrscheinlich, dass auch seine 
Andeutungen über den Zug der Sieben aus eben diesem The* 
baisexoerpte entnommen sind. Schlagende Beweise sind da- 
für freilich nicht zu bringen, da er loidi^r keine Einzelheiten 
giebt. Doch stimmt wenigstens seine Angabe, das ganze Ar- 
giverheer sei bis auf Adrastos vernichtet worden. Und auch 
was er sonst sagt, lässt sich wohl mit der Thebais vereini- 
gen. Am IsmenoB seien die Thebaner geschlagen worden, 
aber der Sturm der Argiyer auf die Mauer sei abgeschlagen 

**) Vgl. meine Ausführungen im Hermes 1891. 

**) von G. Wcntzel in einnm leider als Manuscript gedruckten 
Aufsätze (EpUhaUmion W. P. u. H. M. P. dargebracht 11. Y 1890, 
GottiAgen). 



124 



V. Die Epigoneii. 



und ihr Sieg habe sidi in Niederlage verwandelt Eine 
Schlacht in der Ismenosebene, darauf ein Mauerangriff ist 

ganz im Stile des homerischen Epos, und ebendics hat 
noch kürzlich vun Wilamowitz für die Theb^iis gefordert. 
So versuchten die beiden Aias, die Atreiden, Idomeneus und 
Diomedes, nachdem sie die Troer zur Stadt zuriickgetheben 
hatten» die Mauer Uions da, wo der wilde FeigeDbaum stand, 
zu stürmen (Z 43Ö). Die Tragiker dagegen setzen gleich 
mit der Belagerung Thebens ein. Diesen epischen Zug der 
Schlacht hat auch Apollodor noch erhalten, obgleich sein 
Bericht durch die i'homissün stark bocinflusst ist. Nun ver- 
sucht der kühnste der argiver Helden Kapaneus den Sturm 
auf die gewaltige Mauer: ein übermenschliches Unterfangen 
— Zeus blitzt ihn Yon der Zinne nieder. So wird Achilleus 
beim Sturme auf das skaiische Thor Ton ApoUon erschossen. *^ 
Wie nach dieser Niederlage die Aefaaier von dem Angriffe 
abstehen und von den ausfallenden Troern bedrängt nur 
mit Mühe die Leiche dos Helden retten, so ist auch der 
T(j(l des Kapaneus das Zeichi^i des Rüekzuges für die er- 
schreckten Argiver, des Vorstürmcus für die ermuthigten 
Thebaner. Da vollzieht sich das Verhängniss. Das ist ein 
Bild aus dem £pos. Es steht so bei Pausanias, der die 
Thehais citirt: er hat also auch hier ihre Hypothesis be- 

HermeB XXyi225f., auch für das Folgende zu vergleichen. 
**; So Sophokles Fhiloktet 384, Horaz 0. IV 6. S, Hygin 107, 

Quktus Sm. III 60, auch wohl Pindar P. III 101 vgl. schol. Dieae 
Version ist die ältere, wio 9,1g auch sicher in epische Zeit hinaufreicht; 
dass die andere, welche ihn durch Paris erlegen lässt, jünger ist, beweist 
schon die Hilfe ApoUons, schlagend aher die uralte durch Plutarcb 
(Theseus 34) aus Istros überlieferte Sage, 'A).t^m'<^(>nv tot ^i- ßfn- 
(taUtt IlaQiv V7i' 'Axi^^tfog xctl TJr(T(i6y?.ov xQca ißtivai nccQa ibv 
^TTFrr/Hor. — An den Tod Achills durch Apoll knüpft auch Hi> del- 
phische Sage voin Rachcversucbp und Tode des i^eoptolemos an: 
Euripides Andromaclie 1108, Strabon iX 421. 



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V. Hie Eplgonm. 



125 



nutzt. Es steht aber auch bei Apollodor. Nur ist zwischen 

dem Siege der Argiver in der Feldschlacht und ihrer Nie- 
derlage eiu Flicken aus den Phoinisseu eingeschoben. Das 
Folgende aber, wie selbstständige Untersuchungen von ver- 
schiedenen Punkten aus gezeigt haben, gehört zum grösseren 
Theile der Sagenform der Thebais: der Tod des Melanippos 
und lydeuB, die Baohe des Amphiaraos an diesem, seinem 
Feinde, die Flucht des Adrastos, die Abkunft seines Rosses 
Areion. Dass ferner f&r die Angabe, Periklymenos, des Po- 
seidon Sohn, habe den Parthenopaios erschlagen, im mytholo- 
gischen Ilandbuche neben Euripides die Thebais citirt war, 
ergiebt Pausanias IX. 18. 6; dieser Held fallt, wie aus dem 
tadellosen Zusammenhange bei Apollodor zu schliessen, in 
der zweiten Feldschlacht nach abgeschlagenem Sturme, wäh- 
rend er in den Phoinisseu beim Angriffe auf die Mauern 
getodtet wird. Wie ist diese Abweichung zu erklären? Offen- 
bar dui'ch Einfluss des Epos, das die Heldenpaare im freien 
Felde kämpfen und schwerlich den gewaltigen Poseidonsohn 
vom sicheren Thurme aus den jugendlichen Arkader zer- 
schmettern Hess. Auch Hippomedon und Eteoklos gehörten 
in der Thebais zu den Sieben, so mögen denn auch ihre bei 
Apollodor erhaltenen Besieger ebendaher stammen* Amphia- 
raos ist auch nach der Thebais Yon der Erde yerschlungen 
worden, doch wurde ApoUodors Bericht wegen seiner auf- 
fallenden Aehnlichkeit mit Pindar N. IX 25 dem für dies 
Gedicht benutzten Amphiaraosliede zugesprochen.^') Zu 
Grunde aber liegt der Erzählung dieses Handbuches ein 
Auszug aus der Thebais: dies konnte a priori nach Analo- 
gie des troischen Sagenkreises erwartet werden. £rst lange 

Dass Stücke aus anderer Ueberliefernng in dem Thebaisex- 
cerpte des mythologischen Handbuches eingetlickt sind, ist nach der 
ZusammeoHteUimg desselben natürlich und findet auf jeder Seite 
Belege. 



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126 



y. Die Epigonen. 



nadi Absdiluss der BeconstniktioD der Epen erkannte ich, 

dass die einzelnen für die Thebais erwiesenen oder wahr- 
scheinlich gemachton Züjjo bei Apollodor reichlich nebenein- 
ander stehen, und auch erst, nachdem ich den Schluss ge- 
zogen, dass Pausanias IX 9 einen Auszug aus diesem Epos 
benutzt habe. Ich lege Werth auf die Chronologie dieser 
£ntwickelung. Denn so ergiebt sich eine nngesuchte, aber 
desto gewichtigere Bestätigung, dass die Yorgetragene Wie- 
derhersteUnng der Thebais in den Hauptzügen das Richtige 
getrofifcn haben mag. 

So arg Pausanias auch die Thebaishypothesis verkürzt 
und so schlimm er sie durch historischen Rationalismus 
entstellt hat, wir können doch ein Neues wenigstens aus ihr 
entnehmen, dass in dem £pos Helden ans Yerscbiedenen 
limdern yorkamen. Denn seine Angaben "AÖQaCToq 1$ 
j4jQxa6lag xal xagit MeCifipflatp ifvfifiaxtxa i^d^QoiOev . . . xiä 
Tolg Sfjßcdoig f/iod^oq>OQixa ^X^e jcaga ^mxicoiy xal tx rfjg 
Mivvdöoj, x^k^^^i ^Xtyvai . . . öfjXot (Jf döi xal {toIq *Em- 
yovoiq) ov to [({r/oXixm^ [i6voi\ ovdl oi Mtöö/jvivi xai 
'AQxadtq f}xoXov{h?]x6teg, dXXa xal eti kx KoqIv^ov xal 
Mtya()ta)v tJtixXri^ivxsq Ig nyi' cvfifiaxlciv scheinen nichts^ 
als Umschreibung yon Kämpferkatalogen zu sein, welche ent- 
weder das Epos selbst, wie die Bouxnla, oder sein Ezcerp- 
tor zusammengestellt hatte, wie z. B. Apollod. I 8. 2 die ka- 
lydonischen Jäger. Leider können wir sie nur wenig con- 
troliren: der Bundesgenosse aus Arkadien ist Parthenopaios, 
aus Messenien stammen die Biantidem Auch die übrjgen 
werden in gewissem Sinne richtig sein. 

£s ist für die Thebais gewonnen Eriphylens Venrath 
an ihrem Gratten, der sich in einem Verstecke dem Kriege 
und sicheren Tode entziehen wollte; es wurde daraus gefol- 



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Y. Die Epigonen. 



127 



gert» dasB dasselbe Epos aacb die Strafe for dies Verbrechen 
er^Ut haben masste, und es hat sich gezeigt, dass in sei- 
nem zweiten Theile. den Epi^i>ji(jj, Alkmeon mit seinem Bru- 
der Ampliiloclioö und den übrigen Ilukli n-uhnen gegen The- 
ben zieht Dass Alkmeons Muttermord als Rache für den 
Vater in diesen Znsammenhang gehört, ist klar und wird 
sich auch von anderer Seite zeigen. Nunmehr ergiebt sich, 
dass die Darstellung des Abschiedes des Amphiaraos auf 
dem Kypseloskasten (Paus. V 17. 4), die uns durch äm ko- 
rinthischen Krater des Berliner Museums No. 1655 zu leben- 
diger Anschauung gebracht ist,^**) die Sagenform der The- 
bais voraussetzt. Das gezückte Schwert des Amphiaraos, die 
flehend erhobenen Hände der Kinder lassen keinen Zweifel, 
dass der Held versucht war, die Strafe an der yerräthe- 
rischen Gemahlin selbst zu vollstrecken: so wird die Be- 
ziehung auf das Lied von des Amphiaraos Ausfohrt ausge- 
schlossen, auf die Thebais gefordert Femer stimmt mit 
diesem Gedichte die Auwesenheit des Alkuieon, der in je- 
nem nicht nachweisbar ist, und es kann nicht Zufall sein, 
dass er in diesem Bilde wie in der Thebais als der ältere, 
also rachepflichtige Sohn charakterisirt ist, während Amphi- 
lochos noch als kleines Knäblein von der Amme getragen 
wird, was den vielleidit aus dem Amphiaraosliede stammen- 
den Versen mit der Anrede an den Heros Amphiloehos di- 
rekt widersprechen würde. Da auch die Odyssee o 243 



*«) Mon. d. Ist. X tav. 4, 5 = Baumeister Denkm. S. 67 — 
Benndorf Vorlegeblatter 1889 X. Vgl. Robert Bild u. Lied 14. Zwei 
getrennte Gebäude (templa in antis) sind dargestellt: vor dem zur 
Linken stellen Eriphyle and die Kinder, vor dem andern die Pferde 
des Amphiaraos. Der Palast von Tiryns giebt die Erklärung: links 
ist die Halle des fitya^iov, rcrhts das n(J07ivkaiov. 

Aus einigen Vasen, besonders der schönen sfg. Zeichuuug 
Mon. d. Ist. III ö4 == Overbeck H. G. IV 1, wo der gerttstete AM- 



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128 



Y. Die Epigonen. 



— 248 dasselbe Verhältniss der beiden Bräder andeutet» ist 
auch für diese Stelle die ThebaiBYersion Torausznaetzen. Auf 
dem EypseloskaBten steht Baten als Wagenlenker des Seliers. 
Nadi Apollodor III 6. 8. 4 a. A« irvtd er mit ihm in die 

Tiefe gerissen. Man könnte daraufhin Baton für die i'lie- 
bais vemuthcn; im Amphiaraosliede stioss er uns niclit auf. 

Ueber Alkmeons Muttermord ist näheres zu erfahren. 
Thebais und Alkmconis sind noch daraufhin zu untersuchen: 
und nicht nur den Mord, sondern auch die Folgen des Mop* 
des und seine Sühne müssen sie nothwendig erzählt haben. 
Auch hier gilt es wieder, wie sich jetzt leidit ergiebt» zwei 
einander ausschliesseude Sagenformen klar zu legen. 

Bas aus derselben Quelle, wie Apollodor III 6. 2 stam- 
mende Scholien zu X 326 erzählt: . . , l4fig)idQaov . . . fihv ^§oq- 
ft^aai JiQOQ ttiv aroardav, UXTe/iccori <Je xQoöra^ai (if^ jr^d- 

dxoxtslvai trpf itrftiga' tavra ^ xavra dqSaca HySTtu 
rov 'A2x(ii(DVa xcA &ia r^v fiTjTQoxrovlcof fuxpijvm, rovg 
dh d'covg dxoXvöai tijg v6<sov avrov to oöUxfg hxctfnh- 



^lAPEOS dem Weibe die K. giobt, hat man auf eine Version scUiee- 

sen wollen, die einen freundlichen Abschied erzählte. Sie würde die 
der l4fx(pid(}£(o i^tXaaiq sein. Aber der Ephebe und der Alte dieses 
Bildes bleiben unerklärt, und es ist nicht wahrscheinlich, dass der 
Abscbied dos Sehers In diesem Gedichte ein besonders freundlicher 
crewesen war. Der beigeschriebenc Name steht in keiner inneren Be- 
ziehung zu dieser Genresceiie. Schoi. o 248 hat schwerlich Recht. 

'"'i Benudorf (Herüou von Gjölbaschi-Trysa 197) bemerkt, dass 
von den Darstellungen des Arophiaraosunterganges die einen ihn 
allein, die andern mit einem (ienossen auf dem Wagen zeigen. Es 
kujjute üiese Scheidung auf verschiedenen Versionen — also der i^e- 
kaaiq und der Thebais — beruhen. Schwierigkeiten würde dann die 
sfg. Lekythos S. 196 = Yorlegebl. 1889 XI 8 machen, vo nach Benn- 
dorf hinter Amphiaraos die Lanze des Perikly meoos ges^dmet ist, 
wttbrend neben ihm Baten steht 



y. Die Epigonen. 



129 



vovra r^f nargi rrjv fijjreQa xaraxtBtPcu, Danach hätte 
also Alkmeon seiner Sobnespflicht gehorsam den Vater an 
seiner Mutter gerächt und wäre dann erst, durch die Götter 
von der Blutschuld befreit, mit den Epigonen gegen Theben 
gesogen. An der Echtheit und Reinheit dieser Ueberhefenmg 
irgend zn zweifeln, liegt kein Grand vor: dieser Schlnss 
des Scholions ist durcfaans klar und entibält keinen Wider- 



Die andere Version ist bei Apollodor III 7. 2. 2 und 
Diodor IV 66 erhalten. Thersandros besticht Eriphylen 
durch „den Peplos" und sie erreicht es, dass Alkmeon oder 
ihre beiden Söhne in den Krieg ziehen. Also überlebt sie 
den Fall Thebens. Und dementsprechend erzählt Apollodor 
in 7. 5. 1 ausdrücklich, dass Alkmeon erst nach dem Epi- 
gonenzage seine Matter ermordet habe.*^) 

Hier wird „der Peplos" verwendet. Schon Hellanikos 
(schol. Phoin. 71) hat von ihm erzählt, er sei wie Harmo- 
nias Halsband ein Göttergeschenk gewesen und von Poly- 
neikes mit diesem nach Argos gebracht. £r ist also nicht 
erst von der Tragoedie erfunden. Dies Kleinod und seine 
Vemrendung ist ein genaues Gegenstück zu der Rolle, welche 
der oQftog in der Thebais gespielt hat: so hat es eine ge- 
wisse Wahrscheinlichkeit, wie schon Welcker ausgesprochen 
hat, dass es den ^Emyovoi, dem zweiten Tiicile dieses Epos, 
angehört. Doch ist mir bei dieser zweiten Bestechung Eri- 
pbylens ebensowenig wie bei der Astyochens in der kleinen 
Ilias^*) klar, wie die Mütter ihre Söhne zur Theiluahme am 
Kriege zwingen konnten. Da über den Mattermord nur zwei 
Versionen nachzuwdsen sind, dürfen wir nach der vorher 

Körles Deutung einiger etrusklscher Aschenkisten (II tav. 26 f.) 
auf Alkmeona Mattennord unter fieistand seines Brüden ist nicht 
sicher. 

««) S. V. Wilamowitz Horn. Unters. 152. 

Sethe, Heldenlieder. 9 




130 



y. IHe Epigonen. 



Wik £rfo]g angewendeten Methode in ihnen die Sagenformen 
der Thebais nnd Alkmeonis erkennen. Daas nun die an 
erster Stelle erwähnte Entlang, nach welcher Alkmeon Tor 

dem Kriege die That vollzieht, dem lelztureu Epos augciiort, 
wird die folgende Uutersuehuiig beweisen: also wird auch 
von dieser Seite die zweite für die Thebais wahrscheinlich 
gemacht 

Die Ueberlieferong über die weiteren Schicksale Alk- 
meons theilt sich wieder in zwei Anne — abgesehen von 
der ganx Tereinselten, offenbar dnrch Enripides erst go> 

schaflfenen Sage von ^AXxiiimv 6ta KoqMov. Den Helden 
treibt die Erinys semer Mutter, welche er nach der Be- 
zwingung Thebeüö enschlug, durch die Peloponnes, er kommt 
zu Phegeus und hndet endlich am Acheloos Ruhe: so Apollo- 
dor und Paiuanias. 

Ganz anders lautet des Ephoros Bericht» welchen Strar 
hon zwei Sial, im siebenten (325/6) und zehnten (462) Boche, 
wiederf^ebt*'^ Nadidem Alkmeon mit Diomedes nnd den 
anderu Epigonen den Krieg gcgou iiiebeu biegreich been- 
det hat, zieht er mit jenem nach Aitolien. Dort züchtigt 
er die Feinde des Oineus, giebt ihm und seinem Eokel die 
Herrschaft zurück und unterwirft sich selbst Akamanien. 
Um dieselbe Zeit mit Agamemnon audi diesen Helden nnd 
seinen Genossen Diomedes zum Kampfe gegen Troia auf aus 
Furcht, sie möchten sich während seiner Abwesenheit wie- 
der in Besitz ihres angestammten, Ton ihm ihnen entrisse- 



•*) Da er beide Male Thokydides II 68, am Ephoros zu wider- 
legen, beifügt (p. 650, 1. 26 Mein.), so verdankt Strabon die Stelle 
einem Mittelsmanne: ala solclier ist im 10. Bache durch B. Niraes 
glänzende Untersuchungen (Rhein. Mus. XXXIIl Apollodor erwiesen; 
folglich rnuss er es auch im 7. Buche seiu, ohgleich kurz vorher De- 
metrios >ou Skepsis citirt ist — Immiach Kiaroä 182 meint, £pho< 
ros polernUire gegen Thukydito. 



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V. Die £p|g!Oneii. 



131 



nan Landes Axgos setsen. Doeb nur Diomedes folgt; Alk- 
meon bleibt in Akarnanien, gründet dort Argos, das er nach 

seinem Bruder Amphilochos UfitpiXoxixov nenut, und giebt 
seinem Volke iiacli seinem Sohn»^ Akarnan den Namen Akar- 
nanen. Hier ist mit keiiiem W orte Alkmcons Muttenuord 
und die ihn ruhelos umtreibendo Eriuys Eriphylens erwähnt.^*) 
Das kann nicht Vergesslicbkeit sein. Denn wenn ein Held 
glückliche Kriege fuhrt, so kann er unmöglich mit Blat* 
scihnld behaftet sein; ein avoötag op^q würde keine KriegB- 
genoesen finden, und, wenn er sie fönde, seine Kriege wür- 
den nicht Sieg noch Ruhm, sondern Verderben ihm und 
seinem Heere bringen. Wie diese Anschauung auch den 
späteren Griechen innewohnte, so lange ihr Glaube lebendig 
war, so hat sie in noch höherem Grade die Sage beherrscht 
£s ergiebt sich mit Nothweodigkeit das Dilemma: entweder 
bat Alkmeon nach dieser Sage seine Matter überhaupt nicht 
getodtet» oder er hat schon vor seinen Zügen nach Theben, 
Aitolien und Akarnanien seiner Racbepflicht genügt und töI- 
lige Sühnung von der schweren Blutschuld erhalten. Letz- 
teres ibt direkt in dem oben ausgeschriebenen scholion X 326 
überliefert. Die Verbindung ist hergestellt: wie die Bruch- 
flächen eines geborstenen Steines passen diese Brocken an 
einander. Und sie bringt die Bestätigung, dass mit Becht 
die Alkmeonis als Quelle vermuthet wurde. Denn schon 
früher ist die Behauptung ausgesprochen worden,**) Epho- 
ros gebe den Inhalt dieses Epos wieder. Sie ist an sich 
wahrscheinlich, einerseits, weil Alkmeon hier der Protagonist 
ist, andrerseits weil aus dem von Strabon, vielmehr Apollo- 
dor kurz vorher (X 452) mitgetheilten Fragmente des £pho* 
TOS klärlich hervorgeht, dass dieser die Alkmeonis für seine 
Gesduchte Akamaniens benutzt haf ) Nach Apollodor I 

»♦) Vgl. Immisch Klarüs 1Ö3. 

Im 30. Buche hat Ephoroe resp. seiix Sohn ein delphisches 

9* 



Digiiizca by Liu^.' . 



132 



T. Die Epigonen. 



8. 5. 2 hat die AllmeomB die Verbomiiuig des Tfdeos ans 
seiner Heimath en^t» weil er die Feinde seines Vaters 
Oineus» die Soline des Melas erschlagen. Das Schicksal des 

Tydeus musste dies Epos erzählen, um die Recht m Bissigkeit 
des aitolis( hrii Zuges und der Herrschaft des Diomedes in 
Aitolieu darzuthun. 

Es mnss aber noch geprüft werden, ob in der That 
alles, was Ephnros Ton Alkmeon nnd Diomedes in AitoUen 
und Akamanien erzählt, aus der Alkmeonis entnommen ist 
Immisdi (Klares 183) betrachtet das als selbstverständlich 
und abstrahirt daraus, dass dies Epos „die Aufgabe erfdllte, 
den thebischen mit dem troischen Sagenkreise zu verbinden**. 
Doch man wird ein gewisses Misstrauen gegen diese Behaup- 
tung zuerst wenigstens nicht unterdrücken können. Aber 
naher zugesehen ist dasselbe mehr durch den gewählten 
Ausdruck erregt, als durch die Thatsache selbst Die Alk- 
meonis ist, wie Ton Wilamowitz aus ihren Fragmenten eyi- 
dent gezeigt hat, erst um 600 gedichtet. Die Sage von der 
Rückkehr des Diomedes in das Land seiner Väter konnte 
erst entstehen zu einer Zeit, als das seit lange Barbaren 
verfallene Aitohen, eine Stätte ältester griechischer Cultur, 
wieder in den Gesichtskreis der Griechen trat und zu oolo« 
nisatorischen Versuchen reizte. Dies trat erst ein, als sie 
Colonien in den Westen, nach Sieilien und Grrossgriechen- 

Orakel von 3 Versen beigebracht, welches dem Alkmeon die Stiftung 

des oQ/xog auferlegt, um TOm Wahnsinne befreit zu werden (Athenaeas 

VI 232E, ausgeschrieben von Eustathius Horn. p. 1697. 40flF.). Gegen 
ihre Herkunft machen drei gleich darauf angeführte analoge Orakel- 
hexameter bedenklich. Jene Ueberlieferung findet sieh auch bei 
Schol. Stat. Theb. III 274, Mythogr. Vat. II 78. — Auf den Besitz des 
Halsbandes der Harmonia machten noch mehrere Tempel Anspruch , m 
der der Aphrodite in Amathus ^Paus. IX 41. 2), das Artemision zu Delos 
(BuU. de corr. hellenique 1890. S. 406 1, 2). Auch der Peplos Eri- 
phylens wurde gezeigt; Paus. II 1. 8. 



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y. Die Epigonen. 



133 



kuid entsandten. Dadurch wurde der Golf yon Korinth m 

einer wichtigen Verkehrsstrasse, auf welcher sich der Welt- 
handel zwisclien Ost und West bewegte. Es musste sich 
damals die Politik der grossen Hand eismächte darauf rich- 
ten, die Fahrt zu sichern und die wilde Bevölkerung an der 
Nordweetküste der Bucht an Seeraub zu hindern und den 
eigenen Interessen m unterwerfen. Diese Wünsche der Er* 
oberung Aitoliens und Akamaniens schlugen sich nieder in 
Bildern der Sage. Tydeus war aus Aitolien vertrieben und 
vor Theben gefallen. Aber sein Sohn Diomedes rächte des 
Vaters Tod an den Thcbanem; und dieser gewaltige Recke 
wäre nicht in das Land seines Vaters gezogen und hätte 
nicht die ihm gebührende Herrschaft wiederemingen? Doch 
schon längst stand seine Theilnahme am Zuge gegen Troia 
fest Und andrerseits hatten Achaier den Heros Diomedes 
nach Grossgriechenland mit sich geführt, und man erzählte, 
dass er nacii langen Irrfahrten und schweren Schicksalen 
hier gelaüdet, das Volk beherrscht habe, gestorben und be- 
graben seL^^) Also seines Bleibens war im angestammten 
Aitolien nicht, aber geschlagen hatte er sicherlich seine 
Feinde auch dort und den Thron seiner Ahnen wiederauf- 
gerichtet Wenn er nun also nicht bleiben konnte^ hier die 
Früchte seiner Thaten zu geniessen, so musste das motivirt 
werden, sonst hätten Böswillige doch geglaubt, sein Sieg 
habe die Macht der Feinde nicht gebrochen und ihr habe 
er schliesslich weichen müssen. Da bot sich nichts so pas- 
send und natürlich dar als sein Zug nach Troia. Agamem- 
non ruft ihn wie alle namhaften Helden: er ist dem Rufe 
gefolgt und hat wie kaum ein Anderer der Acbaierfürsten, 
ein Liebling Athenas, gewaltige Heldentbaten in der Ebene 



So wohl pfhon die NänTO!: «ie scheint Kallinos gekannt 2tt 
kaben. Also dürften sie dem Iß. Jahrhunderte angehören. 



134 



y. Die Epigonen. 



des SkamBodros Tollbradit So ergiebt ddi die Verbin- 
dung der aitolischen Abenteuer mit seiner Theilnahiuo am 
troisclion Kriege als eine nothweiidige Folge der späten Bil- 
dung dieses Mythos, welcher schon mit festausgeprägteu und 
überall bekannton Sagen m rechnen hatte. 

Was sioh ans den Verhältnissen dieser Sagenbildung 
ergeben bat» fordert oder empfiehlt doch die firsahlung doB 
Epboros; denn sie bangt durchaus in sich zusammen, kein 
Widerspruch giebt die Möglichkeit zu trennen. So hat Im- 
misch sie mit Recht für die Alkmeouis in Anspruch genom- 
men und ganz richtig geschlossen, dass sie den thebanischen 
und troischen Sagenkreis mit einander verbunden habe. 
Erst durch Aufdeckung dieses Zusammenhanges hat derselbe 
die im SchoUon zu Euripides Orestes y, 997 erhaltene No- 



^'') Die Sage konnte freilich die Eroberung Aitoliens auch erst 
ii;u h de« Diomedes Rückkehr von Troia ansetzen, und dass sie es ge- 
tiian, zeigen Anton. Lib. 37 und Hytr 175. So ordnet sieh dies Aben- 
teuer in den vöotoi des Diomedes und in den Noaxoi mag es an die- 
ser Stelle vorgekommen sein. Der Dichter der Alkmeonis musste 
aber den andern Zeitpunkt wählen: denn um Alkmeon gruppirte er 
alles, und der kommt nicht in der Ilias Yor, war also nicht gegeu 
Troia gezogen. So mmBte er den Epigonenkrieg und den aitoUscheo 
mdglicliBt dieht susammenrllcken, und dadurch gewann er dann noch 
die Möglichkeit, die Entfenrang des DiomedeB ans Aitolien gut ni 
notlTiien. 

IramiBch KlaroB 188 n. 1 merkt an: (Strab. X 463) »,eine 
nngemein vichtige Stelle, welche Licht wirft auf die Yerlegimg des 

PeIo])idcnsitzes von Mykenai (Homer, Sophokles) nach Argos (Alscbf- 
lo8, Euripides)." Ich finde in dieser Stelle weder Mykenai noch die 
Stadt oder Burg Argos erw&hnt, sondern nur die Landschaft Argoa. 

Die haben die eingewanderten Pelopiden von Mykenai aus, wenn auch 

schwerlirh i^anz, beherrscht (Steffen Karten von Mykenai, Text 1); 
dass sie aber je auf der Lari'^sn re^essen, beweisen weder die atti- 
schen Tragiker, noch kann es überhaupt bewiesen werden Vgl. Thrae- 
mer Pergamos 354, ^iese iilntwickelung d. homer. Poesie 213 n. 1. 



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y. Die Epigonen. 



135 



tiz aiu der Alkmeonis Terständlich gemaoht, welche vom 
Fluche des Pelopidenhauses, dem Zorn des Hermes und dem 

goldenen Lamme erzählt, um das der verderbliche Bruder- • 
zwist entbrannte. Dies Epos hat also die Öciiicksale der 
Pelopidon erzählt: es musste das; denn der argivisch-theba- 
nische SagenkreiB kennt dies Geschlecht gar nicht und weiss 
nichts davon, dass sie in Arges herrschtea. Den Zug gegen 
Troia fahrt aher der Pelopide Agamemnon, König von Mj- 
kenaL Wie er diese Herrschaft erworhen hatte, musste das 
junge Gedicht erzählen. 

Es gilt jetzt, den anderen Arm der Ueberliefenmg über 
die Thaten des Alkmeon nach der Eroberung Thebens zu 
verfolgen.*^) Pausanias YIII 24 und Apollodor III 7. 5 geben 
allein eine zusammenhängende Darstellung. Einige auf^Ulige 
Verschiedenheiten lassen sofort doppelte Quelle Termuthen: 
denn des Phegens Kinder heissen hei Pausanias UXgtecL' 
ßoia, Ti^pievog und *Agfmp, hei Apollodor UgiSiPWf, Uqo' 
voog und ^yjji^öi^. Trotzdem jedoch stehen sich die Be- 
richte sehr nahe. Der Inhalt der Sage ist bei Beiden gleich: 
Alkmeon verlässt, um Ruhe vor dem Rachegeiste seiner Mut- 
ter zu finden, seine erste Gattin, des Phegeus Tochter, wird 
YOIL AchelooB gesühnt und heirathet als zweite Kallirrhoe; 
diese hört von dem kostbaren Schmucke, durch den einst 
Eriphyle bestochen worden, und verlangt Ton ihrem Gatten, 
dass er ihn schaffe; dieser giebt nach und geht zu seiner 
ersten Gemahlin, um ihr diesen einst geschenkten Schatz 
wieder zu nehmen, unter dem Vorwaiido, Apollon verlange 
ihn als Weihgeschenk; doch der Betrug wird entdeckt, des 
Phegeus Söhne erschlagen Alkmeon« ^ Diese Sage ist so 

*•) üeber die Erzählung der Thehais von der Rückkehr des 
Diomedes nach Aitolien, die IToraz A. P. 146 bezeugt, weiss ich keine 
haltbare Yermathang vorzutragen. Der Oineus des Euripides liegt 
im Wege, 



üigiiizuQ by LiüOgle 



136 



y. Die Eplgimen. 



künstlich, dass man trotz der Versohiedenheit der Namen 
der Annahme einer einzigen Quelle für beide ErzäMiingen 
nicht ausweichen kann. So bleibt nur ein Ausweg: beide 

Schriftsteller haben denselben Mittelsmann benützt, der jene 
einheitliche Fabel mit Zusätzen aus aiulereü Versionen ver- 
sehen hat. Dies wird durch die Beobachtung bestätigt, dass 
weder Apollodors noch des Pausanias Erzählung tadellos 
fortschreitet, sondern sich bei Beiden knapper oder breiter 
dieselben Züge finden, die mit dem grossen, eben aufgezeig- 
ten Faden keine Verbindung haben. 

Na(^ Pausanias gab ApoUon dem Alkmeon, als dessen 
Wahnsinn in den Armen der Phegeustoüliter lüclil leichter 
wurde, den Spruch, Eriphylens Rachegeist werde ihm nur in 
das Land nicht folgen, welches erst nach ihrer Ermordung 
dem Meere entstiegen sei; er fand es in dem vom Acheloos 
angeschwemmten Eilande. Damit stimmt aber unter keiner 
Bedingung, dass Alkmeon später diesen Zufluchtsort wieder 
verlaset: denn beim ersten Schritte auf die alte Tom Mut- 
terblute befleckte Erde hätte ihn die lauernde Erinys wieder 
gepackt. Diese die Wahrheit in sich tragende Beobachtung 
wird äusserlich bestätigt und über allen Zweifel erhoben 
durch die Wiederkehr desselben Sagenzuges bei Thulgrdides 
II 102: denn nach diesem Zeugen bleibt Alkmeon, wie es 
der auch von ihm wiedergegebene Orakelspnich fordert, auf 
dem einzigen durch seine Mordthat nicht besudelten Stück- 
chen Erde und stirbt dort in Frieden vor dem Bachegeiste 
der Mutter. Mithin ist dies Orakel und die Besiedelung der 
Acheloosaiischwemmung bei Pausanias ein der übrigen Er- 
zählung fremder, mit ihr nur äusserlich verknüpfter Bestand- 
theil. Dass er aber nicht von diesem selbst, etwa aus Thuky- 
dides, zugesetzt ist, beweist eine Spur desselboi in der pa- 
rallelen Erzählung Apollodors: (dixitianf) ov 'Jx^Xtpog xQoa- 
ixmüB roxov xtioaq xatipxT^aev. Zu dieser Angabe hatte 



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T. Die Epigonea. 



137 



Apollodor um so weniger Gruncl, als er ein ganz anderes 
und zu jener in den llauptzügeu ibm und i'ausanias gemein- 
samen Sago sehr wohl passendes Orakel mitgotlieilt hat: 
AlkmeoB solle zum Acheloos gehen und von ihm eine zweite 
Reinigung fordern (Pbegeus hatte ihn nämlich schon ein- 
mal gesühnt). Da branchte also der Held nicht weiter die 
Erinys zu fürchten und hatte keine Yeranlaasung, eine wüste 
Diuie zu bewohnen. 

Somit ist erwiesen, dass Apollodor und Pausanias ihre 
Berichte aus derselben Vorlage entnommen haben, die ver- 
schiedene Sageiiformeii vereinigte: sie kann keine andere 
sein als das Buch, aus dem unser Apollodor nur ein Aus- 
zog ist, das Yon Pausanias auch an andern Stellen^') und 
sonst unübersehbar oft benutzte, zwischen 100 und 45 
Tor Cbr. entstandene mythologische Handbuch. Beide Dar- 
stellungen müssen also mit emander yerbunden und als eine 
mit Varianten ausgeslaLlüLc Erzählung betrauliLet imd vei- 
werthot werden. 

Die Quellen dieses Abschnittes mit Sicherheit zu son- 
dern Termag ich nicht Das Vergleichungsmaterial ist zu 
gering und des £uripides *AlK(iimv 6ia Wm^ldoq hemmt die 
Foracbnng. Denn so sicher es ist, dass diese Tragoedie hier 
benutzt, man darf wohl sagen zu Grunde gelegt ist, so un» 
möglich scheint es, sie einigermaassen sicher zu reconstrui- 
ren.^^) So viel aber steht fest, das Drama spielte in Pso- 



wüMßMmf Xttftßuystv ist eine Coqjektnr Bekkers fflr srdeAiy 
StaXafjißdvBip, TJeber den Sinn kann kein Zweifel beaieken. VgL 

m 7. 5. 4. 

GonethUaeon Gottingense 44 ff. 
*^) We Ickers Beconstraktion ist wenig glacklich. Das hat mit 
Recht betont Schoell Beiträge zur Eenntniss der trag. Poesie der 
Griechen T 132 ff. — Gründlicher Unterricht über die Tetralogie des 
griechiBchen Theaters 53. Doch auch sein Yersach ist nicht evi- 



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138 



V. Die Epigonen. 



phis. Da nun das mythologische Handbuch Alkmcons Tod 
in Psophis und eine recht complicirte Verwickelung berich- 
tet, durch welche dieser herbeigeführt sei, so ist es doch 
wahrscheinlich, dass dies aus jener Tragoedie stamme, um 
so mehr, als sich die leider unter dem zweideutigen Titel 
UXxftiw uberlieferten Fragmente 86, 76, 78, 79 ungezwun- 
gen mit der Erzählung Apollodors vereinigen lassen.^') Son- 
dert man dies aus, so bleibt wenigstens für Älkmeone Ende 
die ebenso poetisch schöne, als tief religiöse Sage, wie er 
das ihm von Apollon verheissene Neuland sucht, das einzige 
auf der weiten Welt, das er uicht befleckt, wohin ihm die 
Erinys nicht folgen darf, und wie er es in der Laguneninsel 
an der Aeheloosmündung findet und hier in Frieden wohnt 
und mit der Flusstochter Kallirrhoe Sohne xeugt, die rings 
das Land beherrschen. Ihre Spuren sind im mythologischen 
Handbuche gezeigt, aber die tragische Version hat sie ver- 
drängt. Thukydides hat sie uns erhalten. Sie ist also älter 
als die Tragoedie. Imiuisch freilich behauptet kühn, dieser 
Historiker »jgebe nichts, als was ihm die attische Bühne bot," 
d. h., wie er selbst sagt, Euripides im psophidischen Alk- 
m6on>^) Doch was dieser Dichter geboten, hat er nicht 



dent, da nieht abnnelieii ist, wie ein so riesiger Stoff Im Bahmen 
einer Tragoedie Fiats finden kann. 

**) So schon SohölL Fg. 79 beweSst, dass der o^ag In dieser 
Tragoedie eine vethangnlsBrolle Bolle spielte — nnd swar im pso- 
phidischen Alkmeon, denn Im korinthischoo konnte er kaum vorkom- 
men — nacli ApoUodors Enfthlmig ftthrt der ^l^oc die tragische 
VerwiGkelung and das Ende Alkmeons herbei. Fg. 86 beweist, dass 
ein onzüTerlässiger Diener in dieser Tragoedie vorkam — und zwar 
im psophidischen Alkmeon, denn ans der Hypothesis des korinthischen 
ist nichts derart zu schliessen — nach Apollodors firs&hlong führt 
ein unzuverlässiger Diener die Entdeckung herbei. 

Klaros 187, dagegen 185: „Thukydides sagt, vielleicht nach 
eigener iijrforschung der Laudossagen IX 63 ...und IX 102." 



V. Die Epigonen. 



139 



gezeigt. Man daif in Gegentheil behaupten, unmöglicb könne 
der Held jener Tragoodie, welche in Psophis spielt, als Kö- 
nig von Akarnanien glücklich und friedlich sein Leben auf 
einer Ecbinadeninsel geendet haben. Femer wäre es erst 
zu beweisen, dass ein Gesdiiehtschreiber des fünften Jahr- 
honderts TVagoedien benatzt habe. Was für Pherekydes und 
Hellanikos allgemein gilt, ist auch für Thnkydides billig und 
richtig: zeitgenössische Dichtung, deren Abweichuiij:^ von der 
Sage diese Männer noch leichter coiitrollirtoii als das Volk, konn- 
ten sie unmöglich als historisclic (^ut 11c benutzen. Das alte 
Epos dagegen galt ihnen dafür. ^'^) So darf auch für jene Sage 
iron Aikmeons Ende auf dem reinen Eilande eine epische 
Quelle angenonunen werden. Wir wissen nur von zwei Epen, 
die des Alkmeon Schicksale besangen; beide waren beliebt 
und haben Spuren bis in die Compendienlitteratur hinter- 
lassen. Das eine, die Alkmeonis ist hergestellt; das andere, 
die Thobaib-E])igoiioi fordert einen Schluss. Sie hat den 
Muttermord erzählt: so muss sie auch die Folgen dieser un- 
seligen That und ihre Sühne erzählt haben. Eine bis in 
epische Zeit zurückreichende schöne Sage erfüllt diese For- 



**) Vgl. Cap. IV n. 35. — Ebciibo wenig kann ich Immisch 1 187) da- 
rin beistimmen, dass auch in diese Sage attische Politik hineinspiele — 
oder verstehe ich ihn falsch? — Unmöglich kann in ihr ein Ausdruck der 
WOlUclie und Bemühungen Athens gefunden werden, in Akamanieu 
wUre&d des peloponneiisehen Krieges festen Fuss m fassen und be- 
sonders Oiniadai an der Acheloosmflndmig zu nehmen. Denn das dn- 
sige Bindeglied zwischen Alkmeon nnd Athen, das attische Oeschlecht 
der Alkmeoniden, scheint Ängstlich jede Mdglichkeit sefaier Verbb- 
dong mit dem MottermOrder gemieden zu haben. Gftnslich ausge- 
schlossen aber wird jene Annahme durch die Thatsache, dass schon 
nm 600 das korinthische Epos Alkmeonis Wilamowits Horn. Un- 
ters. 73 n. 2) diesen Helden zum Eroberer toh Akarnanien, d. h. zum 
Vorkämpfer korinthischer Bestrehungen gemacht hatte, er also nim- 
mermehr som TrAger attischer Interessen werden konnte. 



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140 



y. Die Epigonen. 



deraog, bietet den venohnendeii, leis ansklingenden Ab- 
schiuss: er gehört dem tbebaniBclien Epos an. Und er paast 

zu diesem. Denu diese Sage ist jung wie die Epigonensage 
und die ganze Thebais jung ist; Apoliou ist es, der dem 
Alkmeon durch ein Orakel die Erlösung zeigt, wie Apollon 
Yon Delphi es ist, welcher Manto aus der Beute der Eroberer 
Thebens erhält nnd nach Asien sendet 



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VI. Ort und Zeit der Epen. 



Yi^ Epen sind in den Hanptstücken wiederhergestellt. 
So erwünscht dies Ergebniaa — wenn anders es sich als 
richtig bewähren sollte — für die Erkenntniss der Sagen- 
entwickeluüg wäre, so bedeutsam wäre es auch für die Ge- 
Bchichte der litteiatur und Gultur überhaupt Denn da 
manche fassbaren und beziehungsreichen Züge gewonnen sind» 
80 ut za hoffen, dass sie die Losung der Fragen ermög- 
lichen: wo und wann sind diese Gedichte entstanden? 

Die Alkmoonis knüpft an das Amphiaraobliüd an, die 
Thehais formt die von diesem Gedichte festgestaltete Sage 
um und bildet sie weiter. Die Üidipodie steht vereinzelt 
neben dieser Entwickelung. Wenn das auch zum Theil sei- 
nen Grand darin haben mag, dass sie gerade die Stücke, 
welche ia den beiden Thebaiden den Schwerpunkt ausmach- 
ten, nicht gar ausfiihrlidi behandelt haben wird, und wir 
dieselben nicht fassen konnten, so steht sie doch sicher in der 
Gcüchiclite vom Hause des Laios und der Motivirung des 
Fluches ganz vereinzelt. Die Thehais trägt deutliche Spu- 
ren ihres kleinasiatischen Ursprunges, die Alkmeonis ist im 
korinthischen Culturkreise entstanden; die Oidipodie weist 
nach anderer Richtung. 

Was sie Ton Oidipus ers&hlt, ist, wie langst erkannt, 
eine alte Form der Sage. Oidipus überschreitet nicht oder 
kaum die Grenzen Boiotiens: auf dem Kithairou ausgesetzt, 



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142 



YI. Ort und Zeit der Epen. 



erschlägt er auf dem Wege nach Theben den Vater. Seine 
Matter heirathet er zwar, aber eine andere Frau gebiert ihm 
die Kinder. 

Man mödite demnach die Oidipodie sich im Mntter- 
lande, in Boiotieu selbst, entstanflcn denken. Eiae solche 
Vennuthung ist an sich nicht unwaiiischeinlich. Hesiod von 
Askra übte die Technik und Sprache des ionischen Epos 
und mit ihm und nach ihm viele andere Rhapsoden im grie- 
chischen Matterlande, als sich in lonien selbst diese Dich- 
tangsgattnng bereits ausgelebt hatte. So könnte Jemand 
gesonnen sein, den auf der BorgiatafeP) als Ver&sser der 
Oidipodie genannten Kivald-mv zu verwerthen: denn dieser 
wird von Pausani;is und Anderen^) Lakodaimonicr genannt. 
Aber die (ich hrten, ^) welche die beiden Fragmente dieses 
Gedichtes erhalten haben, kennen keinen Dichter, sondern 
citiren 6 jtoii^Oag oder gar im Plural. Doch mag immer- 
hin darin, dass ein Rhapsode des Matterlandes als Autor 
bezeidinet worden ist, dasselbe Gefühl ausgedräckt sein, wel- 
ches ans vermathen ISsst, die Oidipodie sei hier nnd nicht 
in Asien entstanden. *) 

Und diese Vermuthung wird desto mehr bestärkt, je 
länger man das für dies Gedicht Ermittelte bedenkt. Es 
giebt eine klare Anschauung der örthchen Verhältnisse des 
östUchen Boiotiens, Ton Theben, Kithairon und der SteUe 
des Mordes am Ereazwege da, wo sich die Strasse Ton The- 



Jaliü-Michaelis antike tiilderchroniken 
«) Pausanias II 3. ii, Welcker Ep. Cykl. I* 22G. 
') Der Odysäeecommentator zu ?.. dem Pausanias IX 5. 11 das 
Bruchstück verdankt, und der Erklärer der Phoiuisseu. 

Welcker Ep. C. 227 dagegen hat diesen Kivai^v mit Kv- 
vtttBcq von Chios identifteirt, welcher durch ichol. Find. K. II 1 auf 
das Ende des sechsten JahrhondertB fixirt let S. Wilsmowlts Hen* 
Unten. 859 und 370. 



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71. Ort und Zeit d«r Epen. 



143 



ben theüt in den Weg nach Plataiai und den Pfad über den 
DreihänpierpaM Dach Attika oder Megaris.') Daau kämmt 
die KenntniBs des Lokalknltes der Hera auf dem Eithairon. 
Eine solche ist nirgend anders zu suchen als da, wo dieser 

bestand. Und dass die ehestiftende Göttin in den Mittel- 
punkt der ganzen Handlung gerückt wurde, dass ihr Zorn 
das Verderben über Laios und sein ganzes Haus brachte» 
diese Wendung der Sage, die durch diese selbst doch kei* 
neswegs gegeben war nnd auch sonst nirgends Geltung ge- 
habt bat, konnte nur da entstehen, wo diese strenge Hera 
tiefglanbig verehrt wurde, in Boiotien, dessen Städte &st 
alle an ihrem Culte Theil nahmen und noch spät zu den 
heiligen Zeiten ihre feierlichen Feste auf dem Kithairuo be- 
gingen. 

Die Zeitbestimmung der üidipodie hangt von der Frage 
ab: wann kam die Knabenliebe in Griechenland auf und 
spedell in Boiotien? Denn es ist Idar, dass dies Gedicht, 
welches jene Verimmg als einen Frevel gegen die Ehegottan 
anüasst nnd die Gräuel des Labdakidenhauses aus ihm Her- 
leitet, nur zu einer Zeit entotanden sein kann, als die Pai- 
dcrastie ein Neues, Unerhörtes war und als widernatür- 
liches, gottverhasstes Laster lebhaft empfunden und verab- 
scheut wurde. 

Welcker^) ist der Meinung, diese unnatürliche liebe 
sei schon lange vor der geschichtlich kenntlichen Zeit in 
Griechenland geübt worden; doch kann er keinen anderen 

Beleg dafür erbringen als die Erwähnung des Ganymedes- 

raubes bei Homer F 233. Ehe aber die Knabenliebe duieh 
Uebertragung dieser Leidenschaft auf die Götter sanktionirt 
werden konnte, musste sie nothwendig nicht nur allgemein 
verbreitet» sondern auch in der Gesellschaft anerkannt und 

Herodot IX 39. 
^ Sappho Ton einem hemehendea Yomrtheil befireit 82, 



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144 



VI. Ork Dnd Zeit der Epen. 



erlaubt sein. Dass dies in jener Zeit nicht der Fall war, 
beweist das tiefe Schweigen über sie in den homerischeii 
und hesiodischen Gedichten, in denen sich anoh nicht die 
leiseste Andeutung findet. Und solche müsste man erwarten 

in den Sclulilerimgen des Heerlobens, der Raubzüge mid 
PlüiiderunfTcn, wenn man bedenkt, wie die Litteratur des 
fünften Jaiirkunderts von der Knabetüiebe durchsetzt ist, in 
welchem sie so ang^ehen wurde, wie das nach Welckers 
Ansicht auch für jene ältere Periode yorauszusetzen wSre. 
Daher scheint mir H. H. £. Meiert mit Recht dem home- 
rischen Ganymedesraube die ihm beigelegte Beweiskraft 
abzusprechen. So ist die älteste griechische Geschichte von 
dieser geschlechtlichen Verirrung frei zu denken; diese Mög- 
lichkeit wird man jedenfalls nicht in Zweifel ziehen, obgleich 
dieselbe Unzucht an den verschiedensten Orten unzweifel- 
haft von selbst entstanden ist^) 

Dagegen hat der dorische Stamm stets in dem Bufe 
gestanden» die Paiderastie besonders zu pflegen, und es ist 
bekannt, dass gerade in dorischen Staaten dies VerhSltaiss 
zwischen Manu uiul JüngUng cigenthümliche InstiluLionen 
in's Leben gerufen hat. ^'l Mit der dorischen Gymnastik und 
Lebensweise hat sich auch diese Sitte unter den übrigen 
Griechen verbreitet und hat in idealer Verklärung wie sinn- 
licher Verrohung selbstständig weiter gelebt Um die Wende 
des siebenten und sechsten Jahrhunderts war sie in Athen 
bereits so allgemein und wurde so wenig als anstossig em- 
p^nden, dass Solen das ^rjQaXoi^elv xal jtaiösQaOTelv als 
Privileg des freien Mannes hinstellen konnte. 

') in Ersch uiid ürubers Encyklopädie s. v. Pftderastie 159. 
") Meier a. a. 0. 150 f. 

*) NachwQisuugeu in Welckers schönem Excurse a. a. 0. 88 ff. 
und bei Meier a. a. 0. 160 ff. 

») PlatMch Soloa 1, Meter a. a. 0. m 



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VI. Ort und Zeit der Epen. 



145 



Demnach darf das Aufkommen der Paiderastie in Grie- 
chenland mit der Einwanderung der Dorer in ursächlichen 
Zusamm^bang gebracht werden. Es ist begreiflich» dass ' 
die Eingeborenen diese Sitte der fremden Eroberer als Un^ 
sucht nnd Laster empfanden nicht anders, wie die Hebraier 
und Römer, als ein Verbrechen wider die Göttin, welche 
die Heiligkeit der Ehe schirmt. So scheint mir die Mög- 
lichkeit vürliauden, tiass in der Zeit des Eindringeng der 
Dorer in Boiotien die alte Sage von des Laios Frevel, der 
Fluch auf sein ganzes Haus und Volk brachte, durch Her- 
eintragen dieses neuen uierhörten Grenls umgestaltet wnrda 
Wenn so auch eine genauere chronologische Fizinmg der 
Oidipodie nicht zu gewinnen ist^ so ist ihr doch ihre cultur- 
geschichtliche Stellung angewiesen. 

« 

üeber Ort und Zeit der Entstehung des Amphiaraoslie- 
des ist ein anderes als allgemeines Urtheil nicht möglich. 
Seine Sagen mögen wenigstens theilweise bereits im Mutter- 
lande begonnen haben, sich zu formen; aber feste Gestalt 
dürften sie erst in Asien gewonnen haben und das Gewand 
der homerischen Epik haben sie da angelegt, wo es geschaffen 
ist. Das hohe Alter der Sage von des Amphiaraos Ausfahrt 
leuchtet ein. Sie hat allein, soweit wir sehen, den Streit 
dreier argivischer Fürstenhäuser besungen, von denen das 
der Anaxagoriden fast ganz verschollen ist; sie hrnnt Eri- 
phjlen als Schiedsrichterin, nicht als Verrätherin; ihre ii^r- 
mordung durch ihren Sohn ist ihr fremd, ja sie hat vielleicht 
nicht einmal Alkmeon als des Amphiaraos Sohn gekannt; 
TOB den Epigonen weiss sie nichts. Die Thebais dagegen 
giebt nicht nur durchgängig eine jüngere Version, sondern 
bildet geradezu Motive jenes Gedichtes weiter. *Afig)idQ6<o 

>i) Meier a. a. 0. 160 n. 17, 151 n. 21. 
Bethft, HeUenltodMr. 10 



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146 



yi. Ort und Zeit der Epen. 



^^^?M6tq ist also älter: ein terminus ante quem wenigstens 
ist gewonnen, wenn es gelingt^ die Zeit der Tkebais annähernd 
au bestimmen. 

Auch sie ist offenbar in Asien entstanden. Das beweist 
soblageDd die Ton ihr erzählte Grondongslegende des kk^ 
rischen Orakels. Mag dasselbe auch eiust hochberUhmt und 
Ton weitreidiender Bedeutung gewesen sein, das wird Nie* 
mand bezweifeln, dass seine Wirkung und sein Ansehen auf 
Asieu bescbiänkt war. Das Mutterland wird es kaum ge- 
kannt und sicherlich nicht befragt haben, da es selbst so 
reich an ehrwürdigen Orakelstätten war und Delphi alle Ne- 
benbuhler in Griechenland selbst wie bald auch in Asien 
an Ruhm und Einflnss weit übertraf. Davon 1^ auch dies 
Epos beredtes Zeugniss ab: nicht nur prophezeit der pythiscbe 
Gott^') dem Alkmeon, wo er Ruhe finden werde vor dem 
Rachegeiste seiner Mutter, sond erii Lille h Klaros selbst schien 
nicht besser empfohleu und gepriesen werden zu können, als 
durch die Ableitung von diesem uralten Sitze der Mautik: 
Apollon sollte seine Dienerin Manto, des Teiresias Tochter 
nnd selbst Seherin, ausgesandt haben über's Meer, um in 
Klaros eine neue Cultstätte und ein neues Orakel ihres 
Gottes zu gründen. 



Auch das Brauchideoorakcl bei Milet war durch eine Grün- 
dungsBage mit Delphi verknüpft: Btrabon IX 421. Battmann Mytho* 
logm II 811. 

**) Die Gap. IV n. 36 aagedeulete Vemutlmiig, auch die ans 
gel&nfige GrOndongssage Thebens dnrch Eadmos auf Befohl des del- 
phischen ApoUon könne Yielleicht in der Thebais Torgekommra sein, 
wOrde» falls sie sich bewahrheiten sollte, ein weiteres Beispiel fOr 
die starke HervorheboDg des delphisehen Orakels bieten, üeber die 
alte boiotische Kadmossage vgl. Töpffer Attische Genealogie 295 o. 1, 
Crasius iu der Ilalliscben Encyklopädie ; über die Entstehung der 
neuen haben treffend, wie mir scheint, gehandelt Studniczka Kyrene 
56, £d. Schwartz QuaesL Herodofceae (Bestock 1890) 14, 15. 



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VI. Ort und ZtHt to Kpen« 



147 



Dieser tiefgehende Einfinss Ton Delphi weist deaüioh 

auf eine vuihältuissmässig späte Eutstehungszcit der The- 
bais-Epis^onoi hin. Aber es ist ein fester chronologischer 
Anhalt überliefert Pausanias IX 9. 5 merkt nämlich nach 
kurzer Wiedergabe einer Hypothesis dieses Epos an, dass 
Ealiinos ausdrücklich Homer als den Verfasser desselben be- 
zeuge. Ohne Zweifel ist diese Notiz aus irgend einem 
Werke der besten Zeit griechischer Gelehrsamkeit bis zum 
Perihegeten durchgesickert» einer Zeit» in der nicht nur die 
Epen, sondciu auch des Kalliuos Elegien noch vorhanden 
wai'en und von den Forsi Ix rn eingesehen wurden, einer 
Zeit, in der sich die Gelehrten noch mit quellenmässiger 
Prüfung der Fragen nach der Echtheit der homerischen 



''*) V. Wilamowitz ITom. Unters. 345 hat die ^Enfyovoi für recht 
jung erklärt auf Grund zweier TToxametor, weiche Kirchhoff durch 
Umstellung der Titel iv 'Eniyovoiq und tv OafiVQu im schol. Oid. C. 
B78 für dies Epos gewonnen /n haben glaubte. Bergk, Nauck Fg. 
Trag.^ 221 S. 183, Immisch Klaroü 155 haben Eirchhoiia Coigektur 
als falsch erwiesen. 

Dass Jiüliinos (aus KAJAL\ü2l bei Paus, hergestellt) Homers 
Autorschaft bezeugen konnte, hält Welcker Ep. C. I 185 ff. energiccli 
fest und zeigt es durch die Parallelen des Pindar, Stesichoros, Simo- 
ziidoB. Hillers Yersiich Rh. Mos. XLII 824, dies Zengnln sa ent- 
kräften, ist gfai^eh misBlungen. 8. 188 maeht Welcker darauf anf- 
merksam, dass ebenso Propen I 7. 1 imd in 33 b 87 32. 37) die 
Thebais dem Homer anschreibe. Letztere Stelle, an welcher neben 
Homer Antlmachns t. 45 erwähnt wird, hilt C. Dilthej Cydippe S 
n. % Überhaupt nicht für verwendbar, da sie inteipolirt und Terwirrt 
sei; dagegen führt er noch Propera IV 9. 37 (« 8. 87) an. Hier 
wird die Thebais neben der Ilias angeführt, also als homerisch. Aus 
den Worten, welche von der Zerstörung der Kadmeia reden, geht 
hervor, dass, sofern Properz überhaupt ein bestimmtes Epos im Auge 
hatte und nicht allgemein den Sagenkreis bezeichnen wollte, auch 
ihm die Thebais als ein beide Züge der Argiver umfassendes Epos 
überliefert war. 

10* 



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148 



VI. Ort uad Zeit der Epen. 



(jedichte bewbaftigiea Die lUditigkeit der Angaben des 
Pansanias darf daher in * keiner Weise angezweifelt wer- 
den. Kallinos also hat die Thebais-Epigonoi gekannt Das 
ist eine kostbare Notiz. Dies Epos muss älter sein als der 
Elegiker; dadurch rückt es nun freilich fast unerwartet hoch 
hinauf. Denn so unsicher auch die Chronologie der lydi- 
schen Könige ist, von der alles abhängt, so muss man doch 
den Einlall der Kimmerier und mit ihm Kallinos um die 
Mitte des siebenten Jahrhunderts ansetzen. Und das bestä- 
tigen assyrische Monnmente. In derselben Zeit sehen wir 
auu wirklich die Verhältnisse, welche zur BcsUmmuiig der 
Entstehungszeit dieses Gedichtes wichtig schienen, in voller 
Blüthc. Das Orakel von Klares, dessen Gründung durch 
Manto dasselbe erzählt, ist anch von KaUinos gefeiert wor- 
den. Kalchas sei dort gestorben; Mopaos aber» der ihn bei 
Kallinos» wie in der heaiodischen Sage^ im Seherwettkampfe 
überwunden haben wird, sei nach Pamphylien und Küikien 
gezogen. Dies klarische Heiligthum rühmte sich, ron 
Delphi aus gegründet zu sein. Es muss also die Pythia im 
höchsten Ansehen damals in Asien gestanden haben. Und 
in der That waren die Beziehungen Asiens zu Delphi in 
Kallinos Zeiten und schon früher lebhaft und glänzend eaU 
wickelt Schon der Urgrossvater des Kimmerierbesiegers 
Alyattes, der Stifter der Mermnadendynastie Gyges hat nach 
Herodot überreiche Weihgeschenke Ton Gold und Silber 
dem delphisciiuii Apollon gesandt. ^ -^j Natürlich ist dieser 

^ Um 875 stOüSfiD Khnmerier mit ABsarhaddon in Eappadokiea 
sneammen: Ed. M^er Gesch. d. Alterth. I 453 , 463. üm 6t>0 siegt 
Gugu = Gyges mit a&BjnBeher Hilfe Aber die Kimmerier: Busolt Gr. 
Gesch. I 335 n. 8. 

") Strabon XIV 668. Hesiod bei Strabon XIV 642 = frg. 188 
Rz. — Daraus muss Jeder folpom, dass das kiarische Orakel damals 
■cbon existirt und in ansehnüclier Blütbe gesUuidea hat. 

") Berüdüt 1 14. 



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VI. Ort und Zeit der £peii. 



149 



Lyder wie überhaupt mit griechischer Cultur, so auch mit 
dem pythischt'ii Gutte nur durch die Vermittlung der asia- 
tischen GriechoB imd speciell der lonier in Verbindung ge- 
treten. Mithin muss der Verkehr dieser selbst mit jener 
Orakelstätte noch bedeutend älter sein. Da Gyges in den 
An&ng des siebenten Jahrhunderts gesetst wird, so steigen 
wir weit in's achte Jahrhnndert hinauf. Ja noch hdher müs- 
sen wir wohl rücken; denn lierodot lügt joner Notiz hinzu, 
Gyges sei, so viel er wisse, nicht der erste Barbai*, der nach 
Delphi Weihgeschcnko gesandt habe: schon Midas von 
Phrygien» des Gordias Sohn, habe seinen Thron dahin ge- 
stiftet 

So dürfte die jüngere Thebais etwa im achten Jahihun* 
dert in Asien entstanden sein und zwar wohl nicht fem Ton 

Klaros, etwa in Kolopbon, dessen Bürger auf Homer durch 
mehr als einen Beweis Anspruch erhoben. 

Herodüt bezeugt aber noch eine andere Verbindung zwi- 
schen Kleinasien und dem Mutterlande, welche für die Wür- 
digung dieses Epos, wie der Guiturgeschichte dieser Periode 
Ton herroiragender Bedeutung ist Er giebt nämlich ao, 
dass die Weihgesohenke des Bfidas und der lydisdien Ed» 
nige, wie Gyges (I 14) und Eroisos (I 50 f), im Schatzhause 
der Korinther j das Kypselos erbaut hatte, zu Delphi aufge- 
stellt waren. Wer möchte das für Zufall halten? Es ist dies 
vielmehr ein gewichtiges Zeichen, dass Korinth es war, wel- 
ches zwischen Pytho und den Barbaren vermittelt hat. Und 
das ist wieder nicht anders denkbar als unter der Bedingung, 
dass Korinth im allerengsten Verkehre mit den asiatischea 
loniem gestanden hat, welche selbst das barbarische Hinter- 
land hellenisirt und ihm ihre eigenen Beziehungen mitge- 
theilt hatten. Dafür giebt einen trefflichen Beleg schon die 
Thatsache, dass in demselben korinthischen Thesauros zu 
Delphi auch das kostbare Weihrauohgefäss untergebracht 



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160 



VI. Oft und Zeit der Epen. 



war, welches Endthon Yon Samoe dem Gotte gestiftet hatte. 
Voranesetzung ist dafür engste Freundscbaft zwiBchen Ko- 

rinth und Samos: sie hat Ernst Curtius in gleicher Politik 
und gleichem Münzluhüe aufgezeigt. Die Verbindungen 
Korinths auch mit anderen Orten Kleinasiens hat er beleuch- 
tet und ihre Bedeutung YortrefiOich zum Ausdruck gebracht, 
indem er sie «die Vermittlerin zwischen Abendland und 
Morgenland** nannte. Diese Stellung ist nur eine natörlidie 
Folge der Lage Korinths auf dem schmalen Isthmos zwischen 
dem aigaiischen Meere und dem tiefeinschneideuden Busen 
des westlichen ionischen Meeres. Der Weg über Korinth er- 
spart eine mehrtägige und gefährliche Fahrt um die Pelo- 
ponnes. Auch Tor der Strasse über Euboia, wo Chalkis und 
Eretiia lange concurrirten, und durch Boiotien und Phokis 
nach Eirrha wird sich die Route über Korinth durch grös- 
sere Sicherheit nnd geringere Kosten empfohlen haben» mag 
sich auch dieser Staat einen Anlegeplatz In seinen Häfen und 
die Benutzung des Dioikos gut gtimg haben bezahlen lassen. 
Ferner ist zu bedenken, nach welchen Seiten sich der korin- 
thische und ionische Handel gewendet hatten. Den Westen 
auszubeuten und dort Eigenthum zu gewinnen war Ton An- 
fang an das Streben Karinths. Seine Colonien bildeten eine 
Kette zwisdien dem Mntterlande über Akamanien, Epims, 
Korkyra nach Italien und SicUien, wo seine Tochterstadt Sy- 



»•) Herodot IV 162. 

*») Studien zur Geschichte von Kormth Hermes X 1876. 215 IT. 
Vgl. Bursian Geographie Griechenlands II 18: der Kypseliden fie- 

stroben ging dahin, sich „durch Anknüpfung von Verbüidungen mit 
griechischen Städten Kleinasiens. wie mit Miletos und Mitylenc, ja 
sogar mit den TTerrRchern von Lydien und Aegypten einen Einfluss 
im Osten zu sichern". JMe lydischen und phrygischen Woihgeschenke 
im korinthischen Schatzhause zu Delphi zeigen, dass die Kypseliden 
nur die alte Politik zielbewusst fortsetzten. 



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VL Ort und Zeit der Epen. 



151 



lakuB vor allen blühte. Icmien dag^en beherrschte den 
Osten, dessen Schätze ans dem fernsten Innerasien die Ea* 
rawanen damals wie heute an die kleinasiatische Küste 

brachten; die Reichthümer der Propontis und dos schwar- 
zen Meeres und ihrer fruchtbaren Küstenländer ströiutta ihm 
zu. Die Berührung beider Mächte war nicht zu vermeiden; 
Freundschaft konnte Beiden nur Yortheil bringen, da sie 
einander ergänzten, ohne sich Concurrenz zu machen. 

Von ganz anderer Seite durch Analyse der Kunsttjpen 
hat Georg ZiOeschcJce in seinem bahnbrechenden Dorpater 
Programme von 1886 „Boreas und Oreithyia am Kypselos- 
kästen" dasselbe ResulUL orrcieht: die koruitiiische Kunst 
hat viele Typen aus Asien erhalten und ihre jüngere Srlinle 
steht durchaus unter diesem Einflüsse. Doch ist dieser frucht- 
bare Gedanke noch nicht umfassend behandelt und die 
Bedeutung der Thatsache noch nicht in allen Consequenzen 
erfasst worden. Noch herrscht allein die gewiss richtige £r- 
kenntniss, dass Chalkis zwischen Asien und dem Mutterlande 
vermittelt habe. Auch Loeschcke schiebt Chalkis zwischen 
Asien und Korinth ein, obgleich er den direkten Verkehr 
anerkennt. In der älteren Zeit wird dies in der That das 
Verhältniss der drei Mächte gewesen sein; aber später trat 
Chalkis immer mehr zurück, Korinth immer glänzender her- 
Tor. Jene einst weitgebietende Handelsstadt unterlag schon 
am Ende des sechsten Jahrhunderts kläglich dem yerachteten 
Landstürme des kleinen Athens, das erst vor zwei oder drei 
Menschenalterii die erste Bedingung seiner Entwickeluug er- 
füllt hatte, die Eroberung von Salamis. Korinth stand da- 
mals noch gewaltig da und ist Athen niemals unterlegen. 

■*) Boeckh hat die Frage von Barth behandeln lassen: Corin- 
thiorum commerc. et merc. dissert. liorol. 18ä4 

Loeschcke a. a. 0. und In den Bonner Studien 1890. 2Ö8f. 
T. WilamowitE Antigonos von Earystoa 188 iL 



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152 



VI. Ort und Zelt der £peo. 



Solche Erscheinungen entstehen nicht zufällig und plötzlich: 
sie sind Resultate einer langen Geschichte. Um das Jahr 
700 scheinen die Korinther schon den Ghalkidiem in Klein- 
asien den Bang abgelaufen zu baben: denn sie bewahren die 
Weihgescihenke der phrygischen nnd lydisoben Könige, sogar 
auch der Samier. Der lelantische Krieg hat Chalkis eben- 
sosehr gedrückt, wie Korinth erhöht. Die Vermittelung zwi- 
schen Asien und Europa durch Chalkis dürfte nicht mehr 
lange bestanden haben; die immer zunehmende Abhängig- 
keit der korinthischen Kunst von der asiatischen wird am 
besten dordi den immer lebhafter werdenden direkten Ver- 
kelir erklart Ich zweifle nicht, dass dieses sieb klarer zei- 
gen wird, je mehr echte altionisohe Denkmaler an's Licht 
treten, an denen wir bisher so arm sind. 

Auch in der jüngeren epischen Poesie und ihren 
Sagen tritt die enge Verbindung zwischen Asien und Ko- 
rinth deutlich hervor. Wilisch hat sie an den Fragmenten 
des Eomeloe nachgewiesen. Noch deutlicher sind die Spur 
ren in den Werken asiatischer Poesie: die Thebais tragt sie 
in ihrer jetzigen Rekonstruktion unverkennbar. Um zunächst 
ein negatives, aber lautredendes Zeugniss zu erwähnen: von 
Sekyon ist gar nicht die Rede, das doch in alter Sage Ar- 
ges mit Theben verbindet, wo Oidipus an den Strand ge- 
schwemmt, erzogen wird, wo Adrastos aus Argos vertrie- 
ben Zuflucht findet und als Erbe des Polybos die Macht 
erlangt» die Herrschaft seines Hauses wieder au&urichten. 
Die Eliminirung dieser sagenreidien mächtigen Stadt, die 
noch dazu in diesem Mythenkreise durch den Cnlt des Adra- 
stos befestigt ist, muss einen besonderen Grund gehabt 
haben: die Vermuthung drängt sich auf, dass dies durch 
den eifersüchtigen Einäuss von Korinth geschehen sei, der 



**) Die Fragmente dos Eomehw, Gynrnasialprogr. Zittsa 187& 



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VI. Ort und Zeit der Epen. 



153 



natürlichen Feindin von Sekyon» das unweit ihres westUoihen 
Hafens mSchtIg und weit herrsehend stand. 

Positivo Beweise bieten sicL lu den von der jüngerea 
Thebais behandelten Sappen, welcho in dorn alten Bestände 
dieses Kreises nicht nachweisbar sind und in Gegenden spie- 
len, an denen die asiatischen lonier kaum Interesse haben 
konnten, die Korinther aber durch ihren Handel und üire 
Colonien den regsten Antheil nehmen mussten. So war in 
diesem Epos erzahlt, dass nach der unglüokliohen Schlacht 
gegen die Epigonen Laodamas mit den Thebanern, so viele 
ihm folgen wollten, nach Norden wanderte in die Lande, 
die sein Ahn Kadmus am Lebensabend beherrscht hatte, und 
wo er und Harmoula zu Schlangen verwandelt worden waren. 
Das Volk hicss Eucheleis und die ganzen Stämme dieser 
Gegenden, die Illyrier, sollten ihren Namen von Hljrioi, dem 
letzten Sohne dee greisen Kadmos erhalten haben. Diese 
Sagen hängen unter einander so eng zusanunen, dass sie 
demselben Gedichte, sicherlich demselben Yorstellungskreise 
entstammen werden. Aber was bedeuten sie? Sollten sie 
wirklich der letzte Nachklang einer dunkeln Erinnerung der 
Kadmeer sein, dass ihre Väter einst ans den unwirthliohen 
Gebirgen von Epirus in die grüne Ebene des Eopaissees ge- 
zogen waren? Echte Spuren von ihnen erkennen wir dort 
in Wahrheit nicht. ''^j Das Grab des Kadmos und der Ebur- 
monia &nd sich naturlidi da, wo jene Sa^ lokallsirt war; 



**) Euripides Bakcheu 1330, ApoUodor III 5. 4. 2. 

Derselben Ansicht ist auch Weicker: eine kretische Colonie 
in Theben 89, 11 f?. Crusius in Ersch und Grubers Encyklopädie s. v. 
Kadmos S. 41 hält mit Prellcr-Plow TT die von Hcrodot V 61 über- 
iieterte Wanderung vertrielx ncr Kadmtcr zu den Encheleis für ein 
historisches Faktum, erklärt aber einsichtig die illyrlschen Sagen, 
welche die thebanischen wiederholoD, für künstlich übertragene, nicht 
natürlich gewachsene. 



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154 



YI. Ort und Zeit der Epen. 



aber dass der Heros dort auch einen Gult gehabt, dayon 
bören wir nicbts. Aucb der Name Encheleis hat keine ernst- 

lia.lLo Bezieliuiig zu Boiotien. Neben dieser üeberlieferung 
steht aber eine zweite, welche die Thebaner vor den Epi- 
gonen m die Histiaiotis fliehen lässt. Und in der That ist 
Thessalien reich an Bezügen zu Boiotien, besonders finden 
sich dieselben Ortsnamen in beiden Ländern. So würde 
diese Version eher als jene fnr einen Best einer echten Wan- 
dersage angesehen werden können. 

Verständlich aber wird die üebertragung des Kadmos 
und seines Gosclilochtes Ii lUyrien durch die griechische 
Colonisatiou in diesen Gegenden. Von Korkyra nach Nor- 
den zieht sich eine Kette griechischer Pflanzstädte. Am 
akrokeraonischen Vorgebirge liegt Orikon: dort sollten Kad- 
mos und Harmonia begraben sein und die Encheleis hau- 
sen;**) aber auch in der Nahe von Epidamnns werden die 
Sitze derselben angegeben. Es scheint also dies fiabelhafte 
Volk mit seinen tiRljaiiischen Herrschern da zu sitzen, wo 
Griechen in diesen Landschaften wohnten. Diese neuen 
Siedler zwischen den fremden wilden Stämmen haben diese 
Sage gebildet: mithin ist sie so jung wie die Golonisation 
in diesen Gebieten. 

Der Handel und die Colonien in Epirus gehören aber 
den Eorinthern. Sehr früh haben sie auf Eorl^ra festen 
Fuss gefasst,*^) das sich schon vor der Herrschaft des Kyp- 
selos von der Mutterstadt losriss. Das ilu' gegenüberliegende 
Land auf der terra firma wird gleichfalls einst korinthisch 
gewesen sein.^^) Die Städte Orikon, Auion, Epidamnus» 

Dionysius Periegeta schol. Apolln. Rhod. IV Ö07. 
*') Skylax 25, vgl Straboa VII 326. 
««) V. Wilamowitz Horn. Unters. 170. 

Thukydides Iii Ö5, 0. Müller Dorier V 118, 422, Curtius 
liermes X 2dl. 



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VI. Ort und Zeit der Epen. 



155 



Apollonia sind von Korinth, Korkyra oder von beiden ge- 
meinsam gegründet uunlen. Korinther werden es also 
gewesen sein, welche Illyrien in den thebanischcn Sagonkreis 
hineintrugen und durch den Einfluss Koiinths wird jene 
WenduDg des Kadmosmythus in das Epos anfgenommen 
soiii.") 

Ganz analog ist die schöne Sage, welche wohl die The« 
bais yon Alkmeons Ende erzählt hat: er findet Rnhe anf 

dem neuen Eilande, das noch die Wellen bespülten, als er 
den ganzen Erdkreis (kirc h Muttermord unsühnbar befleckte; 
von dort aus hat er geherrscht über die Völker und sie 
heissen Akarnanen nach seinem Sohne Akarnan. Auch an 
dieser Gegend hatte damals Tor allen Korinth Interesse. 
Systematisch besiedelt hat sie freilich erst Kypselos»^*) wahr- 
scheinlich aber hatte Korinth schon Torher dort Fuss ge- 
fasst Es musste sich dort festsetzen vor der Einfahrt in 
das Meer, das noch heute seinen Namen trägt, an dieser 
Ecke, die in der Mitte liegt zwischen dem Isthmos und 
seineu werthvollBten Colonien. Oft mochten Korinther auf 
die kläglichen Sanddünen, die der Acheloos angeschwemmt 
hatte, Tor Stnrm nnd Wellen sich geflüchtet haben, dnroh 
die trennenden Flnssarme gesichert vor den wilden Stammen 
des Festlandes: die Inselchen waren einzig günstig zur An- 
lage einer Burg eines seemächtigen Volkes. Mit diesen Be- 



*«) Thokydides I 24 wiftUt, die Eorkynder h&tten Epidanmng 
besiedelt und nach altem Branche von der Mnttezstadt Korinth einen 
Olkisten erbeten. Folglich mnss diese Stadt vor dem Zerwfirfnine 
dieeer beiden GemeInweBen (684, Thukyd. I 13) angelegt sein, und 
das von Eusebius angegebene Gründungsjahr 625 beruht auf einem 
Irrthnme. Vgl. Basolt Griech. Gesch. 451 n. 5. 

Durch korinthische Colonisation ist auch die Medeasage in 
diese Geffpndon gelangt. Vgl. Curtius Hermes X 217. 

ätrabon X 452, vgL Busolt Gr. G. 308, m. 



« 




156 



VI. Ort und Zeit der Epen. 



strebimgen ging die Sagenbildung Hand in Hand: denn wo 

Griechen siedelten, war aucli schon einer ihrer Helden in 
grauer Vorzeit gewesen. So wurde in den Lagunen des 
Acheloos Aikmeon angesiedelt, der ruhelose Muttormörder, 
und wie die Korinther gern von hier aus das fruchtbare 
Festland beherrschen wollten, wurde ihnen dieser Wunsch 
für die Zeit dieses Heroen zur Thatsacbe: ihm hatten die 
Völker gehordit und nach seinem Sohne sich benannt 

Die mannigfachen Beziehungen Korintbs zu Epirus und 
Aiamanien siml wohl bezeugt. Aus ihnen erklärt sich die 
Uobertragung griechischer Sagen in diese Landschaften und 
ihre entsprechende Umformung. Die asiatischen lonier da- 
gegen haben dort keine Golonien und ihr Handel geht an- 
dere Wege; erst das Andringen der binnenländischen Bsa> 
baien treibt einige Ton ihnen, im Westen zu odonisiren. 
Wenn dennoch ein unzweifelhaft in Asien entstandenes Epos 
diese korinthischen Sagen erzählt, so bleibt dafür nur die 
eine Erklärung, dass Korinth damals im regsten Verkehr 
und engster Freundschaft mit den alten Stätten epischer 
Kunst gestanden hat. Das war in der That der Fall und 
dadurch verliert jene Erscheinung das Auffallende, was zuerst 
stutzig macht Aber merkwürdig bleibt sie und bedeutsam 
fugt sie sich ein in die Beobachtungen, welche über die po- 
litischen, oommerciellen und künstlerischen Beziehungen von 
Korinth zu Asien bereits gemacht sind. 

Ueber die Aikmeon is ibL wenig mehr zu sagen. Sie ist, 
wie von Wilamowitz nachgewiesen hat,'*) nicht vor 600 ent- 
standen und gehört durchaus in den korinthischen Gultur- 

Horn. Unt. 73 11. 2. 214 n. 13, Immisch Klaros 154 pflichtet 
ihm bei. Auch Obc-rhiinmer Akarnanion hat dleacn Ansatz ge- 
ftindeu. Einen andern Beleg für die Jugend der Alkineonis bringt 
■Rohde Psyche 204 n. 2: „Bekränzung der Todten, spater gewöhnliche 
Sitte, wird wohl zuerst erwähnt in der epischen Aikmeoois'^ 



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VI. Ort und Zeit der Epen. 



157 



kreis. Beides wird sehen dadnröh erhärtet, dass sie yon 

Leukadios und Alyzeus erzählt hat: denn die Stadt des 
ersteren ist Leukas, eine korinthische Colonie, welche erst 
Kypselos angelegt hat. ^'') In der Thebais sind sie nicht 
nachweisbar und können nicht vorgekommen sein, weil dies 
Epos älter war als jene Siedelung. Ueberhaupt scheint die 
fiehandlong Akaroaniens in diesem Epos ziemlich kmz und 
aUgemein gehalten gewesen zu sein, was sich daraus TöUig 
erklärt, dass Korinth in jener Zeit erst anfing, dort Fuss zu 
fassen. Der grosse Fortschritt dieser Bestrebungen, welcher 
der Umsicht und Energie der Kypseliden verdankt wurde, 
zeigt sich deutlich in der Alkmeonis: sie lässt ihren Helden 
nicht wie jene als fluchbeladenen, nirgends geduldeten Elen- 
den auf der kahlen Düneninsel des Acheloos Frieden finden, 
sondern als stolzen Helden und Liehling der Götter mit 
Diomedes nach Aitolien ziehen, dies Land von seinen Fein- 
den befreien, aber grossmüthig den angestammten Fürsten 
übergeben und sich selbst ein neues Reich erobern, das er 
als mächtiger König beherrscht und seinen Söhnen binter- 
lässt. Diese Aenderung der Sage spricht klar das durch 
glänzende Erfolge gesteigerte Selbstgefühl der Korinther aus. 
Zugleich deutet sie auf ein anderes Interessengehiet: Aito- 
lien. Dort hesassen sie Chalkis, ohwohl es, wie der Name 
hesagt, nicht ihre Gründung war. Aher hier scheint ihre 
Politik nicht so glückliche Erfolge gehabt zu haben wie in 
Akarnanien. 

•«) StniKm X 462. 

Vgl. Curtlus Hermes X 217. Aseh MokvitQiü wird tob Tiu- 
kydides III 102 ala kofintliiiclie Colonie beseidmet, nach C. 0. Mal- 
ler Dorier I 115 und Barth: Connthiorom eonunens. et menat eine 

der ältesten. 

*') Die in der Alkmeonis erz&hlte Sage von Peleas auf Aigina 
(schol. Eurip. Androm. 687) ist gleichfalls jung: Tgl. H. Dietrich Mal- 
ler Mjrthologie der griech. Stamme I 73 ff. 



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VII. Kaclile&e* 



Der Inhalt der Epen des thebanisch-argivischen Sagen- 
kreises ist in den Grundzügen gezeichnet. Ort und Zeit der 
Entstellung eines jeden und seiner Tendenz nach Möglich- 
keit festgestellt So ist zu hoffen, dass jetzt von diesem 
umfasBenderen Standpunkte aus sich die bisher noch un- 
berührte Masse der Ueberlieferang einigermaassen -werde 
Bondem lassen. Sie stellt sich hauptsächlich in den Tragoe- 
dien dar und hat zuerst die Sage im Zusammenhange zu 
behandeln und in ihrer Geschichte zu ])egreifon angereizt. 

Ihr berühmtestes Stück ist die Oidipussage in der Ge- 
stalt» welche Sophokles in seiner unvergleichlichen Tragoedie, 
Oidipus König, iiir uns nicht mehr als für das Alterthum 
über alle andern zur Alleinherrschaft erhoben hat Die 
charakteristischen Züge dieser Wendung sind das Hervor- 
treten Korinths und die beherrschende Stellung des delphi» 
sehen Orakels. 

In der üidipodie steht die ehestiftende Hera im Mittel- 
punkte der Handlung, Oiilipus wird aut dem Kithairou aus- 
gesetzt und von sekyonischen Pferdehirteu gefunden und er- 
zogen. Sekyon ist auch in einer andern alten Version der 
Ort, wo Oidipus gerettet wird und heranwächst: das Meer 
hatte ihn an die selqronische Küste getrieben; hier war er 
von Periboia beim Waschen entdeckt und von ihrem Gemahle 
Polybos als eigener Sohn iiulgeuomincn wordeu. Versuchs- 



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VII. Nachlese. 



159 



weise wurde diese Sagenforin mit dem Amphiaraosliede ver- 
bimden. Weder von Korinth noch von Delphi findet sich 
in diesen beiden Wendungen eine Spur. In der Tliebais 
klafi^t gerade hier eine Lücke. Was die sophokleische Version 
Ton den andern unterscheidet, zeichnet auch dies Epos vor 
den übrigen aus. Auch hier steht das delphische Orakel als 
hiäiere Macht über den Geschicken der Menschen: auf seinen 
Befehl zieht Manto nach Klaros, wird das neugeborene Land 
von AlkiiKMjii aufgesucht und besiedelt. Andrerseits ist er- 
wiesen, d;iss dies Gedicht durchsetzt ist von Sagen, welche 
erst Korinthor erfunden oder dock an neue Orte gebracht, 
ihnen angepasst und umgeformt haben. Auch darauf wurde 
schon aufmerksam gemacht, dass das alte Sagenreiche, im 
Amphiaraosliede hochgefeierte Sekyon, die Heimath des Gottes 
Adrastos und Sitz des Polybos, in dem £pos Thebais- 
Epigonoi gänzlich verschwunden scheint, und es wurde der 
Verdacht ausgesprochen, dass Korinth seine natürliche 
Feindin, das nah benachbarte weitherrscheiide und einst auch 
handelsmächtige Sekyou aus diesem Sagenkreise verdrängt 
habe. 

Die charakteristischen Merkmale der sophokleischen 
Oidipussage tragt aucb die Thebais» und wir verstehen, wie 
dies asiatische Gedicht das delpbisdie Orakel, dem die lonier 

und ihre Nachahmer und Schüler, die binnenländischen Bar- 
baren Lyder und Phryger, fromm ergeben waren, so hoch 
erheben konnte, und noch mehr, wie es die mächtige Handels- 



^) Vgl. Sdueidewiii 193: „Bei Sophokles hatPolybos In Korinth 
weiter keine Bedeutung als die des mächtigen Herrschers der glän- 
zendsten Stadt: ob die alte Königsreihe Korinths wirklich einen sol- 
chen König kannte oder nicht, war dem Dichter gleichgültig/' Da- 
gegen hat derselbe Gelehrte die religiöse Zusammengehörigkeit des 
Polybos und der Periboia, welrho in Sekyon festsitzen, analog Klj- 
menos und Meliboia in Uermione erwiesen. 




160 



Vn. NMbleie. 



frenndiB Korinth feiern und auf Kosten ihrer Conenirentm 

Sekyon schmücken muciite. Sophokles dagegen hatte keinen 
Grund, die Erzfeindin Athens irgendwie zu verherrlichen: 
also hat nicht er, welcher nur schwer geneigt war, den 
Mythus eigenmäditig umzugestalten, die Erziehimg des Oidi- 
puB Toa Sekjon nach Korinth verlegt» sondera schon tot 
ihm rnnss dies geschehen sein, TOr ihm Korinth als Sitz des 
Poljhos festgestanden haben. Ebenso ist der bestunmende 
Einflnss des delphischen Orakels auf die Geschichte des 
Laioshauses älter als Sophokles. Denn dass es ein Spruch 
der Pythia war, durch desRon Ui rtretung Laios das Ver- 
derben über sich und sein ganzes Haus heraufbeschworen 
hat, das wissen schon Aischylos und Pindar. *) 

So, meine ich, ergiebt sich mit einiger Evidenz aua all- 
gemeinen Erwägungen, "was durch Zusammenfügen der ein- 
zelnen Bruchstüdce nicht möglich war, die Erkenntniss, dass 
die Thebais jene Aenderungen in der Oidipussage gemacht 
hat, die wir aus Sophokles kennen, dass also sie ihm den 
Hintergrund und die Bedingungen für seinen König Oidi- 
pus gegeben hat, wie sie den attischen Tragikern auch des 
Oidipus Flüche und Leiden und die Liste und die Kämpfe 
der Sieben geliefert hat Die Thebais hat Sekyon aus diesem 
Sagenkreise verdnlngt, um das sagenarme, haudelsgewaltig^ 
den loniem engbeirenndete Korinth an seine Stelle zu setzen, 
und sie hat alte unbekannte Lokalorakel und Lokalculte, die 
einst bedeutsMin mit diesen Sagen verwachsen sein niocbten, 
für alle Folgezeit durch das Einsetzen des allmächtigen 
Delphi beseitigt^) 



Aischylos 725 ff., 674, Pmdar 0. II 40, und io eiaem Paian: 
BChol. Find. 0. II 70. 

') Das war eine weise That des Dichtern, so sehr auch wir sie 
au bedauera alle Ursache haben: dena so ersetzte er die verwirrende 



yil. Kaehlese. 



161 



Nun ist festzustelleD, was von der dnrcli Sophokles be- 
kannten Sagenforiü diesem Godic^hto imgehört liaben mag. 
Ausser den notliwoüdigen Folgerungen aus den beiden ge- 
gebenen Punkten Korinth und Delphi ist ihm das zuzu- 
sprechen, was neben jenem ältere oder doch nnabhängige 
Zeugen geben, unter die Euripides zu rechnen wohl be- 
rechtigt ist 

So ist für die Thebais durch die IJebereinstimmung yon 
Sophoklefi 0. T. 710 mit Aischylos v. 725 und Pindar 

0. II 38 sicher, das8 der delj)hische Apollon den Laios ge- 
wai'nt, Kinder zu zeugen, und ihm den Tod von der Hand 
seines Sohnes vorhergesagt hatte. Und wie Aischylos 1039 
aus der Uebcrtretung des apollinischen Verbotes das ganze 
Unheil des Labdakidenhauses bis hinab zu den Enkeln des 
Laios ableitet,*) so sagt auch in Euripides Phoinissen der 
pythische Sprach dasselbe: 

jU// öjrelor n-xrcuv aXoy.a öatitormv ßia. 
si yccQ tsxv(6o£ig 7calÖ\ djtoxrsvel ö' 6 qwg, 
20 xai xaq ooq ohcog ßiqcexm 6i cäftatog. 

Aischylos lasst den Chor in den Sieben singen: 



Mannigfaltigkeit dorch ehie Ehiheit, welche das ganze Gedicht zu- 
sammen stt halten geschickt war. Jene iokalen Besiehungen hatten 
durch die Wanderaagen ihre Bedeutung verloren, waren wohl z. Th. 
uuTent&adlich geworden, aumal fOr die kleinasiatUchen Qriecheo, 
welchen die Ansehauung jener Pl&tse fehlte. Die beste ErUuterung 
giebt Goethes Inscenirang des Hamlet und seine fiegrOndung: Wil* 
heim Heisters Lehrjahre V 4. 

*) Vgl. Schneidewin. Apollon roUendet den Fluch, wie er ihn 
gedroht hat. Das sagt im 0. T. des Sophokles Teiresias 377 und 
1329 jammert dieser selbst: 

o 'XKxrr. ^cty.a. Tflojv Ifiä r«(J' hm ndd^sa. 
Vgl. AkchyloH Sieben 727 ff., Stark De Labdacid. historia (Lugduni 
Batav. 1829) 113. 

Betbe, Heldenlieder. 11 



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162 



TIL Naehleie. 



7S6 xaXaiyBtnj yccQ Xiym 
jcaQßaöiav mxvjtoivov* 
al(5va elg tqItov idvu. 

Auch Pindam schwebt offenbar derselbe Gedanke vor in den 
Versen O. Ii 38 £F.: 

hetuvB Aatov fioQtfiog vloq 
övravTOfisvog, Iv dt lIvO^äipL y^^nod^tp 
jiaXaiipaxov xfltootv. 
lÖolOa ö' o^tl' ^Eqipvq 

Gegen den götüichen Rath ist das Gesdilecht erzeagt, also 
ist es gottrerhasst und ganz und gar muss es untergehen. 

Diese Auffassung klingt auch deutlich in Sophokles xVntigone 
an, wenn der Chor zu ihr singt (Ööö) xazQipov exrlpsii 
zw' äd^Xov und sie antwortet: 

867 hpawtaq oXysivoTatag ifwl fiepl/tvag 
xoT^ tQtxoXiatov oltov . . . 

oXoov lym Jtod-^ a TaXa'nf{jiüv Icpvv 

XQog ovg analog aYafiog ad* ^yco fiiroixog £^;(0^ai. 

Daraus ergiebt sich, dass diesen Gedanken nicht Aiscbylos 
zuerst durchgeführt hat, sondern dass ihn schon ein älteres 
allgemein bekanntes Gedicht deutlich ausgesprochen hat: die 
Thebais. 

Laios zeugt trotz der göttlichen Warnung einen Knaben 
xQarrjdiig ex (piXcov a^ovhäp , wie Aiscliylos v. 723 sagt, 
wohl dasselbe andeutend wie Euripides in den Phoinissen y.21: 

o d' ^doi^ 6ovg elg re ßaxx^lov xeacop. 
Der eben geborene Knabe wird mit durchbohrten Knöcheln 
einem Hirten zur Aussetzung auf dem Kithairon übergeben 
(Soph. Eurip. Ph. 25). Doch dieser, statt ihn hinzuwerfen, 
übergiöbt ihn einem Hirten des Polybos (Soph. Eurip.), des 
Königs von Koriuth. In dem Dilemma, ob die Gattin des 



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VIL Nachlese. 



163 



Polybos den Oidipus unterschob, wie Euripides, oder ihn mit 
Wissen dos Gemahls an Kindes Statt auferzog, wie Sopho- 
kles angiebt, möchte ich mich für die zweite Wendung ent- 
scheiden, da nicht ersichtlich ist, warum dieser geändert 
haben sollte, und weil die Ueberbriogung des Kaäbleins 
dnreh den Hirten doch die Möglichkeit einer UnterBchiebnng 
in Frage stellt Des Oidipus Entdeckung, dass Polybos nicht 
sein Vater, und seine Wanderung nach Delphi wird eben- 
falls diesem Epos gehören: denn auch dies musste ihn von 
Korinth nach Theben bringen und Delphi hatte es in den 
Mittelpunkt der ganzen Handlung gestellt. Der Mord des 
Laios in der phokischen Schiste ist für dasselbe noth wendig: 
denn dahin hat diese That nur der Dichter verlegen können, 
der das pythische Orakel in diesen Sagenkreis eingeführt 
hat Hierdarch wurde die Macht und die Strenge des del- 
phischen Apollon augenfällig; wie Sophokles nennt auch 
Eiiiipides in den Phoinissen v. 38 ausdrücklich diesen Ort 
des Mordes. Die Bezwingung der Sphinx durch Oidipus,^) 

Deim Äischylos 755, Sophokles, Euripides erwähnen sie in 
diesem Zusammenhange. Sie konnte nicht wohl in einer Geschichte 
des Oidipus fehlen. In der Thebais wird die Sphinx als Eäthseljung- 
frau erschienen sein. Ob Welcker Ep. C. II 393 mit Recht die Er- 
legung des teumessischen Fuchses durch Kephalos der Thebais -Epi- 
gonoi rofheflt, weiss ich niebt zu entaclieideiL Die Angaben: oi t& 
ßjjßaixä yeyQttfpoteq . . . Ka^&neg 'ÄQiatodriiuog und elki^pMt ö* aStoi 
tov itv^w ix TW iruxoü kvxXov genügen nicht, diese Sage einem 
Epos des thehanischen Kreises m Tindiciren. HinfUIig jedoch ist, 
was Immisch EIatos 167 „bedenklich** gegen Welcker macht: ^das 
Hereinziehen des attischen Kephalos im Gegensatse zu der ans Eo- 
riona bekannten boiotischen8agen?enion", n&mlich Tödtang des Foch- 
ses durch Oidipus. Denn Kephalos hat mit Boiotien Terbindungen. 
Seine erste Gattin Klymene, die Minyastochter, gehört nach Nord- 
boiotien. Auch seine zweite Gattin Prokris, die Geffthrtin der Ar- 
temis, scheint aus Attika heraus nach Boiotien zu -weisen, wo die 
ihr verwandten Nymphen Antikleia, Chariklo, Atalante mit jener 6öt> 

11* 



4 

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164 



VII. NaeUese. 



seine Herrscbaft in Theben, seine Ehe mit lokaste sind ge- 
geben. Von der Erzeugung der vier Kinder mit der eigenen 
Mutter wussto die Oidipodie nichts. Die Thebais hat sie ge- 
kannt Denn Aischylos (1016, 907), Sophokles und Euripides 
verwenden allein diese Version, und sie nur lässt den Fluch 
des Labdakidenhauses furchtbar fortwirken. 

Auch die Entdeckung des ungeheuren Frevels wird in 
diesem Epos in derselben oder doch ähnlicher Weise ge- 
schehen sein, wie bei Sophokles. Denn er hat, wie gezeigt 
ist, den Stofl aus der Thebais genommen, und da diese den 
thebanischen Hirten das Knäblein einem korinthischen iil)t-r- 
geben und aicht etwa ausseti^eu und zufällig finden üess, 
wie die Uebereinstimmung des Euripides mit Sophokles er- 
giebt» so ist anzunehmen, dass dies Motiv genutzt war und 
dieser Ungehorsam zur Entdeckung führte.^) lokaste hat 
schwerlich die Katastrophe überlebt; ihr Selbstmord ist so 
natürlich, dass man ihn wohl ergänzen würde, wenn er nicht 
überliefert wäre. Nur allein in Euripides Pboinissen lebt sie 
noch weiter. Es ist das eine kühne Neuerung des Dichters, 
der sich die höchst wirksame Zusammen führung der unglück- 
lichen Mutter mit den feindlichen Brüdern nicht entgehen 
lassen wollte. Aber neu war daran nur die Uebertragung 
dieser Rolle auf lokaste; denn dieselbe hat Euryganeia in 
der Oidipodie gespielt: so fSJlt auch dies einzige Zeugniss, 



tio Jagen; und sollte es ein Zafall sein« dass unter den Töchtern des 
Thespios iApoUodor III 7. 8. 1) eine Prokris genannt wird? 

Das vim Earipides Phoin. 45 angeschlagene Motiv, die Schen- 
kung des Wagens des Laios an Polybos, welches, wie Schneidewin 
mit Recht bemerkt, doch eine Folge haben musste. also wohl als 
Hebel zur Entdeckuug gedient hat, ist mit der Thebais nicht zu ver- 
binden. Ich verrnuthe einen anderen Zusammenhang, den ich hier 
aber nicht verlolgeu kann. 



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VIL Nachlese. 



166 



weldLes für das Ueberleben der lokaste beigebracht werden 
könnte. 

Die Blendung des Oidipus durch seine eigne Hand ist 
sclioTi für die Thebais erwiesen,'^) auch wurde die Ver- 
muthung begründet» dass er noch den Kampf seiner Söhne 
erlebt. 

lieber Antigone und Ismene kann ich nichts sicheres 
ermitteln. Töchter des Oidipus sind sie sicher schon im 
Epos gewesen, da Pherekydes^) mit sammtlichen Tragikern 

iu dieser Angabc übereinstimmt. Möglich, dass die Tliebais, 
welche das ganze Geschlecht als ein gottverfluchtes hin- 
gestellt hat, auch von ihrem kläglichen Ende zu berichten 
wusste. Für Antigone hängt alles von der noch unent- 
schiedenen Frage ab über die Echtheit des Schlusses der 
aischyleisohen Sieben.*) Ueber Ismenens Tod ist die Ueber- 



') Ai8chylo8v.765, Sophokles, KuripidesPh. v.62, Hellaniko8(8ChoI. 
PhoiD. 61) haben sie übernommen. Die auffallende Uebereinstimmung 
von Euripides Phoin. 62 und Sophokles 0. T. 1269 erklärt sich also 
aus ibrer gemeinsamen Quelle, der Thebais. 

Phorekydes in Schol. Phoin. 53, s. oben S. 23. 

*) Als Earipidee seine Pholnitseii schrieb, stand Antigoiiens Lte* 
besthat an der Leiche ihres Brnders so fest, dass er sich ihrer Er- 
wAhnnng aach «af Kosten der Klarheit über ihr ferneres Schicksal 
nicht entziehen mochte. Die Behandlnng der Antigonesage in den 
Sieben des Aischylos setzt voraas» dass die That nnd ihre Folgen 
dorchavs bekannt waren. Desshalb hat sie Boeckh Antigone 146 einem 
Epos, der Oidipodie zugesprochen, vgl. Welcker £p. C. II 344. Zar 
Entscheidung der Frage Aber die Echtheit des Schlosses der Sieben 
yermag ich nichts beizutragen. 

Auch Mefrareus war sicherlich im Epos gefeiert. Denn Sopho- 
kles Antigone 1302 und Aischylos v. 457 setzen voraus, dass seine 
Geschichte allgemein bekannt ist. Allein bei ihm r](>ntet Aischylos 
V. 460 die Möglichkeit des Todes im Kampfe gegen ilie Siolien an. 
Vgl. Menoikens in den Phoinissen, über welchen v. Wiiamowitz De 
Euripidis Hcraclidis 10 und n., schol. Phoin. 1010. 



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166 



VII. Nftchlflse. 



liefenmg doppelt Die eine am MinmermoB daroh SaUiist 
in der Hypothesis zur Antigene erhalt^e, naoli welcher 
Ismene wd Athenas Antrieb Ton Tydens geiÖdtet wird, als 

sie mit Perikiymt'nos koste, ist von ilobert auf oiner kurin- 
thischeii Vase erkannt und der Thebais uicht ohne Wahr- 
scheinlichkeit zugesprochen worden. Die andere giebt die 
offenbar ursprünglichere Sagenform: Ismene wird an der 
gleiehnamigea Qaelle ermordet Sie ist unter dem Nam^ 
des Pherekydes in einer von der Oidipodie abhängigen Er- 
zählung erhalten, nnd es liegt kein Grund tot, zn bezweifeln» 
dass dies Epos mit seinen yielen lokalen Beziehungen auch 
diesen echten Zug gegeben habe.") Die Verbindung der 
Bachnymphe Ismene mit dem Poseidonsohne Periklymenos 
ist unzweifelhaft von ehrwürdigem Alter. 

* « 

Euripidee erzahlt in den Phoinissen und den Schatz- 
flehenden, wie Polyneikes aus Theben vertrieben bei Nadit 

ein Lager suchcrid in den Hof des Ad rastos kam und mit 
dem Flüchtlinge Tydcns, den dieselbe Absicht ebendahin ge- 
führt hatte, um das Bett in wilden Kampf gerieth, wie 
Adrastos herbeigeeilt, in den grimmen Helden Eber und 
Löwen, die ihm vom Orakel Terheissenen Schwiegersöhne, 
erkamite und sie als solche aufnahm. Beide Darstellungen 
stimmen TÖUig mit einander überein. Dass die derPhoiniss^ 
aber nicht aus den Schutzflehenden entlehnt ist, beweist ihre 
grössere Vollständigkeit: hier ist nämlich der Grund für den 

«•) Bild uad Lied 21 n 19. Vgl. Preller Gr. M. II TöpflFer 
Att. Genealogie 226 n. 1. - Abbildung der Vase Mon. d. Ist. VI 
tav. 14 = Bcnudorf Vorlegeblätter 1S8Ü XI 4. Dieselbe Scene merk- 
würdig ähnlich auf eiuer etruskischeu Ascheukiste II Tti. ba bei 
Körte, vgl. S. 25. 

") Weleker £p. C. U 357 giebt ihn der Thebais. 



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YIL Na4slileB6. 



167 



nächtHchen Kampf der beiden Helden im Hofe des Adiastos 

angegeben (421), wahrend in jener nur die Thatsacbe des 

Streites berichtet ist (144). Diese Sage war also den Athenern 
schon anderbwuLei bekannt, so dass Euripides nur einer knapp 
andeutenden kurzen Stichomythie bedurfte, um sie ihnen in's 
Gedächtniss zu rufen. Aber höher hinauf kann sie nicht 
Torfolgt werden, da jedes Material fehlt Sogar bei Aischy- 
los, dem es doch nahe liegen musste, Eber und Löwen 
als Schildseidien den beiden grimmen Kämpen zu geben 
oder sie mit diesen Thieren zu yergleichen, findet sich keine 
Spur. Daraus den Schluss zu ziehen, d.isb die Thebais diesen 
Zug nicht enthalten habe, lultte wenig Wahrs licinlichkeit 
Aber wohl kann dies daraus gefolgert werden, dass nach der 
vorgelegten Untersuchung in diesem Epos Polyneikes das 
Halsband, vielleicht aaoh das Kleid der Harmonia, die köst- 
lichen Werke von Götterhanden, ans der Heimath mitfiihrtei 
welche nach Hellanikos die Hälfte des ^terlichen Erbes re- 
präsentirten. Durch diese beiden Kleinode vom Werthe eines 
Königreiches war Polyneikes auch in der Verbannung ein 
mächtiger Fürst. Er konnte also nicht wohl als olcndor 
Flüchtling um eine arme Lagerstatt mit einem Fremden 
kämpfen. 

Man sieht hier recht deutUeh, wie sich die Veränderung 
der Lebensweise eines Volkes aneh in der Umbildung der 

Sage zeigt. Die lonier und Korinther waren zu wohlhaben-' 
den Kaufleuten geworden, die, wenn sie auch Körperkraft 
zu schätzen wusstun, doch im Capital eine höhere Macht er- 
kannten. Aus dem lloroen, der mit nichts als seiner Helden- 
kraft in die feindliche Welt zieht, ist ein Mann geworden, 
der mit unschätzbaren Kleinoden versehen sein Vaterland 
verlässt, um die Gapitalien wohl zu verwehen: er entzündet 
dnrdi sie den Krieg, der ihm auch die andere Hälfte des 
väterlichen Eibea verächaiien soll. 



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168 



YII. KacUeae. 



Unzweifelhafb kommt jener von EuripideB zweimal ge- 
sdiilderten lebendigen und anBchatilichen Scene griechischer 

Herociizcit ein höheres Alter zu. So wird man an das Am- 
phiaraoslied denken. Voraussetzung jenes Kampfes ist, dass 
Polyneikes wie Tydeus als armer verlassener Flüchtling ein- 
sam durch's Land streicht; das malt auch der Tragiker beide 
Male in lebhaften Farben ans. Auch dies müsste dann für 
dies Epos angenommen werden. Die wilde Grossartigkeit 
reckenhaften Heldenthums» die aus so manchen Bildern dieses 
Gedichtes noch herrorleuchtet, eignet auch dieser Geschichte. 
So möchte man sie ihm gern einfügen. Doch muss man sich 
gegenwärtig halten, dass sicher noch mein- Epen, als bisher 
bearbeitet sind, die thebanisch-argivischen Sagen erzählt 
haben» z. B. ein Epos des Hesiod (schol. T 679 Tw.).^^) 
So ist auch ein nur annähernd sicheres Urtheü unmöglich. 

« * 

* 

**) Welckcr Ep. C. II 327 will die Scene etwa bei dem Gast- 
mahle des Adrastos, das nach seiner Meinung die alte Thebab er- 
öfFnete, erz&hlt wissen. Dass dies BvndesmaU Tön Antlmaeho« 
(fg 16 k) aus dem alten Epos enüelint sei, weil die Helden hier Ho- 
nigmetb und nicht Wein trinken, Ist eine schöne Bemerknng von 
Welcker £p. C. II 827 n. 14, aber dieser Gnmd ist weder dorchschlagend 
noch kann er es für die verhftltnissniiasig junge Thehais empfehlen. 

Der von Mnaseas in seiner Sammlnng delphiseher OriJkel an- 
geführte Spruch (schol. Phoin. 410) setat eine andere Scene Torans, 
als die von Euripides wählte. Dass auch dieser ^oTßog Ao^la^ als 
Urheber des Orakels nennt, ist nicht von Belang. Die euripidelBche 
Kampfesscene scheint das chalkidische Vasenbild in Kopenhagen aus- 
zuschliessen: Archäol. Zeitg. 1866 Tfl. 206 = Baumeister Denkm. S. 17. 
Abckens Deutung (Ann. d. Ist. 183f)) ist trotz TTeydemann (Arch. Z. 
18*ifl. 131) richtig. Denn die beiden hockenden Figuren haben allein 
wie der sichere Adrastos eine ,,Epaulette'' auf dor Srhnlter und 
ebenso wie dieser an allen Contureu lockiges Haupthaar, wahrend 
die drei übrigen Figuren keine „Epaulottes" haben und glatte Hin- 
terhauptäconturen zeigen (nur die stehende Figur an der Kline hat 



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TU. Nachlese. 



169 



Ebensowenig vermag ich mit einiger Sicherheit die 
Lücken jener Oidipussagc auszufülh'ii . welche oben C. III 
S. 67 ff, dem Ampbiaraosliede vermaihuuL^s weise beigelegt 
wurde. Nur so viel kann mit einiger Sicherheit gesagt 
werden: die verhängnissvolle Begegnung des Oidipus mit 
seinem unbekannten Vater wird auch in dieser Wendung 
zwischen Theben und Sellen stattgefunden haben wie in 
der Oidipodie, wahrend für die Thebais die phokische 
Schiste vor Delphi gewonnen wurde. Denn jene beiden 
Städte sind die festen Punkte, zwischen welchen sich jene 
alte Sage abspielt, vuu Apolion und Delphi dagegen findet 
sich keine Spur in ihr. Daher dürfte mit einiger Wahr- 
scheinlichkeit derselben die eigentümliche Ueberlieferung zu- 
getheilt werden» welche ApoUodor III 5. 8. 1 und Pausanias 
X 5. 4 geben: Damasistratos, der Konig von Plataiai, habe 
des Laios Leiche gefunden und begraben. Aus dem Zu- 
sammenhange muss man freilich auf den phokischen Kreuz- 
weg schliesson. Die Unsinnigkeit liegt auf der Hand und 
schon Schneidewin hat die evident richtige Losung gegeben: 
Damasistratos hat im Gebiete seines Plataiai den Ermorde- 
ten bestattet. 

Den luU^hstliegenden Gedanken, diese Notis der Oidi- 
podie zuzuschieben, verbietet die durchaus unverdächtige An- 
gabe Pisandors in seinem Auszuge dieses (xedichtes l 17: 

Locken nach dem Antlitz hin; der veimeintUche „Zopf" der vorderen 
hockenden Figur seheiat ein Elex zu seia). An der ganz linke an 
der dorischen Sfttüe stehenden Figor, anf die Heydemaon die Bei- 
scbrift Tydeus bezieht, ist trotz der flüchtigen ZeichnuDg der veib' 
liehe Busen deutlich. Somit sind die beiden bockenden Figuren 
männlich: Tydeus und Polyneikes als Scbutzflebende im Hanse des 
Adrastos, dessen Gattin und Töchter dabei stehen. 

**) Schneidewin 183. Diese Stnllc des Patisanias ist der schla- 
gendste Beweis für seine Benutzung desselben mythologischen Hand- 
buches, das Apoliodor ausgezogen hat: GenetbUacon Gottingense 47. 



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170 



YU. Nachlese. 



((Hölxovg) xtdvaq avrovg {AaXov xa\ top ijvioxov cevrav) 
id'txtpe jtaQavtlxa. So wird für die dem Amphiaraosliede 
zugeteilte Version jene Notiz vermuthet werden dürfen. Auch 
in die Tragocdie ist der hier genannte Ort des Vatermordes 
übergegangen. Das Scholien zu Sophokles 0. T. 733 hat diese 
Vene aus des AisohyloB Oidipus erhalten r^'^) 

tjcfjfjisv Tfjg odo€ TQoxf/Xarap 
itXiCTij^ xbXsv&ov tqIoSop, h^d-a övftßoXag 
TQiwv xsXev&oji^ llorvidömv i^fisißofiev. 

Potniai lag südlich von Theben zwischen dieser Stadt und 
dem Asopos, also auf der Strasse nach Plataiai und Athen. ^*^) 
Schneidewin hat aber die Jugendgeschichte des Oidipus in 
dieser aischyleischen Tragoedie geistreiche Combinationen 

vorgetragen. Doch ist ans ihnen für die yerfolgte altepische 

SagLiilüiiii nichts zu gewinnen, obgleich die Art der Aus- 
setzung an diese erinnert 

* « * 

Aelian und eine der antiken Vorreden zu Piridars nemei- 
schen Gedichten überliefern, dass dem Prouax zu Ehren 
Agone angestellt worden und dass die später dem Arche- 
moros geweihten und als nemeisch veiteigeführten Spiele 

Die unmethodladien Vefsnehe, dies Ftg» dem aischyleischen 
Oldipas abmtreiten, ond Ulrichs Idchtsinnige Inten^etatioii hat 
Sehnddewin 183 glftnzend widerlegt. Nanck hat es als frg. 173 die- 
ser Tragoedie zugewiesen. * 

Dieselbe Ortsangabe steckt in dem verwirrten schol. Phoin. 
37: inl Tijg axiottj? «<Jöi5 iv ^tuxiSi. ovtmg 6h xaXeltat insidtj axi^fi 
ttiv inl Boimzlav xal ßijßccq xal lättix^v xal KoQivOxtv böov. Es 
ist liier also eine Variante ausgefallen, Tielleicht die Version des 
Aischylos oder gar seiner Quelle. 

") Ed. Abel TI p. 10 1. 1, Aelian V. H. IV 5, der klärlirh seine 
Gelehrsamkeit aus dieser Quelle schöpft. Für das hohe Alter einer 
Feier in ^emea ist auch Pindar K. VIU 50 Zeuge. 



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VII. NAchlese. 



171 



nur eine Wiederholung jener waren. Pronax ist ein sonst 

unbekannter, verschollener Heros, nur im AiTipliiaraosliedü 
hat er oino freilich mehr indirekt bedeutende Rolle gespielt: 
seine Ermordung war der Grund der Feindschaft zwischen 
Adrastos, seinem Bruder, und Amphiaraos, seinem Mörder. 
Nichts liegt näher, als auch jene Notiz mit diesem Epos zu 
verbinden. Sie passt trefflich. Am Grabe des Königs, der 
im Kampfe der drei argivischen Geschlechter den Tod ge- 
lundüii hatte, werden Spiele von den wieder Versöhnten ge- 
feiert. Denn nicht nur des Pronax Geschlecht, auch sein 
Feind Amphiaraos nimmt Theil. Das ergiebt sich aus der am 
amyklaiischen Throne dargestellten Scene, wie Adrastos und 
Tjrdeus die in ernsten Kampf gerathenen Helden Ljkurgos und 
Ampbiaiaos zn trennen suchen. Sie gehört dem Ampbiaraos- 
liede an, wie oben S. 49 gezeigt wurde, und kann mit keiner 
andern Gelegenheit schicklicher verbunden werden, als mit 
der Feier am Grabe des Pronax: ein Sohn Uisst sich von 
seiner Rachewuth gegen den Mörder deh Vaters hinreissen, 
den Frieden 2u brechen. lu demselben Zusammenhange giebt 
diese Scene, wenn auch etwas verändert, Statins: das be- 
weist doch wenigstens, dass er sie bei der Einsetzung der nemei- 
sehen Spiele tiberliefert fand. Ueber den Ort kann kein 
Zweifel sein: Nemea geben die Pindarerklarer an und nach 
Nemea weist auch des Pronax Sohn I^ykurgos, der noch in . 
der späteren Sag<> als König dieser Stadt und Vater des 
Archemoros erscheint. 

Diese Ergänzung des Amphiaraosliedes giebt einen in- 
teressanten Beleg für den fortgesetzten Ahnenkult. Rohde 
hat erwiesen, dass Homer und seine Zeit den Todtenkult 
ebensowenig geübt, als die Vorfahren im Mutterlande ihn 
eifrig betrieben haben. Erinnerungen an diese Sitte 



Bohde Psyche 142, 147 etc. 



172 



YII. Kachleäc. 



finden sich in den homeriscben Gedichten nur noch in den 
Schilderungen prächtiger Leichenbegängnisse. Hier hätten 
wir ein Beispiel der Verehrung eines grossen Todten lange 
nach der Bestattung. 

Der Zweck der in Rede stehenden Spiele kann kaum ein 
anderer gewesen sein, als die Versöhnung oder wenigateus Be- 
ruhigung der Seele des Pronax: denn sie war den Mördern 
feindlich und konnte ihre Verhindung mit seinen znr Rache 
verpflichteten Verwandten nicht gut heissen. Es dürfte diese 
Feier an seinem Grabe also entweder bei dem Vertrage zwi- 
schen Adrabtos, Amphiaraos und den Anaxagoriden stattge- 
funden haben, oder beim Auszuge der Sieben gegen Theben, 
WO die feindliche Seele milde gestimmt werden sollte^ damit 
sie das grosse Unternehmen nicht störe. Ich möchte die 
zweite Mö^chkeit voiziehen, weil auch die jüngere Sage mit 
derselben Gelegenheit nemeische Spiele verbindet Ueber 
diese liegt bei Äpoilodor eine Ueberlieferung vor, eng ver- 
knüpft mit Hypsipylo von Lemuos. Wie alt diese Verbin- 
dung ist, vermag ich nicht zu sagen: der älteste Zeuge ist 
Euripides. Auch in seiner Tragoedie wird die Einsetzung der 
Nemeen erwähnt worden sein, aber auf ihr lag nicht das 
Hauptinteresse. Wenn also bei Apollodor eine Liste der 
ersten Nemeensieger mitgetheilt ist, so muss ihre Quelle wo 
anders gesucht werden. Wo aber, ist ganz dunkel. Denn 
der Name Laodokos erscheint in keiner andern Liste der 
Sieben, während die übrigen in der Thebais wiederkehren. 
Dies Gedicht kann jedenfalls nicht die Quelle sein, denn es 
ist vor dem überlieferten Stiftungsjahre der Nemeen ent- 
standen. 



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VII. Nachlese. 



173 



Oben S. 46 f. wurde eine Sage vom Wahnsinn der argi- 
Tiaeben Weiber und ihrer Heilung duröb Melampus um zwei 
Drittthefle Ton Argos für „des Amphiaraos Ausfahrt** in An- 
spruch genommen. Es giebt ausser dieser noch zwei Wen- 
dungen. Ganz verschieden von ihr ist die dos Akusilaos 
bei ApoUodor II 2. 2. 2. Nach ihm liat Hera den Wahnsinn 
gesandt und zwar nicht allen Weibern, sondern nur den 
Töchtern des Königs, weil sie ihr altes Holzbild yerachteten. 
Dasselbe giebt Pherekydes im Scholien o 225, wenn anders 
sein Name mit Recht unter der ICTOQla steht Mit ihm 
stimmt trefflich des Probus Notiz zu Vergils VI. Ecloge 48,***) 
aus der Servius und der Scholiast zur Thebais des Statius 
IV 453 schöpfen. Aus ihnen ergiebt sich folgendes: Des 
Proitos, Königs von Argos, Töchter Lysippe und Iphia- 
nassa^^) verachten Hera; diese schlägt sie mit Wahnsinn, so 
dass sie sich für Kühe halten und in den Bergen umher- 
schweifen. Melampus bietet sich zur Heilung an gegen Zu« 
sicheniug eines Theiles des Reiches. Diese Bedingung wird 
sogleich gewährt: er versöhnt Hera, heilt die Weiber und 
heiratbet Iphianassa. Das Akusilaoscitat darf als sicher gel- 
ten, leider ist die Anführung dos Pherekydes bedenklich. 
Liegt seine Erzählung wirklich dem Odysseeschoüon zu 
Grunde, so haben beide eine Quelle benutzt, die man wohl 
für nichts anderes als ein Epos halten kann. 

Die dritte Sagenfoim ist an den Namen des Hesiod ge- 



Schol () 225 klingt etwa« an Apollodor und Herodot IX 34 
aa; also ist Vorsicht geboten. 

**) Probus (rio])t als Grund an: „quod Juiioüis contempserant 
numen". Servius specialisirt den Uebermuth der Froitiden gegen 
Hera. 

Diese zwei bei Plierckydes und Apollodor. Eine dritte fügt 
Servius hinzu ^Innovotj. Apollodor p. 41 1. 24 Bekker giebt an, 'IfivoTj, 
die Älteste, sei bei ihrer Verfolgung durch Melampus gestorben. 



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174 



m KacUese. 



Imüpft. Offenbar mit Reeht hat Rzaeh die Fragmente 52, 
63, 54 zosammengestellt **) und sie auf Grund des letzten 

den Katalogen zugetheilt, während Marckscheffel mit Rohnken 
frg. 52 der Melampodic fciebt. Aus diesen Bruchstücken ist 
80 viel abzunehmen, das» Dionysos die Töchter des Köni^ 
P]roito& von Argos und seiuer Gattin ötheneboia mit fiax^o- 
0^6vfi behaftet, weil sie seine Weihen nicht annehmen. Die- 
sen Grund führt Apollodor III 2. 2. 2 mit Nennung des He- 
dod an neben dem des Akuailaos. Seine weitere Erzählung 
ist durchaus einheitlich, und obwohl nicht geradezu Diony- 
sos genannt wird, so scheint doch die Heilmethode des Me- 
lampus [LvO-t6<^ rig yoQfla und (UaHayfiOi;) auf diesen Gott 
zu deuten. Genau dieselbe Erzählung giebt nun Herodot 
IX 34. Auch hier sind es die Töchter des Froitos, welche 
zunächst leiden; auch hier bietet sich Melampus zweimal zur 
Heilung an, indem er das zweite Mal seine Forderung ver- 
doppelt; auch hier breitet sich der Wahnsinn nach der ersten 
Abweisung des Sehers auf alle argivischen Weiber aus. Eine 
Gottheit freilich ist hier nicht genannt, aber Melampus gilt 
dem Herodot (II 49) als Verehrer des Dionysos und Ver- 
breiter seines Cultes, und so wird auch für diese Sage Dio- 
nysos Yorausznsetzen sein. Ist das richtig, so muss die bei 
Herodot IX 34 und Apollodor erhaltene Yerston für Hesiods 
Kataloge in Anspruch genommen werden.'*) 

Bisher sind allgemein die wenigen Andeutungen« welche 



Dadiirch wird Hera res]i. Ai hroditc als strafende Gottheit, 
welche Kubtiken, Marckscheffel, Kckcrniaim (Melampus 8) durch un- 
berechtigte Verwerthung von Aeliau V. H. III 42 fttr Hesiods Kata» 
löge augenommcu hatten, eliiniüirt. 

") Vgl. Eckermann Melampus 8ff.| de Witte Gazette archöol. 
Y 1879. 126 ff. 



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VII. Nachlese. 



175 



die lUftB und Odyssee über thebanisdie Sagen geben» ohne 
weiteres f&r die Thebais in Anspraoh genommen.'^) Der 

Glaube an ihr hohes Alter und ihren grossen Einfluss liessen 
diesen Schluss berechtigt erscheinen. Mit demselben Rechte 
könnte er dann aber auch auf Hesiod angeweodet werden. 
Eine solche Verwertbong ist onmethodiscb, ehe nicht der 
Beweis erbracht oder wenigstens mehr als allgemeine Wahr» 
sdieinlichkeit gezeigt ist Für J 385 nnd W 680 glanbe 
idbi eiher das Gegentheil darihun zu können. Hier wird 
Mekisteus, dort Tydeus als gewaltiger Held auf Kosten der 
Thebaner gefeiert. Beide besiegen in Wettspielen alle Kad- 
meionen und dieser erschlägt noch fünfzig thebanische Jüng- 
linge» die ihm, dem Gesandten, voll Zorn über ihre Nieder- 
lage in den Spielen einen tückisoheo Hinterhalt gelegt hat- 
ten» nnd nur einen schickt er heim d'ScSv t$(fd$0<ti m9i^ 
caq,^) Das sind Prahlereien. Die Erzählung im J trägt 
dies Gepräge sehr dentlicb. Agamemnon will Diomedes rei- 
zen durcii (lab übertriebene Lob seines Vaters. Im gilt 
es, die ererbte Heldenkraft des Furyalos gegenüber der Gross- 
sprecherei des Epeios zu zeichneu. So war eine gewisse 
üebertreibung auch hier geboten. Aber der Thebai? lag die 
einseitige Erhebung der argi?ischen Helden fem: die The» 
haaer, welche sie sdiildert — und wir erkennen doch we- 
nigstens die Heldengestalten des Melanippos und dee Posei- 
donsohnes Periklymenos — sind kampfgewaltige Recken, und 
sie mussten es sein, sollten die wilden und starken Argiver 
ihnen in ehrlicher Schlacht ohne Schmach unterliegen. So 
sind auch in der Ilias die Troer keine verächtlichen Gegner, 

^) Dieser Fehler liegt Welckers Beconstroktion der Thebais m 

Grunde. 

B. Niese die EiUwickelnng der homeriscben Poesie 128 meint, 
diese That des Tydeus sei der des Bellerophon Z 187 nachgebildet 
Dagegen Thraemer Pergamos 107/S. 



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176 



YII. Nachlese. 



und nie hfit ein verständiger Dichter auf die eine seiner Par- 
teien alle Tugend, auf die andere jedes Gebrechen gehäuft 
Was dabei herauBkommt, die Thebaner im Sinne jener Ilias- 
stellen zu zeichnen, ist leicht abzusehen; wir können die trau- 
rige Wirkung in dem Poem des freilich jeder dichterischen 
Gestaltungskraft wenigstens für grosse Aufgaben entbehren- 
den Statins mit Missbehagen iiiul Langerwoile hiiiUinglich 
empfinden. LÄcherlich geradezu wirkt die dem /i nachge- 
bildete Scene, in welcher Tydeus die fünfzig noch dazu er- 
lesenen Thebaner Helden erschlägt. 

Nun kann man freilich diese Stellen nicht beseitigen 
durch die Behauptung, sie seien frei erfunden aus der all- 
gemeinen Sage vom Zuge der Sieben heraus. Denn im ?P 
wird auf die Leichenfeier des Oidipus in einer Weise hin- 
gedeutet,-*^) dass man sie als eine den Hörern bekannte 
Thatsache voraussetzen möchte. Und zu derselben Annahme 
nöihigt in jenem Kraftstücke des Tydeus die uns unverständ- 
liche Andeutung A 398, dass Tydeus des Haimon Sohn Maion 
verschont habe „den Zeichen der Götter gehorsam". Also 
beide Stellen sind Erinnerungen an fest ausgeprägte Sagen- 
bilder oder Weiterbildungen, wie wohl J 385. Dar^s diese 
aber der Thebais angehört haben, ist nicht zu beweisen, ja 
BOgar uDw{ihrscheinlich. Da Nieses Hypothesen keinen An- 
klang gefunden haben, wird es wohl allgemeine lieber- 
Zeugung sein, dass die thebanischen Epen nicht erst aus An- 

««) lieber dföovTrorng sehr schön Welcker Ep. C. II 339 n. 31. 

") Die Scholien A B V sagen: ^ *A&tjvä y^>o ra roi flify, rj iri'/T] 
avTü TO öoQv. Sie scbeioen also keine Ueberlieieruug gehabt za 
haben. 

Niese a. a. 0. 2041.: (Ilias und Odyssee) „sind also nicht 
nur die Werkstatte, in der die troische Sage gebildet worden ist, 
sondern auch andere Erzählungen kommen in ihnen auf und thun in 
ihnen die ersten Schritte ihrer £atwicl£olujig, wie der an Diomedes 
Bick heftende Krieg gegen Theben.'* 



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VII. Nachlese. 



177 



deutungen der Ilias und Odyssee entwickelt sind und dass 
es auch ausserhalb der Epen noch viele Sagen und Sagen- 
formen gab, die zum Theil vielleicht nie künstlerische Ge- 
stalt erhalten hatten oder nur flüchtig von einem Sänger 
auf irgend einem Herrenhofe oder in irgend einer Festrer* 
aammlnng gefieuBst und geanngen waren. Die Sage in ihren 
je durch lokale RücksichteD hedingten Formen war so reich 
und mannigfaltig wie das politische Leben der unzähligen 
Gemeinwesen dei Griechen. 

Aas diesen knappen Andeutungen Homers die verlorenen 
Sagenformen wieder herstellen zu wollen, wird Niemand sich 
Termeesen» obgleich die Vergleichung von W 679 mit der 
NoUz ans Hesiod im Scholion des Townleyanna nnd Panaa- 
nias IX 5. 12 zn weiteren Gomhinationen reizen könnte. Sie 
bleiben yerloren. Nor so viel sehen wir, dass einst Oidipus 
eine viel grossartigere Koiiigsgcstalt der Heldensage war, als 
er in der fassbaren üeberlieferung uns erscheint, und das, 
glaube ich, wird sich durch andere Untersuchungen bestätigen. 



Sethe, Ueldenlieder. 



12 



Epimetron. 



KotinÜL 



Auf die Frage nach dem Alter einer Stadt kann in den 
seltensten Fällen mit einer aach nnr annähernden Zeitan- 
gabe geantwortet werden. Wohl aber kann erforscht wer- 

dcD, wann eine Stadt anfängt, in der politischen Geschichte 
oder im Weltverkebn.' lierleutung zu gewinnen. Das ist auch 
möghch, wenn die historische Uebürlieferimg versagt. Denu 
selbst der jede Sagenforschung abiebnende Historiker wird 
zugeben, dass echte alte Lokalmythen nur ein altes Gleinein- 
weaen haben kann, und dass umgekehrt eine griechische 
Stadt, welche solcher haar und bloss ist, nidit schon in 
grauem Altertbume bestanden haben kann. Die durch Er- 
wähnungen bei Homer und tiurcb Reste längst verschollener 
Cultur als uralt erwiesenen Städte wie Orchomenos, Theben, 
Argos, Mykenai, Tiryns» Sparta haben eine Fülle von Sagen; 
junge Gründungen d^^egen, wie Potidaia, Megalopolis, Ale- 
zandria haben keine Mythen aufzuweisen. Athen hat erst 
spät eine Bedeutung erlangt: deshalb fehlt es in den grossen 
Sagenkreisen. Das hohe Alter der Siedelung auf äet Burg 
Athenas erweisen jedoch die Culte und Lokalsagen, erhärten 
die Funde der letzten Jahre. Hätten wir diese U eberlief erung 
nicht, wir müssten Athen lür eine junge Stadt halten und 
hätten insofern Kecht, als es in früher Zeit ein unbedeu* 
tender Flecken war. 



i^iy u^L^ Ly Google 



Epimetron. 



179 



Die Untersuchungen über die Epen dos tliebanischen 
Kreises haben ergeben, dass Kohnth erst durch die letzten 
Umfomangen der Oidipiuaage in denselben eingedrungen ist, 
während die älteren formen derselben Sekyon an seiner Statt 
nennen. Ich ziehe daraas den Schluss» dass Korintib in die- 
ser früheren Zeit, wenn es überhaupt schon ezistirte, ohne 
jede Bedeutung wai und deshalb unbeachtet bUeb. Die son- 
stige üeberlieferung bestätigt das. 

Es ist zunächst zugesLauflen , dass der Name Korinth 
jung ist llesiod kennt ihn gar nicht, und die beiden Stellen, 
an denen Homer ihn erwähnt (B 570» N 663), gehören zu 
den aJleijnngsten Partien. Dem entsprechend ist der £po- 
nym ein SjMUling: er hat gar nicht in die Mythologie ein- 
dringen k&men.^) In neuerer Zeit ist die Medeiasage für 
uralt korinthisch erkl^i i t %voi (lcii. ~) Aber schon Wilisch 
hatte mit E. Curtius Zustimmung ausgesprochen, dass sie erst 
durch iilumelos nach hLohnth übertragen und mit den Ko- 
rinthem nach Korkyra und in die Adria gewandert sei.-^) 
Jetzt hat das Groeger schlagend nachgewiesen.^) So blei- 

*) Wilisch Die Fragmente desEumelos, Zittau 1875. Gymn. progr. 
13 f. Schon bei Pausaiiias II 1. 1 ist es ausgesprochen, dass erat 
Eumelos. der korinthische Epiker, ihn eingeführt hat. 

*) Kobert Bild und Lied 9, von Wilamowitz Horn. Unters. 122. 

■'i Wili^^ch a. a. 0. 9, 19flF., Curtius Hermes X 217. 

De Argonauticarum fabulariiiu historia quaestiones selectae 
Dibs. Breslau 1S8Ö. 22 ;i2. Auch sein Kachweis, dass Medeias Kin- 
dermord und die Beerdigung derselben im Heiligthum der"f/()a dxQata 
nur eine Ysriation der alten und symbolisch venigstenfl noch lange 
dargebneliteii Kinderopfer der Korinther sei, mit denen Medda aber 
iirsprüDgUcli nichtB zu thon hatte, ist mir wenigstma vOlUg ttbersea- 
gemd. -~ Bexeiehnend fttr die sp&te Verknapfang der Medeiasage mit 
Korinfh ist anch der Name des KOnigs Kgim, Wer so beisst, ist 
nicht Xrtger einer wlrklicben, historisch gewordenen Sage, sondern 
eine Mftrchenfignr „der König*'. — Auch in die Sage vom Baabe der 
Helena durch Thesens hat sich Korinth spater eingedrängt: Robert 

18* 



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ISO 



Epiiii«troii. 



bea nur die ISageu von Sisyphos und Bellerophontes. Beide 
Heroen nahm Korinth für sich in Ansprach. Der Fegasos 
ist sein Wappen, mit dem es seine Münzen stempelt Sisy- 
phos soll die isthmischen Spiele gegründet haben. Doch 
wenn wir uns nach Cnlten dieser Heroen in Korinth um- 
sehen, so finden wir nur spärliche Spuren. Pausanias er- 
wähnt II 2. 4 ein Temenos rles Bellerophon, aber nicht in 
der Stadt selbst, sondern auf dem Wege zum Isthmos; auch 
'Aß^Tjvä XcüUvlrtc, die ein Heiligthum an der Strasse nach 
Sekyon besass, bringt er mit der Zähmung des Pegasos in eine 
lose Verbindang. Auf der Burg dagegen ist Bellerophon nicht 
angesiedelt: nicht einmal die Quelle Peirene ist aus dem Hnf- 
schlage des Pegasos entstanden.^) Sie sollte rielmehr ein 
Geschenk des Asopos an Sisyjihos sein und Triimuier eines 
^iöv^eTfw an derselben erwähnt allerdings Strabon. ^) Aber 
so wenig durchgedrungen und bewusst war auch diese Ver- 
bindung, dass dieselbe korinthische Peirene auch für eine 
Tochter des Acheloos galt — offenbar nach korinthischer 
Lokaltradition, da sie und Poseidon Eltern des Leches und 
Kenchrias genannt wurden, der Eponymen der beiden Hafen, 
denen Korinth seine Grösse verdankt (Pausanias II 2. 3). 
Auf diese Beweise können diese Heroen nicht Korinth zu 
eigen gesprochen werden. Bezeichnend ist, dass in den sei- 



50. Berl. Winckelmannsprogr. 46 K, 48, Maass Parerga Attica 4, 
Toepffer Aus der ADomia 36 ff.» Kirchner Attica et Peloponnesiaca 
(dies. Greifswald 1890) 54 ff 

^) Lolling in Baedekers Griechenland behauptet das Gegeatheil; 
^nen Beleg kann ich jedoch mcht hnden. 

•) Strabon VIII 379. Er erzahlt auch, dass der Pegasos aus die- 
ser Quelle geuüuken habe und dabei von Beileruphon gefangen sei. 
Dass das keine alte Verbindung ist, wird Jeder zugeben; dies Ge- 
seUehtchen masste boinake sntstdien, sobald BtUerophon und 
gaaos nach Korinth Qbertnigen waren. — Nach den gronen ESholoa 
war PeiiODe Tochter des Oibalot: Paus. II 3. 3. 



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Epimetron. 



18i 



tenen Fällen, wo Beide eine Rolle in der Sage spielen, Ko- 
rinth nicht erwähnt wird. Sisyphos hat Beziehungen zu 
Thessalien, Boiotien, Argos und hier besonders zum Asopos. 
BeUerophon gehört durchaus nach Argos: schon Prelier hat 
seine enge Verwandtschaft mit Persens erkannt und ausge- 
sprochen, dass »Bellerophon im Sinne der alten Fabel für 
einen arg irischen Heroen gelten muss".^) 

Trotzdoni besteht die Ansicht, Sisyphos wie BeUerophon 
seien schon von der alten Sage in Korinth lükalisirt. Sie 
stützt sich aut die Erzählung des Glaukos Z 145. Dieser 
rühmt sich von jenen beiden Helden abzustammen und be- 
zeichnet den Stammsitz seines Geschlechtes also: 

152 Itfri jeoXiQ 'Eff VQtj twxf'} "AQytog lyrjtoßoroto. 

Dies Ephyra identiticiren Alto wie Neue mit Korinth*^) und 
ziehen wohl als Berechtigungsuachwois ß 570 an, wo Ko- 
rinth zum Reiche des Agamemnon gerechnet wird. Aber 
den Beweis, dass Korinth je zu »Argos'* gehört habe, blei- 
ben sie schuldig: denn die hier aufgellten Städte liegen 
an der Nordküste der Peloponnes, in Achaia; Kleonai, /iQai" 
{hvQta, das als alter Name für Phleius gilt, können kaum zu 
Argos goziihlt werden, nur mit Orneai und Mykonai berührt 
die Herrschalt Aganiomnons diese liandschaft. In diesen 
Versen ist keine Andeutung enthalten, dass das so umschrie- 
bene Gebiet jemals Argos genannt worden wäre.^) Auch 
durch Aristarchs Behauptung (Ldurs' 224), Homer nenne die 

^ Griech. Myth. II 154. Auch verweist er darauf, dass nicht 
selten BeUerophon neben Perseas genannt und abgebildet wird: swei 
Terrakotten C. 0. HoUer Denk. d. a. E. I XIV 51, Ö2, Pansanias II 
27. 2 am Throne des Asklepios. 

*) So schon Eumelos in der Korinthia: Pansanias II 1. 1, dann 
ganz allgemein. 

^) Dass Agamemnon sonst in der Ilias als Herrsch er von Argos 
auftritt, kann heatzatage doch nicht mehr su dem Schlüsse benutet 




182 



Epimetron. 



ganze Peloponnes Argos, für die ein durchschlagender Beweis 
nicht erbracht ist, konnte die Gieichsetzung dieses Epbyra 
mit Korinth nicht vertheidigt werden, da fjivx6<; bei Homer 
den inneren, nicht den vorspringenden Winkel bezeichnet. 
Den Ausschlag giebt die Anweoclimg derselben Worte auf 
Mykenai in / 263. Die Lage dieser Burg kann nicht an- 
adianlich«: geeohildert werden als duieh die Worte fi^x^p 
jiQyeog htxoßovoto. Argos heisst das vom Inachos durch- 
riossenc Thal, Wie kann man sagen, Korinth läge im Win- 
kel von Argos? Es ist von dieser Ebne durch ein keines- 
wegs niedriges und leicht passirbares Gebirgsgewirre getrennt 
und liegt überhaupt in keinem Winkel, sondern auf sandiger 
FUushe zwischen zwei Meeren. Die landläufige Erklärung ist 
also in jeder Hinsicht verkehrt Dennoch wird sie weiter- 
gegeben, obgleich gewiss Viele ihre Haltlosigkeit eingesehen 
haben. So ist auch die Stimme eines anl^n (belehrten 
übertont worden, der sich, wie Meineke erkannt hat, gegen 
die Gieichsetzung dieses Ephyra mit Korinth ausgesprochen 
hatte. Leider sind seine Gründe wie sein Name verloren 
geg^mgen, nur die recht schwache Polemik gegen ihn ist bei 
Stephanus von Byzauz erhalten. Wollen wir den Homer- 
Ters den Gesetzen der Spraohe und des Denkens gemäss er- 
klaren, so müssen wir sagen, Epbyra, die Stammburg des 
Sisyphosgeschlechtes, lag in der Gebirgsecke nordwestlich 
über der Ebene von Argos, kann also nicht Korinth sein. 
Vortrefflich stimmt das zu der Sage Yoa Bellerophon; 

werden , dasa fo^eh auch die B 670 aafgez&hlten Sttdte zu AigOB 
gehört haben. 

Steph. B. 8. V. 'M^w^tt p. 290, 1. 7—9 Mem. Die Polemik 

richtet sich nicht gegen Farmeniskos „sed ad alium grammaticom qoi 
Homerica Z 151 . . . non de Corintho, sed de alia Ephyra intellegi vo- 
luerat" — Ans Homergelehrsamkeit über Ephyra •Korinth schöpft 
Yelleius Paterculus I 3. 



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EpImAtron. 



183 



nur mit dem argiver Könige Proitos imd dessen Weibe hat 

er zu thun, ehe er uach Asien geht. Unter den drei Na- 
men für den von BoUerophoii unfreiwillig Getödteten * ^) hat 
allein, so viel ich erkenne, Peireii noch für um wahrnehm- 
bare Beziehungen: und diese weisen nach Argos. Denn Pei- 
ren heisst nach Hesiod und Akusilaos der Vater der lo, und 
Peirene ist eine der Danaiden.^') Nicht anders ist es mit 
Sisyphoe. Er mnss doch in der Nahe des Asopos gedacht 
werden: denn er hat gesehen, wie Zeus dessen Tochter 
laiibtü, uüd hat es dem \ater verrathen. Wohnt er aui" 
Akrukorinth, so begreift man diese Verbindung kaum; denn 
diese Bui'g ist um ein beträchtliches von jenem Flusse ent- 
fernt und niemals haben dessen Wasser für Korinth Bedeu- 
tung gehabt Wohnt er aber im Winkel von Axgos, wie das 
Homer sagt, so kann er wohl am Asopos gedacht werden, 
auf dem von West nach Ost ziehenden, Argos abschliessen- 
den Gebirgskamme, von dem dieser nach Norden hin abfliesst 
Und luüssto jene Sago nicht an sich schon au der Quelle des 
Flusses s^edacht werden? Da wuhiit doch der Flussgott und 
seine Mädchen, die leichtfüsfeigen Bergbäche. In dei' That wird 
die Gegend von Phleius, also das Quellgebiet des Asopos, durch» 
(^uQgig und ausdrücklich in der mythographischen Litteratur 
als Wohnsitz des Asc^os und Ott des Aiginarauhes genannt. So 
sagt Diodor IV 72 'Aikoxog Sb iv ^Isiovpn xarotxf^öaQ . . . 
Alyiva rft bTc 4>X6iovvTog vjio Aioi; a^naytloa und ebenso 
bezeugen die Scholien 7m A 180 und Z 153, dass Zeus zur 
Aigina nach Phleins kam, das tief in den Bergen versteckt 
auch von der hohen Warte Akrokorinths nicht gesehen wer- 
den kann. In die QueUgegend des Flusses versetzt, wandelt 
sich die Sage erst zum anschaulichen Bilde: im einsamen 



Apollodor II 8. 1. 
ApoÜodor 11 J. 3. 5. 



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184 



Epilll6tP0IL 



Gebirge, wo die Bäche leidit von den Felsen springen, auf 
der grünen iialde, unter weii&cliatteüdtr Pkitaiie, in dämm- 
rigßr Grotte tändelt Zeus mit dem loseu Mädchen; nur Si- 
syphos von seiner nahen weitscbauenden Burg Ephyra aus 
bat sie belauscht und er verräth, was er gesehen, seinem 
mäditigen, ungestümen Nachbar Asopos, aber nur unter der 
Bedingung» dass er auch ihm eine seiner Töchter gäbe; der 
giebt ihm Peirene, auf seiner Burg sprudelt ihre Quella^') 

So passt alles, wenn wir mit Homer den Sitz der Si- 
sypiiiden Ephyra im Winkel von Argos annehmen und uns 
nicht diu'ch korinthischen Lokalpatriotismus verleiten lassen, 
einem Dichter die Absurdität zuzutrauen, die Lage Korinths 
durch die Worte ftvx<ip "J^fy^oq ixxoßoroto zu beschreiben, 
Diese Erkenntniss erzwingt aber das Zugestöndniss, dass 
weder Sisyphos noch Bellerophon ursprünglich Korinth ange- 
hören, dass sie Homer dort noch nicht kennt, dass sie also 
erst spät dabin übertragen sind. Und wie spät das gesche- 
hen ist, gellt daraus hervor, dass ihre alten Beziehungen nicht 
zerstört oder verwischt sind, und sie als Korinther kaum 
Eingang in die Sage gefunden haben. 

Doch man wird einen Q^genbeweis aus der monumen- 
talen Ueberlieferung bringen: kyklopisohe Hochstranen ver^ 
binden Mykenai mit Korinth; also ist diese Stadt ebenso 
alt, wie jene Burg. Das ist in der That die Meinung von 

Es BoU hiennit nur die Möglichkeit geielgt werden, andi 
dieee fibyphosage Im aigiTiBeheii Ephyia su denken, sehiem m Homer 
besevgten Sitie. Der Name Peirene ist auch wohl i&r die korinthi- 
sche Quelle als nisprflnglich su betrachten. Ob aber die Nameni- 

gleichheit mit der In die Sisyphossftge verflochtenen Quellnymphe 
die Uebertragung des Sisyphos nach Korinth venudasst hat, oder ob 
auch irgend wie anders Sisyphos mit diesem Orte verbonden war, iBt 
nicht zu entscheiden. 

Leider lässt sich ein Ephyra der Siayphiden im Winkel Ton 
Argos nicht weiter belegen. 



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Epimetron. 



185 



LoUiiig und Steffen, dessen militärischem Blicke wir die Er- 
kenntuiss der fitrategiscken Bedeutung von Mykenai verdanken. 
Die Sparen dieser nordwärts führenden Strassen sind vor- 
handen und Niemand wird sie andere zn erkläjren unterneh- 
men. Aber nicht ist bewiesen, dass sie nach Korintib fäh- 
ren. In seiner Nähe sind diese Strassen nidit naohgewiesen. 
Doch ich will nicht iäugnen, dass Korinth schon bestanden 
hat, als noch mächtige Burgherren auf Mykcnai sassen. 
Dio iundo auf dieser Feste zeigen, dass die eigenthümliche 
Cultur sich hier lange gehalten und allmählig ausgelebt 
hat; die spätmykenischen Vasen leiten zu den protokorin- 
thisofaen über. B 570 beweist, dass Koiinth und Mykenai 
neben einander existirt haben; dazu stinuntj dass Eorinth 
sohon vor der dorischen Einwanderung bestand (Thukydides 
IV 42).**) Aber ein hohes Alter dieser Stadt wird durch 
diese Zougiusse der vorangeschickten Untersuchung gegen- 
über nicht erwiesen. 

Die Heerstrassen von Mykenai fähren nach Norden, aber 
nicht so sehr auf Korinth zu, als überhaupt nach Aohaia. 
Diese ganze Nordküste von Aigion bis Korinth mit Kleonai, 
PUeius und Mykenai bildet im SdiifEskataloge das Reich 
Agamemnons. In dieser langgedehnten, fruchtbaren Küsten- 
ebene liegt die Stärke dieser Herrschaft, deren vorgescho- 
beiier Posten Mykenai ist. Ihr Mittelpunkt ist das alte 
sagenbenihmte Sekyon, „in dem zuerst Adrastos geherrscht". 



*■) FUnden FMrie (Journal of HeUenic studiee XII 199 ff.) setet 
die ftlteite mykenische Gultor um 9O0O an, die filtttheirit der iwei- 
ten Periode «m 1600/1400, die jüngsten Qrftber 1100—800. Beste my- 
kenischer Cnltnr in Eorinth sfaid demnach sa erwarten: Loeacheke» 
Fnrtwiogler notiren nur eine Vase. Befiutigimgeii ans dieier Zeit, 
welche nach der gewöhnlichen Anilcht aber Eorinth vorhanden sein 
mOsBten, sind nicht nachgewiesen. — LoOBcbke hält gleiehfalls die proto- 
korintfaiechen Geftoie tta naheverwandt aUt den tpAtmykeninhen. 



Digiiizca by Liu^.- . 



186 



Epimetron. 



Vortrefflich hat Steffen aus kyklopischen Befestigungen bei 
Phichtia, auf dem Aetolithi und zwischen diesem Berge und 
dem AetovLino bewiesen, dass auch die Strassen nach Ne- 
mea und Phleius, d. b. nach Sekyon und in die ganze Achaia, 
gegen Argos gesichert und mit Mykenai verbunden waren* 
Leider Bind nadi dieser Richtoi^ die Sporen mxAxt weiter 
verfolgt Also zahlreiche Straarcn gingen Ton Mykenai aus 
nordwärts nach Achaia, in das Reich Agamemnons, wie es 
ß 570 schildert. Es ist dieselbe Verbindung, welche die 
niytliographische Untersuchung üben- Adrastos ergeben hat: 
in Sekyon ist er zu Hause, von hier aus dringt er nach Ar- 
gos vor und erwirbt die Herrschaft auch über diese Land- 
schaft. Li den Kämpfen der Anazagoriden und des Amphi- 
araos, die in Aigos wohnen, gegen die TaJaiden und Adrastos, 
die in Sekyon Rückhalt haben, spiegelt sich dasselbe Rin- 
gen zweier Mächte, welches Steffen aus der Lage und den 
Festungswerken von Mykenai erschlossen hat. 

In diesen Sagen spielt Korinth keine Rulle, ebensowenig 
in irgend einem anderen Sagenkreise. Und auch sie selbst, 
die weitherrschende Seestadt, ist alter Mythen haar. Der 
Schluss ist nicht abzuweisen: Korinth ist erst gegründet oder 
doch zu Ansehen und Bedeutung gekommen, als die grosse 
Völkerwanderung abgeschlossen war und ein neues Leben 
aufblühte durch den Verkehr der nach Osten und Westen 
über's Meer gesprengten Griechen. Die beiden jungen Stel- 
len der Ilias, in denen Korinth erwähnt wird, sind die ersten 
Zeugnisse seines Daseins und Wirkens. Dann wuchs es 
schnell, wie ein Gott, zu ungeahnter Grösse und Macht: 

1*) Steffen Karten von Mykenai. Text S. 15 f. Um so mehi* ist 
diese Beobachtung anzaerkennen, als Steffen, von der Ueberzen^nn^. 
dass Mykenai mit Korinth stratefrisrh verbunden sei, occupirt, den 
Gärtanken einer gleichen Verbindung dieser Burg mit Phleias-SekyOJi 
nicht ge£uBt oder doch oicht verfolgt hat 



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Epimetron. 



187 



schon am Ende des Mchten Jahrhunderts herrschte es durcli 
seine Golonien weithin im Westen, war im BegriÜ, den Le- 
vaotehandel zu concentriren, Termittelte auch den religiösen 
Verkehr asiatischer Griechen und Barbaren mit dem Mut- 
terlande; imd so stark war sein Einfluss» dass der Dichter 
der Thebeis ans der Gegend von iOaros die korinthischen 
Umformungen ixlter Sagen annahm und korinthische Colo- 
nialmythen feierte. 




Namen- und Stellenverzeichnifis. 



EiofiBchc ZifTer bezeichnet die Seite, 
lateinische Ziffer mit arabischer bedeutet Capitel und Anmerkung. 



Achilleus auf Skyros IV ä 

Achilleus Tod II 9j V 2fi 

Adrastos Ißflf., 52 ff., 65, 86, 82 
Aelian V. IL IV. h 170 f. 

Aigialeus 113 
Aiginaraub Ig^ 
Aithiopis II S 

Aischylos Oidipus fg. llü 12Ö 
Sieben 365, 555, 670 8ä 
725 Ifil 
769 löi 
„ 1039 IM 
Akarnanien 155 
AkusUaos 173, IV 35 

Alkmene III 16 

Alkmeon 82^ 12Iff., 155, III Iß 
Alkmeonis 109 ff., 131 ff., 157 
Amphiaraos Mff., Ififf.. aSff., 127, 

III Ifi 

'AfJi(piäQ£w i^iÄaaig Uff., 14F> 
Amphilochos III 16 

Amphios 65 
Anaxagoras v. Argos iß 
Anaxagoriden IZ 
Androtion 1 
Antlgone 165 
AntimachoB von Teos 36 



Antiope 

Apollodor 1 IL 12. 8. 

I 9. 13 

II 2. 2. 2 

III L 1 
III 5. 8. 1 
III 6. 2 
III 6. 2. 2 
III 6. a 4 
III L L 2 
III 2. 2 
III L 5 

Arelon 



I 2 
Ifi 
41 

173 
IV 36 

Ml ff. 
IS 
III 22 
IV 3 
llOff.. 122 
135 



Argiverinnen am Altar des "EXeo^ 

IV 3 

Argos 181^ II 15, III 2 

Asklepiades Trag. III 12 

Astymedusa 23, 26 

Atalantc IV 11 

Athenaios VII 317« III 16 

Bellerophon IBDff. 
Bestattung der Sieben iü 
Biantiden H 

Certamen Horn. Hes. 249 35ff. 
Chios, Thoas nach IV 3 

Chrysippos 12ff. 



Namen- und Stellenverzeichniss. 



189 



Daidala ä Herodot IV 32 35, 89, fil 

Damasistratos Plat. IM „ V 62 4ä 

Delphi Ulff. „ IX 34 UA 

Diodor S. IV 5 III 13 „ IX 51 lü 

IV Hfi 110, m Hesiod fg. 5*2— f>4 114 

„ IV ßl IM Theog. 278 9Ü 

IV ßS. 4 4& „ „ 298 18 

Diomedes 13öff. Hestiaiotis 114 

Dionysos 46. 114 Hippomedon 85 

Historiker benutzen Epen als 

Echidna 19 Quelle 174, IV 35 

"Ekeo?, Altar in Athen iV 3 Homer J 385 llöff. 

Encheleis 153 „ 145 181 

Ephoros fg. 28 13Ü „ A 328 65 

Ephyra 181 ff. „ W 680 125 

Epigonen 35 ff., Iö9ff. ,, X 271—280 Iff. 

Epikaste 1^ 16, 22 Homerische Becher (Robert) 26 68 

Epos, Einheit 32ff. Hygin fab. 66 6Ö 

Erinys 90 „ 62 2Ö 

Eriphyle 44. ^ff-, 1^ ÖSff- „ „ 21 III 

Eteokles IMff. „ „ Iii 53» 29 

Eunostos III 16 ^, „ 85 1 18 

Euripides Alkmeon 132 128 IV 36 

Chrysippos 15, 1 12 Hyperphas I 36 

„ Hypsipyle IV 3 Hypotheseis von Epen bei My- 

„ Oidipus III 4Q thographen 29ff. 

Phoinissai 24 10, 16 Hypothesis der Oidipodie bei 

» 28 20 Pisander 5 ff. 

„ 44 U Hypothesis der Thebais bei 

„ 68, 870 1Ö5 Pausanias 122 

420 162 Hypsipyle IV 3 
Schutzflehende 144 162 

860 84 Ilias, kleine II 9 

Euryganeia 2, 23, 25 Johannes Antiochenus I 2 

Ion I 38 

Harmonia 99 iphis Z8 

Hellanikos 88 Ismene 165 
Hera yafxoaTokog i 

„ Kii^atQixtvla [ 9. 22 Kadmos lOL 115, 153, IV 36 

„ TfA«/« J Kalünos 146 



Namen- und StcUenvenseichniss. 



Eapaneufi 64t 

KephaloB VII 5 

Klaros 148, V 21 

Kleisthenes von Secyon 4ä 

Korinth 75, 149ff.. 179ff. 

KykUker ÜD 

Kyklos ÜD 

Kyprien I 9, II 9^ IV 4, 5 

Laios Iff., 162 

Listen der Epigonen 112 

„ Sieben 04, 84 

Lykophron 277 IV 5 

Lyknrgofl 49, IV 3 

Lysimache 45» 41 

Manto 119. V 21 

Medela 129 
Meilanion IV 11 

Melampus 47» IIS 

Melanippos 43, 61^ 76, IV 13 
Mekisteus 43 
Menaichmos von Secyon 45 
Mykenai 132 
Mykenai, Verbindungen mit 

dem Norden ISß 
Mythographua Vat. 1 151, 2 IV 2 

Nikephoros Walz I L 499 IV 3 



Odysseus 

Oidipodie 

Oidipus 

Oinomaos 

Onasias 



ai 

Iff., UlflF. 
Iff., 68 ff., 102ff. 

18 

25 



ÖQfjiog 'EQiif{').riq 53ff, 78ff. 99ff., 

III 14, V 35. 



Pansanias II 18. 4 

II 2(L ^ 
„ III 18. 12 
„ VII 3 
„ VIII 24 
„ VIII 25. 8 
„ IX 5. 11 
IX 9, 5 
IX 18. 1 
IX liL ß 
X 5. 4 
X la 4 



n 



4fi 
III 
III 11 

135 
86, 89 
2, 25 
36, 122. 141 
ßl 
81 
lfi9 

IIÖ 

Pausanias benutzt Scholien 3 
„ „ Thebaishypo- 

thesis 122 
Peiren 182 
Peirene 180, 184 

Pelops 15 
n^Xoq *EQi(pv?.TjQ 129 
Periboia 68 
Periklymenos 60, 88 

Pherekydes 23, 61 

Phix 19ff. 
PhleiuB 184 
Pindar bei Mythographen 31 



N. IX 
„ 0. II 38 
„ 0. VI 58 
Pisander 

Polybos 



44, 57, III 22 
lfi2 
94ff. 
i ID 
43, 68 



Paiderastie 
Parthenopaios 



143ff. 
48, 86 



Polyueikes 52, 56, 78, 99, 107, 162 
Proklos II 9 

Pronax 45 ff., Ilüf. 

Proitiden 123 
Psophis 135 

Schol. ApoUn, Rh. I 308 3L 

119. V 21 

„ Aristopb. £qu. 1056 II ä 
Pa. 1270 36 



Namen- und Stellenverzeichniss. 



191 



Schol.Euripid.Phoin.2fi 67,11145 Statins IV 2 

„ 32 VII Ifi „ Theb. III 345, IV 187^ 

„ 53 23 V 655, XII 482 IV 3 

„ n 88,IV35 „ Theb. V 660 III 11 

„ „ II lüi Stephan. Byz. s. "Eif vo« 1B2 

, 834 ßO, III) Stesichoros IV 3fi 

„ .. 1020 18 Strabon VII 325 X 462 13Q 

„1760 4flF. „ IX 404 Üfi 
„ Horn. J 404 llOj 113 

J 375 2fi Talaiden 42 ff. 

„ iil2fi 61 Talaos 44ff. 

.. 0 634 IV 22 Teireaias 114 

T 326 II 9^ IV 5 Telephos II a 

W 347 Üü Teumessische FuchB VII 5 

271 1 Thebais 32 ff., 22 ff, 146 ff 

;. 326 50ff.a28,IV2 » J*""« 4ü 

„ o 225 113 " im V. Jahrb. populär IV 16 

.. Nikand. Alex. 11 Ther. 958 Thelpusa öl 

V 21 Theognis 213 III Ifi 

.. Pindar N. IX 3Ü 4ü ^'^^ ^ 

„ „ IX 31 III 15 '^*^oa8 nach Chios IV 3 

„ „ IX 3^ 53 Thnkydides II 1Ö2 13fi 

^ „ Nem. argum. 170f. TUphossa 114 

0 VI 15 94 TIesimenes III 

l Porphyr, zu Horat. A. P. Tydeus 4iL «L 76, SSff, 16L llfi. 

V, 14fi 36, 121 Typhon 13 
Sophocl. 0. C. 1375 

102 IV Ifi ® EtruBche ULI III 4Ü 

Sekyon 1, tilff » ISS " " " ^ 

Siebenzahl 63 Vatermörder 72, III 42 
Sisyphos 18Ü 

Sophoclis Antigene 857 lfi2 Wiener Vorlegeblätter 

„ 1080 Öl 1888 II IV U 

„ Oidip. C. 1313 84 1889 VIII 2 14 

,» „ „ 1314 5iL Öfi VIII 4 ßö 

„ „ R. 152 ff. IX 2 2Ü 

„ „ „ 1411 in 42 IX 11 1 34 

Sphinx nff. X 122 



Druck ron PöBchet A Trepte in Lelp^. 



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